The Knick 1x02

In der Auftaktepisode von The Knick (Method and Madness) wurde die Grundidee der Serie etabliert und ein authentisches Bild der Gesellschaft und Zeit in New York vor mehr als hundert Jahren gezeichnet. Ebenso diente sie vor allem der Einführung der Hauptfigur Dr. John Thackery (Clive Owen). In der zweiten Folge des Historiendramas bekommen nun auch zahlreiche Nebencharaktere etwas mehr Raum zur Entfaltung.
Dies weiß durchaus zu gefallen, gelingt die Charakterisierung einzelner Figuren doch nachvollziehbar und authentisch. Zusätzlich wird anhand verschiedener Interaktionen unter den Charakteren eines der leitenden Themen von „The Knick“ aufgearbeitet und immer wieder in den Mittelpunkt gerückt. Der Konflikt als auch der Kontrast zwischen der unaufhaltsamen Moderne und altbackener, regressiver Ansichten markiert dabei den roten Faden in Mr. Paris Shoes. Er gibt der Episode einen übergeordneten Rahmen, der die einzelnen Geschichten und Handlungsstränge wunderbar umschließt.
A modern hospital
In „Mr. Paris Shoes“ ist es schon arg auffällig, wie sehr das Autorenteam von „The Knick“ und Regisseur Steven Soderbergh ihren Zuschauern vermitteln wollen, an was für einem Scheidepunkt wir uns in der Geschichte der amerikanischen Gesellschaft hier befinden. Dies gilt nicht nur für den medizinischen Forschritt, sondern auch vor allem für gesellschaftliche Veränderungen, die sich in den nächsten Jahrzehnten der amerikanischen Geschichte vollziehen werden.
Durch das geschickte Kontrastieren gleich zu Beginn der Episode wird dieser Eindruck nur verstärkt. So kommt der von dem Großteil seiner neuen Kollegen eher weniger gern gesehene Dr. Edwards (André Holland) in einem heruntergekommenen Apartment in einem New Yorker Stadtteil „für“ die afroamerikanische Bevölkerung direkt mit den krassen gesellschaftlichen Unterschieden dieser Zeit in Berührung. Währenddessen genießt Cornelia (Juliet Rylance) ein gediegenes Frühstück mit ihren Eltern fernab irgendwelcher Sorgen, dass das Leitungswasser verdreckt sein könnte.

Vergleichbare Szenen lassen sich in „Mr. Paris Shoes“ reichlich finden, ob sie uns nun bildlich präsentiert oder eher subtil über die Interaktion zwischen den unterschiedlichen Charakteren vermittelt werden. So sieht sich Edwards aufgrund seiner eher priviligierten Erscheinung selbst dem Argwohn der Bewohner seines Wohnhauses ausgesetzt, was unter anderem dazu führt, dass er letztendlich die Fäuste für ihn sprechen lassen muss.
Cornelia im Speziellen möchte man gar keinen Vorwurf machen, dass sie die festgefahrenen Vorstellung von Rassentrennung unterstützt, ganz im Gegenteil sogar. Die leicht überforderte Krankenhauschefin möchte durchaus etwas Wandel betreiben, doch sie denkt dafür doch ein wenig zu einfach und naiv. Sie mag zwar schockiert sein, dass Edwards in das Kellergewölbe des „Knicks“ verfrachtet wurde, doch der junge Doktor selbst hat mit nichts anderem gerechnet. Er gibt sich weitaus weniger Illusionen hin als seine Vorgesetzte, ein namenhafter Doktortitel macht Edwards in den Augen seiner Kollegen und Patienten noch lange nicht gleichwertig.
Only here to keep the lights on
Die Figur des Dr. Algernon Edwards ist es auch, der sich in Mr. Paris Shoes von Soderbergh und den Autoren am meisten zugewendet wird, was wiederum auch den stärksten Aspekt dieser Folge ausmacht. Durch einfache Mittel erhält Edwards spezifische Charakterzüge, seine spezielle Situation wird deutlich und vor allem auch, wie sehr er im Stillen damit zu kämpfen hat. Aber anstatt das Handtuch zu werfen, packt Edwards an und richtet sich flugs eine eigene kleine Praxis im modrigen Keller des Knicks ein, wo er dunkelhäutige Patienten behandeln will.
Darsteller André Holland macht sich mit seiner gefassten, aber zugleich auch sehr bestimmten Art vortrefflich und erntet zahlreiche Sympathiepunkte beim Zuschauer. Wo Chefchirurg Thackery einzig für den medizinischen Fortschritt zu stehen scheint, verkörpert Edwards nicht nur ärztliche Expertise und modernes Wissen, sondern generell auch eine Figur, die das veraltete Gesellschaftsbild in New York um 1900 bei den Hörnern packen will und auf seine Weise entscheidende, wenn auch langsam verlaufende Veränderungen bewirken möchte.
