The Knick 1x04

Die Frage „Where's the dignity?“ (in etwa „Wo bleibt die Würde?“) bildet für sich allein schon ein ganz wunderbares Leitmotiv, das mehrfach in der vierten Episode des Historiendramas The Knick aufgegriffen wird. In diesem Zusammenhang treten auch vermeintliche Lieblingsfiguren einiger Zuschauer in ein ganz neues Licht, allen voran Dr. Algernon Edwards (André Holland), der sich weiterhin mit Händen und Füßen in der ungerechten Welt New Yorks um 1900 beweisen muss.
Neben einer abermals sehr starken Charakterzeichnung der einzelnen Figuren machen die Serienmacher außerdem noch ein weiteres Fass auf, was die krassen gesellschaftlichen Unterschiede unserer heutigen Zeit mit der von 1900 deutlich macht. Größtenteils subtil werden so vor allem die weiblichen Charaktere mehr in den Fokus gerückt, was „The Knick“ eine neue Perspektive gibt und nicht nur für eine thematische Abwechslung sorgt, sondern auch im Allgemeinen eine große Relevanz hat.
Final wishes
Erneut vertrauen Soderbergh und seine Autoren zu Beginn ihrer Episode auf einen kurzen, scheinbar zusammenhanglosen Blick auf die Zeit, in der wir uns in „The Knick“ bewegen. Ambulanzkutscher Cleary (Chris Sullivan) versäuft in einer zwielichtigen Spelunke mit ein paar Trinkkumpanen seinen Lohn, nur um kurz darauf in noch finstere Abgründe New Yorks einzutauchen. In einer Art Untergrundarena stellt sich ein unverdrossener Haudrauf einer Vielzahl von Ratten, die Meute steht um den Ring herum, platziert Wetten und feuert den Kämpfer respektive die Ratten an. Es scheint ein Leichtes für den Mann zu sein, einen Nager nach dem anderen zu zerstampfen. Es sind ja nur Ratten.
Kurze Zeit später treffen wir erneut auf den Teilnehmer dieses Schaukampfs Mensch gegen Tier, dieses Mal als Notfallpatient im Knickerbocker Hospital. Seine Beine sind von zahlreichen Rattenbissen gezeichnet, ein akuter Fall von Meningitis liegt vor, der Mann ringt mit dem Tode. Während des Kampfes fiel er unglücklich zu Boden, die Nager sahen ihre Chance, wehrten sich und griffen ihn an. Hat er sie unterschätzt? War er zu selbstsicher, zu selbstbewusst, zu stolz? Fragen, die sich nicht nur der schwer Getroffene, sondern auch viele weitere Figuren in „Where's the Dignity?“ stellen müssen.
Kick the man instead
Eine von diesen ist Dr. Edwards, der bisher als eine Art tragischer Held aufgebaut wurde und für den wir als Zuschauer durchaus Sympathien entwickelt haben, insbesondere mit Blick darauf, was ihm Woche für Woche entgegengeworfen wird. Hier zeigt sich jedoch erstmals auch eine andere Seite des jungen Doktors, auch wenn sie vielleicht auf dessen Trotz und Frustration zurückgeht. Bei dem schwierigen Eingriff, den der unwissende Dr. Gallinger (Eric Johnson) durchführen soll, darf Edwards nun aus der Ferne assistieren. Es dauert nicht lange, bis er diese neue Machtposition absolut genießt und fast zum Leidwesen des Patienten missbraucht.

So lässt er sowohl den operierenden Gallinger als auch den assistierenden Thackery (Clive Owen) bis zur letzten Sekunde zappeln, um die Operation erfolgreich durchzuführen. Dass hier ein Menschenleben auf dem Spiel steht, blendet Edwards scheinbar aus. Vielmehr erhellen sich seine Augen, als er sieht, wie abhängig die weißen Doktoren doch von ihm sind, zumindest in dieser Situation. Fast schon ein wenig zu selbstsicher spricht er wie ein Lehrmeister zu seinen Kollegen und dem Auditorium.
Zum einen ist dieses Verhalten Edwards' nachvollziehbar, kämpft er doch pausenlos um Respekt und Anerkennung. Zum anderen geht er einen gefährlichen und mit seiner Profession nicht zu vereinbarenden Weg ein, um diese Dinge zu erlangen. Wo Gallingers Fausthieb auf dessen altbekannten falschen Stolz und Abneigung gegenüber Edwars beruht, ist Thackerys Kommentar, Gallinger solle Edwards lieber treten als schlagen, braucht ein Chirurg doch sein Hände zum Arbeiten, nicht unbedingt als rassistische Bemerkung zu werten. Vielmehr habe ich den Eindruck, dass Thackery Edwards für dieses verantwortungslose Gehabe abstrafen möchte.
Is he really that good?
