The Knick 1x10

The Knick 1x10

Das Finale der ersten Staffel des Historiendramas The Knick stellt einen hervorragenden vorzeitigen Abschluss aller Handlungsstränge dar, obwohl wir als Zuschauer gleichzeitig sehr im Ungewissen gelassen werden, was unsere Figuren in der zweiten Staffel erwarten wird.

Lehrling und Mentor von Angesicht zu Angesicht: Bertie (Michael Angarano) und Thackery (Clive Owen) in „Crutchfield“ / (c) Cinemax
Lehrling und Mentor von Angesicht zu Angesicht: Bertie (Michael Angarano) und Thackery (Clive Owen) in „Crutchfield“ / (c) Cinemax

Den Serienmachern um Steven Soderbergh gelingt in Crutchfield schon ein kleines Kunststück, das muss man neidlos erkennen. Ich selbst musste ein wenig mehr als sonst grübeln, was für eine Wertung sich die letzte Episode der ersten Staffel von The Knick verdient hat, nur um wenig später zu dem Schluss zu kommen, dass „Crutchfield“ meinen persönlichen Sternstunden der Serie in nicht viel nachsteht und sich nur sehr wenige Makel leistet.

Ein Grund für dieses sehr gelungene Finale ist unter anderem der erzählerische Balanceakt, der hier vollführt wird. Die Episode ist weder zu reißerisch noch zu inkonsequent inszeniert. Die oftmals wilden Szenenwechsel mögen vielleicht ein wenig irritieren und dennoch wird eine eigenwillige narrative Struktur beibehalten, die fesseln kann, den verschiedenen Charakteren Raum zur Entfaltung gibt und gleichzeitig thematische Verknüpfungen zwischen den einzelnen Figuren schafft. Dabei entsteht jedoch selten das Gefühl, dass es sich hier um ein klassisches Staffelfinale handelt, auch wenn wir am Ende mehrere Cliffhanger wie aus dem Lehrbuch serviert bekommen.

Rotten riddle

Es ist ein wenig erstaunlich, wie viel am Ende von „Crutchfield“ tatsächlich in der Schwebe liegt. Ein John Thackery (Clive Owen) findet sich nach einer für seine Figur sehr turbulenten Episode in einer Rehaklinik wieder, wo seine Drogensucht behandelt werden soll. Edwards (André Holland) liegt zusammengeschlagen in der Gosse und Cornelia (Juliet Rylance) steht nach ihrer Hochzeit vor ihrem endgültigen Umzug nach San Francisco.

Außerdem: Berties (Michael Angarano) Idol wurde demontiert, Elkins (Eve Hewson) hat ihre große Liebe Thackery an das Kokain verloren, Gallingers (Eric Johnson) komplettes Leben liegt in Trümmern und nebenbei wird nach einer eindeutigen Abstimmung das altehrwürdige Knickerbocker Hospital geschlossen und in einen anderen Stadtteil umgesiedelt, wo die Aussicht auf zahlende Patienten weit größer ist.

Schaut man sich dieses Endergebnis von „Crutchfield“ und der ersten Staffel von „The Knick“ an, stellt man sich zum einen die Frage, was einen in der schon lange bestellten zweiten Staffel des Dramas erwarten wird. Zum anderen fragt man sich natürlich auch, wie es überhaupt zu diesen Entwicklungen kommen konnte, die vor allem in der zweiten Staffelhälfte erst richtig an Fahrt aufgenommen hatten.

A fake

Im Falle von Thackery dürfte es einen wohl am wenigsten verwundern, wo sich der Chefchirurg des Knicks am Ende von „Crutchfield“ wiederfindet. Vielmehr wird man abermals von dessen manischer Seite fasziniert sowie abgeschreckt, die durch seinen wieder aufgenommenen regelmäßigen Kokainkonsum beängstigende Züge annimmt. Etwas plötzlich scheint der Schwenk von Thackerys Entzugsleiden aus den letzten Episoden zu seinem altbekannten Verhalten schon, dennoch wird man von Owens starker Darbietung direkt wieder in den Bann seiner Figur gezogen.

