The Knick 1x03

The Knick 1x03

The Busy Flea mag nicht ganz an die Qualität der ersten beiden Episoden von The Knick herankommen, dennoch bekommen wir erneut interessante Einblicke in die verschiedenen Charaktere gewährt, deren Lebenssituationen unterschiedlicher nicht sein könnten.

André Holland als Dr. Algernon Edwards in „The Busy Flea“, der dritten Episode der ersten Staffel von der US-Serie „The Knick“ / (c) Cinemax
André Holland als Dr. Algernon Edwards in „The Busy Flea“, der dritten Episode der ersten Staffel von der US-Serie „The Knick“ / (c) Cinemax

Wo wir in der letzten Woche (Mr. Paris Shoes) noch eine ganz deutliche thematische Verknüpfung zwischen den Handlungssträngen der einzelnen Figuren ausmachen konnten, gestaltet es sich in der dritten Episode des Cinemax-Historiendramas The Knick ein wenig anders. Dadurch büßt The Busy Flea etwas an Tiefe und Kohärenz ein, wobei sich auch hier einige Themen und Motive finden lassen, die durchaus über die Einzelgeschichten der Charaktere hinausgehen.

Ohne Frage sehenswert bleiben die Schauwerte des Dramas und einige interessante technische Kniffe, auf die Regisseur Steven Soderbergh immer wieder zurückgreift. Angenehm ist auch, dass wir weiter zwischen den Figuren wechseln und deren verschiedene Wege verfolgen, auch wenn sich hier ab und an Probleme zeigen, was vor allem an der Sprunghaftigkeit einiger Szenenwechsel liegt. „The Busy Flea“ ist schlussendlich eine runde und sehr solide Episode, doch ich persönlich komme auch nicht umher festzustellen, dass sowohl Method and Madness als auch „Mr. Paris Shoes“ einen leicht besseren Gesamteindruck hinterließen. Diese kleine Kritik sei erlaubt, handelt es sich doch hierbei um Meckern auf sehr hohem Niveau.

In der Auftaktepisode von „The Knick“ wurden die Charaktere, das Setting und die Prämisse etabliert - eingefangen in erwähnenswerter Optik, was wiederum ein gewisses Interesse beim Zuschauer weckte. In der zweiten Episode wurde dann deutlich, wie Soderbergh und sein Autorenteam ihre Geschichte erzählen wollen oder zumindest, was für ein Ausmaß der narrative Stil mit einer übergeordneten Thematik als wöchentlicher Fixpunkt einnehmen soll. In „The Busy Flea“ lässt sich ein derartiger roter Faden nur vereinzelt in den verschiedenen Nebengeschichten finden. Den Serienmachern scheint es jedoch erst einmal wichtiger zu sein, die Figuren noch markanter einzuführen. Daran ist grundsätzlich nichs auszusetzen, geben die Charaktere und ihre Darsteller doch genug her, um für spannende und interessante Momente zu sorgen.

Thackery (Clive Owen) operiert an Schweinen; da ihm immer noch die Leichen zu Obduktionszwecken fehlen. © Cinemax
Thackery (Clive Owen) operiert an Schweinen; da ihm immer noch die Leichen zu Obduktionszwecken fehlen. © Cinemax

Partially restored

Die Handlungsstränge um Dr. John Thackery (Clive Owen) und Cornelia Robertson (Juliet Rylance) dienen dabei noch am ehesten als zwei Geschichten, in denen abermals Kontraste und elementare Unterschiede zwischen den Figuren gezeichnet werden. Thackery muss sich zu Beginn um eine alte Bekanntschaft kümmern, mit der er einst eine Liaison hatte und die nun seine medizinische Hilfe braucht. Nach einer unbehandelten Syphiliserkrankung hat die verheirate Dame nämlich ihre Nase verloren und - in der Hoffnung, ihr alter Freund John Thackery könnte ihr irgendwie helfen - ihn daher nun im Knickerbocker Hospital aufgesucht.

