The Good Wife 6x20

The Good Wife 6x20

Nomen est omen: In der Folge The Deconstruction fällt alles auseinander. Alicias politische Karriere: zerstört. Ihre Zukunft als Anwältin: mehr als ungewiss. Und dann ist da auch noch Kalinda, die alles aufs Spiel setzt, um zu verhindern, dass sich Cary für sie opfert.

Vertraute Situation, verkehrte Rollen: Alicia und Peter auf der Pressekonferenz. / (c) CBS
Vertraute Situation, verkehrte Rollen: Alicia und Peter auf der Pressekonferenz. / (c) CBS

Das passiert in der The Good Wife-Folge The Deconstruction:

Nachdem ihr die Partei keine andere Wahl gelassen hat, zieht Alicia (Julianna Margulies) die Konsequenzen: Sie tritt gemeinsam mit Peter (Chris Noth) vor die Presse und erklärt, dass sie das Amt der Bezirksstaatsanwältin nicht antreten wird. Sie weist ein Fehlverhalten - im Hinblick auf die Vorwürfe zur Wahlmanipulation - von sich. Gleichzeitig begründet sie ihren Rücktritt damit, dass sie dem demokratischen Prozess nicht durch eine sich endlos hinziehende Neuauszählung schaden will.

Alicia ist am Boden zerstört. Ihr einziger Trost ist die Tatsache, dass Diane (Christine Baranski), Cary (Matt Czuchry) und sogar David Lee (Zach Grenier) sie mit offenen Armen empfangen - und in die Kanzlei zurückholen wollen. Oder etwa doch nicht? Alicia nimmt den Anruf eines irritierten Klienten entgegen, der ihr davon berichtet, Diane habe ihm gesagt, dass Alicia nicht zurückkehrt. Versuchen Diane und die anderen etwa ihre Klienten abzuwerben - und halten sie deshalb so lange bei der Rückabwicklung ihres Ausstiegs hin? Dieses Spiel kann man auch zu zweit spielen: Alicia denkt darüber nach, sich selbständig zu machen, und fühlt bei ihren Klienten vor, ob diese bei ihr bleiben würden. Als Diane und die anderen das mitbekommen, glauben sie nun ihrerseits, dass Alicia sie hintergeht.

Geneva Pine (Renee Elise Goldsberry) staunt unterdessen nicht schlecht: Stand sie vor einem Monat noch vor der Situation, dass niemand gegen Lemond Bishop (Mike Colter) aussagen wollte, stehen die Aussagewilligen jetzt geradezu bei ihr Schlange. Cary und Kalinda (Archie Panjabi) wollen jeweils aussagen, um dem Anderen die Aussage (und damit die Gefahr) zu ersparen. Kalinda ergreift die Initiative. Sie nutzt ihre Stellung als Fahrerin von Bishops Sohn, um den Computer des Drogenhändlers anzuzapfen. Dabei verschleiert sie geschickt ihre Spuren. Aber möglicherweise nicht geschickt genug...

Seelische Grausamkeit

Das letzte Bild der Folge sagt im Grunde alles, was man über The Deconstruction wissen muss: Alicia krümmt sich vornüber, als hätte ihr jemand mit der Faust in den Magen geschlagen. Dem Zuschauer geht es dabei kaum anders. Noch vor drei Episoden (Undisclosed Recipients) ist Alicia die strahlende Siegerin gewesen; ihr Büro ein Blumenmeer. Seitdem ist ihr (Berufs-)Leben buchstäblich vor ihren und unseren Augen implodiert. Und das mit einer Härte, die sie - bei allen Fehlern, die sie sich zwischendurch auch zu Schulden hat kommen lassen - so nicht verdient hat. Aber ganz und gar nicht.