Treibt sich selbst immer weiter an: Dr. John Thackery (Clive Owen). © Cinemax
Treibt sich selbst immer weiter an: Dr. John Thackery (Clive Owen). © Cinemax

Das abermalige Auftreten von Dr. Zinberg (Michael Nathanson) aus Chicago, der dem „Knick“ einen Besuch abstattet, löst bei Thackery eine fast kindische Reaktion aus, sieht er in dem talentierten Kollegen doch einen bedingungslosen Rivalen um Ruhm und Ehre. Zinberg selbst möchte mit seinen bahnbrechenden Studien zur Bluttransfusion und den verschiedenen Blutgruppen lediglich der Allgemeinheit dienen, doch Thackery sieht sich und seinen Status als Medizinerkoryphäe in Gefahr. Also wirft er eigene Forschungsprojekte flugs über den Haufen, um sich selbst der Erforschung des menschlichen Blutes und der Problematik von Transfusionen zu widmen.

Auch dieser Umschwung in Thackerys Handeln kommt ohne wirkliche Ankündigung. Trotzdem scheint es schon ein wenig symptomatisch, wie impulsiv er seine Entscheidungen unter Drogeneinfluss trifft und wie egozentrisch er sich doch präsentiert. Wie so oft zuvor sieht er mal wieder nur sich selbst, alles und jede/r außerhalb seiner Blase existiert nicht. Und falls man ihm Widerworte gibt und ihm seine Grenzen verdeutlichen will, wird man nur boshaft angefahren und mit Missachtung gestraft.

Do as you're told

Insbesondere Elkins und Bertie erfahren dies leidvoll am eigenen Körper, die scheinbar letzten beiden Verbliebenen, die Thackery nach wie vor treu ergeben sind. Edwards hat seinen Vorgesetzten schon lange aufgegeben und plädiert mit einer sofortigen Absetzung der Droge auf eine drastische Behandlung, was Elkins jedoch ablehnt, weiß sie doch, wie schrecklich sich Thackery dann erst verhalten wird. Machtlos muss sie dann aber mit ansehen, wie das Kokain ihren Geliebten in den Wahnsinn treibt, woraufhin sie sicherlich ihre Mitschuld daran als seine Dealerin bereut.

Für Bertie ist die Offenbarung von Thackerys Drogensucht ein viel größerer Schlag, wollte er den Gerüchten bis jetzt doch keinen Glauben schenken. Zinberg ist ein aufrichtiger Doktor, der Thackery entgegenkommt und allein den medizinischen Nutzen einer Kollaboration sieht, doch Thackerys unbegründetes Rivalitätsdenken und seine Paranoia ziehen den Chirurgen immer tiefer runter, bis er letztendlich sogar den loyalen Bertie des Verrats bezichtigt.

Für diesen zerbricht eine kleine Welt, als er endlich Thackerys wahres Gesicht zu sehen bekommt. Zum ersten Mal erleben wir, wie Bertie lautstark seinen Lehrmeister anfährt und Elkins tadelt. Ein längst überfälliger Moment des sympathischen Jungdoktors, der bisher immer sehr freundlich und zuvorkommend war. Doch nun muss Bertie seiner Frustration und Enttäuschung einfach freien Lauf lassen. Er hat Thackery vor seinem Vater verteidigt, der nun wiederum die Einweisung des erbärmlichen Arztes in die Rehaklinik anleiert. Die schillernde Figur des Dr. John Thackery war nichts weiter als ein Trugbild und Bertie hätte es vielleicht schon viel früher kommen sehen müssen.

Was it terrible?

Ein Sinnbild für Frustration war die gesamte Staffel über weg auch die Figur des Dr. Algernon Edwards, der in Crutchfield ebenfalls einen neuen Tiefpunkt erreicht. Dabei sah es für ihn noch kürzlich und im Vergleich zu Beginn des Dramas eigentlich sehr gut aus: In der Krankenhaushierarchie stieg er immer weiter auf und mit Cornelia schien er auch eine sehr erfüllende emotionale Beziehung zu haben, die nun jedoch ein abruptes Ende nimmt. Nachdem Cornelia erfolgreich von Harriet (Cara Seymour) eine Abtreibung hat durchführen lassen, erkundigt sich Edwards nach ihrem Wohlergehen, nur um letztendlich die Beziehung zu ihr zu beenden. Edwards weiß, dass die beiden keine gemeinsame Zukunft haben können und so sitzt er wie ein Häufchen Elend - auch, weil er sein Kind verloren hat - neben der aufgelösten Cornelia.

