The Handmaid's Tale 2x13

© ??The Handmaid's Tale“ (c) Hulu
Warum schauen wir uns Serien an? Wir nutzen das Medium, um uns unterhalten und ablenken zu lassen, wir freuen uns wöchentlich auf neue Geschichten aus einer Welt, in die wir von Episode zu Episode tiefer eintauchen und deren Charaktere uns interessieren, bewegen, ja, vielleicht sogar einen derartigen Eindruck hinterlassen, ob nun positiv oder negativ, dass wir sie nicht mehr missen wollen. Serien können aber auch ein wunderbares Mittel sein, um auf gesellschaftliche Missstände hinzuweisen, aktuelle politische Themen anzusprechen und mittels fiktiver Welten den Finger in die vielen klaffenden Wunden unserer Zeit und Wirklichkeit zu legen. Das mag für die Zuschauer nicht immer einfach sein, kann jedoch einen gewaltigen Mehrwert haben, da man angeregt, wachgerüttelt oder vielleicht sogar provoziert wird, sich mit einer Sache zu beschäftigen, die einem zuvor eventuell nicht bewusst gewesen ist.
Die Buchadaption The Handmaid's Tale hat ihren Fokus von Beginn an eher auf letzteres gelegt und lässt seit zwei Jahren nicht nur einen Großteil der zentralen Figuren, sondern auch die Zuschauer der Hulu-Produktion leiden. Das Emmy-ausgezeichnete Drama ist seriengewordener „Emotional Torture Porn“, gleichzeitig zieht man erschreckende Parallelen zu politischen und gesellschaftlichen Themen, die augenblicklich durch die Nachrichten gehen und ein finsteres Bild vom momentanen Status unserer Welt zeichnen. Der zweiten Staffel, die mit der Episode The Word ihren im Netz mitunter sehr kontrovers diskutierten Abschluss gefunden hat, setzte im Vergleich zur ersten Staffel sogar noch einen drauf. Momente der Hoffnung und des Optimismus sind absolute Mangelware gewesen, vielmehr schleuderte man uns unaufhörlich einen Knüppel nach dem anderen zwischen die Beine. Und das nur zu gerne dann, wenn man sich gerade erst wieder aufgerappelt hatte.
Was übrig bleibt
So schmerzhaft und unerträglich all dies auch immer wieder sein kann, „The Handmaid's Tale“ hat sich zu einer extrem relevanten Serienproduktion gemausert, die uns auf schreckliche Art und Weise den Spiegel vorhält und wichtige Diskussionen anstößt. Aus der amerikanischen, ja, vielleicht sogar weltweiten Fernsehlandschaft ist das Format nicht mehr wegzudenken. Und dabei existiert „The Handmaid's Tale“ gerade einmal seit dem April 2017. Doch so wichtig diese Serie ist, so toll die Darbietungen von einer Elisabeth Moss oder einer in der zweiten Staffel hervorragenden Yvonne Strahovski sind, so faszinierend und kraftvoll sich die Inszenierung jeder einzelnen Folge oftmals auch gestaltet - „The Handmaid's Tale“ macht ehrlich gesagt keinen Spaß. Das soll es andererseits aber auch nicht. Und trotzdem wünscht man sich, dass all die Dunkelheit vielleicht mal ein Ende haben könnte. Dass man uns und den Charakteren mal die Hand reichen könnte. Doch auf jede positive Wendung folgt ein Nackenschlag. Immer. Und das ruft mitunter durchaus große Frustration hervor.
Mit diesem „Problem“ hat auch das Finale der zweiten Staffel zu kämpfen, in dem jedwede Aussicht auf Besserung nur von kurzer Dauer ist. Der Beobachter findet sich dabei in einem Wechselbad der Gefühle wieder, in einem erhabenen Moment ist die gesamte Macht einer Szene absolut greifbar, im nächsten verzieht man resignierend die Miene. Ist das eine Stärke der Serie? Oder eine Schwäche? Mittlerweile fühlt es sich so an, als hätten der Serienschöpfer Bruce Miller und sein Autorenteam nichts anderes im Sinne, als uns eine bittere Pille nach der anderen in den Rachen zu stopfen. Dann lässt man sich plötzlich von den vielen kleinen intimen Momenten, aus denen die Darsteller und Darstellerinnen so viel machen, komplett mitreißen und brodelt innerlich vor Wut, welche Tortur sie in dem Schreckensstaat Gilead durchleben müssen. Dieses Hin und Her laugt aus. Und selbst, wenn die Erlösung in unmittelbarer Distanz ist, sie wird uns und im konkreten Fall der Serie June nicht erteilt.
