The Handmaid's Tale 2x12

The Handmaid's Tale 2x12

Die Liebe ist tot und eines Tages werden wir auf schreckliche Art und Weise sterben. The Handmaid's Tale setzt auch in Postpartum, der vorletzten Episode der zweiten Staffel, zu einem vernichtenden Tiefschlag an. Inmitten all der Finsternis zeigt sich jedoch ein kleiner Hoffnungsschimmer...

„The Handmaid's Tale“ (c) Hulu
„The Handmaid's Tale“ (c) Hulu
© ??The Handmaid's Tale“ (c) Hulu

Es bleibt auch in der vorletzten Episode der aktuellen Staffel dabei: The Handmaid's Tale ist eine der gnadenlosesten, unfairsten und finstersten Serien, die dieses Jahr bisher hervorgebracht hat. Wo man in der ersten Staffel verteilt noch regelmäßig Momente des Widerstands und Aufschwungs beobachten konnte, serviert uns die zweite Staffel seit einigen Wochen nun einen herben Rückschlag nach dem anderen, ein erschütternder Tiefschlag folgt auf den nächsten. Das Leid der Charaktere, allen voran von June (Elisabeth Moss), ist zur Tortur für das Publikum geworden. Vielen Charakteren kann man es nachsehen, dass sie all die Schrecklichkeiten irgendwann nicht mehr ertragen können.

Wie oft liest und hört man im Zusammenhang mit „The Handmaid's Tale“, dass potentielle Zuschauer aktuell einfach nicht in der Lage dazu sind, sich mit dieser unheimlichen, fiktiven, aber doch so sehr in unserer Realität verankerten Serienproduktion auseinanderzusetzen? Und wer mag es ihnen verübeln. Nach der beispiellosen Tour de Force, die Elisabeth Moss in der vorangegangenen Episode After hinter sich gebracht hat, lässt man sie und uns in Postpartum nun wieder etwas subtiler leiden, doch nicht weniger intensiv. Einige Wochen sind nach der Geburt der kleinen Holly (oder eben Nichole, wie sie von den Waterfords benannt wurde) vergangen und wir tauchen direkt ein in die unmenschlich schwierige Situation, in der sich June nun wiederfindet und die man nicht einmal seinem schlimmsten Feind wünscht.

My sweet Nichole

Auf der einen Seite sehen wir Serena (Yvonne Strahovski) im absoluten Mutterglück, vielsagend von Regisseurin Daina Reid in hellen, warmen Tönen eingefangen, die Geborgenheit und idealen Glückszustand symbolisieren. Auf der anderen Seite springen wir abrupt in die triste, neue alte Welt von June, die wie ein Nutzvieh um ihre Muttermilch erleichtert wird und aus dem Leben ihrer Tochter komplett ausgeschlossen ist. Aber mach' dir keinen Kopf, Offred, der nächste Auftrag, die nächste Position im Haus eines wichtigen Kommandeurs ist schon zum Greifen nah, „praise be“ und „may the Lord open once again“! Es ist eine Qual, mit ansehen zu müssen, was unsere Protagonistin hier durchleben muss...

Mother knows best

June versucht, einen Umgang mit dieser außerordentlichen Situation zu finden, sie probiert, auf Distanz zu ihrem Kind zu gehen, damit der Schmerz, sie verloren zu haben, nicht Überhand gewinnt und sie zerstört und zerfrisst - so, wie wir es in der ersten Staffel im Fall von Janine (Madeline Brewer) gesehen haben, die in der Folge nie wieder die Gleiche gewesen ist. Doch ein Kind braucht seine Mutter, diese besondere Beziehung und Bindung ist durch nichts auf der Welt zu ersetzen und geht über das Füttern mit Muttermilch hinaus. June weiß, dass es für sie unerträglich sein wird, ins Haus der Waterfords zurückzukehren und mit ansehen zu müssen, wie ihre Tochter vor ihren Augen bemuttert wird. Sie kann und will sich aber auch nicht aus der Verantwortung stehlen, so gerne sie sich von ihrem Peiniger, dem selbstgerechten Commander Waterford (Joseph Fiennes), und der giftigen Serena lösen würde.