Edwards (Andre Holland) gemeinsam mit Cornelia (Juliet Rylance) in %26bdquo;Crutchfield%26ldquo; © Cinemax
Edwards (Andre Holland) gemeinsam mit Cornelia (Juliet Rylance) in %26bdquo;Crutchfield%26ldquo; © Cinemax

Auch diese Szene zwischen diesen beiden Figuren ist ergreifend sowie gefühlvoll inszeniert und erneut wird mit einer subtilen Bildsymbolik gespielt, die mehr sagt als tausend Worte. Cornelias blütenweißes Outfit, nachdem sie kurz vor der Abtreibung noch komplett in Schwarz gehüllt war, bietet Raum zur Interpretation. Ebenso: die wunderbare Montage zu den Klängen eines sakralen Chorgesangs, während Cornelia zum Altar schreitet und Edwards sich in seiner Stammkneipe erneut auf einen blutigen Faustkampf auf offener Straße einlässt. Abermals lässt man lieber Bilder als Worte sprechen, was zweifellos eine der großen Stärken von The Knick ist und bisweilen überragend exzerziert wird.

Hello sweetheart

Ein anderes Markenzeichen der visuellen Umsetzung in The Knick ist ohne Frage, wie bewusst die Kamera immer wieder auf bestimmten Charakteren verharrt, während im unscharfen Hintergrund ein Gespräch über die Person im Fokus stattfindet. Exemplarisch hierfür ist in Crutchfield die Unterhaltung zwischen Gallinger und dem Doktor einer psychiatrischen Anstalt (John Hodgman) über Gallingers Frau Eleanor (Maya Kazan). Als Zuschauer muss man - wie Gallinger - erst einmal den Schock und das extreme Bild seiner Frau verdauen, da Eleanor sämtliche Zähne gezogen wurden. Hier lagern sich nämlich Bakterien ab, die das Gehirn angreifen könnten und die psychische Erkrankungen bedingen. Und wenn es nach dem seltsamen Doktor geht, müssen Eleanor noch so einige Körperteile entnommen werden, um eine erfolgreiche Behandlung zu bewirken.

Dies ist zum einen ein unangenehmer Verweis darauf, wie skurril und archaisch die medizinische Forschung vor mehr als 100 Jahren gewesen ist. Zum anderen leiden wir aufgrund des Erscheinungsbildes von Eleanor mit Gallinger mit, der nach seiner Tochter, seiner Frau und seiner beruflichen Perspektive nun in der Tat alles verloren hat. Aus diesem Grund attackiert er auch Edwards, dem er nach wie vor eine große Schuld daran gibt. Doch auch Thackery greift er verbal an, weil dieser ihn in seinen Augen einfach im Stich gelassen hat. So sehr Gallinger im Verlauf der Staffel nur eine Nebenfigur gewesen ist, so greifbar und nachvollziehbar gestaltet sich am Ende sein persönliches Drama.

Bargaining with the devil

Etwas obskur mutet in „Crutchfield“ derweil der Handlungsstrang um Barrow (Jeremy Bobb) an, der sich ein für alle Mal von seinem Peiniger Bunky Collier (Danny Hoch) befreien will. Nach einem schmerzhaften Faustschlag auf sein bestes Stück durch einen von Colliers Handlangern treibt Barrow ein gefährliches Spiel mit dem Opiumhöhlenbesitzer Wu (Perry Yung). Im Namen Thackerys bittet er ihn darum, Collier den Garaus zu machen, weil Thackery angeblich die Daumenschrauben von diesem angelegt bekommen hat. So verkauft er seine brenzlige Lage als die von Thackery - und, da Wu dem Arzt aufgrund des Verhinderns seines Erstickungstods noch einen Gefallen schuldet, sehen wir den chinesischen Landsmann, wie er in einer herrlich überzeichneten Szene mit zwei Sichelwaffen und einer Wurfaxt Collier und seine Schergen ausschaltet.

Wieder erscheint eine Szene, als würde sie nicht ganz ins Gesamtbild der Episode passen. Dennoch packt sie einen, weil sie eben komplett unerwartet und fast atypisch für den Verlauf der Folge ist. Barrows Geldsorgen bleiben letztendlich bestehen, denn Wu kommt dem aalglatten Finanzvorstand auf die Schliche und übernimmt einfach das Schuldenbuch von Collier.

What have I done?

