The Knick 1x06

The Knick 1x06

Start Calling Me Dad verdient sich die Höchstwertung der bisher ausgestrahlten Episoden von The Knick, wofür vor allem die exzellente Balance zwischen dramatischen sowie amüsanten Momenten verantwortlich ist. Auch die einzelnen Darsteller können abermals auf ganzer Linie überzeugen.

Vater und Sohn im übertragenen Sinne: Thackery (Clive Owen) gemeinsam mit Bertie (Michael Angarano) / (c) Cinemax
Vater und Sohn im übertragenen Sinne: Thackery (Clive Owen) gemeinsam mit Bertie (Michael Angarano) / (c) Cinemax

Von den fünf Episoden, die Cinemax von The Knick bisher gezeigt hat, hat jeder Zuschauer sicherlich einen Favoriten, auch wenn eine qualitative Klassifizierung der verschiedenen Folgen alles andere als einfach ist. Soderbergh und seinem Team ist es nämlich bis jetzt mit beeindruckender Leichtigkeit gelungen, konstant sehenswerte Einzelepisoden abzuliefern.

Auch Start Calling Me Dad ist eine solche Folge, die rund und stimmig die unterschiedlichen Handlungsstränge weitererzählt sowie inhaltlich sehr viel zu bieten hat. Diese Mannigfaltigkeit an verschiedenen Themen, Nuancen oder auch Konflikten ist es auch, die „Start Calling Me Dad“ zu einer ausgezeichneten Episode macht. Dadurch verdient sie sich eine etwas höhere Bewertung, auch wenn diese rein subjektiv ist. Zu einem perfekten Kapitel der zehnteiligen ersten Staffel von „The Knick“ fehlt hier in meinen Augen nicht viel.

I can do strange things

Schon der Einstieg in „Start Calling Me Dad“ zeugt von der großen Qualität und dem Reiz, der von dem Historiendrama ausgeht. Hörbar angesäuert nimmt Berties Vater Chickering Sr. (Reg Rogers) mitten in der Nacht den schallenden Telefonhörer ab, an dessen anderem Ende Dr. Thackery (Clive Owen) mit Nachdruck Bertie (Michael Angarano) zu sprechen verlangt. Etwas empört gibt er den Hörer weiter und nur wenige Minuten später ist der Jungdoktor auf dem Weg zum Knickerbocker Hospital, wo Thackery mit einem interessanten Versuchsaufbau auf ihn wartet.

Noch immer beschäftigen den genialen Chefarzt die beiden misslungenen Operationen unter seiner und Christiansens (Matt Frewer) Führung, doch jetzt hat er eine Lösung gefunden, die er sogleich an zwei Prostituierten ausprobiert hat. Diese sitzen nach wie vor splitterfasernackt im Obduktionssaal des Knicks und sorgen bei dem guten Bertie für einen sichtlich verdutzten Gesichtsausdruck. Mithilfe einer künstlichen Blase, die vaginal eingeführt und dann von innen mit Luft gefüllt wird, sollen während einer Entbindung mögliche schwerwiegende Blutungen im Uterus der schwangeren Frau unterbunden werden können, um so ähnliche Fiaskos wie die Male zuvor in Zukunft zu verhindern.

Thackery ist in diesen ersten Minuten Feuer und Flamme, beinahe manisch wirkt sein wilder Vortrag über diese revolutionäre Methode, die unzählige Menschenleben retten könnte. So wie Bertie sind auch wir als Zuschauer schnell gebannt von Thackerys Enthusiasmus und Arbeitseifer und so verwundert es auch nicht, dass Bertie recht zügig vom Forscherdrang seines Vorgesetzten angesteckt wird und sich mit einer cleveren Idee (statt Luft sollte die Blase mit Wasser gefüllt werden, da so noch mehr Druck auf die Wunde ausgeübt werden kann) ein aufrichtiges Lob von Thackery abholen kann.

Die neue Operationsmethode wird sogleich erfolgsbringend angewandt. © Cinemax
Die neue Operationsmethode wird sogleich erfolgsbringend angewandt. © Cinemax

Intoxicating

Man merkt über die gesamte Episode, dass sich hier zwischen Thackery und Bertie eine Art Vater-Sohn-Beziehung entspinnt, die stark im Kontrast zur Beziehung Berties mit seinem eigentlichen Vater steht. Die Einführung dieses Vater-Sohn-Themas mag vielleicht nicht besonders subtil sein, jedoch machen es uns die Darsteller mit ihren ansprechenden Darbietungen sehr einfach, indem sie dieses nachvollziehbar und interessant gestalten.