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Am Anfang war das Wort
Gemeint ist natürlich das Ende der Folge The Word, die sich bis zu diesem entscheidenden Moment für unsere Hauptfigur immer weiter hochschaukelt. Nach zwei gescheiterten Fluchtversuchen bietet sich June ein weiteres Mal die Chance, der Hölle auf Erden zu entkommen, sogar zusammen mit ihrem Baby und Emily (Alexis Bledel), die im Leben nicht damit gerechnet hätte, sich nach ihrem Angriff auf Aunt Lyndia (Ann Dowd) mit der Hilfe von Commander Lawrence (Bradley Whitford) in die Freiheit retten zu können. Doch man liest es bereits an dem ernsten Blick von Elisabeth Moss ab: June wird nicht nach Kanada zu ihrem Mann Luke und ihrer Freundin Moira Reißaus nehmen. Sie übergibt ihr Kind in die Obhut von Emily und verbleibt in Gilead. Der Einsatz des Songs „Burning down the House“ der Band Talking Heads gibt uns den nicht allzu subtilen Hinweis, dass sie dem Regime der totalitären Theokratie den Kampf ansagen wird. Für all die anderen, die unter dieser Herrschaft leiden, und natürlich für ihre Tochter Hannah, die sie in dieser Welt nicht zurücklassen kann.
Auf den ersten Blick ist das cool. „Badass“. Unsere Heldin, die in dieser Folge mehrmals ihre Frau steht und zum Beispiel ihrem misogynen Peiniger Commander Waterford (Joseph Fiennes) furchtlos eine satte Ohrfeige verpasst, läuft nicht weg, sie setzt sich zur Wehr. Von diesem Schlussbild kann man sich mitreißen lassen. Auf den zweiten Blick kommen jedoch Zweifel auf. Warum trifft June diese Entscheidung? Es gibt ausreichend gute Gründe. Und trotzdem ist man mit ihrer Wahl alles andere als zufrieden. Zum einen wäre ihre erfolgreiche Flucht einfach verdient und gut für die Zuschauerseele gewesen. Zum anderen richtet man den Blick auf die Zukunft der Serie, die in der dritten Staffel genau da weitermachen wird, wo sie aufgehört hat. June kehrt aller Voraussicht nach ins Haus der Waterfords zurück und bewegt sich weiter durch diese triste Welt, mit der Absicht, Veränderungen zu bewirken. In Serena (Yvonne Strahovski) hat sie womöglich eine neue Verbündete gewonnen, was durchaus interessante Folgen haben könnte.
Aber an diesem Punkt waren wir schon einmal. The Handmaid's Tale tritt auf der Stelle. Vielleicht ist das ein gewiefter Metakommentar, weil es auch in der Realität immer wieder dazu kommt, dass man anscheinend gegen Windmühlen kämpft, wenn man gesellschaftliche Veränderungen bewirken will. Vielleicht ist es auch einfach nur fehlender Mut, nach zwei Staffeln einen Schnitt zu machen und die Perspektive zu wechseln, wodurch etwas mehr Licht in die dunkle Erzählung kommen könnte. Vielleicht ist das alles ein Masterplan von Bruce Miller und Co, die sich etwas Ausgebufftes haben einfallen lassen, um in der nächsten Staffel den nächsten Schritt zu machen. Was auch immer es ist, für den Augenblick macht sich in mir ein Gefühl von Frust breit. Mit dem Abschluss der Staffel haben wir nichts erreicht, möglicherweise ist das die traurige Lektion, wenn man gegen ein krankes System wie das von Gilead rebelliert.
„Nichts erreicht“ ist natürlich harsch formuliert, denkt man zum Beispiel daran, dass June ihre Tochter vor einer schrecklichen Zukunft bewahrt hat, dass Emily wahrscheinlich ihre Familie wiedersehen wird und dass Serena die Augen geöffnet wurden, was für eine absurde Ideologie sie jahrelang unterstützt hat. Nichts davon fühlt sich aber wie ein richtiger Erfolg an. Und das soll es eventuell auch nicht, weil die Opfer, die für das Erreichen dieser Ziele gebracht wurden, unbeschreiblich groß gewesen sind. Aber dann darf man sich auch nicht wundern, dass „The Handmaid's Tale“ bei all dem Lob für die Darbietungen und für die technische Umsetzung die Zuschauerschaft wegläuft, weil man dieser nichts anderes gibt als eine emotionale Backpfeife nach der anderen.
