The Good Wife 7x17

Das passiert in der The Good Wife-Folge Shoot:
Harry Dargis (Blair Underwood) hat mitansehen müssen, wie seine Tochter durchs Fenster von einem Querschläger getroffen und getötet wurde. Die Schuld an ihrem Tod gibt er jedoch nicht nur dem Drogendealer, der sich draußen mit anderen Kriminellen eine Schießerei geliefert hatte, sondern auch dem Waffengeschäft, zu dem seine halbautomatische Waffe zurückverfolgt werden konnte. Rechtlich hat Harry keine Handhabe gegen die Waffenhändlerin. Das sind die amerikanischen Waffengesetze. Harry hat jedoch ein großes Schild aufgestellt, welches das Geschäft des Mordes an seiner Tochter bezichtigt. Dagegen hat die Waffenhändlerin nun ihrerseits Klage erhoben - wegen übler Nachrede.
Diane (Christine Baranski) und Cary (Matt Czuchry) haben gemeinsam Harrys Verteidigung übernommen. Es läuft jedoch nicht allzu gut, auch deshalb, weil es zwischen Diane und Cary bei der Abstimmung ihrer Verteidigungsstrategie hapert.
Eli (Alan Cumming) setzt unterdessen seinen kleinen „Lauschangriff“ bei der Grand-Jury-Anhörung fort. So bekommt er mit, dass Peters Großspender Lloyd Garber (Howard McGillin) gegen Peter aussagt: Er bekundet zwar, dass er auch so Peter unterstützt hätte. Seine Aussage legt jedoch nahe, dass es eine implizite Verabredung zwischen ihnen gegeben hat, und zwar dahingehend, dass Peter in seiner Rolle als Bezirksstaatsanwalt dafür gesorgt hat, dass der Mordprozess gegen Lloyds Sohn platzt - und Lloyd im Gegenzug Peters Wahlkampf finanziert hat.
Eli und Mike (Will Patton) verfolgten ursprünglich die Strategie, Alicia (Julianna Margulies) zwar vor der Grand Jury erscheinen, sie aber in aller Freundlichkeit von ihrem Aussageverweigerungsrecht als Peters Ehefrau Gebrauch machen zu lassen. Die Strategie ändert sich jedoch, als Eli mitbekommt, dass ein Juror (Thomas Kopache) die Geschichte, die der Ankläger Connor Fox (Matthew Morrison) zu stricken versucht, anzweifelt. Zu Connors großer Verwunderung nimmt Alicia ihr Recht auf Aussageverweigerung nicht in Anspruch, was ihn gehörig aus dem Konzept bringt.
Alicia muss jedoch nicht nur für Peter die Kohlen aus dem Feuer holen. Auch Grace (Makenzie Vega) braucht ihre Hilfe: Sie wird nämlich mit dem Vorwurf konfrontiert, ihren Essay zur Collegebewerbung plagiiert zu haben. Das hat jedenfalls ein Abgleich ergeben, den eine entsprechende Prüf-Software vorgenommen hat. Grace ist außer sich - einerseits weil ihre Ehrlichkeit in Frage gestellt wird, andererseits weil ihre gesamte Zukunft auf dem Spiel steht. Alicia versucht herauszufinden, bei welchem Text Grace abgeschrieben haben soll. Allein diese Auskunft zu bekommen, stellt sich jedoch als mittelschweres Problem heraus.
Privat läuft bei Alicia derweil alles bestens. Sie und Jason (Jeffrey Dean Morgan) sind wie zwei verliebte Teenager, die kaum die Finger voneinander lassen können. Einen Dämpfer erhält die Beziehung jedoch, als Alicia zufällig sieht, wie Jason eine andere Frau küsst ...
Perfekte Balance
Nach dem famosen Hearing liefert The Good Wife mit Shoot ein weiteres Glanzlicht der aktuellen Staffel ab: Fünf Sterne sind es nicht; dazu mehr am Ende des Reviews. Was die Episode trotzdem herausragend macht, ist die geradezu mustergültige Mischung aus Drama und Comedy. Drehbuch und Inszenierung finden jederzeit die perfekte Balance, um beiden Seiten der Unterhaltungs-Gleichung gerecht zu werden.
Dem Opfer ein Gesicht geben
Dramatisch ist vor allem der Einstieg der Episode: Wir sehen Momentaufnahmen aus dem Leben eines jungen Mädchens, wie es vom Kind zum Teenager heranwächst. Als Zuschauer verfügen wir zunächst über keinerlei Kontext, der uns eine Einordnung der Bilder erlauben würde. Der prominent besetzte Vater (Blair Underwood) weckte in mir für eine Sekunde den Verdacht, wir würden hier Szenen der heranwachsenden Lucca (Cush Jumbo) zu Gesicht bekommen. Doch die Sequenz verfolgt eine ganz andere Funktion, was spätestens in dem Moment klar wird, als draußen die Schießerei beginnt.