Insbesondere zwei Aspekte sind hier besonders auffällig: Zum einen beweist Soderbergh erneut, dass er vor expliziten Bildern ganz und gar nicht zurückschreckt. Zwar wird es hier nicht so blutig wie noch bei der Operation in der ersten Episode, doch das entstellte Antlitz der jungen Dame, das die Kamera immer wieder direkt und unkaschiert einfängt, dürfte so manchem Zuschauer einen kalten Schauer über den Nacken laufen lassen.

Zum anderen bekommen wir abermals einen Einblick in die Figur des John Thackery, der einst eine sehr emotionale Verbindung zu seiner neuen Patientin zu haben schien. Deren Beziehung zerbrach letztendlich daran, dass Thackery schon immer ein chaotischer Typ war und sich eben komplett seiner Profession verschrieben hat. Auch während der Untersuchung der Frau ist er mehr Arzt als ehemaliger Liebhaber und, auch wenn man gelegentlich einen Anflug von Mitleid und Empathie in seinen Augen erhaschen kann: Seine kühle Art und bedingungslose Rationalität angesichts eines medizinischen Eingriffs behalten stets die Oberhand.

A dim light

Dahingegen trifft Thackery in seinem Alltag immer wieder auf Menschen, die sich eben nicht zum totalen rationalen Denken hingezogen fühlen und tatsächlich noch auf die Hoffnung bauen, egal wie ausweglos manch Situation auch erscheinen mag. Cornelia macht sich zum Beispiel Sorgen um einen möglichen Ausbruch einer Typhusepidemie, die vor allem die Schönen und Reichen New Yorks betrifft und ein kleines Mädchen arg in Mitleidenschaft zieht. Diese wurde schon letzte Woche ins „Knick“ eingeliefert, gemeinsam mit ihrem Vater, der nun bereits verstorben ist. Auch Thackery gibt eine kurze Diagnose ab und sagt emotionsbefreit, dass hier alle Hoffnung vergebens ist und eine Operation das Leid der Kleinen nur noch vergrößern würde.

Nachdem ihm jedoch der recht komplizierte und erneut unappetitliche Eingriff an seiner ehemaligen Flamme gelingt und er sich fragt, was das überhaupt bringen soll, wird sich ihr Leben im Endeffekt doch nicht großartig verändern, kommt er ins Gespräch mit der jungen Krankenschwester Elkis (Eve Hewson), die in eine ähnliche Kerbe wie Cornelia schlägt. Warum nicht hoffen, warum nicht das ach so kleine Licht in der Dunkelheit umklammern? So wie die Frau mit der neuartigen Nasenprothese auf ein ganz normales Leben hofft, sollte doch auch das kleine Mädchen darauf hoffen dürfen.

Thackery entscheidet sich dann doch dafür, die komplizierte Operation, in der er die schwer betroffenen Gedärme des Mädchens neu verbinden muss, durchzuführen und siehe da, es gelingt. Auch wenn dieser Teil der Episode vielleicht ein wenig zu schön und einfach erscheint: Die Art, verschiedene Figuren und deren Verhalten miteinander zu verknüpfen und eine komplexere Geschichte zu erzählen, gefällt. Auch die Darsteller genießen dieses Zusammenspiel, allen voran Clive Owen und Eve Hewson, die zwar nur eine ganz kleine gemeinsame Szene haben, zwischen denen jedoch zweifellos die Chemie stimmt (Thackerys deutlicher Tadel gegenüber einer quasselenden Schwester und Elkis' Reaktion dazu sind köstlich).

Zwei junge Ärzte im Gespräch: Dr. Edwards (André Holland) und Dr. Chickering Jr. (Michael Angarano) © Cinemax
Zwei junge Ärzte im Gespräch: Dr. Edwards (André Holland) und Dr. Chickering Jr. (Michael Angarano) © Cinemax

No one here to stop you

Ähnlich hoffnungsvoll wie Cornelia oder Elkis ist auch Dr. Edwards (André Holland), der weiterhin fleißig daran arbeitet, eine eigenständige Praxis für die afroamerikanische Bevölkerung New Yorks im Keller des „Knicks“ aufzubauen. Dafür holt er sich vielleicht nicht die qualifiziertesten Mitarbeiter ins Boot, aber dennoch ist sein Enthusiasmus lobenswert, insbesondere, weil er von der eigentlichen Belegschaft des Krankenhauses eh nicht wahrgenommen wird.