Doch wer ist Dr. John Thackery, um sich anmaßen zu können, über einen anständigen Umgang mit Patienten zu urteilen? Erneut greift die Scheinheiligkeit dieser Figur, da wir mit ansehen müssen, wie er eine gerade verstorbene junge Dame zum Obduktionsobjekt macht und deren Pulsschlag mit der direkten Massage ihres Herzens herbeiführt. Die Blicke der Anwesenden sprechen für sich, doch Thackery selbst sieht hierin schlichtweg eine Chance, medizinisches Wissen zu überprüfen. Dieses würdelose Verhalten rechtfertig Thackery wohl mit seinem Forscherdrang und Pragmatismus, trotzdem lässt es ihn abermals in einem unschönen Licht dastehen, welches uns diese Figur erneut hinterfragen lässt.
Dabei wird in Where's the Dignity? durchaus probiert, der Antiheldenfigur des John Thackerys auch eine etwas empathischere Seite zu geben. Eine Person, die den Chefchirurgen des „Knicks“ noch nicht aufgegeben hat, scheint Schwester Elkis (Eve Hewson) zu sein, auch wenn sie am Ende der Episode recht entsetzt auf den benebelten Thackery in seiner Stammopiumhöhle blickt. Sie ist es auch, die ihn ermutigt, sich um seine ehemalige Liebe und Patientin Abigail (Jennifer Ferrin) zu kümmern.
In einem Rückblick wird dann auch deutlich, dass Thackery einst wesentlich unbeschwerter durch sein Leben schritt. Doch schon damals war zu erkennen, dass er für seine Berufung lebt - selbst in seiner Freizeit und beim feuchtfröhlichen Abendessen mit seinem Mentor Christenson (Matt Frewer) (für Literaturinteressierte: Thackery zitiert an dieser Stelle Henry Wadsworth Longfellows Epos „The Song of Hiawatha“). Abigail erkannte dies recht schnell und wusste, dass dies kein Leben für sie wäre. Letztendlich bereute sie es dennoch, nicht bei John geblieben zu sein. Dieser bleibt während des Gespräches mit der emotionalen Abigail jedoch kühl und zeigt wenig Gefühle, sicherlich auch, weil er kein Mensch ist, der in der Vergangenheit verharrt und gelernt hat, mit Dingen abschließen zu können.

Nothing eventful
So wie Thackery in „Where's the Dignity?“ unter ständiger Beobachtung Elkis' zu stehen scheint, muss sich auch Dr. Bertram „Bertie“ Chickering Jr. (Michael Angarano) unter den Argusaugen seines Vaters beweisen. Bertie gehört zweifellos zu den sympathischsten Figuren, die The Knick bisher hervorgebracht hat und es tut gut, zu sehen, dass er nun etwas mehr in den Fokus rückt.
Der aufgeklärte Jungdoktor muss sich nämlich mit einem erwartungsvollen Vater herumschlagen, dessen Reputation dem guten Bertie so manche Türen hätte öffnen können. Doch Bertie entschied sich gegen diese Hilfe und für das Knickerbocker Hospital in einem jetzt eher heruntergekommenen Viertel New Yorks. In diesem recht einfach konzipierten, aber wirkungsvollen Vater-Sohn-Konflikt treffen zwei verschiedene Welten aufeinander, die den wissbegierigen und recht idealistischen Bertie auf der Sympathiepunkteskala sogar noch ein Stückchen nach oben befördern. Vielleicht ist es gerade das oftmals fragwürdige und unmoralische Verhalten anderer Charaktere, das den herzensguten und optimistischen Bertram eine derartig positive Erscheinung für den Zuschauer sein lässt. Genau solche Figuren braucht es eben auch in dieser ungerechten Welt, wo viele nur auf ihren eigenen Profit und ihr persönliches Interesse bedacht sind.
Bei derartigen Stichwörtern fallen einem gleich mehrere Figuren ein: zum Beispiel der skrupellose Barrow (Jeremy Bobb), der die verbrannten Überreste eines Schweins einer trauerenden Witwe als Asche ihres Ehemanns übergibt, oder auch der korrupte Gesundheitsinspektor Speight (David Fierro), der sich mit Cornelia (Juliet Rylance) aufmacht, den Typhuserkrankungen in einer Gegend nachzugehen, in der sich die „Krankheit der armen Leute“ wohl eher weniger hin verschlagen sollte. Eigentlich geht Speight nicht unvernünftig und sehr konsequent seiner Tätigkeit nach, dennoch präsentiert er sich eher unflätig. Cornelia schafft es aber, ihm ein wenig Paroli zu bieten, wodurch einige amüsante Momente generiert werden.
Fortunate to be living in these times
Cornelia nimmt in Where's the Dignity? klammheimlich eine weitaus tragendere Rolle ein, als es anfangs den Anschein macht - und auf einer Feier ihrer Eltern wird dies umso deutlicher. Auf dieser ist auch Edwards eingeladen, der jedoch wie ein Fremdkörper wirkt und sogleich bei einem schnöseligen Geschäfstmann aneckt. Von Cornelias Mutter, eindeutig eine Vertreterin des alten Schlages, erfährt er dann auch eher weniger Zuspruch, selbst die Großzügigkeit von Captain August Robertson (Grainger Hines) fühlt sich für Edwards eher so an, als wäre er ein talentiertes Zirkuspferd. Wer könnte sich denn auch schon einen afroamerikanischen Chirurgen vorstellen?!?