Bertie könnte für seinen Vater in einer sehr gediegenen Gegend als Arzt tätig sein, aber er bringt es auf seiner Verabredung mit Krankenschwester Elkis (Eve Hewson) auf den Punkt: Die Zusammenarbeit mit einem medizinischen Genie wie Thackery kann er sich einfach nicht entgehen lassen. Dessen Methoden sind einzigartig und strahlen einen extremen Reiz aus, dem man sich nicht erwehren kann. Jedoch hat das Gespräch zwischen Elkis und Bertie auch eine interessante Randnotiz, als die junge Krankenschwester weiter ausführt, dass Thackery eine Persönlichkeit ist, die man nur schwer lesen kann.

Genie und Wahnsinn liegen hier dicht beieinander und eventuell birgt die Zusammenarbeit mit ihm auch ein gewisses Risiko, steht sein Streben nach medizinischem Fortschritt doch vor allem anderen. Wo Bertie sich noch wundert, woher Thackery die ganze Kraft hernimmt, die Nächte durchzuarbeiten, weiß Elkis längst, dass er einer gefährlichen Drogensucht frönt, die früher oder später schreckliche Konsequenzen haben könnte. Eine mögliche Dreiecksbeziehung zwischen Elkis, Bertie und Thackery wird hier noch ausgespart, die Vorzeichen dafür stehen jedoch verheißungsvoll. Das neuerliche Verhältnis zwischen Thackery und Bertie könnte so einem verzwickten Konflikt entgegensteuern. Inwiefern die Autoren eventuell darauf zurückgreifen, bleibt abzuwarten.

American Gods

Der Charakter des Dr. John Thackery selbst präsentiert sich in Start Calling Me Dad gleich mehrfach verschiedenartig. Der sehr kollegiale und schon recht väterliche Umgang mit Bertie zeigt ihn von einer sehr warmen Seite, die ihm beim Zuschauer neue Sympathiepunkte einbringt. Die feierliche Verkündung der Bezeichnung der neuen Operationsmethode nach einem erfolgreichen Eingriff stellt Thackery ebenfalls in ein sehr angenehmes Licht. Dabei erwähnt er nicht nur seinen und Christiansens Namen, auch Bertie zollt er seinen Respekt und lässt ihm die verdiente öffentliche Anerkennung zukommen.

Auch im Umgang mit Abigail (Jennifer Ferrin), die nach ihrer Nasen-OP nun das Krankenhaus verlassen darf, zeigt er eine fürsörgliche Ader, obwohl seine ehemalige Flamme ihm deutlich macht, dass sie kein Mitleid oder dergleichen benötigt. Das Getuschel der anderen Leute stört sie nicht mehr. Ihr Blick geht nach vorne in eine positiv gestimmte Zukunft, was sie wiederum auch Thackery ans Herz legt.

Weitere Sympathien gewinnt er dann in einem Gespräch mit einem Händler, der für eine stolze Summe Thackerys Namen für ein Unternehmen gewinnen will, das wiederum eine dubiose Verjüngungssalbe an die Leute bringt. Thackery befindet das für Humbug und hat damit wohl auch Recht. Den Händler jagt er mit ein paar beißenden und süffisant-komischen Kommentaren vom Hof. Der Name John Thackery steht für qualitative Forschung und ehrliche Arbeit im medizinischen Bereich. Für so einen Schund wie eine Wundersalbe würde er ihn nie im Leben hergeben.

Full disclosure

Gerade, als wir immer mehr Gefallen an Thackerys Verhalten in dieser Episode finden, dreht Soderbergh zum wiederholten Male den Spieß um und zeigt uns die eher unschöne Seite unserer Hauptfigur. So kommt Thackery nämlich Edwards (André Holland) und dessen geheimer Klinik im Untergeschoss des Knicks auf die Schliche, woraufhin der Chefarzt äußerst erbost ist. Er zeigt weder Mitleid noch Verständnis für die Patienten Edwards', die er umgehend zurück auf die Straße verfrachten muss. In diesem Augenblick überwiegt mal wieder Thackerys Eigensinn, der einen Skandal aufgrund einer Praxis für die dunkelhäutige Bevölkerung New Yorks im Keller des Knickerbockers ganz und gar nicht gebrauchen kann, könnte so doch seine eigene Arbeit torpediert werden.