Mit seiner Arbeit möchte Edwards etwas bewirken und umso betroffener ist man als Zuschauer auch, dass er aufgrund der ihm auferlegten Restriktionen an seine Grenzen stößt und einer seiner neuen Patienten verstirbt. Die Frustration der Figur des Dr. Edwards ist greifbar und wird sogar noch ein wenig verstärkt, als er in die OP von Thackery hereinplatzt (zugegeben, ein etwas unfreiwillig komischer Moment), um medizinische Utensilien zu besorgen. Dort bekommt er gesagt, er dürfte sein Wissen nun doch mit seinen weißen Kollegen teilen. Ein Eingriff als offizieller Chirurg des „Knicks“ bleibt ihm jedoch weiterhin verwehrt.

All diese Hürden, seine Betroffenheit für den verstorbenen Patienten und sein Frust manifestieren sich dann in einer kleinen Straßenschlägerei, in der sich der stark angetrunkene Edwars am Ende von „The Busy Flea“ wiederfindet. Diese Szene ist wohl das visuelle Highlight der Episode, ist sie doch recht eigenwillig und markant eingefangen. Letztendlich steht sie jedoch symbolisch für Edwards' ewigen Kampf gegen wen auch immer - seine Kollegen, die gesellschaftlichen Zwänge oder die medizinischen Herausforderungen, die ihn immer wieder fordern. Es ist ein schwieriger, kräftezehrender Kampf, der viel Ausdauer verlangt. Er darf jetzt nur nicht aufgeben.

Bertie the brave and the good knight Gallinger

Wo wir gerade schon einmal bei den werten Kollegen sind, sollten doch auch diese hier kurze Erwähnung finden. Dabei tut sich abermals Dr. Gallinger (Eric Johnson) als trotziger Unsympath hervor, der mithilfe seiner Frau versucht, aus den französischsprachigen Journals schlau zu werden, um eine bevorstehende Operation durchzuführen. Die Blöße, etwas um Rat und Unterstützung zu bitten, möchte er sich einfach nicht geben. Bertie (Michael Angarano) ist das erfolglose Herumprobieren am Schweinekadaver jedoch leid und sieht kein Problem darin, Edwards zu konsultieren, gerade weil dieser auch als Koautor des besagten Journals gelistet ist. Schlussendlich entscheidet sich auch Thackery für Edwards, wobei Edwards' Mitwirken bei dem Eingriff, wie bereits geschrieben, recht klein sein wird.

Mit Gallinger wird wohl kein Zuschauer so richtig warm werden, was vor allem an dessen falschem Stolz und seinem lächerlichen Gehabe liegt. Die Charakterzeichnung ist vielleicht ein wenig zu antagonistisch, bis dato erfüllt sie aber ihren Zweck. Bertie hingegen ist ein angenehmer Zeitgenosse, der oftmals auch für ein wenig Auflockerung sorgt und mit seiner jugendlichen und unvoreingenommenen Attitüde eine positive Erscheinung abgibt.

Steht etwas mehr im Mittelpunkt: Jeremy Bobb in der Rolle des Herman Barrow. © Cinemax
Steht etwas mehr im Mittelpunkt: Jeremy Bobb in der Rolle des Herman Barrow. © Cinemax

Raising the dead

Eine alles andere als positive Erscheinung ist Superintendant Herman Barrow (Jeremy Bobb), dessen Handlung anfangs noch wie ein zentrales Element wirkt, jedoch im Laufe von The Busy Flea immer mehr zur Randnotiz wird. So richtig überzeugen kann mich dieser Teil der Folge nicht, jedoch finde ich es auch wichtig, dass einzelne Figuren ab und an ein wenig herausragen dürfen, damit wir als Zuschauer einen besseren Zugang zu diesen erhalten.