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Das Licht im Dunkeln
Trotz dieser deutlichen, kritischen Worte kann ich verstehen, wenn für viele The Handmaid's Tale eine der besten Serien bleibt, die man sich aktuell anschauen kann. Die zweite Staffel hat noch einmal verdeutlicht, über was für einen hervorragenden Cast man verfügt und dass sich das Spektakel eben nicht nur auf Elisabeth Moss beschränkt, deren unnachahmlicher Blick ob all der Rück- und Tiefschläge, die ihr Charakter verdauen muss, auch in The Word immer wieder durch Mark und Bein geht. Yvonne Strahovski, deren Serena in diesem Staffelfinale einen wahrhaftigen Gänsehautmoment erzeugt, als sie die Ehefrauen der Kommandanten anführt, brillierte Woche für Woche, selbst wenn ihre Figur zwischenzeitlich etwas inkonsistent gezeichnet wurde und sich urplötzlich komplett veränderte.
Alexis Bledel bleibt eine hervorragende Nebendarstellerin, die hier Emilys Rage und Wut freie Hand lässt und Lydia attackiert, ohne sich in der Hitze des Augenblicks Gedanken darüber zu machen, welche Folgen das für sie haben könnte. Der Moment, als sie von einem manischen Lachen in einen erschütterten, angsterfüllten Gesichtsausdruck wechselt, als wäre es das Einfachste der Welt, ist schlichtweg großartig. Kleine Szenen, als sich zum Beispiel Rita (Amanda Brugel) June öffnet und ihre Verletzlichkeit preisgibt oder als Nick (Max Minghella) kurz Vater sein darf, haben immens viel Gewicht, ein Aspekt, den die Serie wie keine andere meistert und zur Schau stellt. Auf irgendeine Art und Weise wird man immer berührt, doch eben zu oft für einen Moment, der genauso schnell wieder entschwunden ist, wie er sich angebahnt hat.
Und so beeindruckend ich Mal für Mal die Inszenierung, allen voran den herausragenden Einsatz von Licht (Serenas Anhörung vor dem Rat der Kommandanten von Gilead ist hierbei Perfektion pur), finde: Auch diese Facette der Serie hat mittlerweile eine Schattenseite. Insbesondere der Einsatz von Musik scheint allmählich zu einer Art Gimmick verkommen zu sein. Zum einen ist es mittlerweile ein Markenzeichen von „The Handmaid's Tale“, eine schreckliche Szene mit einem tonal total konträren Popsong zu untermalen, dessen Liedtext in gewisser Weise auf den Inhalt der Serie anwendbar ist. So zum Beispiel der bizarre Moment im Wagen von Commander Lawrence, der offensichtlich seinen Spaß mit „Walking on Broken Glass“ von Annie Lennox hat, während Emily um ihr Leben bangt, weiß sie doch nicht, was der Sonderling mit ihr vorhat.
Die kurz bereits erwähnte Finalszene, als June fest entschlossen davonstampft und „Burning down the House“ erklingt, ist dann wiederum so einfach, so plump und plakativ, dass es fast ein bisschen faul erscheint, was die Verantwortlichen hier abziehen. Ja, ein Teil von mir kann dieser überzeichneten Inszenierung schon etwas abgewinnen, während ich mir aber gleichzeitig denke, dass dieses Stilmittel langsam ein wenig verbraucht ist und sich dementsprechend leer anfühlt. Und das darf einer Serie auf diesem hohen Niveau nicht passieren. Selten habe ich ein Format verfolgt, das so gut, so provokativ, so bewegend und so unbefriedigend und frustrierend auf einen Schlag sein kann. The Handmaid's Tale hat viele faszinierende Einzelteile zu bieten. An dem erfolgreichen Zusammenfügen all dieser hapert es jedoch zu oft. Und daran, auch mal einen anderen Ton anzustimmen als die permanente Finsternis, die alles und jeden in der Serie umgibt.
Wie hat Euch das Finale „The Word“ und die zweite Staffel von „The Handmaid's Tale“ insgesamt gefallen?
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Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 12. Juli 2018The Handmaid's Tale 2x13 Trailer
(The Handmaid's Tale 2x13)
Schauspieler in der Episode The Handmaid's Tale 2x13
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