The Good Wife 5x22

Das passiert im The Good Wife-Staffelfinale A Weird Year:
Alicia (Julianna Margulies) weiß kaum noch, wo ihr der Kopf steht. So viel passiert gleichzeitig: Eli (Alan Cumming) hat einen dunklen Fleck in der Vergangenheit von Finn (Matthew Goode) entdeckt; deshalb will Peter (Chris Noth) ihm die Unterstützung im Rennen um das Amt des Bezirksstaatsanwalts entziehen. Alicia soll dabei helfen, Finn zur Aufgabe zu bewegen.
Gleichzeitig muss sich Alicia selbst gegen eine Sechs-Millionen-Dollar-Klage wehren, die schon seit Monaten wie ein Damokles-Schwert über ihr hängt: während ihrer Zeit bei Lockhart Gardner hatte sie - unter der Aufsicht von David Lee (Zach Grenier) - eine Adoption betreut, die dann allerdings auf Grund eines Bestechungsvorwurfs nicht zustande kam. Alicia und Lockhart Gardner werden gemeinsam verklagt; sie und David Lee schieben sich dabei gegenseitig den Schwarzen Peter zu.
Zu allem Überfluss steht auch noch Zachs (Graham Phillips) Schulabschluss unmittelbar bevor. Alicia kommt jedoch weder dazu, sich um die Vorbereitungen zu kümmern, noch bleibt ihr Zeit, sich emotional darauf einzustellen, dass Ihr Ältester nun an die Uni gehen wird. Hilflos muss sie am Telefon mitanhören, wie ihre Mutter Veronica (Stockard Channing) und ihre Schwiegermutter Jackie (Mary Beth Peil) das geplante Abschiedsabendessen hijacken.
Wirklich perfekt ist das Chaos allerdings erst, als David Lee eine Videokonferenz nicht ordnungsgmäß beendet - und die Anwälte von Florrick Agos daraufhin belauschen können, was im Konferenzraum von Lockart Gardner vor sich geht. Etwa Cannings (Michael J. Fox) und Lees Vorhaben, Diane (Christine Baranski) aus der Position des Managing Partners der Kanzlei zu drängen...
Ein grandioses Jahr
A Weird Year bringt ein in der Tat seltsames Jahr für die Figuren und ein grandioses Jahr für die Fans von The Good Wife zu Ende. Die Gründung von Florrick Agos und der Krieg der Kanzleien (Hitting the Fan), Wills (Josh Charles) Tod und dessen Folgen (Dramatics, Your Honor) haben der Serie eine enorme Dramatik und Energie verliehen. Nicht dass es The Good Wife vorher daran gefehlt hätte; die Ereignisse der fünften Staffel haben der Serie jedoch noch mal einen zusätzlichen Push gegeben.
Die Entscheidungen der Macher sind mutiger geworden. Natürlich hat es auch zuvor Wendepunkte in der Serie gegeben, doch niemals sind sie so extrem gewesen, dass sie an den Grundfesten der Serienprämisse gerührt hätten. Das ist in der fünften Staffel anders geworden. Bei allem, was auch immer sonst in der Serie vor sich ging, ist die Kanzlei Lockhart Gardner immer fester Handlungsmittelpunkt gewesen. Das hat sich mit der Gründung von Florrick Agos geändert. Auf der privaten Schiene ist das Liebesdreieck, in dem Alicia zwischen Peter und Will stand, das emotionale Grundgerüst der Serie gewesen. Auch das ist nicht mehr so. Mit Wills Tod stehen wir auch hier auf einmal vor einer völlig neuen Situation.
Große Veränderungen
Und mit den großen Veränderungen ist die Serie offenbar noch lange nicht fertig. A Weird Year ist dafür der beste Beweis: Canning steht unmittelbar davor, die feindliche Übernahme von Lockhart Gardner zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen. Die Kanzlei, die mehr als vier Jahre lang die Arbeitsstätte unserer Protagonisten gewesen ist, mutiert damit wohl endgültig zu einer antagonistischen Instanz. Dann der Paukenschlag: Diane will zu Florrick Agos wechseln; diese Nachricht kommt allerdings für die Kanzlei zu einem denkbar kritischen Zeitpunkt, da Alicia und Cary (Matt Czuchry) kurz vor dem Bruch stehen. Und ausgerechnet in dieser Situation kommt Eli auf den Einfall, Alicia den Vorschlag zu unterbreiten, dass sie sich doch um das Amt des Bezirksstaatsanwalts bewerben könnte.
Weiß der Himmel, welche Konstellation uns zu Beginn der sechsten Staffel erwarten wird!