Nachdem in der letzten Episode bereits deutlich gemacht wurde, dass Barrow mit privaten Finanzproblemen zu kämpfen hat, zeigen sich nun gleich mehrere Gründe dafür. Zum einen wäre da eine Ehe, die ihn nicht wirklich glücklich zu machen scheint - mit einer Frau, die das Geld zum Fenster hinauswirft. Gleichzeitig besucht Barrow in aller Regelmäßigkeit eine Prostituierte, die er ebenfalls mit Geschenken verwöhnt (hier die verschwundenen Ohrringe seiner Gattin). Bei einem solchen Besuch in dem Bordell erklärt sich auch der Titel der Episode, wobei die verkappte Stripteaseszene der Prostituierten doch ein wenig bizarr wirkt.

Die Belange des Knickerbockers scheint Barrow eh nur noch gelegentlich zu vertreten, klaut er doch die verstorbenen Patientenkörper aus der Leichenhalle des Hospitals, um diese gewinnbringend an andere Krankenhäuser zu verschachern. So kann sich der nach seiner unfreiwilligen Zahnoperation mit einer dicken Wange gezeichnete Barrow zumindest von den Schulden freikaufen, die er noch bei dem zwielichtigen Mobster aus der letzten Episode hat. Es ist so, dass Barrow zwar keine uninteressante Figur ist, die sich wie viele andere Charaktere hier behaupten muss und alles daür tut, sich selbst zu erhalten. Doch für mich gibt es bis jetzt einfach wesentlich reizvollere Figuren als den schmierigen Finanzvorstand des „Knicks“.

Fazit

The Knick weiß seinen Zuschauern weiterhin eine ganze Menge anzubieten, seien es nun die gesellschaftliche Besonderheiten eines New Yorks um 1900 oder ganz unterschiedliche Charaktere, die hier auftreten und miteinander interagieren. Außer Acht gelassen wurden jetzt zum Beispiel das heimliche Traumduo, Ambulanzfahrer Cleary (Chris Sullivan) und Schwester Harriet (Cara Seymour), die sich um ein Findelkind kümmert. Oder auch Cornelias Vater und Mutter, die interessante Positionen vertreten. Das Cinemax-Drama ist ein äußerst ergiebiges Format und ich für meinen Teil freue mich jedes Mal, noch tiefer in die Materie hineinzutauchen.

Jedoch muss ich auch zugeben, dass The Busy Flea vielleicht nicht ganz den Zug hat, der noch in den beiden vorangegangen Episoden spürbar war. Es wird ein Gang zurückgeschaltet, um mehr Zeit in die Figuren zu investieren, was nachvollziehbar ist. Die Abfolge einiger Szenen gefiel mir zuvor ebenfalls ein wenig besser, wobei Soderbergh unter seinen Pseudonymen Mary Ann Bernard (editor) und Peter Andrews (director of photography) erneut einige stilsichere Einfälle bezüglich des Schnitts und der Inszenierung hat. (Die Nasen-OP ist hier besonders zu erwähnen. Die Prozedur erschließt sich vor unserem inneren Auge, auch wenn wir die Patientin nicht einmal direkt von vorne sehen.)

Insgesamt bleibt „The Knick“ aber ein sehr erfreulicher Serienneustart aus den letzten Wochen, in dem gute schauspielerische Leistungen, die thematische Komplexität und hohe Schauwerte Woche für Woche auf sehr beachtlichem Niveau abgeliefert werden.

Verfasser: Felix Böhme am Samstag, 23. August 2014
Episode
Staffel 1, Episode 3
(The Knick 1x03)
Deutscher Titel der Episode
Syphilis
Titel der Episode im Original
The Busy Flea
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 22. August 2014 (Cinemax)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 9. Dezember 2014
Autoren
Jack Amiel, Michael Begler
Regisseur
Steven Soderbergh

Schauspieler in der Episode The Knick 1x03

Darsteller
Rolle
Andre Holland
Jeremy Bobb
Juliet Rylance
Eve Hewson
Cara Seymour
Grainger Hines

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