The Good Wife 6x01

Das passiert in der The Good Wife-Folge The Line:
„Nein, auf keinen Fall!“ Alicia (Julianna Margulies) lehnt Elis (Alan Cumming) Vorschlag, dass sie für das Amt des Bezirksstaatsanwalts kandidieren soll, rundheraus ab. Doch Eli lässt nicht locker. Er will die Florricks um jeden Preis zusammenschweißen. Auch weil er darum fürchtet, dass Peter (Chris Noth) einer schlüpferlosen Versuchung im Büro erliegen könnte. Gegen Alicias erklärten Willen lässt er eine Umfrage erstellen, die sie im Vergleich zu Amtsinhaber James Castro (Michael Cerveris) klar in Führung sieht. Peter ist zunächst gegen die Idee, dass sich seine Frau zur Wahl stellt. Doch Eli wäre nicht Eli, wenn er ein Nein so einfach hinnehmen würde.
Alicia hat unterdessen ganz andere Sorgen: Sie ist von Dianes (Christine Baranski) Vorschlag, sich Florrick Agos anzuschließen, sehr angetan. Cary (Matt Czuchry) ist dagegen: er fürchtet (nicht ganz zu Unrecht), dass er bei diesem Deal ausgebootet werden könnte. Gleichzeitig versucht er jedoch die Wogen zu glätten, die durch die Auseinandersetzungen mit Alicia und Kalinda (Archie Panjabi) in A Weird Year entstanden sind. Von einem Moment zum nächsten spielt das alles jedoch kaum noch eine Rolle: Denn Cary wird von der Polizei festgenommen. Zunächst wird er vollkommen darüber im Unklaren gelassen, was überhaupt die Vorwürfe gegen ihn sind. Auch sein Recht auf einen Anruf wird mit Füßen getreten.
Schließlich stellt sich heraus, dass die Staatsanwaltschaft - in Gestalt von Finn Polmar (Matthew Goode - über ihn an den Drogenboss Lemond Bishop (Mike Colter) heranzukommen versucht. Der Vorwurf gegen Cary lautet, dass er Bishop und dessen Crew beim Drogenschmuggel geholfen haben soll. Das Gericht setzt auf Finns Betreiben hin eine Kaution in Millionenhöhe fest. Offenbar will Finn Cary „weichklopfen“, damit er einen Deal eingeht und der Staatsanwaltschaft Informationen liefert, die eine Verurteilung Bishops ermöglichen. Was Bishop aber - auf die ein oder andere Weise - niemals zulassen wird. Alicia beeilt sich deshalb, Bishop zu versichern, dass Cary keinen Deal mit der Staatsanwaltschaft schließen wird, und versucht gleichzeitig alles, um das nötige Geld für die Kaution aufzutreiben...
Unterhaltungsrausch
Unterhaltung ist mehr als nur ein geistiges Phänomen. Sie ist ein physiologischer Prozess. Wer von einem Film oder eine Serie richtig gut unterhalten wurde, der kann dies körperlich spüren. Das Wechselbad aus atemloser Spannung und herzlichem Gelächter, die (nahezu) vollständige Absorption unserer Aufmerksamkeit und Konzentration durch den Serien-Kosmos und unser „Auftauchen“ aus dieser Welt am Ende, das alles findet Niederschlag in unseren körperlichen Reaktionen. Der Herzschlag ist beschleunigt, die Gefäße erweitert. Wir sind in einem geradezu rauschhaften Zustand - bedingt durch den Cocktail aus Adrenalin und Endorphinen, der in der vergangenen Dreiviertel Stunde durch unseren Organismus gepumpt wurde und sich nur langsam wieder abbaut.
Eine Serie, die dieses rauschhafte Unterhaltungserlebnis mit einer bemerkenswerten Konstanz beim Rezensenten hervorruft, ist The Good Wife.
Ein Blick zurück
Die fünfte Staffel der Serie ist ein einziger Triumphzug gewesen: Die Autoren sind größere Risiken als je zuvor eingegangen. Sie haben sich nicht gescheut, an den erzählerischen Grundfesten von The Good Wife zu rühren (siehe den Alicias Weggang von Lockhart Gardner und den anschließenden Kanzlei-Krieg sowie natürlich Wills Tod), um die Figuren vor unerwartete Herausforderungen zu stellen - und sie konstant am äußersten Limit ihrer Möglichkeiten operieren zu lassen. Zu einem Zeitpunkt, an dem viele Serien in einen Trott geraten, hat The Good Wife erst richtig aufgedreht - und ist von einer sehr guten zu einer exzellenten Serie geworden.
Der Emmy (oder auch nur die Nominierung) als beste Dramaserie ist The Good Wife im Sommer verwehrt geblieben. Ein bisschen verhält es sich damit aber wie mit Tatiana Maslany und Orphan Black. Durch den Emmy Snub ist die Aufmerksamkeit erst recht darauf gelenkt worden, was für eine außergewöhnliche Leistung die Macher vollbracht haben.
Der Hammer, den wir nicht kommen sahen
Und der Auftakt der sechsten Staffel macht deutlich, dass sie fest entschlossen sind, genau an dieses Niveau anzuknüpfen. Carys Festnahme gibt dem ohnehin schon turbulenten The Good Wife-Kosmos einen atemberaubenden Spin. Gerade noch schien es so, als wäre Dianes Überlaufen zu Florrick Agos die große News. Da setzen die Autoren noch einen drauf. Das könnte wie ein billiger Stunt mit Jump-the-Shark-Gefahrpotential aussehen; wie ein verzweifeltes Herbeifabulieren von möglichst großen Wendepunkten. Das ist es jedoch nicht!
