The Good Wife 6x07

Das passiert in der The Good Wife-Folge Message Discipline:
Eli (Alan Cumming) und Johnny (Steven Pasquale) haben Grund zu der Annahme, dass ein dritter Kandidat in das Rennen um den Posten des Bezirksstaatsanwalts einsteigen will. Und sie glauben, dass es sich dabei um den TV-Moderator Frank Prady (David Hyde Pierce, Frasier) handelt.
Alicia (Julianna Margulies) soll bei ihm vorfühlen, welche Absichten er verfolgt. Erklärt sich Prady bereit, sie zu unterstützen, dann war es falscher Alarm. Sollte er sie jedoch nicht unterstützen, dann wissen Eli und Johnny, dass sie es mit einem neuen, äußerst ernst zu nehmenden Gegner zu tun bekommen. Denn Prady ist sehr populär. Das Treffen zwischen ihm und Alicia verläuft unergibig. Er lädt sie jedoch zu einem Interview in seine Sendung ein. Für Alicia entwickelt sich ihr erstes großes TV-Interview jedoch zu einem veritablen Desaster.
Finn Polmar (Matthew Goode) erhöht unterdessen den Druck auf Cary (Matt Czuchry). Er hat herausgefunden, dass Cary in seiner Zeit bei der Staatsanwaltschaft unter Verletzung der üblichen polizeilichen Regeln und Verfahren mehrere Kilogramm Kokain von einem Tatort an sich genommen hat, welche dann jedoch nie in der Asservatenkammer angekommen sind. Finn glaubt, dass Cary schon damals im Auftrag von Lemond Bishop gehandelt hat.
Diane (Christine Baranski) versucht zu argumentieren, dass Cary unter direkter Order von Peter (Chris Noth), dem damaligen Bezirksstaatsanwalt, gehandelt hat. Dessen neue Anwältin Ramona Lytton (Connie Nielsen, The Following) weiß jedoch zu verhindern, dass Peter auch nur als Zeuge gehört wird. Zum Glück findet Kalinda (Archie Panjabi) heraus, dass eine mit dem Fall betraute Labortechnikerin die Cousine eines Bishop-Komplizen ist. Zu ihrem Pech handelt es sich dabei jedoch ausgerechnet um den verschwundenen Kronzeugen der Staatsanwaltschaft...
Vorbemerkung
Wiederholt ist in den Kommentaren der vergangenen Episoden die Ansicht aufgekommen, dass man eigentlich allen Folgen von The Good Wife fünf Sterne geben müsste. Ich kann diesen Wunsch sehr gut nachvollziehen. Er läuft jedoch meiner Systematik bei der Bewertung von Serien zuwider. Ich beurteile Serien nicht nach einem festen, absoluten Raster. Täte ich das, müsste ich wohl wirklich allen Folgen von The Good Wife fünf Sterne geben. Stattdessen beurteile ich die Qualität der Folgen immer relativ zu einer Serie. An dieser Stelle erlaube ich mir immer gerne, einen kulinarischen Vergleich zu ziehen.
Ja, The Good Wife ist der Kaviar unter den Serien. Aber auch bei Kaviar kann man noch mal Abstufungen vornehmen. Er ist in der einen Woche besser und in der anderen vielleicht mal ein wenig schlechter. Was nichts daran ändert, dass es immer noch Kaviar ist. The Good Wife ist eine so außergewöhnlich brillante und unterhaltsame Dramaserie, dass ich im Gegenteil sogar versucht bin, hier besonders sparsam mit den fünf Sternen umzugehen - und sie mir für die Folgen vorbehalten möchte, welche die Serie noch mal auf ein völlig neues Level heben. Die Vergangenheit hat gelehrt, dass man, um bei der Bewertung der Exzellenz der Serie gerecht zu werden, ruhig immer noch ein bisschen Luft nach Oben lassen sollte.
Wahlkampf
Doch genug der Vorrede. Nach Shiny Objects und Old Spice, die durch den Auftritt Elsbeths (Carrie Preston) automatisch eher die heitere, ausgelassene Seite der Serie repräsentierten, hält mit Message Discipline wieder eine größere Ernsthaftigkeit und auch eine gehörige Portion Spannung bei The Good Wife Einzug.
Alicia steckt mitten im Wahlkampf. Und Message Discipline zeigt, welche Herausforderung das für sie darstellt. Wir sehen eine Alicia, die von ihrem Wahlkampfteam zur Kandidatin umgeformt wird. Die Art, wie sie in der (medialen) Öffentlichkeit auftritt, jedes Wort, jede Geste, ja sogar ihre Körperhaltung - alles wird genau seziert, analysiert und optimiert. Das Resultat dieses Kandidaten-Crashkurses ist jedoch zunächst eine zutiefst verunsicherte Alicia. Sie bewegt sich auf unbekanntem Terrain und muss auf Mittel und Fertigkeiten zurückgreifen, die ihr längst noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen sind.
Für den Zuschauer sind das äußerst spannende Szenen. Wir fiebern mit Alicia, die vor einer immensen Herausforderung steht, dabei aber anders als vor Gericht nicht über das nötige Rüstzeug verfügt.
Interview-Horror
Vor allem das Interview kam mir dabei geradezu schmerzhaft realistisch vor. Ich kann und will meine Situation keineswegs mit der von Alicia vergleichen. Trotzdem konnte ich mit ihr in dieser Szene nicht zuletzt deshalb so gut mitfühlen, weil darin eigene Erinnerungen geweckt wurden. Als Repräsentant von SERIENJUNKIES.DE® hab ich in der Vergangenheit schon einige Radio-Interviews gegeben, jüngst kam auch ein Auftritt in den ARD-„Tagesthemen“ hinzu. Auch mir ist es dabei schon passiert, dass ich mich auf ein Interview vorbereitet habe, dieses dann aber doch in eine ganz andere Richtung ging, und ich - gerade weil ich auf etwas anderes vorbereitet und konzentriert gewesen bin - plötzlich am Schwimmen war.
