The Killing 4x06

Ganz am Ende, in der möglicherweise letzten Einstellung von The Killing, da erlaubt die Showrunnerin und Autorin des finalen Drehbuchs, Veena Sud, ihrer Protagonistin Sarah Linden (Mireille Enos) ein Lächeln. Es ist das erste echte Lächeln, das diese Figur zustande bringt. Es steht damit stellvertretend für vier Staffeln, die vor Elend nur so trieften. Die Abwesenheit jeglicher Form von Absolution, von Gnade oder irgendeiner Erlösung war das hervorstechende Merkmal von The Killing.
I should've known you would leave me too
In der verkürzten vierten Staffel (sie hat nur sechs Episoden) scheinen Sud und Kollegen dieses Prinzip auf die Spitze treiben zu wollen. Allzu oft verwechseln sie dabei Düsternis und Dunkelheit mit Tiefgang. The Killing hatte es bei Publikum und Kritik nie leicht. Am Ende der ersten Staffel gab es einen kollektiven Aufschrei, als das Mordmysterium um Rosie Larsen nicht aufgeklärt wurde, obwohl das in einer Werbekampagne angedeutet worden war. Die zweite Staffel holte nach, was die erste versäumt hatte, konnte damit aber ebenso wenig überzeugen.
Die dritte Staffel darf als beste der gesamten Serie eingestuft werden, weil es erstmals gelang, interessante Nebencharaktere zu etablieren. Vor allem die Straßenkids um Bullet (Bex Taylor-Klaus) und der im Todestrakt sitzende Ray Seward (Peter Sarsgaard) überzeugten mit kraftvoller Präsenz und mitreißenden inneren Konflikten. Und dann kam leider das Ende, das sämtliche positiven Entwicklungen der Staffel in sich zusammenfallen ließ. Es stellte sich heraus, dass Lindens Vorgesetzter, mit dem sie gleichzeitig eine Affäre hatte, der gesuchte Mörder mehrerer Straßenmädchen war.
Schon der red herring um Darren Richmond (Billy Campbell) am Ende der ersten Staffel hatte es erahnen lassen, und durch das Ende der dritten wurde die Vermutung vollends bestätigt: Sud ist wohl von dem Gedanken beseelt, unbedingt mindestens eine vermeintlich schockierende Wendung in jede Staffel einzubauen. Diese bräuchten es aber eigentlich gar nicht, ist es doch bei guten murder mysteries unerheblich, wer der wahre Mörder ist - solange die Suche nach ihm interessant ausgestaltet ist. The Killing zeigte in den ersten drei Staffeln einiges Potenzial, konnte dieses Versprechen aber nie wirklich einlösen.

Da ist es nur folgerichtig, dass nach drei Staffeln versäumter Chancen die vierte alle Schwächen der Serie noch einmal verstärkt reproduziert. Das omnipräsente Grau ist noch grauer, die Figuren noch einfältiger, die Geschichte noch hanebüchener. Linden ist noch gebrochener, Holder (Joel Kinnaman) ein noch größeres Arschloch. Es gibt kaum eine Szene, kaum eine Einstellung, in der nicht die absolute Dunkelheit regiert. Es wird keine Gelegenheit ausgelassen, größtmögliches Leiden, größtmögliche menschliche Niedertracht zu porträtieren. Es gibt keine einzige Atempause vom Bösen - bis zum Ende, einem Epilog, der skurriler nicht hätte sein können.
Everywhere I went everyone hated me
Nachdem Linden im Finale der dritten Staffel Selbstjustiz an ihrem Massenmörder-Freund Skinner (Elias Koteas) verübt und Holder sie dabei gedeckt hat, steigt die Handlung der neuen Staffel unmittelbar danach ein. Linden und Holder werden zur Ermittlung im Mordfall an einer ganzen Familie gerufen, während ihr Kollege Carl Reddick (Gregg Henry) skeptisch wird und beginnt, gegen die beiden zu ermitteln. Der Hauptzeuge im Mordfall der Familie Stansbury ist deren ältester Sohn Kyle, der die Mordnacht zwar schwerverletzt überlebt hat, sich an die Ereignisse aber nicht mehr erinnern kann.
Er besucht eine Elite-Militärakademie für schwierige Kinder schwerreicher Eltern, wo er von seinen Mitschülern unnachgiebig terrorisiert wird. Weil es scheinbar keine Verwandten gibt, die sich um ihn kümmern könnten, wird er in die Obhut der Internatsleiterin Margaret Rayne (Joan Allen) übergeben. Drehbuch und Regie bürden dem Kyle-Darsteller Tyler Ross dabei ein beinahe unmenschliches Maß an Trauergrimassen auf. Die Figur ist ständig entweder am Weinen oder kurz davor. Er muss einen Tiefschlag nach dem anderen einstecken, er bekommt kein erlösendes Moment zugestanden, keine Sekunde Ruhe vor all dem Terror. Und am Ende? Da kommt heraus, dass er seine gesamte Familie - inklusive der geliebten kleinen Schwester - kaltblütig ermordet hat, während sie in ihren Betten lagen.
Das alles wäre schon schwer genug anzusehen, wenn es wenigstens für die zentralen Figuren der Serie einige wenige erbauliche Momente gäbe. Doch auch Linden und Holder stecken in der dauerdüsteren Kandare des einbetonierten Drehbuchs fest. Linden wird noch mehr als üblich als Wahnsinnige, Manisch-Getriebene porträtiert, die mehr für die Toten übrig hat als für ihre lebenden Geliebten - was ihr Holder sogar glücklicherweise mehrmals sagt. Doch auch er darf einmal mehr seine tiefsten, dunkelsten Charakterzüge erkunden. Als die Gefahr immer größer wird, dass Reddick den beiden auf die Schliche kommt, sinkt Holder zurück in sein Loch aus Alkohol- und Drogenabhängigkeit, aus dem er einst so mühsam herausgekrochen war.

