The Handmaid's Tale 3x01

© ??The Handmaid's Tale“ (c) Hulu
Nachdem die zweite Staffel der Hulu-Produktion The Handmaid's Tale vielerorts eher durchwachsen als völlig zufriedenstellend bewertet wurde, finden wir uns nun fast ein Jahr später zum Start der dritten Staffel an einem ähnlichen Punkt wieder. Damals war es nicht nur der kontrovers diskutierte Staffelabschluss, der viele Zuschauer und Kritiker gleichermaßen beschäftigte. Im Laufe der zweiten Staffel wurden auch zahlreiche Stimmen laut, dass es womöglich keine allzu gute Idee gewesen ist, über die gleichnamige Literaturvorlage der kanadischen Schriftstellerin Margaret Atwood hinauszugehen. Die packende, zutiefst ergreifende, unglaubliche Geschichte von Hauptfigur Offred (Elisabeth Moss), die sich innerhalb der totalitären Theokratie Gilead ihren wahren Namen June zurückerkämpfte, war beendet - vielleicht nicht zur Zufriedenheit aller, dafür aber mit hoher Konsequenz und einer extremen Wucht, über die uns die Schrecken dieser leider nicht mehr allzu fiktiven Dystopie eindringlich präsentiert wurden.
Doch Junes Reise war laut Showrunner Bruce Miller noch lange nicht vorbei. Zwischenzeitlich hat dieser gar zu Protokoll gegeben, dass er seine Vision von „The Handmaid's Tale“ anfangs auf zehn (!) Staffeln ausgelegt hatte. Wie viele es letztlich irgendwann sein werden, weiß nur Miller selbst. Und, ob eine so lange Laufzeit auch wirklich sinnvoll ist, darf bezweifelt werden. In Staffel zwei machten sich trotz vieler starker Einzelmomente und zahlreicher herausragender Darbietungen - allen voran von Elisabeth Moss und Yvonne Strahovski - immer wieder Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Es ist ja nicht so gewesen, dass die Serie auf einen Schlag ihre Relevanz und Effektivität verloren hatte. Doch irgendwie entstand zwischen all den fantastischen Schauspielleistungen und atemberaubenden Momentaufnahmen das Gefühl, als wären sich Miller und sein Team ein wenig unschlüssig, wie sie denn jetzt weitermachen sollen.
Dabei geht es mir nicht einmal so sehr um den konkreten Inhalt der Geschichte, sondern vielmehr um die Frage, wie man diese mitreißend und interessant erzählen kann, so dass eine gewisse Weiterentwicklung spürbar ist, mit der man im Vorfeld der dritten Staffel über diverse Trailer und aussagekräftige Poster so deutlich kokettiert hat. In Staffel drei soll es krachen. Aus Offred wurde June, aus einer verängstigten, unterdrückten Gebährsklavin wurde eine stolze, unnachgiebige Kämpfernatur. Und jetzt folgt die Revolution. Gilead soll brennen und June steht an der Spitze dieses Freiheitskampfes, für den sie persönlich große Opfer gebracht hat und mit großer Wahrscheinlichkeit noch viele weitere bringen wird. Nach zwei Staffeln der systematischen Unterdrückung, der brutalen Misshandlung und der emotionalen Folter ist der Punkt erreicht, an dem nicht mehr nur June, sondern auch jemand wie Serena (Strahovski) Veränderungen herbeiführen will - und wenn es sein muss, dann auch mit Gewalt. „Burn, motherfuckers. Burn.“
Die Auftaktfolge Night gibt uns insbesondere in ihrer zweiten Hälfte sehr klare Indizien, was in dieser dritten Staffel auf der Agenda steht. Und die Entwicklung in Richtung einer Erzählung, im Rahmen derer dem repressiven Establishment der blutige, selbstlose Kampf angesagt wird, ist schlüssig. Doch es kommen auch sogleich Zweifel auf, ob man auch wirklich bereit dazu ist, diesen drastischen Schritt zu vollführen. So bestimmt und selbstbewusst man nämlich stellenweise den Blick nach vorne richtet, so sehr liegt den Verantwortlichen auch nach wie vor viel daran, dass wir niemals vergessen, welch schreckliche Dinge June und ihren Mitstreiterinnen in dieser grausamen Welt widerfahren sind.
Die stetigen Erinnerungen daran, was unsere Protagonistinnen durchgemacht haben und wie sich ihre inneren Konflikte darstellen, haben ohne Frage eine sehr wichtige Daseinsberechtigung. Wir dürfen nicht vergessen, was für eine Strecke sie zurückgelegt haben und aus welchen menschenverachtenden Umständen sie mittlerweile eventuell sogar entkommen sind. Der Serie gelingt es unverändert exzellent, diese Noten perfekt zu treffen und uns Zuschauer erfolgreich zu packen, zu involvieren und uns bewusst zu machen, wie wahnsinnig und unfassbar diese Geschichte eigentlich ist. Und dennoch: Es scheint so, als würden wir uns erzählerisch ein wenig im Kreis drehen, als würden wir nicht von der Stelle kommen und mit altbekannten Bildern hingehalten werden, bis endlich die nächste Phase eingeläutet wird.