Während der Großteil der Figuren von der ersten Episode an entscheidende Veränderungen durchgemacht hat, bleibt Barrow weiterhin im Würgegriff eines gnadenlosen Gläubigers. Es ist schon interessant, wie einem verruchten Charakter verständlicherweise kein positives Ende seines Handlungsstrangs gegönnt wird und wie sich scheinbar aufrichtige Figuren in ähnlich frustrierenden und hoffnungslosen Lagen wiederfinden. Das Autorenteam um Jack Amiel, Michael Begler und Steven Katz macht dabei keine Ausnahmen. Gnadenlos werden die Figuren ihren Dilematta überlassen, eine wirklich positiv stimmende Note gibt es am Ende nicht.

Die einzige Figur, der hier Enttäuschungen erspart bleiben, ist ironischerweise der raubeinige Ambulanzkutscher Cleary (Chris Sullivan). Dieser verdient sich weiterhin eine goldene Nase als Harriets Gehilfe. Warum aber gerade er vor einem großen Drama verschont bleibt, ist rein spekulativ. Vielleicht liegt es einfach an seiner sehr unverblümt ehrlichen und rationalen Art oder daran, dass er sich im Grunde nicht viel zu Schulden kommen lässt - ganz im Gegensatz zu all den anderen Figuren, die sich ihre harte Lektion verdient haben. So auch der unschuldige Bertie aufgrund seiner Naivität gegenüber Thackery. Cleary ist vielleicht kein Heiliger, doch seine Verfehlungen wirken fast harmlos im Vergleich zu den charakterlichen Schwächen und moralischen Vergehen der anderen Angestellten des „Knicks“.

Eve Hewson als Lucy Elkins in %26bdquo;Crutchfield%26ldquo; © Cinemax
Eve Hewson als Lucy Elkins in %26bdquo;Crutchfield%26ldquo; © Cinemax

Das abschließende Bild dieser Staffel ist wiederum Thackery selbst vergönnt - und es könnte vielsagender nicht sein. Zuvor stimmte er ohne zu murren seiner Einweisung zu (unter dem Mädchennamen seiner Mutter, Crutchfield), was sicherlich auch mit einer fehlgeschlagenen Transfusion an einem jungen Mädchen zu tun hat, die daraufhin verstirbt und Thackery die Augen öffnet, was aus ihm geworden ist. Nun wird seine Kokainsucht mit einer anderen Droge behandelt: dem schmerzstillenden Heroin. Der blanke Hohn, möchte man meinen. Dass Soderbergh und seine Autoren aber auf ein derartig groteskes Schlussbild zurückgreifen, verwundert mitnichten. Mit einem breiten Grinsen gleitet Thackery ins Land der Träume, die Leiden und Sorgen sind passé. Und wir dürfen uns gut ein Jahr gedulden, bis all die offenen Fragen gelöst werden.

Fazit

Wie bereits zuvor erwähnt, hat „Crutchfield“ nicht wirklich den überaus dramatischen Charakter eines Staffelfinals, auch wenn sich genügend dramatische Vorfälle ereignen. Gewohnt unaufgeregt erzählt man dieses abschließende Kapitel, an dessen Ende ob der verschiedenen Schicksale der Figuren der Pessimismus überwiegt. Dies trauen sich nicht viele Serienmacher zu, was mir als Zuschauer Respekt abgewinnt.

Trotz ein paar holpriger Stellen überzeugt auch diese Episode, die sowohl berühren als auch schockieren kann. Mit seinem visuellen Stil hat sich The Knick zweifelsohne einen Platz unter den besten Serien des Jahres verdient, die musikalische Untermalung muss man eigentlich Woche für Woche lobend erwähnen und Ähnliches gilt für die extrem authentischen und teilweise überragenden Leistungen der Darstellerriege. Bleibt nur zu hoffen, dass sich dieses Serienkleinod in seiner zweiten Staffel über ein paar mehr Zuschauer freuen darf. Verdient hätte es sich das allemal.

Verfasser: Felix Böhme am Montag, 20. Oktober 2014

The Knick 1x10 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 10
(The Knick 1x10)
Deutscher Titel der Episode
Blut
Titel der Episode im Original
Crutchfield
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 17. Oktober 2014 (Cinemax)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 27. Januar 2015
Autoren
Jack Amiel, Michael Begler
Regisseur
Steven Soderbergh

Schauspieler in der Episode The Knick 1x10

Darsteller
Rolle
Andre Holland
Jeremy Bobb
Juliet Rylance
Eve Hewson
Cara Seymour
Grainger Hines

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?