The Deconstruction knüpft in dieser Hinsicht nahtlos an Winning Ugly an. Nicht nur Alicias politische Karriere liegt in Trümmern, auch ihre Karriere als Anwältin ist schwer beschädigt. Dabei sieht es am Anfang der Folge noch so gut aus: Diane sagt ihr, dass die Kanzlei immer ihr Zuhause sein wird. Und über Alicias Gesicht geht ein Lächeln der Erleichterung. Umso brutaler wenden sich die Dinge daraufhin für sie zum Schlechteren.

Sprecht miteinander!

Über den Plot mit dem Missverständnis zwischen ihr und der Kanzlei kann man sicherlich geteilter Meinung sein. Mir ging es jedenfalls so, dass ich zwischendurch drauf und dran war, stellvertretend meinen Laptop durchzuschütteln und ihn anzuschreien: „JETZT REDET DOCH ENDLICH MITEINANDER! DANN KLÄRT SICH DAS ALLES AUF!“ Wir haben es hier mit Figuren zu tun, die seit sechs Jahren zusammen arbeiten, die so Einiges miteinander erlebt haben, und die doch nicht anders können, als ohne Umschweife dem anderen ein böswilliges Verhalten zu unterstellen. Das ist schon ein bisschen enttäuschend. Und dann ist da Cary, der zwar nicht daran glauben will, dass Alicia solo geht, aber auch nicht das klärende Gespräch mit ihr sucht. Unverständlich.

Aussichtslos

Andererseits auch wieder nicht: Denn der Plot erfüllt natürlich eine bestimmte Funktion. Beziehungsweise gleich mehrere. Zum einen hat er - bei aller aufsteigenden Frustration - etwas herrlich Absurdes. Im Grunde noch absurder als Dianes Fall mit der Ecstasy-Oma (Phyllis Somerville, The Big C). Zum anderen ist es genau dieser Konflikt mit der Kanzlei, der Alicias beschädigtes Renommee offen zu Tage treten lässt: Sie spricht mit ihren Klienten, doch mit Ausnahme von Colin Sweeney würde keiner mit ihr kommen.

Der Name Florrick ist erneut zum Menetekel geworden. Ein Skandal, für den Alicia überhaupt nichts kann, ist ihr nicht nur politisch, sondern für ihre gesamte berufliche Zukunft zum Verhängnis geworden. Ihre Klienten gehen auf Distanz zu ihr. Und R.D. (Oliver Platt) macht Druck, Alicia nicht zurückkehren zu lassen. Nicht wegen ihrer politischen Affiliation, sondern weil ihr Name ein Synonym für Skandale sei. Und damit will R.D. nicht in Verbindung gebracht werden.

Der Missverständnis-Plot zeigt die ganze Aussichtslosigkeit von Alicias Lage: Weder hat sie, wie es aussieht, bei Lockhart, Agos and Lee (Mein Gott, wechselt diese Kanzlei häufig den Namen, da kommt man ja kaum hinterher!) eine Zukunft noch irgendwo sonst. Im Grunde ist sie jetzt schlimmer dran als nach Peters Skandal: Damals hatte sie wenigstens einen Beruf, dem sie sich zuwenden konnte. Jetzt steht sie buchstäblich vor dem Nichts.

Quo vadis, Alicia?

Ganz ehrlich: Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Vielleicht werden wir im Staffelfinale besser überblicken und einschätzen können, wohin Alicias Reise geht. Im Augenblick kann ich mir darauf noch keinen Reim machen. Ja, es ist dramatisch ungemein kraftvoll und mitreißend, eine Figur so sehr unter Druck zu setzen, sie vor eine Situation zu stellen, die praktisch aussichtslos erscheint. Was mich daran jedoch ein bisschen stört, ist der Umstand, dass es als Schicksal über Alicia hereinbricht - und nicht als Resultat ihres eigenen Handelns.