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Hinter dieser Methodik steckt durchaus Kalkül, denn die Figuren selbst stecken ja seit Jahren in diesem Gefängnis für Körper und Geist fest, in diesem diskriminierenden und beklemmenden Konstrukt, das sich Gilead schimpft. Immer, wenn sie kurz davor gewesen sind, sich zu befreien oder befreit zu werden, erfolgte ein weiterer Rückschlag und der teuflische Kreislauf begann von vorne. Wir haben ihre furchtbaren Schicksale verinnerlicht. Und weil es The Handmaid's Tale so überragend gelungen ist und das sogar schon im Zuge der superben ersten Staffel, uns die Leiden und Ängste seiner zentralen, unterdrückten Figuren nahezubringen, sind wir jetzt schon lange dafür bereit, dass sie sich erheben. Doch alles zu seiner Zeit, denn: Die Serie „liebt“ das Leid. Zu sehr, vielleicht?
Interessanterweise gibt es aber auch nicht viele andere Serien, die besagtes Leid so gut ausspielen und darstellen. Wenn einer Mutter wie June, die gerade noch ihr Neugeborenes in „Sicherheit“ hat bringen können, eiskalt vor Augen geführt wird, dass sie ihre ältere Tochter nie wieder in die Arme schließen wird, dann fühlt man natürlich mit ihr mit. Dann versetzt man sich natürlich in Junes unbeschreibliche Lage, die eigentlich keines ihrer beiden Kinder aufgeben will und letztlich ein außergewöhnliches Opfer bringt, um die Welt entscheidend zu verändern, in der junge Mädchen bisher groß geworden sind. Wie bereits erwähnt: „The Handmaid's Tale“ hat nichts von seiner Relevanz und Bedeutung verloren. Die aktuellen Schlagzeilen der globalen und speziell amerikanischen Politlandschaft (Mütter und Kinder werden an Grenzübergängen rigoros voneinander getrennt, US-Bundesstaaten verabschieden frauenfeindliche Abtreibungsgesetze) sind in Gedanken unsere ständigen Begleiter, während man den verschiedenen Charakteren wie June, Serena und Emily folgt. „The Handmaid's Tale“ weiß ganz genau, wie es seinen gewünschten, schauerlichen Effekt erzielen kann.
Ebenso weiß Regisseur Mike Barker ganz genau, wie er Bilder und ganze Sequenzen in Szene setzen muss, damit wir diese so schnell nicht vergessen. Die Zerstörung des Waterford-Domizils, eine finstere Festung der Ungleichbehandlung und des Missbrauchs, stellt den vermeintlichen Höhepunkt der ersten Folge dar. Das von Serena gelegte Feuer, die mit dieser Tat klar Stellung auf der Seite von June bezieht, verschlingt alles, was stellvertretend für die alten Mächte Gileads steht. Das Bett, in dem es immer wieder zur zeremoniellen Vergewaltigung Junes gekommen ist. Antiquierte Schriften und absurde Regel- sowie Lehrbücher, auf deren Grundlage dieser Tyrannenstaat errichtet wurde. Die Botschaft ist äußerst plakativ formuliert, doch sie verfehlt in keiner Weise ihr Ziel. Und wir fühlen uns angesprochen, wir wollen diesen Aufstand und dieses beherzte Zurwehrsetzen. Jetzt. Sofort.
Es ist nach wie vor erstaunlich, was für eine Kraft von „The Handmaid's Tale“ ausgehen kann, nicht nur von den offensichtlichen Schlüsselszenen, sondern auch von der Darstellerriege, genauer Elisabeth Moss, Yvonne Strahovski und Alexis Bledel, deren Blicke immer wieder mehr als tausend Worte sagen. Dank ihnen fühlen sich die Charaktere so real und greifbar an. Es ist ein Leichtes, sich in diese hineinzuversetzen, wenn man von derartig guten Schauspielerinnen an die Hand genommen wird, die uns diese Welt erst durch die Augen ihrer Figuren so deutlich sehen lassen. Ja, wir leiden mit ihnen. Wir fiebern und fühlen aber auch mit ihnen. Wenn Emily nach ihrer Tour de Force in einem kanadischen Krankenhaus warmherzig empfangen wird, dann geht das nicht spurlos an uns vorbei.
Aber was ist jetzt das Problem, wenn weiterhin so viel in The Handmaid's Tale stimmt? Bei der Inszenierung muss man sich allmählich vorsehen, dass man den Bogen nicht überspannt, da sich effektreiche Momentaufnahmen im Zusammenspiel mit scheinbar unpassenden, poppigen Musikstücken irgendwann sehr nach einem Gimmick anfühlen könnten. Darüber hinaus kann man sich eben nur schwer dem Eindruck erwehren, dass die Serie so gerne würde, aber aus irgendwelchen Gründen nicht kann, geschweige denn will. Es ist das alte, erschreckende Lied, das uns hier vorgespielt wird und das sich schon lange in unserem Gedächtnis festgesetzt hat. Nun ist es aber Zeit für neue Töne mit neuer Wirkung. Die dritte Staffel von „The Handmaid's Tale“ wird zeigen, ob sie dazu in der Lage ist. Oder ob die Revolution doch nur lauter angekündigt wurde, als sie im Endeffekt sein wird...
In Deutschland sind die erste und zweite Staffel von „The Handmaid's Tale“ bei MagentaTV zu sehen. Ein deutscher Starttermin für die dritte Staffel steht noch nicht fest.
Trailer zur dritten Staffel von „The Handmaid's Tale“:
Verfasser: Felix Böhme am Mittwoch, 5. Juni 2019The Handmaid's Tale 3x01 Trailer
(The Handmaid's Tale 3x01)
Schauspieler in der Episode The Handmaid's Tale 3x01
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