Es ist überdies kein Wunder, dass Reddick dies so einfach gelingt, offenbart sich Linden doch als überaus miese Spurenverwischerin. Sie bricht schnell mit den obersten Regeln der Tatverschleierung: Kehre nicht an den Tatort zurück! Behalte nicht das Handy des Ermordeten! Entsorge das Handy nicht am Tatort! Zudem hilft Reddick der glückliche Umstand, dass einer seiner Informanten zufällig in der Selbsthilfegruppe sitzt, in der Holder gerade völlig high beichtet, er habe jemanden umgebracht.
I never belonged anywhere
Diese allzu offensichtlichen Plotkonstruktionen könnte man geflissentlich ignorieren, würden sie nicht am Ende noch vom plötzlichen Auftauchen des Bürgermeisters Richmond gekrönt. Er setzt einer Staffel, die mit dem Porträt eines Jungeninternats bereits jedes erdenkliche Klischee erfüllt hat, den passenden Schlusspunkt. Weil es für den Ruf der Stadtpolitik verheerend wäre, wenn die Wahrheit um den „pied piper“ Skinner herauskäme, will er dessen Tod als Selbstmord darstellen und Linden damit entlasten. Er unterbreitet ihr das Angebot in einem Verhörzimmer, vor den Augen des stellvertretenden Polizeichefs und mehreren Beamten. Ihrer Drohung, mit der Wahrheit an die Öffentlichkeit zu gehen, begegnet er mit der schlichten Bemerkung, dass ihr angesichts ihrer Probleme mit psychischen Krankheiten niemand Glauben schenken werde. Case closed.
Und dann kommt dieser Epilog, in dem die Möglichkeit angedeutet wird, dass Linden und Holder fortan ein Liebespaar sein könnten. Dabei wurde der Einsatz dieser Trope - glücklicherweise - bisher kein einziges Mal auch nur angedeutet - mit Ausnahme einer Szene in der dritten Staffel, als Holder unter Drogeneinfluss versuchte, Linden zu küssen. Nun hat Linden jedoch offensichtlich nach fünfjähriger Entdeckungsreise ins eigene Ich herausgefunden, dass sie am glücklichsten war, wenn sie mit Holder im Auto saß und Zigaretten rauchte. Diese Entwicklung kann eigentlich nur von dem Wunsch getrieben sein, den Fans von Linden und Holder einen versöhnlichen Abschluss zu geben - dramaturgischen Sinn macht sie jedenfalls nicht.
Die größten Stärken der vierten Staffel liegen in der technischen Umsetzung - für das Finale konnte sogar der einstige Starregisseur Jonathan Demme („Das Schweigen der Lämmer“, „Philadelphia“) gewonnen werden. Lange Kamerafahrten, der omnipräsente Regen, ein tolles Locationscouting und die sehenswerte Ausstattung sorgen visuell für klaustrophobische Bedrückung. Es wäre nur schön gewesen, hätten sich die Autoren nicht zu sehr vom Szenenbild inspirieren lassen und ihren Charakteren manches Martyrium erspart. Das Versprechen, das The Killing zu Beginn der ersten und in der dritten Staffel abgegeben hatte, ist leider nie eingelöst worden.
Verfasser: Axel Schmitt am Samstag, 23. August 2014(The Killing 4x06)
Schauspieler in der Episode The Killing 4x06
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?