The Knick 1x05

In den bisherigen vier Episoden des Cinemax-Historiendramas The Knick traten immer wieder verschiedene Charaktere in den Vordergrund, die sich mit ihrer besonderen Position in der Figurenkonstellation der Serie oder ihrem eigenwilligen Charakter profilieren konnten. Nach der Sichtung von They Capture the Heat könnte man den Eindruck bekommen, dass die Serienmacher um Steven Soderbergh erst einmal genug von der Exposition ihrer Figuren haben und diese jetzt viel lieber in der hier geschaffenen Serienwelt ihrem Leben sowie ihren Aufgaben, Verpflichtungen und Missetaten nachgehen lassen.
Und auch wenn so vielleicht ein möglicher übergeordneter roter Faden verloren geht, der durch die Charakterstudie der Protagonisten und die Verknüpfung von deren Handlungssträngen entstehen könnte, kann der in „They Capture the Heat“ gewählte Ansatz überzeugen und für eine weitere sehr sehenswerte Episode des neu gestarteten Dramas sorgen. Durch das Eintauchen in den scheinbaren Alltag der Charaktere wird gleichzeitig eine Art Nähe aufgebaut, die uns interessante Einblicke liefert und das Umfeld, in dem wir uns als Zuschauer bewegen, noch genauer beleuchtet. Großartig hervorstechen tut keine der handelnden Personen, auch wenn man jeder einzelnen Figur erneut etwas abgewinnen kann. Vielmehr sind die Arbeit im Knick selbst sowie die Zeit um 1900 in New York der heimliche Star dieser Episode, was sich wiederum als unterhaltsame Abwechslung herausstellt.
Filthy down here
Wie es bei den Episoden von „The Knick“ beinahe schon üblich ist, bietet sich zum wiederholten Male ein Blick auf den Episodentitel selbst an, um einen erstern Anhaltspunkt auszumachen, wie die Autoren in der Folge das Offensichtliche mit dem Unscheinbaren verknüpfen. Dr. Edwards (André Holland) erklärt Dr. Thackery (Clive Owen), dass das eher feuchte Klima in New York auf die hohen Gebäude der Stadt zurückzuführen ist, da diese die Wärme der Sonne auffangen.
Dieses Wissen teilt Thackery später auch mit dem ehrenwerten Cpt. Robertson (Grainger Hines). Doch diese hohen Bauten fangen nicht nur die spürbare Wärme der Sonne auf. Vielmehr verdeckt die Unübersichtlichkeit dieser Metropole in spe auch die verschiedenen Ecken und Problemherde New Yorks, in denen Kriminalität, frevelhaftes Verhalten und Krankheiten an der Tagesordnung stehen. Die Großstadt selbst bietet seinen zwielichtigen Bewohnern Schutz vor Repressalien und fängt so die unschönen Seiten seiner selbst auf.

Zu diesen unschönen Seiten gehört in New York zu Beginn des 20. Jahrhunderts unter anderem auch das organisierte Verbrechen, das in „They Capture the Heat“ erneut in Person des Mafiabosses Bunky Collier (Danny Hoch) vertreten wird. Dass dieser ein unangenehmer Zeitgenosse ist, wissen wir als Zuschauer bereits. Hier zeigt sich jedoch auch, dass selbst die Polizeigewalt New Yorks sich auf krumme Deals mit Schwerkriminellen einlässt, um sich etwas dazuzuverdienen. Als Mittelsmann für einen Deal zwischen Collier und einem Straßenpolizisten, der für den Gangsterboss freie Prostituierte akquirieren will, tritt mit Herman Barrow (Jeremy Bobb) die nächste skrupellose, fragwürdige Person auf den Plan, die selbst an diesem Geschäft mitverdienen will.
Sawbones
Bereits zuvor blitzte es in den Augen von Barrow, als Collier widerwillig seinen schwer verletzten Schwager ins Knickerbocker bringen ließ. Collier wusste ganz genau, dass Barrow dies als Chance sehen würde, sich ein paar seiner Schulden zu erleichtern. Darauf lässt sich Collier auch ein, jedoch nur unter der Bedingung, sein Schwager würde sein angeschossenes Bein nicht verlieren. Würde dies eintreten, hätte die letzte Stunde von Barrow sowie Thackery und Edwards geschlagen, die in dieser kurzfristig anberaumten Notoperation den Patienten Seite an Seite behandeln.