Du weißt, Du bist auf Sendung, Dein Herz schlägt, Deine Gedanken rasen - und Du versuchst krampfhaft, einfach irgendwelche halbwegs sinnvollen Dinge von Dir zu geben, von denen Du aber schon in dem Augenblick, als die Worte Deinen Mund verlassen, weißt: „O mein Gott, was rede ich hier bloß???“
Ich weiß nicht, wie es ist, ein politischer Kandidat zu sein, der für sich selbst Werbung machen muss - und dadurch noch mal unter einer ganz anderen Art von Druck steht. Für die emotionale Authentizität der Interview-Situation (bis hin zu dem Adrenalinstoß, der einen beim Blick ins Kameraobjektiv wenige Sekunden vor Beginn der Aufnahme/Sendung erfasst) kann ich mich jedoch verbürgen. In dieser Hinsicht ist die Darstellung in Message Discipline geradezu frappierend akurat.
Die männliche Alicia
Frasier-Star David Hyde Pierce feiert mit Message Discipline nach längerer Bildschirmabstinenz seine Rückkehr ins Fernsehen. Als Frank Prady gibt er eine zurückhaltende, dabei aber ungemein überzeugende Performance - als eine Art männliche Alicia. Prady ist gut in seinem Beruf - genau wie Alicia. Er reagiert abwartend auf ihren Überraschungsbesuch und durchschaut ihr Spiel mit der „Kriminalität gegen Senioren“-Phrase - genau wie es umgekehrt Alicia an seiner Stelle getan hätte. Und er scheint ebenfalls von seinen Beratern in die Rolle des Kandidaten gedrängt worden zu sein - genau wie Alicia. Ja, sogar sein Entschluss zur Kandidatur hat Ähnlichkeiten mit dem von Alicia. So, wie es für Alicia die Empörung über Castro (Michael Cerveris) gewesen ist, ist es für Prady die Empörung über die Veröffentlichung seines pro-palästinensischen Artikels aus Studententagen.
Das Ende von Message Discipline hat deshalb etwas geradezu Tragisches: Alicia und Frank sind einander so ähnlich. Sie stehen eigentlich auf derselben Seite. Sie könnten Freunde sein. Sie müssten Freunde sein. Durch die Aktionen ihrer Beraterstäbe finden sie sich jedoch plötzlich in einer Situation des gegenseitigen Misstrauens und der Konfrontation wieder.
Alicia II
Apropos Alicia-Wiedergänger: davon gibt es in der Folge ja noch einen! Ramona steht genau dort, wo Alicia zu Beginn der Serie war: eine Anwältin, die nach vielen Jahren, in denen sie sich um die Familie gekümmert hat, nun in den Beruf zurückkehren will. Sie ist unsicher - genau wie es Alicia zu Beginn war. Indem sie sich ein Herz fasst, gelingt ihr jedoch gleich zum Auftakt ein Punktsieg (gegenüber Eli und gegenüber Diane) - genau wie Alicia. Die Parallelen zwischen den beiden Figuren werden beinahe überdeutlich gezogen. Ramona erklärt sogar offen, dass Alicia ihr Vorbild ist. Und sie scheint auch genau Peters Typ zu entsprechen...
Cary
Cary steht derweil mehr denn je unter juristischem Beschuss. Bemerkenswert ist, dass er zunächst nicht möchte, dass Kalinda beziehungsweise Diane Peter in den Fall involvieren. Auch wenn es nicht offen zur Sprache kommt, warum er dies nicht wünscht, so lässt sich erschließen, dass die Loyalität, welche Alicia bislang ihm gegenüber demonstriert hat (auch wenn sie zu Beginn der Folge etwas zu wackeln beginnt...), von ihm erwidert wird. Er will Peter (und damit unweigerlich seine im Wahlkampf befindliche Ehefrau) nicht in die Sache hineinziehen.
Ein sehr schöner und berührender Augenblick ist der SMS-Wechsel, den er und Kalinda vor Gericht miteinander haben, nachdem sie vom Gericht zu einem körperlichen Mindestabstand von 30 Fuß (knapp 10 Meter) als Teil von Carys Bewährungsauflagen verdonnert worden sind. Berührend ist vor allem der Moment, als Cary schreibt „Ich vermisse Dich“ - und das einen deutlichen Effekt auf Kalinda hat.
Am Ende steckt Cary jedoch weiterhin in der Bredouille: Sein Entlastungszeuge kommt bei einem Unfall ums Leben (wobei natürlich im Umfeld von Lemond Bishop immer die Frage nach der wahren Natur von „Unfällen“ zu stellen ist). Wenigstens hat es Cary vor Gericht nicht mehr mit Finn zu tun, der seinen Job bei der Staatsanwaltschaft hinschmeißt, als ihm klar wird, dass es Castro mehr um Cary (und den daraus resultierenden Schaden für Alicia) als um Bishop geht.
Wir dürfen gespannt sein, wie sich der Prozess gegen Cary weiterentwickeln wird. Und ob Alicia und Finn weiterhin nur Saufkumpane bleiben werden.
Fazit
Eine - wieder mal - packende Episode, in der Alicia eine schmerzliche Lektion in Sachen medialer Öffentlichkeit lernt. Wie jede Woche: ein Hochgenuss voller intelligentem und emotional mitreißendem Drama.
Verfasser: Christian Junklewitz am Dienstag, 4. November 2014(The Good Wife 6x07)
Schauspieler in der Episode The Good Wife 6x07
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