Thackery hingegen ist nach wie vor weniger gut auf Edwards zu sprechen, sieht er in dem jungen afroamerikanischen Doktor doch mehr ein Druckmittel von Cornelia, um den Tagesbetrieb und die spärliche elektronische Versorgung im „Knick“ am Laufen zu halten. Jedoch erfährt auch er ein wenig mehr Charakterisierung, wenn wir einen Rückblick auf den Beginn des beruflichen Miteinanders von Thackery und OP-Koryphäe Christenson (Matt Frewer) erhalten.
Der bärtige Chefchirurg übte sofort eine Faszination auf Thackery aus, der seitdem seinem Vorgesetzten im Streben nach medizinischem Fortschritt in Nichts nachstand. Ähnlich wie Christenson will Thackery nicht in der Vergangenheit verweilen und mutig voranschreiten. Unglücklicherweise geht mit seiner Profession eine emotionale Belastung einher, die Christenson sein Leben gekostet hat. Aus diesem Grund greift Thackery auch zu den Rauschmitteln, um zu verhindern, dass ihn die Verluste auf dem OP-Tisch zu nahe gehen. Im Zuge dessen verlangt er auch noch einmal von der jungen Krankenschwester Elkins (Eve Hewson) absolute Diskretion, hatte sie ihn doch in einer seiner dunkelsten Stunden gesehen.
Sollten Thackerys Drogenprobleme ans Licht der Öffentlichkeit kommen, wäre nicht nur sein Ruf, sondern auch der des Knickerbockers Geschichte. Dass mit Thackerys Suchtverhalten jedoch gänzlich andere Probleme und vor allem eine emotionale Leere einhergehen, zeigt wiederum das abschließende Bild Thackerys in einer Opiumhöhle samt Freudenhaus, in die er immer wieder zurückkehrt, weil er nun einmal nichts anderes in seinem Leben hat.

Take a swing
Auch weitere Angestellte des Knickerbocker Hospital treten in „Mr. Paris Shoes“ in Erscheinung, darunter Thackerys direkte Untergebene Dr. Everett Gallinger (Eric Johnson) und Dr. Bertram „Bertie“ Chickering Jr. (Michael Angarano). Insbesondere Bertie hinterlässt den Eindruck, dass er als sehr junger und weltoffener Mensch mit dem neuen Kollegen Edwards klarkommen könnte. Bei Gallinger zeichnet sich jedoch ein anderes Bild ab, was in der Vorwoche schon angedeutet und nun verstärkt wird.
Dabei bietet sich ein Blick auf eine komplizierte Operation an, an deren Ende der Patient verstirbt. Wo Thackery (und eventuell auch Edwards) mutig das Risiko suchen, um die allerkleinste Chance wahrzunehmen, den Patienten zu retten, präsentiert sich Gallinger zögerlich und voller Zweifel. Ob dies der richtige Mann für die zweite Geige im „Knick“ unter Thackery ist, wird sich der waghalsige Chefchirurg noch selbst fragen müssen. Gleichzeitig wird abermals ein Kontrast zwischen den beiden Konkurrenten Gallinger und Edwards gezeichnet. Wo letzterer mit gezielten Schikanen und latentem Rassismus zu kämpfen hat, ist Gallinger ein gut situierter Familienvater, dessen Starrsinn und übertriebener Stolz ihm jedoch zum Verhängnis werden könnten.
Gallingers ärztliche Fähigkeiten in allen Ehren, Edwards wirkt weit mehr wie ein Arzt der unmittelbaren Zukunft als Gallinger. Anstelle diesen um Hilfe bei einem verzwickten Eingriff zu bitten, brechen Ambulanzkutscher Cleary (Chris Sullivan) und Bertie unter der Führung von Gallinger sogar in ein nahegelegenes Institut ein, um dort französischsprachige Fachzeitschriften für eine spezielle OP zu studieren. Warum es sich so schwer machen, wenn die Lösung im versifften Kellergewölbe des „Knicks“ sitzt?