Während der Commander abermals seine hässlichste Fratze zeigt - nicht nur gegenüber June, sondern auch gegenüber Nick (Max Minghella), dem er dessen Vaterschaft beraubt hat, was er seinem Angestellten in einer schamlosen Machtdemonstration genüsslich vor Augen hält -, präsentiert sich auch Serena anfangs herz- und gewohnt empathielos. Die Hinrichtung der naiven, frommen, herzensguten Eden (Sydney Sweeney), die sich für wahre Liebe gegen ihre Glauben wendet, lässt aber anscheinend auch Serena erkennen, dass diese furchtbare Welt etwas Güte und Licht vertragen könnte. Zugegeben, dass Edens Tod (gespenstisch und famos inszeniert) letztlich der finale Auslöser ist, der Serena dazu bringt, ihr Verhalten gegenüber June zu überdenken, überrascht ein wenig. Immerhin war das Verhältnis zwischen ihr und Eden nicht auffällig gut oder spürbar innig. Edens tödliche Bestrafung dafür, dass sie ihrem Herzen gefolgt ist, ist jedoch so erschütternd und falsch, dass es kaum verwundert, wenn Serena die Mechanismen des Systems in Gilead erneut infrage stellt.

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Hulu
Hulu - © Hulu

Love is patient. Love is kind. Love is dead.

Im Laufe der Episode Postpartum erkennt Serena immer mehr, wie ungerecht sich sich verhält, sowohl gegenüber June als auch gegenüber Holly beziehungsweise Nichole. Kalte, für das Durchsetzen einer fanatischen Ideologie notwendige Gesetze gebieten ihr, wie sie sich in einer solchen Situation zu verhalten hat. Und anfangs geht sie damit konform, will sie June doch nie wieder in ihrem Umfeld haben. Auf den letzten Metern zeigt sich aber eine Menschlichkeit und eine Empathie, die tief in jedem verwurzelt ist und unterdrückt werden kann, wenn man auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist oder egoistische Entscheidungen trifft, um sich selbst nicht in Gefahr zu bringen. Serena gibt sich nun dieser Seite von ihr hin, weil es nun mal das einzig Richtige ist, was zu tun ist. Für June, für das Baby und in gewisser Weise auch für sich selbst.

Hier zeigt sich der besagte Hoffnungsschimmer in dieser grauen Folge, an dem man sich klammern kann. Es gibt weitere Szenen, in denen man versucht, die Charaktere und die Zuschauer zu ermutigen. Diese werden aber in The Handmaid's Tale-typischen Manier umgehend im Keim erstickt, bevor sie eine positive Wirkung entfalten können. June und Nick entfliehen zwischenzeitlich kurz in ihre Fantasiewelt und stellen sich vor, was für ein wunderbares Leben sie doch mit ihrer Tochter führen könnten - nur, um sogleich wieder unsanft aus diesen unschuldigen Traumvorstellungen herausgerissen zu werden. Was bleibt ihnen aktuell auch anderes als ihre Vorstellungskraft? Und für Edens Plädoyer für die Liebe, die niemals falsch sein kann, wenn sie aufrichtig und ehrlich ist, ist hier erst recht kein Platz, wie die brutale Hinrichtung von ihr und Isaac zeigt.