Hohe Dynamik, hohe Komplexität
A Weird Year unterstreicht eindrucksvoll, welche unwiderstehliche Dynamik The Good Wife gewonnen hat. Gleichzeitig war die Serie wohl auch noch nie so komplex, die Handlungsfäden so sehr miteinander verwoben wie in diesem Staffelfinale. Florrick Agos steht kurz vor der Implosion, weil Alicia und Cary sich wegen einer möglichen Fusion mit Lockhart Gardner zerstreiten. Zu der Fusion könnte es allerdings ohnehin nur kommen, wenn Diane das Ruder in der Hand behält. Während sie noch um die Vorherrschaft in ihrer Kanzlei kämpft, trudelt auch schon Peters Angebot ein, in das Rennen um die Bezirksstaatsanwalts-Wahl einzusteigen. Und Cary versucht, die Fusion zu verhindern, indem er die Information darüber an Canning durchsticht, was wiederum Dianes Position in der Kanzlei unterminiert.
Was immer in einem Handlungsstrang passiert, es hat sogleich auch Auswirkungen auf die anderen. A Weird Year in dieser Hinsicht bemerkenswert kunstvoll erzählt.
Kanzlei am Abgrund
Staunen kann man natürlich darüber, dass sich der Konflikt zwischen Alicia und Cary so schnell, so gravierend hochschaukelt. Schließlich hat es zuvor kaum einen Hinweis auf schlechte Stimmung zwischen ihnen gegeben. Sogar noch zu Beginn der Episode scheint alles in Ordnung zu sein. Woher kommt also auf einmal diese Explosion? Dazu empfiehlt es sich, einmal die beteiligten Figuren näher anzuschauen.
Die Krise
Alicia steckt in einer tiefen Lebenskrise. Wie bereits in mehreren Folgen zuvor spricht sie davon, erschöpft zu sein. Sie selbst will es zwar nicht so recht wahrhaben oder eingestehen, aber natürlich hat diese Erschöpfung sehr viel mit Wills Tod und den Konsequenzen daraus zu tun. Ihr Privatleben liegt in Scherben: Mit Will ist ihr Traumpartner abhanden gekommen. Ihre Ehe zu Peter ist unter der Wucht ihrer - posthum herausbrechenden - Gefühle für Will zerbrochen und existiert nur noch als ein Potemkinsches Dorf für die Öffentlichkeit und die Kinder. Zu einer neuen wie auch immer gearteten Bekanntschaft - etwa zu Daniel (Nestor Carbonell) - ist sie ersichtlich (The Deep Web) noch nicht bereit. Ihre Kinder sind auf dem Sprung: Zach zieht aus, und Grace (Makenzie Vega) wird auch nicht ewig bei ihr wohnen.
Das letzte Stück ihrer The Good Wife-Identität bröckelt. Ihre Ehe ist perdu und auch als Mutter ist sie nicht mehr wirklich gefragt. Wir erinnern uns: die Beziehung zu Will hatte sie aus einem sehr puritanischen Rollenverständnis der Mutter (welches als größtmöglicher Gegensatz zu ihrer eigenen Mutter konzipiert war) beendet. Und nun steht sie da. Ohne Will. Und ihre identitätsstiftende Mutterrolle geht auch mehr und mehr verloren. Kein Wunder, dass sie jede Kraft und jede Orientierung verloren hat.
Die Arbeit gibt ihr keine Kraft, sondern kostet welche. Der Aufbau einer neuen Kanzlei ist schließlich kein Zuckerschlecken, sondern ein tagtäglicher Kampf. Und Begebenheiten wie die Ereignisse in Tying the Knot, als Alicia dabei hilft, die (wie sich am Ende herausstellt) des Mordes schuldige Verlobte (Laura Benanti, Go On) von Colin Sweeney (Dylan Baker) freizubekommen, sind auch nicht gerade dazu geeignet, den Glauben an die Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns zu fördern.
Dass sich Alicia im Grunde wünscht, unter das schützende Dach von Lockhart Gardner zurückzukehren - ohne die ganze Last der Verantwortung auf ihren Schultern -, ist auf diesem Hintergrund nur allzu verständlich. Zumal ein wesentlicher Grund für ihren Abschied ja ohnehin darin bestanden hatte, dass sie - wegen ihrer Gefühle - nicht länger mit Will zusammen in einer Kanzlei arbeiten wollte. Nach Wills Tod hat sich für sie ein wesentlicher Sinn und Zweck der eigenen Kanzlei erledigt.