Be creative
Superintendant und Finanzvorstand Herman Barrow (Jeremy Bobb) hat abseits von alledem eine persönliche Krisensituation zu bewältigen. Der aalglatte Anzugsträger hatte bereits in der letztwöchigen Auftaktepisode Skepsis bei mir gesät und nun zeigt sich auch, dass diese durchaus begründet war. Barrow muss sich erst einmal die berechtigten Vorwürfe Cornelias und Thackerys gefallen lassen: Die elektrische Versorgung im „Knick“ ist nach wie vor mangelhaft. Nach einem Vorfall im OP-Saal hat nun sogar eine Krankenschwester ihr Leben verloren, weil die elektrischen Leitungen unzureichend verlegt und isoliert wurden. Zusätzlich fehlt es dem Knickerbocker an Leichen für medizinische Zwecke, was insbesondere Thackery moniert. Eine Menge Arbeit für Barrow, die ihn deutlich überfordert.
Wie sich nämlich recht schnell herausstellt, hat Barrow bei der Auswahl des Unternehmens für die Elektroinstallation ordentlich mitverdient. Was er dort gespart hatte, wanderte in seine eigene Tasche. Der Plan ging jedoch hinten los, wodurch der Superintendant jetzt gehörig nachzahlen muss. Doch dies ist nicht die einzige pikante Situation, in der sich Barrow wiederfindet. Anscheinend treibt er auch noch ein gefährliches Spielchen mit einem New Yorker Gangster, dem er nicht wenig Geld zu schulden scheint, was wiederum seine persönliche Sparpolitik im „Knick“ erklärt. Der Mafiosi ist das Warten jedoch leid und sendet eine eindeutige und schmerzhafte Warnung an Barrow. Auch mit diesem kleinen Nebenplot erhält eine weitere Figur in The Knick ein wenig mehr Profil und zusätzlich machen wir einen neuerlichen Abstecher in die finstere Realtität des New Yorks um 1900.

No place for a proper girl
Zum Ende von Mr. Paris Shoes greift Soderbergh dann erneut das Spannungsverhältnis zwischen alteingesessenen und modernen Ansichten auf. Cleary, der zuvor noch mit Barrow um die Bezahlung für neue „Patienten“ für das Knickerbocker gefeilscht hatte und nun seinen hart verdienten Lohn versäuft, mag seinen Augen nicht recht glauben, als er Schwester Harriet (Cara Seymour) in Zivil durch die eher zwielichtige Gegend schreiten sieht, in der er sich gerade aufhält.
Harriet, die als rauchende Geistliche schon in Method and Madness einen sehr lockeren Eindruck hinterließ, hilft hier einer jungen Frau, die eine Abtreibung vollziehen möchte. Entgegen der Erwartung, Harriet würde dies als hochreligiöse Person verteufeln, sichert sie der jungen Frau ihr und Gottes Verständnis zu. Gesellschaftlicher Wandel und progressives Denken sind in The Knick greifbar und über die einzelnen Figuren gelingt die Vermittlung dieser Aspekte und die Erschaffung einer interessanten, ergiebigen Serienwelt spielend leicht.
Fazit
Es ist durchaus positiv zu werten, dass bereits in der zweiten Epsiode von The Knick die vermeintliche Hauptfigur mehr in den Hintergrund rückt und die Autoren sowie Steven Soderbergh auf die Stärken ihrer Nebenfiguren vertrauen. Diese Entscheidung wird mit einer abwechslungs- und themenreichen Folge belohnt, die uns nicht nur mehr von den verschiedenen Charakteren zeigt, sondern auch von der Zeit, in der sich diese bewegen.
Auffällig sind in Mr. Paris Shoes erneut einige technische Kniffe, die Soderbergh bewusst wählt, um den Fokus gezielt zu setzen. Besonders markant erschien mir das Gespräch nach der OP zwischen Thackery, Bertie und Gallinger, bei dem die Kamera auf letzterem verharrte und so all dessen Gesichtszüge und somit auch Zweifel einfing. Aber auch die Ausleuchtung verschiedener Szenen gefiel sehr gut und sorgte für stimmungsvolle Momente. Außerdem muss, nachdem es letzte Woche vergessen wurde, noch Cliff Martinez („Drive“) namentlich erwähnt werden, der mit seinem einzigartigen Sounddesign wortwörtlich immer wieder die richtigen Töne trifft.
Die ganz großen dramatischen Momente lassen sich nun vielleicht nicht in „Mr. Paris Shoes“ finden. Jedoch kann man darüber problemlos hinwegsehen, wenn das Gesamtbild äußerst ansprechend ist, die Episode selbst einen sehr runden Eindruck macht und einen erwartungsvoll auf die nächsten Folgen blicken lässt.
Verfasser: Felix Böhme am Samstag, 16. August 2014(The Knick 1x02)
Schauspieler in der Episode The Knick 1x02
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