Umso interessanter ist es dann jedoch zu beobachten, wie es Edwards gelingt, Thackery tatsächlich von seiner Arbeit zu überzeugen. Endlich kommen diese beiden Figuren aufeinander zu, auch wenn sie hier mehr ein stillschweigendes Abkommen als alles andere abschließen. Doch Edwards kann mit seiner Arbeit unter den schwierigsten Bedingungen Eindruck bei Thackery hinterlassen. Und sogar noch vielmehr als nur das, Edwards nimmt sein ganzes Selbstbewusstsein zusammen und setzt geschickt den Hebel an, der ihm wiederum die Stelle als Thackerys assistierender Chirurg und eine vollwertige Stellung im Knickerbocker Hospital einbringt.

Gallinger (Eric Johnson) und seine Frau Eleanor (Maya Kazan) trauern um ihre verstorbene Tochter. © Cinemax
Gallinger (Eric Johnson) und seine Frau Eleanor (Maya Kazan) trauern um ihre verstorbene Tochter. © Cinemax

Better than good

Eine Szene dieser Art habe ich schon sehnlichst erwartet, machen doch die offensichtlichen Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten der vermeintlichen Hauptfiguren John Thackery und Algernon Edwards einen großen Reiz in der Betrachtung von The Knick aus. Letztendlich hat es Edwards geschafft, mit seiner Fachkompetenz zu überzeugen, genauso wie Thackery es geschafft hat, über seinen Schatten zu springen. So zollt er Edwards aufgrund seiner Fähigkeiten und trotz dessen Hautfarbe und möglicher Probleme, die diese bei anderen Leuten hervorrufen könnte, nicht nur seinen Respekt, sondern integriert ihn auch voll ins Tagesgeschäft des Knickerbocker Hospitals.

Beide Figuren verbindet mit dem Streben nach mehr Wissen eine beinahe identische Motivation und es wird spannend zu sehen sein, wie sich die neue Zusammenarbeit gestalten wird. Ich habe schon letzte Woche gemutmaßt, dass das problembehaftete Verhältnis zwischen Edwards und Gallinger (Eric Johnson) erneut ein großes Thema werden könnte. Insbesondere jetzt, wo Gallinger und seine Frau (Maya Kazan) ihre kleine Tochter verloren haben und die Trauer des Doktors sich schnell in schiere Wut verwandeln könnte. Der Tod von Gallingers Tochter aufgrund ihrer Hirnhautentzündung markiert mal wieder einen Schlag in die Magengrube, eine Momentaufnahme der absoluten Frustration, von denen es in „The Knick“ Woche für Woche zuhauf gibt. Die extrem verstörte Ehefrau Gallingers hinterlässt einen schaurigen Nachgeschmack dieses sehr ernüchternden Handlungsstranges, der Gallinger seine eigene Machtlosigkeit vor Augen führt.

A lovely day

Dramatische und lockerleichte Momente wechseln sich in Start Calling Me Dad ab wie Tag und Nacht: Gerade eben haben wir noch mit den Gallingers aufgrund ihres Verlustes gelitten, im nächsten Augenblick können wir uns kaum ein Schmunzeln verkneifen, als Barrow (Jeremy Bobb) kostengünstig eine gebrauchte Röntgenmaschine von demselben Händler erwerben will, der später bei Thackery vorstellig wird. Die Differenz zu der Summe, die Cornelias Vater bereitgestellt hat, wandert dann natürlich in Barrows eigene Tasche. Man muss ja sehen, wo man bleibt.

Die Unterhaltung zwischen diesen beiden Kleingaunern wird dann nur noch durch den sorgenfreien Umgang mit dem Röntgengerät getoppt, deren Strahlung sich Barrow und sein Kopf für gut eine Stunde aussetzen lässt. Mit unserem heutigen Verständnis von dieser Technologie wirkt diese Szene schon beinahe wie ein bitterböser, satirischer Kommentar der Serienmacher, obwohl man den handelnden Figuren überhaupt keine Vorwürfe machen kann, waren doch zu dieser Zeit die Gefahren radioaktiver Strahlung kaum ergründet.

Auch Cleary (Chris Sullivan) und Schwester Harriet (Cara Seymour) erhalten noch ein wenig Raum, um deren Arbeitsbeziehung mehr Profil zu verleihen. Dabei ensteht im Zusammenspiel dieser beiden Figuren immer wieder der Eindruck, man würde den realistischen, nüchternen Blick der beiden auf die Welt als eine Art Kommentar nutzen. Während einer geschickten Kamerafahrt tauschen sich die beiden scheinbar ungleichen Charaktere aus, Harriet erzählt von ihren Zweifeln hinsichtlich ihrer Tätigkeit, Cleary berichtet von seiner Kindheit als Waise unter den Fittichen strenger Nonnen. Es mögen vielleicht nur kleine, unscheinbare Momente sein, die uns diese beiden Figuren immer wieder anbieten. Doch oftmals beinhalten sie so viele einfache Wahrheiten, die sich andere Figuren nicht wagen auszusprechen.