In dieser Hinsicht bleibt „The Handmaid's Tale“ unverändert niederschmetternd, jedes noch so zarte Pflänzchen der Hoffnung wird prompt zertrampelt. Deshalb hallt das Schlussbild zwischen June und Serena wahrscheinlich umso intensiver nach, weil in dieser Szene der Eindruck entsteht, dass es von diesem Punkt an in eine andere Richtung weitergehen könnte, eine Richtung, die einem Mut macht. Es ist noch nicht alles verloren, die Menschlichkeit hat nach wie vor Bestand. Oder aber man bereitet nur den nächsten fiesen Nackenschlag vor und gönnt uns diese hoffnungsvolle Momentaufnahme im Vorfeld, damit der kommende Fall besonders tief ist. Wie auch immer es kommen wird: Mit der finalen Aufnahme der Episode setzt man noch einmal gekonnt ein emotionales, bewegendes Ausrufezeichen, das sich zwar nur auf einer kleinen, sehr intimen Ebene abspielt, aber doch gigantische Strahlkraft hat.

Sweet dreams

Etwas deplatziert fühlt sich in Postpartum indes die Nebenhandlung um Emily (Alexis Bledel) an, die einem neuen Haushalt zugewiesen wird und dabei auf einen undurchsichtigen, neuen Charakter trifft. „Deplatziert“ heißt aber nicht „störend“ oder „uninteressant“. Es ist vielmehr eine Feststellung, weil man den Fokus doch klar auf die Charaktere im Waterford-Haushalt legt, der immens viel hergibt, und dann zusätzlich noch diese Nebengeschichte angeht, mit der man wahrscheinlich eine gesamte Folge hätte füllen können. Die Szenen um Emily könnten allesamt einem bedrückenden Psychohorrorstreifen entnommen sein, was nicht nur an der durchweg unheimlichen, bedrückenden musikalischen Untermalung liegt.

Emily betritt eine komplett fremde, unsichere Welt, als sie durch das Haus des äußerst wichtigen Commander Lawrence wandelt. Jeder Schritt ist wohl überlegt, während Nahaufnahmen von ihrem Gesicht offenbaren, wie unwohl sie sich hier fühlt, weil sie einfach nicht einschätzen kann, was für ein Ort dies ist und wem sie zugeteilt wurde. Vorhang auf für Gastdarsteller Bradley Whitford, der einen der „Architekten“ Gileads, genauer gesagt das Mastermind hinter der Wirtschaft der unabhängigen Republik spielt. Interessanterweise vermag es Whitford binnen seiner wenigen Szenen gleich, einen viel nachhaltigeren Eindruck zu hinterlassen, als es zum Beispiel Joseph Fiennes mit seinem langweiligen, monotonen Commander Waterford gelingt. Es entspinnt sich ein spannendes Hin und Her zwischen Emily und Lawrence, dem erstere mit großer Vorsicht begegnet. Will er sie in eine Falle führen? Ist er vielleicht anders als die üblichen Kommandanten von Gilead?

Lawrence wirkt komplett zerfahren, außerdem scheint er sich an so manchen Gesetzen in Gilead zu stören (zum Beispiel das allgemeine Leseverbot). Gleichzeitig ist er herrisch und misshandelt seine Frau, die die Bombe platzen lässt: Lawrence hat die Idee mit den grausamen Strafkolonien aus der Taufe gehoben, in denen sich auch schon Emily wiedergefunden hat. Dies ist eine nun äußerst interessante Ausgangslage, weil wir natürlich wissen wollen, wie Emily mit dieser Information umgehen wird. Da Lawrence aber überhaupt nicht greifbar ist und uns sowie Emily keine eindeutigen Signale gibt, was man von ihm erwarten kann, entsteht plötzlich eine bedrohliche, packende Ungewissheit. Das gibt der Serie wiederum kurz vor ihrem zweiten Staffelfinale eine weitere spannende Note, die reichlich Potential in sich birgt.

Trailer zum Finale der zweiten Staffel von „The Handmaid's Tale“:

Verfasser: Felix Böhme am Donnerstag, 5. Juli 2018

The Handmaid's Tale 2x12 Trailer

Episode
Staffel 2, Episode 12
(The Handmaid's Tale 2x12)
Titel der Episode im Original
Postpartum
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Mittwoch, 4. Juli 2018 (Hulu)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 3. Oktober 2018
Regisseur
Daina Reid

Schauspieler in der Episode The Handmaid's Tale 2x12

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