Der Underdog
Für Cary dagegen sieht die Lage vollkommen anders aus. Er ist nicht Alicia Florrick, die Frau des Gouverneurs. Er ist der Underdog, der immer gegen Alicia verloren hat. Er hat seinen Job bei Lockhart Gardner verloren, als sich die Kanzlei zwischen ihm und Alicia entscheiden musste. Und ihm ist später die Partnerschaft verweigert worden, die Alicia dagegen angetragen wurde. Obwohl er als Anwalt keinen Deut schlechter ist als sie. Er weiß genau, wie die Geschichte ausgeht, wenn Florrick Agos und Lockhart Gardner fusionieren. Er weiß, welcher Name fallen gelassen wird. Er weiß, dass er am Ende fallen gelassen wird. Seine einzige Chance, nicht wieder auf der Verliererseite zu stehen, ist die Unabhängigkeit der Kanzlei.
Dass Cary zu Canning geht, ist ein schwerwiegender Akt des Verrats. Und es ist auch nicht sonderlich clever, immerhin weiß Cary, dass es einen Livefeed aus dem LG-Konferenzraum gibt. Er muss also damit rechnen aufzufliegen. Trotzdem trifft er sich mit Canning. Er handelt dabei aus einer Position extremer Schwäche heraus: Das abgehörte Gespräch zwischen Diane, Kalinda (Archie Panjabi) und Julius (Michael Boatman) lässt ihn wie einen Trottel aussehen, der sich von Kalinda manipulieren lässt. Er weiß, dass er nicht die nötigen Stimmen hat, um die Fusion im Zuge einer Abstimmung zu verhindern. Der Gang zu Canning ist sein letzter verzweifelter Versuch, die Oberhand zu gewinnen.
Was wir in A Weird Year sehen, ist ein Cary, der dem Kontrollverlust und der daraus herrührenden Frustration mit Aggression begegnet. Sei es offen, wie im Schlagabtausch mit Alicia. Sei es auf geradezu beängstigend unterschwellige Weise, wie im Bett mit Kalinda, als ihr gemeinsames Liebesspiel auf einmal in einen Akt sexueller Gewalt umzuschlagen droht. Cary will sich nicht länger das Tempo vorgeben lassen, will sich von Kalinda nicht wie „eine ihrer Frauen“ behandeln lassen. Es ist ein ungemein dunkler und bedrohlicher Moment, in dem wir einen verletzten und in seinem Stolz gedemütigten Cary erleben, der zu allem fähig scheint.
Man mag sich gar nicht ausdenken, wie die Szene weitergegangen wäre, wenn nicht Kalinda dort gelegen hätte, also eine Frau, die ihrer Drohung, Cary weh zu tun, durchaus hätte Taten folgen lassen können.
Der Konstruktionsfehler
Es ist in A Weird Year davon die Rede, dass der Kanzlei Florrick Agos ein Konstruktionsfehler inhärent ist. Gemeint sind damit zunächst mal die fehlenden Wände und Türen, welche einem ungestörten Arbeiten nicht gerade zuträglich sind. Man kann aber wohl auch im übertragenen Sinne von einem Konstruktionsfehler sprechen: Alicia und Cary, die Gouverneursgattin und der Underdog, das ist eine extrem gegensätzliche Paarung. Eine Partnerschaft, die (Interessens-)Konflikte geradezu heraufbeschwört. Dass es über kurz oder lang zum Knall kommen würde, ist von daher vielleicht gar nicht mal so überraschend.
Auch hier spielt Wills Tod eine Rolle: Als Cary in All Tapped Out von den Fusionsplänen erfährt, da steht Alicia gewissermaßen noch unter Trauerschutz. Die Konfrontation zwischen ihnen bleibt deshalb aus. Beziehungsweise verschiebt sich eben auf A Weird Year.
Wird Florrick Agos den Konflikt und das gestörte Vertrauensverhältnis zwischen den Namenspartnern überwinden können? Ich würde es mir sehr wünschen, aber darauf wetten würde ich im Moment nicht.
Lauschangriff
A Weird Year ist jedoch bei weitem nicht nur wegen der möglicherweise bevorstehenden erneuten Umwälzung der Grundkonstellation so bemerkenswert. Die fünfte Staffel von The Good Wife hatte sich in Folge der Snowdon-Enthüllungen recht intensiv der Abhör-Thematik angenommen. In The Bit Bucket haben wir erfahren, dass Alicia auf Grund eines ehemaligen Klienten von der NSA abgehört wird. In All Tapped Out wurde der Handlungsstrang durch Peters politisch kunstvolles Eingreifen zu einem höchst amüsanten Ende gebracht (welches den Zuschauer glatt in Versuchung hätte führen können, sich gemeinsam mit Eli ehrfurchtsvoll vor Peter auf die Knie zu werfen...).