Sister Harriet (Cara Seymour) und Cleary (Chris Sullivan) in den dreckigen Straßen New Yorks © Cinemax
Sister Harriet (Cara Seymour) und Cleary (Chris Sullivan) in den dreckigen Straßen New Yorks © Cinemax

Grab the bitch

Einer Figur, der das Aussprechen persönlicher Wünsche offensichtlich schwerfällt, ist Cornelia (Juliet Rylance). In der letzten Episode war sie noch ein wenig arg unterrepräsentiert, diese Woche ist sie etwas mehr zu sehen und kann sogleich einen weit besseren Eindruck hinterlassen. Gemeinsam mit Gesundheitsinspektor Speight (David Fierro) ist es ihr endlich gelungen, den Ursprung der unschönen Typhusepidemie auszumachen. Mit einem beherzten Sprung in Richtung der flüchtigen Küchenhilfe kann sie mit Recht und Stolz behaupten, großen Anteil an der Bekämpfung dieses Problems zu haben. Generell findet man Gefallen an der Kombination Cornelia/Speight. Speight mag vielleicht ein kleiner Widerling sein, doch weist auch er eine gewisse Kompetenz auf. Cornelia wiederum hat sich schnell an seine direkten Methoden gewöhnt und steht diesem nun in ihrem Tatendrang in nichts nach.

Euphorisiert trägt sie ihren Erfolg dann ihrem Vater, Schwiegervater in spe sowie Verlobten vor. Diese sind durchaus stolz auf Cornelia, doch recht schnell wird deutlich, dass es jetzt langsam auch mal genug ist mit ihrer nicht wirklich damenhaften beruflichen Betätigung. Bald kommt es zur Hochzeit, dann kann sie endlich ein paar Kinder bekommen und zur noblen Hausfrau werden. Eine Perspektive, die Cornelia nicht wirklich reizt.

Etwas gruselig mutet dann noch ein bizarres und sehr irritierendes Gespräch zwischen ihr und dem Vater ihres Verlobten an. Letztendlich sagt dieser ihr recht eindringlich, dass sie sich endlich fügen und ihre Arbeit am besten schnellstmöglich vergessen soll. Zusätzlich entsteht eine sehr unangenehme Spannung in dieser Szene, die mich Schlimmstes hat vermuten lassen, zum Beispiel einen sexuellen Übergriff durch ihren Baldschwiegervater. Vielleicht interpretiere ich da auch etwas zu viel hinein, mich interessiert jedoch auch, wie Ihr diese Szene wahrgenommen habt.

Fazit

Start Calling Me Dad ist eine weitere vollgepackte Episode von The Knick, in der die unterschiedlichen Handlungsstränge gekonnt miteinander verwoben werden - ob nun wortwörtlich oder rein thematisch. Dabei wird eine ganze Palette an verschiedenen Nuancen und Emotionen bedient, die von den Darstellern (allen voran Clive Owen) durch überzeugende Darbietungen untermauert werden.

Visuell sind hier einige sehenswerte Aufnahmen mit unterschiedlichen Unschärfestärken und Fokusvariationen zu erwähnen, ebenso wie ein stilistisches Mittel, das immer wieder Verwendung in „The Knick“ findet. Die Macher um Steven Soderbergh sparen nämlich oft eigentliche Ereignisse in der Erzählung ihrer Geschichte aus und zeigen uns Zuschauern nur den Beginn sowie das Ende einer bestimmten Szene. Exemplarisch dafür ist hier Edwards' Kneipenschlägerei, die sich eigentlich nur in unseren Köpfen abspielt. Wirklich zu sehen bekommen wir sie nicht. Dank der einfachen, jedoch gewohnt markanten musikalischen Untermalung wird das sehr ansprechende Gesamtbild dieser Episode hervorragend abgerundet. Das Historiendrama behält so seine hohe Qualität bei und macht weiterhin Lust auf mehr.

Verfasser: Felix Böhme am Samstag, 20. September 2014
Episode
Staffel 1, Episode 6
(The Knick 1x06)
Deutscher Titel der Episode
Forschungsarbeit
Titel der Episode im Original
Start Calling Me Dad
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 19. September 2014 (Cinemax)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 30. Dezember 2014
Autoren
Jack Amiel, Michael Begler
Regisseur
Steven Soderbergh

Schauspieler in der Episode The Knick 1x06

Darsteller
Rolle
Andre Holland
Jeremy Bobb
Juliet Rylance
Eve Hewson
Cara Seymour
Grainger Hines

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