Seit der ersten Staffel ist Lemond Bishop immer wieder aufgetreten. Seit Anbeginn der Serie hatten die Figuren immer wieder damit zu kämpfen, die ethische Linie im Umgang mit dem Drogendealer zu finden. Es war letztlich nur eine Frage der Zeit, bis ihnen die Bishop-Problematik einmal ganz gewaltig auf die Füße fällt. Es ist das Damokles-Schwert, das bereits seit Jahren über ihren Köpfen hing. Und jetzt - im denkbar ungünstigsten Moment mit all den Kanzleiunbillen im Hintergrund - schlägt es auf sie nieder. Das ist das Geniale an diesem Plot: Er scheint aus dem Nichts zu kommen. Aber das tut er ja gar nicht. Er war schon die ganze Zeit über da, nur haben wir ihn etwas aus den Augen verloren.
Thriller
Statt den Fokus auf die Kanzlei-Machiavellis David Lee (Zach Grenier) und Louis Canning (Michael J. Fox) zu legen (die aber auch so noch zu genügend genüsslichen Szenen kommen...), serviert uns The Line einen erstklassigen Thrillerplot, der für spannendste Unterhaltung sorgt: Cary gerät völlig überraschend und, wie es zumindest lange Zeit scheint, vollkommen unschuldig in die Mühlen der Justiz. Er scheint einem geradezu willkürlichen und nicht sonderlich rechtsstaatlichen Apparat hilflos ausgeliefert. Er verpasst seine Verabredung mit Kalinda, er verpasst das Frühstück mit Diane und Alicia (welche die Gelegenheit nutzen, über eine Zukunft ohne Y-Chromosom am Tisch zu sinnieren). Sein Leben gerät zunehmend aus den Fugen.
Mit Müh und Not schafft er es, eine Nachricht über seinen Verbleib nach Draußen zu befördern. Staatsanwalt und Richter scheinen fest entschlossen, alle Bemühungen um seine Freilassung zu vereiteln. Gleichzeitig sieht er sich mit Bishops Schergen hinter Gittern konfrontiert, die keinen Zweifel daran lassen, was sie mit ihm tun werden, sollte er einen Deal mit der Staatsanwaltschaft schließen. Cary befindet sich in einer bedrückenden, ausweglosen Situation. Das ist es, was diesen Plot so spannend macht. Gleichzeitig sind Alicia und Kalinda fest entschlossen, ihm zu helfen. Das ist gewissermaßen die andere Seite der Spannung. Zur Angst um Cary gesellt sich die Hoffnung, die aus den Anstrengungen resultieren, ihn frei zu bekommen.
Zu allem bereit
So tiefgreifend die Differenzen zwischen ihnen auch in der vergangenen Episode gewesen sind: Als Cary wirklich knietief in Schwierigkeiten steckt, da sind Alicia und Kalinda zur Stelle - und zu allem bereit. Alicia denkt darüber nach, auf ihre Wohnung eine zweite Hypothek aufzunehmen, während Kalinda auch vor der Erpressung ihrer lesbischen Gelegenheits-Gespielin Sophia (Kelli Giddish) nicht zurückschreckt. Die Einsätze sind hoch - und alle spielen mit vollem Risiko. Das ist es, was The Line so spannend macht.
Zugleich stellt das Ende der Episode die Möglichkeit in den Raum, dass Cary tatsächlich einen Fehler begangen hat - und folglich nicht so unschuldig ist, wie er anfangs aussieht. Könnte es sein, dass er - voller Leidenschaft für das Projekt einer eigenen Kanzlei - es beim Dienst am Klienten Lemond Bishop übertrieben hat? Die nächsten Folgen werden darüber sicher Aufschluss geben.
Eli, der Magier
Für den Comic Relief ist in der Folge derweil vor allem Eli zuständig. Seine herrlich unverfrorene Tochter Marissa (Sarah Steele) ist zu Besuch - und darf stellvertretend für das Publikum über die Winkelzüge staunen, mit denen ihr Vater den Gouverneur manipuliert. Und gleichzeitig noch die Krise mit der schlüpferlosen Praktikantin zu bewältigen versucht. Zuzusehen, wie Eli seine manipulative Magie übt, ist nicht nur ungemein vergnügsam und für manchen Lacher gut, sondern bisweilen geradezu ehrfurchtsgebietend: als würde man einem der alten Meister bei der Kunst an der Leinwand zuschauen.
Frühstück
Nicht unerwähnt bleiben dürfen außerdem zwei sehr schöne Charaktermomente während der Frühstücksszene: Alicia kann sich ein Lachen nicht verkneifen, als Diane davon spricht, dass sie der Kanzlei vorab nichts von ihrem Wechsel sagen will. Tja, so schnell kann das gehen: Gestern hat sie Cary noch genau dafür heruntergeputzt, heute hält sie es selbst nicht anders! Ebenfalls bemerkenswert ist, welchen Stellenwert Kalinda mittlerweile für Diane einnimmt. Noch vor allen finanziellen Erwägungen nennt sie die Übernahme von Kalinda als ihre erste Bedingung.
Fazit
Ein rundum gelungener Staffelauftakt! Gerade als man dachte, dass die Figuren schon mehr als genug damit zu tun haben, die vorhandenen Bälle zu jonglieren, da werfen ihnen die Kings noch ein scharfes Messer zu. Genau so funktioniert Drama, welches den Zuschauer packt und regelrecht körperlich durchschüttelt!
Weshalb [quotme=nur] 4,5 Sterne? Weil ich so ein Gefühl habe, dass der qualitative Höhenflug von The Good Wife noch lange nicht vorbei ist!
Verfasser: Christian Junklewitz am Dienstag, 23. September 2014(The Good Wife 6x01)
Schauspieler in der Episode The Good Wife 6x01
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