Knapp zwei Minuten vergehen, bevor die junge Frau von der Kugel getroffen wird. Zwei Minuten, die die Serie investiert, um dem Opfer ein Gesicht, eine Geschichte, ein Leben zu geben. Zwei Minuten, die es für den Zuschauer emotional begreifbar machen, welchen Verlust der Vater erleidet, als er seine Tochter erst getroffen sieht - und sie schließlich röchelnd in seinen Armen verblutet. Ohne Effekthascherei inszeniert The Good Wife hier einen ungemein grausamen Augenblick, der die Bühne für die Gerichtsverhandlung bereitet - und das beklemmende Gefühl der Hilflosigkeit angesichts des übermächtigen US-Waffenkults, für den es juristisch kein Beikommen gibt.
Der Richter
Richter Abernathy (Denis O'Hare, American Horror Story) bringt es sehr treffend zum Ausdruck: Er persönlich würde sich wünschen, andere Gesetze machen zu können, aber er muss auf der Grundlage derjenigen Gesetze richten, die nun einmal Geltung haben. Es ist ein sehr ernster, bedrückender Fall, der hier zur Verhandlung kommt. Entsprechend zurückhaltend zeigt sich Abernathy mit seinen Rand- und Nebenbemerkungen, die seine Auftritte in der Vergangenheit so vergnüglich gemacht haben. Um so stärker wiegt am Ende sein Richterspruch, in dem er der Klägerin für etwaige Einnahmeausfälle wegen Harrys Schild einen Schadensersatz von 10 Cent pro Tag zuspricht. Er hält sich an das Gesetz - und findet doch einen Weg, damit dem Vater des Opfers Gerechtigkeit widerfährt.
Genau hierin zeigt sich die bereits angesprochene Kunstfertigkeit, mit der The Good Wife in Shoot die Balance hält - und genau den richtigen Ton trifft. Das Thema und der Einstieg in den Handlungsstrang ließen die gewohnte Heiterkeit bei einer von Abernathys Verhandlungen nicht zu. Und doch haben die Macher einen Weg gefunden, wie wir als Zuschauer aus dieser Episode herausgehen und dem Richter innerlich zujubeln. Seit der ersten Staffel ist Abernathy eine der prägnantesten Richter-Gestalten im The Good Wife-Universum gewesen. Sollte dies sein letzter Auftritt gewesen sein, so hätten ihm die Autoren damit einen fulminanten Abschied bereitet.
Eine der wenigen Folgen, in denen der Richter bei der Verhandlung einen größeren Eindruck hinterlässt als die beteiligten Anwälte.
Lauschangriff, Teil 2
Im nahtlosen Anschluss an Hearing ist die Grand-Jury-Verhandlung der komödiantische Gegenpol: Eli darf weiterhin lausbübisch den Lauscher spielen. Und Alicia darf unter Mithilfe des tollen Thomas Kopache als Juror den fast schon bedauernswerten Ankläger zur Verzweiflung treiben. Matthew Morrison macht seine Sache im zunehmenden Aus-der-Fassung-Geraten ausgesprochen gut - sehr zum Vergnügen des Publikums!
Hätte er im Gespräch mit Mike nur einen Moment früher aufgeblickt, hätte er Eli aus dem Behinderten-WC kommen sehen - und wäre vielleicht auf den richtigen Gedanken gekommen. Aber wer weiß? Vielleicht ist es ja in der nächsten Woche so weit. Dass der Lauschangriff - bei allem Spaß, den er macht - auf die Dauer gut geht, kann ich mir kaum vorstellen.
The Sermon on the f...... Mount
Ein schöner, kleiner Nebenplot ist Alicias Kampf mit den College-Autoritäten. Und das nicht nur, weil es darin um die Zukunft ihrer Tochter geht, sondern auch, weil eines der wiederkehrenden Themen von The Good Wife verhandelt wird: das Ausgeliefertsein gegenüber intransparenten Formen der (in diesem Fall: außerjuristischen) Urteils- und Entscheidungsfindung. Alicia macht - zur großen Freude des Publikums - der unsympathischen College-Zulassungschefin (Jennifer Van Dyck) gehörig Dampf. Das beeindruckt auch Grace, die ihrer Mutter den Beschluss verkündet, in ihre Fußstapfen treten und Jura studieren zu wollen. Dass sie dafür ein Talent besitzt, hat sie als Alicias Assistentin zu Beginn der Staffel ja bereits hinlänglich unter Beweis gestellt.
Zugleich beinhaltet der Plot das wahrscheinlich köstlichste Zitat der Folge (und denkwürdige Zitate gibt es hier einige). Als Alicia herausfindet, dass Gracies „Vergehen“ darin bestanden hat, aus der Bergpredigt ohne Gänsefüßchen zu zitieren, da entfährt es ihr: „You're accusing my daughter of plagiarizing the Sermon on the f...... Mount!“ Herrlich, nicht zuletzt wegen des Seitenblicks, den Grace ihrer Mutter zuwirft, als sie vor „Mount“ die Pause macht, um sich zu bremsen.