Thackerys Rolle ist in They Capture the Heat etwas anders, als wir sie bisher präsentiert bekommen haben. Oftmals wirkt er wie eine Art Laufbursche, der in kürzester Zeit zu drei verschiedenen medizinischen Notfällen gerufen wird. Dabei wird jedoch abermals deutlich, dass Thackerys unkonventionelle Behandlungsmethoden durchaus erfolgsversprechend sind. Sei es der rabiate Einsatz einer Kneifzange bei dem Eingriff am Schwager Colliers oder die ruppige Behandlung der Schmerzen von Edwards Mutter.
The future
Dennoch erlebt Thackery einen Tag, an dem nicht alles von Erfolg gekrönt sein will. So sorgt eine misslungene Operation an einer Frau, die unter denselben Symptomen litt wie Dr. Christensons (Matt Frewer) verstorbene Patientin aus der ersten Episode von The Knick, für einen gehörigen Dämpfer - für unseren Protagonisten sowie für uns Zuschauer. Es ist ein unangenehmer Blick zurück, der den optimistischen Thackery qualvoll daran erinnert, wie primitiv doch manche medizinischen Methoden dieser Zeit sind und wie machtlos er trotz seiner Talente oftmals ist. Der OP-Saal gleicht nach dem Eingriff beinahe bis ins kleinste Detail der Schlachthaus-ähnlichen Optik der fehlgeschlagenen Operation aus der Pilotepisode und führt uns erneut vor Augen, wie abhängig die moderne Medizin vom stetigen Forschritt ist.
Thackery ist sich dieser Tatsache schon lange bewusst und drängt seine Vorgesetzten nun dazu, zumindest einmal in der Geschichte des Knickerbocker Hospital der Konkurrenz einen Schritt voraus zu sein. Letzte Woche trat Erfinder Thomas Edison mit seinem Aufnahmegerät noch selbst in Erscheinung, diese Woche finden sich zwei schaustellerartige Vertreter von ihm im Knick ein und präsentieren dort ein revolutionäres Gerät, das Röntgenaufnahmen ermöglicht.
Für Thackery ein Meilenstein der modernen Medizin und unverzichtbar, doch das Krankenhaus hat mit finanziellen Problemen zu kämpfen, die selbst einen Umzug der kompletten Einrichtung in eher wohlhabendere Viertel der Stadt zur Folge haben könnte. Die einzelnen Mitglieder des Krankenhausvorstands strapazieren Thackerys Nerven ins Unermessliche, der die Hoffnung auf diese wunderhafte Maschine schon längst wieder begraben hat. Ironischerweise ist es dann mal wieder der falsche Stolz des einzelnen, in diesem Fall Capt. Robertson, der die Kehrtwende bringt. Von einem alten Bekannten subtil getriezt lässt es sich der Nobelmann trotz angeschlagener Finanzsituation nicht nehmen, für das Knick ein solches Gerät zu erwerben.

Knuckle Dragger
Wo sich Thackery über diesen technischen Fortschritt sehr freuen wird, bleibt Edwards weiterhin nur der modrige Keller des Krankenhauses. Dort behandelt er emsig sämtliche Minderheiten New Yorks. So auch einen tüchtigen kubanischen Unternehmer, der sein Geld mit dem Rollen von Zigarren verdient und von einem unangenehmen Eingeweidebruch geplagt wird. Dabei hat es jedoch etwas recht Charmantes, wie Edwards mit der Hilfe von drei Waschdamen und im gedimmten Lichtschein eine Operation nach der anderen durchführt.
Wann Thackery Edwards' wahre Fähigkeiten endlich akzeptieren wird, ist nur schwer abzusehen. Die Interaktionen zwischen den beiden deuten oft genug darauf hin, dass ersterer durchaus weiß, zu was der junge Arzt in der Lage ist. Doch ein afroamerikanischer Arzt ist in der derzeitigen prekären Situation des Hospitals Gift, um neue Patienten zu gewinnen.
Hinzu kommen auch die persönlichen Unruhen zwischen Edwards und Gallinger (Eric Johnson), die den Arbeitsalltag nur verkomplizieren. Diese drohen eventuell schon in der nächsten Episode noch stärker zu eskalieren, ist Gallingers neugeborene Tochter doch an Meningitis erkrankt, woraufhin eine Verbindung zu Edwards' letzten Patienten gezogen wird, der aufgrund der zahlreichen Rattenbisse ebenfalls an einer Hirnhautentzündung litt. Ob sich die Bakterien dieses Patienten irgendwie auf Edwards und von dort aus weiter zu Gallinger und seine Tochter übertragen haben, weiß niemand genau. Gallingers Reaktion auf Edwards' mögliche Mitschuld an der Erkrankung der kleinen Lillian wird so oder so heftig sein.