Erst am Donnerstag hatte ich mit einer früheren Kommilitonin gesprochen, die ebenfalls ein großer Fan der Serie ist, und ihr meine Idee für ein Finale von The Good Wife geschildert: Alicia, die sich als Bezirksstaatsanwältin unmerklich in genau die Korruption verwickeln lässt, mit der sie eigentlich aufräumen wollte, und am Ende zum Rücktritt gezwungen ist. Mit Peter an ihrer Seite als Spiegelbild zur Auftaktszene des Piloten. Diese spiegelbildliche Situation bekommen wir nun schon am Beginn von The Deconstruction geboten. Wenn mich nicht alles täuscht, sind ganz zu Beginn sogar einzelne Einstellungen aus dem Piloten mit hineingeschnitten. Es entfaltet jedoch nicht die gleiche dramatische Wirkung, weil Alicia erneut das Opfer ist.

Das ist, glaube ich, das, was mir an dieser Situation am meisten missfällt. Mehr noch als die nagende Frage, was jetzt eigentlich der ganze Wahlkampf sollte. Im Moment kommt es mir so vor, als würden wir hier einen Rückschritt der Figur sehen. Von der aktiven Macherin zurück zur Leidensfigur. Aber ich will wohl zugeben, dass ich das Big Picture nicht sehe. Das ist der Nachteil von Episoden- gegenüber Staffelreviews. Vielleicht wird diese Niederlage, die Alicia hier erlitten hat, dramaturgisch für etwas gut sein, das wir jetzt noch nicht erkennen.

Ihr beim Schreiben ihrer Memoiren zuzuschauen, reicht auf jeden Fall nicht. Da müssen die Autoren für Alicias Frage nach dem „Was nun?“ schon etwas Bedeutsameres finden...

Opfergang

The Deconstruction ist jedoch nicht nur eine große Alicia-Folge, es ist auch eine große Kalinda-Episode. Sie und Cary sind fest entschlossen, sich für den Anderen zu opfern. Cary behauptet sogar gegenüber einem von Bishops Leuten, dass er mit seiner (angeblichen) Aussage für Bishops Verhaftung verantwortlich ist. Geradezu verzweifelt muss er feststellen, dass man ihm nicht glaubt.

Kalinda hat sich unterdessen zwar durchaus nicht ungeschickt angestellt, um den Verdacht von sich abzulenken, aber eben nicht geschickt genug. Sie hätte den USB-Stick an sich bringen müssen, ohne dafür zu Dexter (J.D. Williams) ins Auto zu steigen. Dass Dexter über kurz oder lang Eins und Eins zusammenzählt, damit hätte sie rechnen müssen.

Abschied

So kommen wir schließlich an den Punkt, der seit Bekanntgabe von Archie Panjabis Ausstieg „63188“im Raume stand: Kalinda verlässt uns. Der Zeitpunkt ist geschickt gewählt: Die meisten Fans werden sich gedacht haben, dass es erst im Staffelfinale so weit ist. Nun kommt das Ende der Figur aber etwas früher. Dass ein Abschied in der Luft liegt, macht sich schon beim Telefonat zwischen ihr und Alicia bemerkbar. Ein letztes Mal klärt sie etwas für die Anwältin auf - wenn es auch nur das Missverständnis ist.

Der Kuss mit Cary hat danach schon deutlich etwas von einem Abschiedskuss. Und die Zuschauer müssen sich bange fragen, ob Kalinda wohl damit rechnet, von Bishops Leuten ermordet zu werden. Denn auch ihre Worte zu Diane am Telefon klingen wie ein letzter, endgültiger Abschied. So schlimm kommt es dann allerdings zum Glück nicht. Kalinda stirbt nicht, aber sie nimmt Reißaus. Cary findet ihre Wohnung leer geräumt. Das Loch in der Wand bedeutet wohl, dass sie das Geld und die Waffe (wenn ich mich recht entsinne), die dahinter versteckt gewesen sind, herausgeholt hat. Ihre Handynummer ist abgestellt.

