The Handmaid's Tale 2x03

© einahe gelingt June (Elisabeth Moss) die Flucht. (c) Hulu
Wann ist der richtige Zeitpunkt, sich gegen die Gefahr eines Staatsstreichs durch autoritĂ€re MĂ€chte aufzulehnen? Eine eindeutige Antwort darauf gibt es wohl nicht, allerdings ist es in einer Demokratie generell ratsam, die Augen bezĂŒglich potentieller Warnsignale offenzuhalten. In der The Handmaid's Tale-Episode Baggage stellt June (Elisabeth Moss) jedenfalls fest, dass es nicht nur ĂŒberall und sehr frĂŒh solche Hinweise gegeben hat, sondern sie auch von ihrer Mutter Holly (Cherry Jones) eindringlich zum Protest aufgefordert wurde.
Raise your daughter to be a feminist
Aber fĂŒr June waren andere Dinge wichtiger, Luke (O-T Fagbenle) heiraten zum Beispiel. Heute schwört sie sich, einen solchen Fehler nie wieder machen zu wollen. Heute ist die Lage aber auch ungleich schwieriger. HĂ€tten sich sie und alle anderen, denen das eigene Leben wichtiger war als der Niedergang ihrer Gesellschaft, damals in den StraĂenkampf begeben, mĂŒsste sie vielleicht heute nicht fĂŒrchten, zurĂŒck in die Sexsklaverei gebracht zu werden. Also gilt: Wachsam sein und Chancen ergreifen, sobald sie sich bieten. Ziemlich schnell setzt June ihr Vorhaben in die Tat um.
Zu Beginn der Episode harrt sie nun schon zwei Monate im verlassenen GebĂ€ude des Boston Globe aus. Nick (Max Minghella) schaut nur sporadisch vorbei und bleibt höchstens mal ĂŒber Nacht bei ihr. Ansonsten beschĂ€ftigt sie sich mit Ausdauertraining, dem weiteren Ausbau des Schreins fĂŒr die Ermordeten und ihrer eigenen Form der Geschichtsschreibung. Anhand alter Globe-Artikel versucht sie nachzuvollziehen, wie es zur Gilead'schen Revolution kommen konnte. Ihr Fazit fĂ€llt simpel aus: Die Warnzeichen waren schon lange da, bevor es wirklich ernst wurde.
Dazu passt denn auch die Vorgeschichte mit ihrer Mutter, die als Modellfeministin portrĂ€tiert wird. Die kleine June hat sie schon frĂŒh zu Veranstaltungen mitgenommen, bei denen Frauen die Namen ihrer Vergewaltiger auf einen Zettel schrieben, um ihn zu verbrennen, sich damit also von den Fesseln dieser Erfahrung zu befreien. Als June spĂ€ter bei ihrer Mutter aufkreuzt, um ein KĂŒchengerĂ€t auszuleihen, kommen die und ihre Freundinnen gerade leicht verletzt von einer Demonstration wieder. June kann da nur von ihrer Beförderung erzĂ€hlen, was fĂŒr sie persönlich toll sein mag, dem Allgemeinwohl aber nicht im Mindesten weiterhilft.

Drehbuchautorin Dorothy Fortenberry belĂ€sst es nicht bei diesen Andeutungen eines zerrĂŒtteten Mutter-Kind-VerhĂ€ltnisses. Sie lĂ€sst Holly, eine FrauenĂ€rztin, die Abtreibungen durchfĂŒhrt, auch direkt aussprechen, was sie von Junes Lebensentscheidungen hĂ€lt. Sowohl deren Berufswahl als auch die Entscheidung, frĂŒh zu heiraten, hĂ€lt sie fĂŒr einen Fehler. Diese Direktheit sorgt fĂŒr eine wunderbar komplexe Charakterzeichnung. Einerseits mischt sich Holly viel zu stark in das Leben ihrer Tochter ein, andererseits ist sie es, die die reale Gefahr fĂŒr alle Frauen frĂŒhzeitig erkannt hat.
Blessed be the Froot Loops
June ist sich dieser Dissonanz bewusst, weshalb sie am Ende der Episode auch per Voice-over beschlieĂt, ihrer Mutter zu verzeihen - und gleichzeitig ihre Mutter um Verzeihung zu bitten. Die grausame RealitĂ€t ist nĂ€mlich, dass Holly wegen ihrer aufrĂŒhrerischen Umtriebe in die Kolonien verbannt wurde, wie June bei einer ihrer Indoktrinierungssitzungen mit Aunt Lydia (Ann Dowd) erschrocken feststellen muss. Mit einer Flucht wĂŒrde sie Holly ebenso zurĂŒcklassen wie ihre Tochter Hannah (Jordana Blake), aber dazu ist sie nun bereit: „She left me once. Now I have to leave her.“
Einen neuen Einblick in die repressive Welt von Gilead bekommen wir wĂ€hrend Junes Flucht. Ihr Helfer Omar (Yahya Abdul-Mateen II) will sie eigentlich zurĂŒcklassen, weil das Versteck nicht mehr sicher sein soll, lĂ€sst sich von Junes entschlossenem Protest aber erweichen. Er gehört zur Arbeiterklasse, seine Frau ist eine sogenannte Econowife. Im Gilead'schen System kommt ihr die Rolle der Hausfrau zu. Kleiden muss sie sich im immergleichen grauen Outfit, was June zum Vorteil gereicht, als sie es sich ausborgt, um sich damit auf die Flucht zu begeben und nicht der Stasi-Ă€hnlichen Nachbarschaftsaushorchung anheimzufallen.
Am Ende hilft ihr jedoch auch diese neue Entschlossenheit nichts. Das Schmugglerflugzeug wird kurz vor Abflug aufgehalten, der Pilot auf der Stelle exekutiert und June in einer von Regisseurin Kari Skogland furchteinflöĂend inszenierten Szene aus dem Laderaum gerissen. Wenige Meter nur, und sie hĂ€tte die Chance gehabt, Moira (Samira Wiley) wiederzusehen, von der sie ziemlich sicher weiĂ, dass ihr die Flucht gelungen ist. Was June indes nicht weiĂ: Moira lebt in Kanada mit Luke und einer merkwĂŒrdigen Mitbewohnerin in einer WG, arbeitet in der GeflĂŒchtetenhilfe und vertreibt sich die NĂ€chte mit altruistischem Sex auf der Clubtoilette.
Besonders fröhlich geht es in dieser WG - aus verstĂ€ndlichen GrĂŒnden - nicht zu. Aber seit wann schauen wir The Handmaid's Tale, um fröhlich zu sein? June erwartet nun jedenfalls das genaue Gegenteil - ich kann trotzdem kaum abwarten zu erfahren, wie es weitergeht.
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 9. Mai 2018(The Handmaid's Tale 2x03)
Schauspieler in der Episode The Handmaid's Tale 2x03
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