A pleasure, as always
Neben diesen oft sehr frustrierenden Blicken auf all die Dinge, die sich in The Knick ereignen, bietet man uns jedoch auch immer wieder Momentaufnahmen an, die durchaus hoffnungsvoll sind und eine Art Leichtigkeit mit sich bringen. Das neue Arbeitsduo, bestehend aus Cleary und Schwester Harriet, gehört in diesem Fall erwähnt. Beide Charaktere bringt ihre alles andere als idealistische Sicht auf die Welt zusammen und beide haben eine gewisse Art der Straßenschläue. So zaubert uns deren Gespräch nicht nur ein amüsiertes Lächeln auf die Lippen, sondern beinhaltet auch einfache Wahrheiten, denen sich Cleary sowie Harriet in nächster Zeit selbst stellen müssen.
Auch Barrow sehen wir kurz in einem Moment, in dem er seine eigentlichen Wünsche und Vorstellungen vom Leben gegenüber seiner Prostituierten offenbart. Aus reiner Geldgier spielte er mit den Finanzmitteln des Knicks am Aktienmarkt, jetzt stehen ihm die Schulden bis zum Kopf, mit Collier hat er einen erbarmungslosen Eintreiber im Nacken. Wie gern würde er dieser Misere entkommen und alles hinter sich lassen. Es ist jedoch nur ein kurzer Augenblick, in dem Barrow diesen Traum hegt, scheint er sich doch damit abgefunden haben, was diese Welt und die Zeit, in der er lebt, von ihm verlangt, um sich selbst zu erhalten.
Just another day at the Knick
Auffällig ist in They Capture the Heat auch, dass Soderbergh wieder einmal bewusst auf eine krasse Kontrastierung zurückgreift. Sei es auf visueller Ebene (ein Schnitt von einer verrauchten Spelunke in ein piekfeines Restaurant zum Beispiel) oder bei der Inszenierung der verschiedenen Figuren. So wechseln sich recht niederschlagende Szenen mit aufheiternden Sequenzen ab, die ein Gefühl vermitteln, dass doch alles nicht so schlecht ist, wie es auf den ersten Blick erscheint.

Insbesondere die Beziehung zwischen Thackery und Elkis (Eve Hewson) ist hier als Beispiel zu nennen, obwohl ich mir persönlich noch nicht ganz sicher bin, wohin sich diese entwickeln wird. Sowohl eine Liebesbeziehung als auch nur eine Freundschaft, die Thackery Halt geben könnte, ist vorstellbar. Da jedoch auch Bertie (Michael Angarano) der jungen Krankenschwester Avancen macht, könnte hier schon ein Liebesdreieck in Stellung gebracht weden, was dann jedoch nicht zu einfach und vorhersehbar konzipiert werden sollte. Bis dahin ertappt man sich aber dabei, wie man freudig lächelt, als man den so problembehafteten Thackery - einem Kind gleich - dabei zuschaut, wie er zum ersten Mal in seinem Leben ein Fahrrad fährt. Im nächsten Augenblick schon könnte eine weitere blutige Operation oder Hiobsbotschaft auf den Doktor warten, die diesen Moment der Unbeschwertheit zunichte macht. Es ist nun mal nur ein weiterer, ganz normaler Arbeitstag im Knick.
Fazit
Wieder einmal gelingt es The Knick, dank seines ergiebigen Settings und der authentischen Charaktere eine sehr ertragreiche Episode zu fabrizieren, die uns einen Blick auf die spezifische Zeitepoche, auf das alltägliche Leben und Treiben der Figuren sowie auf deren Innenleben bieten kann. Soderbergh schafft es darüber hinaus durch seine geschickte Inszenierung wunderbar, sowohl die Unterschiede als auch die Gemeinsamkeiten seiner Protagonisten herauszuarbeiten, die wiederum mit anschaulichen visuellen Kniffen dargebracht werden.
Einzig Cornelia und ihr Handlungsstrang kamen in They Capture the Heat etwas schwach weg, da wir in den kurzen Szenen, in denen sie zu sehen war, nicht viel Neues über sie erfahren haben und das Gespräch über ihre Person zwischen Thackery und ihrem Vater letztendlich nur das bestätigt hat, was in der letzten Episode für jeden erkennbar war. Doch dies ist nur ein kleiner Kritikpunkt an einer weiteren hochinteressanten und runden Episode von „The Knick“, die visuell sowie inhaltlich fesseln kann.
Verfasser: Felix Böhme am Samstag, 13. September 2014(The Knick 1x05)
Schauspieler in der Episode The Knick 1x05
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