Es ist ein durchaus passender Schluss für Kalinda Sharma (wenn sie denn nicht später in der Serie noch mal auftauchen sollte): Die Frau, die vor ihrem Mann untergetaucht war und ein neues Leben als Ermittlerin begonnen hatte, ist nun wieder untergetaucht. Häufiger hat sie in der Vergangenheit mit dem Gedanken gespielt, die Kanzlei zu verlassen (etwa auf dem Höhepunkt ihres Zusammenstoßes mit Alicia). Doch sie ist immer geblieben. So wenig von ihren Gefühlen nach Außen drang, so kam doch deutlich genug zum Vorschein, wie viel ihre Kollegen ihr bedeuteten. Egal ob Will, Diane, Eli oder Alicia.

Verpasst

Die Freundschaft zwischen den beiden Frauen ist während der ersten zwei Staffeln die vielleicht wichtigste zwischenmenschliche Beziehung in der Serie gewesen. Der Bruch zwischen ihnen hat die Serie verändert - und ihr sehr viel von der Wärme genommen, die von der Freundschaft der beiden ausging. Das Verhältnis hat sich zwar im Laufe der vergangenen zwei Staffeln wieder normalisiert. Das Band der Freundschaft ist jedoch nicht zurückkehrt.

Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich mir zum Abschied eine gemeinsame Szene zwischen den beiden Figuren gewünscht hätte. Nicht nur ein Telefonat. Aber letztlich ist auch das für das Verhältnis der beiden charakteristisch: Sie sind - buchstäblich - nicht mehr am selben Ort. Das macht die Szene, in der Kalinda Alicia zu Hause besuchen will, dort aber nur Grace (Makenzie Vega) antrifft, umso berührender. Kalinda schreitet eine Reihe von Fotos ab - und an ihrem Mienenspiel können wir ihre emotionale Bindung an Alicia ablesen: das dankbare Lächeln über eine schöne Erinnerung. Das schmerzvolle Sich-Abwenden, als ihr Blick auf ein Foto mit Peter fällt. Es ist ein Abschied, der gerade deshalb so bewegend ist, weil sich die beiden ehemals besten Freundinnen verpassen.

Bezeichnend ist auch, dass Kalinda auf Grace trifft, welche streng genommen inzwischen die Rolle von Alicias bester Freundin übernommen hat, wie man sehr schön in der Szene sieht, in der die beiden „Wer die Nachtigall stört“ mit Gregory Peck anschauen.

Fazit

Die zweite The Good Wife-Episode in Folge, an deren Ende Alicia in Tränen aufgelöst ist. Und der Zuschauer gleich mit. The Deconstruction hinterlässt einen etwas zwiespältigen Eindruck: Die Art, wie Kalindas Abschied gehändelt wurde, ist geradezu beispielhaft für die Kunst der Autoren, die Zuschauer in ein Wechselbad der Gefühle zu stürzen, und nicht offensichtliche Wege zu gehen. Die Schläge, die Alicia dagegen derzeit verkraften muss, werfen die Frage auf, welchen Plan die Autoren mit unserer Protagonistin verfolgen. Wohin ihre Entwicklung führen soll, nachdem die Geschichte mit dem Wahlkampf - so fühlt es sich jedenfalls an - ins Leere gelaufen ist, ist im Augenblick nicht so ganz klar.

Ihr letztes Castfoto? Archie Panjabi als Kalinda Sharma. © CBS
Ihr letztes Castfoto? Archie Panjabi als Kalinda Sharma. © CBS
Verfasser: Christian Junklewitz am Dienstag, 28. April 2015
Episode
Staffel 6, Episode 20
(The Good Wife 6x20)
Deutscher Titel der Episode
Der Niedergang
Titel der Episode im Original
The Deconstruction
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 26. April 2015 (CBS)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 22. März 2016
Autor
Ted Humphrey
Regisseur
Ted Humphrey

Schauspieler in der Episode The Good Wife 6x20

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?