Ein Handjob in Ehren, kann niemand verwehren
Ein großes Vergnügen ist auch weiterhin die Beziehung zwischen Alicia und Jason. Und das keineswegs nur wegen der jugendlichen Energie, mit der die beiden „herummachen“. Am Ende sogar - gewagt, gewagt! - in aller Öffentlichkeit. Nein, was Alicias privaten Plot auszeichnet, ist vor allem, das er das einlöst, wovon die Erfinder der Serie, Robert und Michelle King, immer gesagt haben, dass die Serie davon handelt: nämlich vom (inneren) Wachstum der Alicia Florrick.
Reife
In Shoot ist dieses Wachstum, dieser Zugewinn an Reife sehr gut zu beobachten: Natürlich versetzt es Alicia einen Stich, als sie Jason mit einer anderen Frau sieht. Aber es bringt sie nicht aus dem Häuschen. Nein, sie ist sogar in der Lage, über sich selbst und ihre eigenen Gefühle, etwa die Abwesenheit von Tränen, zu reflektieren. Und ihr ist auch klar, dass sie als eine Frau, die ja eigentlich noch mit jemand anderem verheiratet ist, nur sehr bedingt ein Recht darauf hat, voller Eifersucht irgendwelche Besitzansprüche zu erheben.
Das Angenehme an dem Handlungsstrang ist, dass bei allem potenziellen Drama, das in der Situation steckt, dieses Drama gerade nicht ausgespielt wird, sondern man den Eindruck gewinnt, erwachsenen Menschen bei einem besonnenen Umgang miteinander zuzusehen, was im Fernsehen ja nicht allzu häufig vorkommt.
Von Lucca darauf aufmerksam gemacht, was Alicia beobachtet hat, will Jason sich erklären. Doch Alicia verzichtet auf die Erklärung. Sie will das Zusammensein mit Jason einfach nur genießen, ohne sich - zumindest vorerst - Gedanken über den Status ihrer Beziehung zu machen. Wissen lässt sie allerdings Jason, dass er sich wegen Peter keine Gedanken zu machen braucht.
Die Lüge
So erfreulich sich auf privater Schiene die Beziehung zu Jason entwickelt, so enttäuschend ist Alicias Umgang mit Cary. Eigentlich hatte sie Diane gesagt, dass sie Cary nicht verletzen möchte. Als es aber Spitz auf Knopf kommt, da belügt sie ihn. Die Schwesternschaft, die Diane mit dem Büro für Lucca besiegelt hat, ist offenkundig stärker als die Freundschaft, die Alicia mit Cary verbindet.
Seitdem die beiden sich von Lockhart Gardner losgesagt und eine eigene Kanzlei gegründet hatten, war die kollegiale Partnerschaft zwischen ihnen, bei allen temporären Meinungsverschiedenheiten, ein sehr wichtiger emotionaler Anker für mich. Umso schwerer fällt es mir zu akzeptieren, dass Alicia Cary nun - entgegen Luccas Rat aus der vergangenen Folge! - in den Rücken fällt.
Das mag eine männliche Perspektive sein. Bei weiblichen Zuschauern wird vielleicht der Gedanke überwiegen: „Endlich einmal halten Frauen am Arbeitsplatz zusammen und bilden genau das Netzwerk, das sonst immer den Männern Vorteile verschafft hat.“ Gedanken und Meinungen dazu gerne in die Kommentare!
Spontane Inkompetenz
Den halben Punktabzug gibt es dafür, wie die Folge mit Cary in der Gerichtsverhandlung umgeht. Ihm wird vielleicht nicht direkt die Schuld dafür in die Schuhe geschoben, dass der Fall nicht gut läuft. Eine glückliche Figur macht er jedoch mit Sicherheit nicht. Nachdem die Serie nie zuvor Zweifel an seiner Kompetenz als Anwalt hat aufgekommen lassen, wird er ausgerechnet jetzt in ein ungünstiges Licht gerückt, so als wollten die Autoren nachträglich eine Rechtfertigung dafür liefern, dass Diane ihn auszubooten versucht. Das kann man unelegant, ja sogar etwas gezwungen nennen.
Die dramaturgisch stärkere Variante wäre für meine Begriffe gewesen, Cary in einem guten Moment zu zeigen, weil dadurch das Thema des Geschlechterkonflikts doch noch viel stärker hervorgetreten wäre: wo es eben nicht um Qualifikation, sondern um (geschlechtsbasierte) Wahrnehmung geht, ähnlich wie wir das zuvor bereits bei Monica (Nikki M. James) gesehen haben.
Fazit
Der Umgang mit Cary schlägt mir etwas auf den Magen. Ansonsten wieder einmal eine ganze starke Folge von The Good Wife, die souverän auf der gesamten Klaviatur der Unterhaltungsmöglichkeiten, von dramatisch bis komisch, spielt.

(The Good Wife 7x17)
Schauspieler in der Episode The Good Wife 7x17
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