The Handmaid's Tale 2x06

The Handmaid's Tale 2x06

Die zweite Staffel von The Handmaid's Tale hat mit kaum erträglichen Episoden bislang nicht gegeizt, aber in First Blood wird diese Grenze schon wieder neu ausgelotet. Eine Figur verhält sich darin so verachtenswert, dass man es kaum schafft, seinen Hass nicht laut herauszuschreien.

June (Elisabeth Moss) muss abermals einen Rückschlag einstecken. (c) Hulu
June (Elisabeth Moss) muss abermals einen Rückschlag einstecken. (c) Hulu
© une (Elisabeth Moss) muss abermals einen Rückschlag einstecken. (c) Hulu

Es gibt ein Wort mit F, das neben dem N-Wort wohl zu den gehässigsten der deutschen Sprache gehört. Ich würde es niemals in einer Rezension verwenden, auch wenn ich es während einer Episode wie First Blood aus der zweiten Staffel von The Handmaid's Tale mehrmals gedacht habe. Obwohl mir dieses Wort äußerst selten in den Sinn kommt, musste ich hier immer wieder daran denken. Serena Joy (Yvonne Strahovski) und ihre bodenlose Gehässigkeit zwangen meine Gedanken quasi in diese Richtung - und dafür verachte ich sie noch mehr.

Das Leben in dir

Dass eine Serie solche Emotionen auslöst, ist zunächst lobenswert. Aber irgendwann stellt sich die Frage, ob mancher Charakter zu unmenschlich porträtiert wird. Ich werde wohl niemals aufhören, diese Serie zu schauen, ganz einfach, weil sie viel zu wichtig ist in diesen Zeiten. Aber ob ich noch lange davon unterhalten werden kann, ist eine andere Frage. Immerhin gibt es einen Lichtblick am Ende der Episode, als sich Ofglen (Tattiawna Jones), der einst die Zunge herausgeschnitten wurde, bei der Eröffnung des neuen „Red Centers“ in die Luft sprengt - und damit signalisiert, dass der Widerstand lebt.

Drehbuchautor Eric Tuchman und Regisseur Mike Barker müssen geahnt haben, dass die Episode ohne diese Szene wegen ihrer düsteren Hoffnungslosigkeit kaum auszuhalten gewesen wäre. Zu Beginn zeigt sich Serena gegenüber June (Elisabeth Moss) noch von ihrer freundlichen Seite, aber das auch nur, weil sie alles daran setzt, deren Baby, das sie sich danach aneignen wird, zu retten. June ist ihr scheißegal, würde sie nicht die Fähigkeit besitzen, Kinder zu bekommen, hätte Serena sie längst in die Kolonien geschickt oder sonstwie entsorgt. So bekommt sie - zumindest teilweise - die Königinnenbehandlung.

Aber das auch nur so lange, wie sie weiß, sich zu benehmen. Weil June fälschlicherweise glaubt, in Serena schlummere noch ein Rest Menschlichkeit, bittet sie sie nach der Vorzugsbehandlung flehentlich, nur für ein paar Augenblicke ihre Tochter Hannah sehen zu dürfen. Serenas Antwort könnte unmissverständlicher und kälter kaum sein: „Absolutely not.“ Und dort hört der Missbrauch längst nicht auf. Fortan ist June wieder die Persona non grata, die sie immer war. Also muss der neuen Hausbewohnerin Eden (Sydney Sweeney) beigebracht werden, sie bei jeder Gelegenheit zu demütigen.

Serena (Yvonne Strahovski) wird völlig zurecht als Nazi beschimpft.
Serena (Yvonne Strahovski) wird völlig zurecht als Nazi beschimpft. - © Hulu

Solche Szenen sind kaum zu ertragen. Die Serie versucht diesem Gefühl mit mehreren Rückblenden in Serenas Vergangenheit entgegenzusteuern, aber bei mir hatte das den gegenteiligen Effekt. Von Waterford (Joseph Fiennes) ermutigt, soll sie vor einem Auditorium aufgebrachter Studenten sprechen und ihr neues Buch „A Woman's Place“ vorstellen. Die „Eliten“ in ihrer „akademischen Blase“ sind darüber verständlicherweise empört und versuchen, den Auftritt zu boykottieren. Sie machen also genau das, was ihre Bürgerpflicht ist - sie wehren den Anfängen des Faschismus.

Was Gott erwartet

Von den Vordenkern des Gilead'schen Gottesstaats wird das natürlich rigoros ausgenutzt. Sie gerieren sich als Kämpfer für die Meinungsfreiheit, wobei sie - wie alle Nazi-Trottel weltweit - nicht verstehen, dass das Recht auf Meinungsfreiheit kein Recht auf Kritikfreiheit beinhaltet. Ihre Propaganda funktioniert, wie sie ja auch in unserer Welt funktioniert. In den USA glaubt ein nicht zu vernachlässigender Teil der Bevölkerung, er solle mundtot gemacht werden. In Deutschland auch. Und die religiösen Fanatiker setzen in Amerika gerade alles daran, den Körper der Frau zu kontrollieren.

Den ultimativen Coup landen Serena und Co natürlich, als sie nach ihrem Vortrag auch noch angeschossen wird. Eine bessere Werbekampagne hätten sich selbst die Mad Men nicht einfallen lassen können. Nun hat Gilead die Märtyrerin, die es braucht, um seine Gegner als Terroristen zu brandmarken. Serena wird dadurch so radikalisiert, dass selbst Fred von ihrem neuen Eifer überrascht ist. Gebracht hat es ihr bis heute nicht allzu viel: Wie wir aus der ersten Staffel wissen, bekommt sie den erhofften Platz in der Gilead-Führung nicht.

Denn so schlimm die Mittäterinnen auch sein mögen, ihre Männer übertreffen sie in Sachen Grausamkeit problemlos. Serena mag gehofft haben, dass sie ihr Status als Postergirl der Rechten unverzichtbar macht - dafür Mitleid zu empfinden, dass dem nicht so war, fällt mir ziemlich schwer. Ähnliches gilt im Übrigen für Nick (Max Minghella), der sich hier gezwungen sieht, seine 15-jährige Zwangsehefrau zu vergewaltigen, damit er bei June bleiben kann. Wie wäre es denn, mit all deinem Wissen über die Funktionsweise dieses Terrorregimes dem Widerstand beizutreten, lieber Nick? Dann können wir vielleicht darüber nachdenken, dein Leid ernstzunehmen.

Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 24. Mai 2018

The Handmaid's Tale 2x06 Trailer

Episode
Staffel 2, Episode 6
(The Handmaid's Tale 2x06)
Deutscher Titel der Episode
Erstes Blut
Titel der Episode im Original
First Blood
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Mittwoch, 23. Mai 2018 (Hulu)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 23. August 2018
Regisseur
Mike Barker

Schauspieler in der Episode The Handmaid's Tale 2x06

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