In A Weird Year wird das Thema noch einmal aufgegriffen, allerdings von einer gänzlich unerwarteten Seite: Was wäre, wenn wir selbst die NSA wären? Was wäre, wenn wir selbst die Möglichkeit hätten, andere bei ihrem privaten Tun, das ganz sicher nicht für die Augen und Ohren Dritter bestimmt ist, auszuspionieren? Was wäre, wenn uns dieses Ausspionieren einen Vorteil verschafft? Wer hält sich dann noch an die hehren Prinzipien von Privatsphäre und Datenschutz? Okay, da wäre Clarke Hayden (Nathan Lane), der sich sogar um die Fernbedienung prügelt. Immerhin ein Aufrechter! Bei den anderen gehen die Prinzipien dagegen sehr schnell über Bord, und das, obwohl man ja gerade erst kürzlich selbst von den NSA-Abhörpraktiken betroffen gewesen ist. Die Versuchung, sich durch das illegitim gewonnene Wissen einen Vorteil zu verschaffen, ist einfach zu groß!
Gleichzeitig zeigt die Folge aber auch die Probleme auf, die mit dem Abhören einhergehen: Hat man das, was man zu hören und zu sehen glaubt, auch tatsächlich richtig verstanden? Setzt man die Bruchstücke und Puzzlesteine richtig zusammen? Und dann ist da Kalinda: Ist es nicht völlig klar, dass sie bei ihrem Loyalitäts-Balanceakt zwischen Liebe und Beruf gegenüber ihrem Arbeitgeber so tun muss, als würde sie ihre Verbindung zu Cary ausnutzen (selbst wenn das nicht oder nur eingeschränkt der Fall ist)? Wer abhört, der kennt deshalb noch lange nicht unbedingt die Wahrheit!
A Weird Year demonstriert recht eindrucksvoll, dass Abhören bisweilen mehr schadet als nutzt. Und zwar einem selbst. Weil er um den Plan gegen Diane weiß, geht Cary zu Canning und bringt dadurch die Partnerschaft mit Alicia in Gefahr. Hätte er davon nicht gewusst, wäre ihm der ganze Ärger erspart geblieben! Denn Diane hätte sich völlig unabhänig davon entschieden, zu Florrick Agos zu kommen. Sie hat zwar die Stimme von Denny Crane... äh... Howard Lyman (Jerry Adler) gewonnen; nachdem Canning ihr aber mit der „nuklearen Option“ droht, ist sie des Kampfes überdrüssig und streicht die Segel.
Durch das Abhören hat Cary kein Problem gelöst, sondern sich im Gegenteil ein neues geschaffen! Die Fusion mit Lockhart Gardner wäre so oder so nicht gekommen.
A Weird Year ist eine so immens dicht erzählte Episode (Buch: Robert und Michelle King, Regie: Robert King), es ist förmlich zum Niederknien!
Frauenfreundschaft
Ein Element, das unbedingt noch Erwähnung finden muss, ist die wachsende Freundschaft zwischen Diane und Kalinda. Seit Wills Tod ist ja immer mal wieder vom „neuen Will“ die Rede. Es ist nicht Finn. Es ist nicht Cary. Es ist ganz sicher nicht Canning. Wenn es jemanden gibt, der diese (Ehr-)Bezeichnung verdienen würde, dann ist es Kalinda. Sie hält Diane den Rücken frei, sie ist (seit Wills Tod) ihre primäre Vertrauensperson in der Kanzlei. Das Vertrauen und die Wertschätzung, welche Diane der Detektivin entgegenbringt, findet unter anderem sehr schön darin Ausdruck, dass sie sie zum Treffen mit Peter und Eli mitnimmt.
Die Freundschaft zwischen Alicia und Kalinda war einst ein Kern-Bestandteil der Serie. Auch wenn sie sich mittlerweile versöhnt haben - der Bruch durch die Erkenntnis, dass Kalinda mit Peter geschlafen hat, ist nie so ganz verheilt. Auch hat natürlich der Weggang von Alicia dafür gesorgt, dass sich die beiden Figuren schlicht nicht mehr so oft über den Weg laufen. Um so schöner ist es allerdings, dass nun mit Diane und Kalinda eine andere starke Frauen-Freundschaft in The Good Wife auf den Bildschirm kommt.
Fazit
Eine 45-minütige Folge, die einem wie ein zweistündiger Kinofilm vorkommt. So viel Handlung, so viel Unterhaltung kann man eigentlich gar nicht in eine Dreiviertelstunde packen. Mit A Weird Year setzt The Good Wife den kongenialen Schlusspunkt unter eine herausragende Staffel - und lässt die Fans aufs Äußerste gespannt den kommenden Herbst erwarten.
Heißt es dann Lockhart Florrick Agos? Oder Frau Staatsanwältin?
Verfasser: Christian Junklewitz am Dienstag, 20. Mai 2014(The Good Wife 5x22)
Schauspieler in der Episode The Good Wife 5x22
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?