Doch so wie Edwards muss sich auch Cornelia leidvoll den gesellschaftlichen Mechanismen des frühen 20. Jahrhunderts fügen. Die Feierlichkeiten zur Rückkehr ihres Verlobten scheinen sie nicht weiter zu stören, vielmehr jedoch, dass für sie entschieden wird, dass ihre Zukunft in San Francisco und nicht in New York liegen wird. Ähnlich machtlos wie Edwards, der sogar einen mitfühlenden Blick für sie übrighat, kann sie nicht viel an ihrem gesellschaftlichen Status als Frau und den damit einhergehenden Restriktionen ändern, was ihr sichtlich zu schaffen macht.
Auch später kommt es noch zu einer zwar weniger subtilen Szene, die ihre Wirkung jedoch nicht verfehlt. Cornelia und Schwester Harriet (Cara Seymour) werden nämlich von einem vorbeigehenden Mann netterweise darauf hingewiesen, dass die Kernkompetenz von Frauen nun mal darin liegt, sich um Kinder zu kümmern. Darüber können die beiden Damen jedoch nur müde lächeln. Somit schneiden die Serienmacher ein weiteres hochinteressantes Thema an, dass dank bisher überzeugender und erfrischender Frauenfiguren das Drama durchaus bereichert.
You are what you are
Mit der eigenwilligen Nonne soll auch diese Rezension schließen, obwohl es noch so viele kleine Details gibt, die eigentlich eine Erwähnung verdient haben. Doch die Dynamik zwischen Schwester Harriet und Cleary wusste von der ersten Episode zu gefallen, nun bekommen die beiden im Verbund sogar deutlich mehr zu tun, als sich nur kleine Scharmützel zu liefern. Cleary ist sich der pikanten Situation Harriets bewusst, verstößt sie doch mit ihrer Bereitschaft, jungen Frauen bei einer Abtreibung zu helfen, gegen ihre religiösen Überzeugungen, was von der Kirche sehr hart bestraft werden könnte.

Also sieht der ruppige Kutscher die Möglichkeit, selbst ein wenig an dieser Arbeit mitzuverdienen, worauf sich Harriet schlichtweg einlassen muss. Da wir zwischendurch schon mit genügend Charakteren in Berührung gekommen sind, die sich egoistisch und bedenklich verhalten haben, stecken wir auch Cleary schnell in eine solche Schublade, insbesondere, weil er zuvor schon nicht den allerfeinsten Eindruck hinterlassen hatte.
Jedoch kommen die Autoren mit einer gewieften Wendung daher, die den augenscheinlichen Grobian in ein neues Licht rücken. Der Tod der jungen Frau, die an sich selbst eine Abtreibung durchführen wollte und auf dem OP-Tisch verstarb, geht Cleary hart an die Nieren. Und wo man vielleicht noch denkt, er würde die Leiche selbst gewinnbringend verkaufen wollen und deswegen Barrow entschlossen entgegentreten, wird man sofort eines Besseren belehrt.
Der bärtige Hüne offenbart nämlich doch ein warmes Herz, zumindest in dieser Situation, in der er sich selbst fragt, wo denn die Würde und der Anstand geblieben sind. Gemeinsam mit Harriet beerdigt er die junge Frau in einem Massengrab und lässt zuvor noch eine Tirade über New York und die Menschen dort ab, die sich schon fast wie eine Zusammenfassung dessen anhört, was wir in den ersten vier Folgen des Historiendramas mit eigenen Augen gesehen haben. Es ist ein finsterer, pessimistischer Schlusspunkt, der jedoch gerade deswegen so gut funktioniert, weil wir all den Pessimismus und die Hoffnung nach ein wenig Anstand nachvollziehen können.
Fazit
Es ist wieder einmal eine vollgepackte Episode, die uns Soderbergh und Co hier präsentieren, dennoch entsteht an keiner Stelle der Eindruck, Where's the Dignity? würde zu viel auftischen. Das Gegenteil ist der Fall, recht schnell hat man seinen Stil und Ton gefunden, die Folgen fühlen sich Woche für Woche rund an und bieten uns Zuschauern viel zu sehen und zu analysieren. Im Vergleich zur Vorwoche ist in der vierten Episode auch wieder etwas mehr thematische Vielfalt geboten, in der die verschiedenen Figuren aufgehen und weitere Charakterisierung erfahren.
Dabei ist es immer wieder erstaunlich, wie schnell der technologische Fortschritt um 1900 vorangeht, sei es das Aufnahmegerät auf der Feier der Robinsons oder eine Art Staubsauger, den Edwards für medizinische Zwecke zum Blutabsaugen nutzen will. Gleichzeitig frustrieren die rückständigen Ansichten vieler Menschen dieser Zeitepoche - und zwar nicht nur die Figuren wie Edwards oder Cornelia, sondern auch den Zuschauer selbst. Doch vielleicht ist es auch gerade dieses unausgeglichene Spannungsverhältnis, was The Knick sehens- und das wöchentliche Einschalten so lohnenswert macht.
Verfasser: Felix Böhme am Samstag, 6. September 2014(The Knick 1x04)
Schauspieler in der Episode The Knick 1x04
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