The Handmaid's Tale 2x04

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Nach ihrer im allerletzten Augenblick gescheiterten Flucht wartet auf June (Elisabeth Moss) die Rückkehr in die Hölle. Was die dystopische Dramaserie The Handmaid's Tale in Episoden wie Other Women so hervorragend macht, ist ihre Unerbittlichkeit. Man könnte das als torture porn bezeichnen, aber der Unterschied zu Filmen wie „12 Years a Slave“ ist die Verlagerung des Folterprozesses von der körperlichen auf die psychische Ebene. June darf ganz einfach physisch nicht zu sehr beansprucht werden, weil sie ein Kind in sich trägt.
What a lovely homecoming
Die geistige Folter, der sie durch Aunt Lydia (Ann Dowd), Serena Joy (Yvonne Strahovski) und Fred Waterford (Joseph Fiennes) unterzogen wird, ist aber nicht minder grausam. In Gilead haben sich mehrere Rituale etabliert, um den Wives vorzugaukeln, dass nicht ihre Handmaids schwanger sind, sondern sie selbst. Das haben wir bereits in der ersten Staffel gesehen, aber hier wird es noch einmal gruseliger dargestellt. Damit dieser gesamte Prozess funktioniert und nicht als die lächerliche Geste enttarnt wird, die er ist, müssen alle Beteiligten mit voller Überzeugung an seine Wirkung glauben.
Von außen betrachtet, scheint schwer vorstellbar, dass sich Menschen zu so etwas Absurdem hinreißen lassen. Aber man muss sich nur die Propaganda der Nazis anschauen, um nachvollziehen zu können, dass sich fast ein ganzes Volk freimütig darauf eingelassen hat, zu glauben, dass die Ausrottung der Juden etwas Positives für die Menschheit sei. Eine noch deutlichere Parallele ist das Erstarken der religiösen Rechten in den USA, die ihre kruden Vorstellungen mit ähnlicher Vehemenz in die Welt hinausposaunt wie islamistische Terrororganisationen. Aunt Lydia und Mike Pence sind ideologisch nicht weit voneinander entfernt.
Am Ende der Episode scheint die Misshandlung bei June erste gewünschte Resultate zu zeitigen. Per Voice-over wünscht sie sich, dass ihre Tochter Hannah (Jordana Blake), die ihrerseits zur Handmaid ausgebildet wird, sie vergessen möge. Dann äußert sie einen noch drastischeren Wunsch: „Let me forget me.“ Die gescheiterte Flucht, die Botschaft, dass Mayday aufgehört hat, den Handmaids zu helfen, und der Horror im Waterford-Haus könnten June - zumindest vorübergehend - gebrochen haben. Alles, was sie jetzt noch tun will, ist über das Wetter reden.

Diese Umerziehung hin zu harmloser Höflichkeit steckt im Kern vieler religiöser Ideologien. Der Zweck ist ganz einfach: Wer keine bösen Gedanken hegt, der muckt nicht auf. Bei June erreichen das Lydia und Serena mit einer ganzen Reihe von Demütigungen. Zunächst muss ihr ausgetrieben werden, auf ihrem echten Namen zu bestehen. Dafür stellt Lydia sie vor die Wahl: Entweder du bleibst June, dann wirst du direkt nach der Entbindung hingerichtet. Oder du wirst wieder zu Offred, dann bekommst du nach der Geburt eine Überlebenschance.
Momma loves you
June entscheidet sich für ihre abermalige Offredisierung, weiß da aber noch nicht, wie unheimlich es bei Waterfords zu Hause wieder zugehen wird. Dort ereignet sich gleich eine ganze Reihe an furchteinflößenden Skurrilitäten. Zum einen wird die Geschichte verbreitet, dass June entführt wurde, da sich Ehepaar Waterford nicht die Blöße geben will und kann, die eigene Handmaid nicht unter Kontrolle zu haben. Zum anderen veranstaltet Serena sogleich eine baby shower, bei der sie nicht nur mit Geschenken, sondern auch mit aberwitzigen Geschichten ihrer „Freundinnen“ bedacht wird, die allesamt nicht schwanger werden können, aber trotzdem mit leuchtenden Augen davon erzählen.
Das schöne englische Wort cringeworthy scheint eigens für diese Szenen ersonnen worden zu sein. Weil es June aber weiterhin nicht lassen kann, Serena vor ihren Bekannten bloßzustellen, schaltet Lydia einen Foltergang nach oben. Sie zeigt June, was mit ihrem Fluchthelfer Omar (Yahya Abdul-Mateen II) passiert ist. Er wurde nach der Ergreifung öffentlich erhängt, seine Leiche baumelt immer noch dort. Seine Ehefrau dient nun als Handmaid, um für seine Sünden zu büßen, der gemeinsame Sohn wurde ihr abgenommen. Zum ersten Mal zeigt das rigorose, brutale Bestrafungssystem Wirkung - June schafft es nicht mehr, ihre gleichmütige Fassade aufrechtzuerhalten.
Wieder betont Lydia, dass der Schmerz verschwinden könne, wenn sich June nur ganz entmenschlichen lasse: „Offred does not have to bear June's guilt.“ Endgültig scheint sie klein beizugeben, nachdem sie sich auf Knien bei ihren Unterdrückern entschuldigt und von Serena nächtlichen Bettbesuch bekommen hat. Nun ist sie bereit, niemandem außer sich selbst die Schuld für ihre vermeintlichen Missetaten zu geben. Manisch wiederholt sie die Worte „my fault.“ Auch das ist ein beliebtes Instrument von Tyrannen und solchen, die es werden wollen: Die zu Unterdrückenden so lange gehirnwaschen, bis sie glauben, selbst an ihrer Misere schuld zu sein.
Other Women ist eine weitere hervorragende Episode der sich in bestechender Frühform befindlichen zweiten Staffel von The Handmaid's Tale. Auch die Rückblenden passen bestens zu Junes abermaliger Ankunft bei den Waterfords, ist doch davon auszugehen, dass Lukes Ehefrau Annie (Kelly Jenrette) diejenige ist, die sie an die Gilead'schen Moralwächter verpfiffen hat. Das wird sich aber sicherlich noch in weiteren Episoden gänzlich aufklären.
Trailer zu Episode 2x05: 'Seeds'
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 11. Mai 2018The Handmaid's Tale 2x04 Trailer
(The Handmaid's Tale 2x04)
Schauspieler in der Episode The Handmaid's Tale 2x04
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