The Good Wife 5x05

Revolution
Während der vergangenen Season habe ich mich immer wieder gefragt: Wie konnte ich nur die The Good Wife-Reviews zu Gunsten von Revolution aufgeben? Während der dritten Staffel von The Good Wife hatte ich irgendwie immer mehr das Gefühl gehabt, stets nur das Gleiche schreiben zu können. Die Serie hatte in meinen Augen ein so konstantes Niveau erreicht, dass mir Episoden-Reviews überflüssig vorkamen. Außerdem bin ich am Ende äußerst, äußerst verärgert wegen Alicia (Julianna Margulies) gewesen, dass sie tatsächlich mehr oder minder zu Peter (Chris Noth) zurückgegangen ist. Als dann diese SciFi-Serie mit dem wirklich coolen Grundkonzept einer Welt ohne Strom am Horizont auftauchte, da habe ich mich blind vor Vorfreude für die Episoden-Reviews gemeldet. Dafür musste ich dann jedoch eine andere Serie aufgeben. Und so traf es dann The Good Wife.
Ich kann gar nicht sagen, wie sehr mich das später geärgert, ja gequält hat. Revolution war während der ersten Staffel (ich hatte bislang weder Lust noch Gelegenheit, in die zweite hineinzuschauen...) eine einzige Katastrophe. Während der Staffel die Reviews abzubrechen, kam jedoch - verdammtes preußisches Arbeitsethos! - für mich nicht in Frage.
Die vierte Staffel
Dabei hätte ich so viel lieber The Good Wife besprochen: Alicias Gefühle für Will (Josh Charles), die sich nicht so ohne weiteres abschalten lassen. Peters Wahlkampf und die Ermittlungen gegen Eli (Alan Cumming), welche aber natürlich eigentlich darauf abzielen, an Peter zu gelangen. Die finanzielle Krise von Lockhart & Gardner, welche die Kanzlei nicht zuletzt deshalb unbeschadet übersteht, weil sie den Mitarbeitern im vierten Jahr eine Beförderung in den Stand von Partnern verspricht, wovon Will, Diane (Christine Baranski) und David Lee (Zach Grenier) aber in dem Augenblick nichts mehr wissen wollen, als es der Kanzlei wieder besser geht.
Die großartigen Gastauftritte von Nathan Lane, Amanda Peet, Kyle MacLachlan und natürlich die famose - und mehr als zu Recht mit dem Emmy ausgezeichnete - Carrie Preston. Selbst die besch... eidene Story mit Kalindas (Archie Panjabi) Ehemann (Marc Warren). Es hätte so viel gegeben, worüber es sich gelohnt hätte, in der vierten Staffel Reviews zu schreiben! Nicht zu vergessen die tollen Episodeneinfälle wie etwa die auf Französisch abgehaltene Verhandlung vor dem Internationalen Sportgerichtshof in Je Ne Sais What?.
Beste Episode
Leider, leider kann ich die Reviews zu The Good Wife derzeit aus anderen Gründen nicht regelmäßig wieder aufnehmen. Doch zu Hitting the Fan muss einfach etwas gesagt werden. Das Ende des Jahres rückt näher. Und in der Redaktion werden wir wieder unsere Rückblicke vorbereiten. Und es wird sich die Frage stellen: Welches war die beste Serien-Episode dieses Jahres? Ja, es spricht Einiges für The Rains of Castamere aus Game of Thrones. Die letzte Folge von Breaking Bad? Gut, dass wir dafür eine eigene Kategorie haben (bestes Serienfinale)! Seit vergangener Woche ist jedoch auch aus den Reihen von The Good Wife ein ernsthafter Mitbewerber erwachsen.
...am Dampfen
Hitting the Fan. Der Episodentitel spielt ganz klar auf die englische Redewendung „The shit is hitting the fan“ (so viel wie „Die Kacke ist am Dampfen“) an. Und das trifft die Sache schon sehr gut! Die Folge ist wie eine Explosion. Schon seit der vergangenen Staffel haben sich die Konflikte immer weiter verdichtet. Spätestens mit Alicias überraschender Entscheidung am Ende von What's in the Box?, mit Cary (Matt Czuchry) eine eigene Kanzlei zu gründen, war klar, dass es zu diesem Moment kommen würde: zur Trennung von Lockhart Gardner, der bislang fraglos größte Wendepunkt in der Geschichte der Serie. Nichts verändert die Struktur von The Good Wife so sehr wie das, was sich in Hitting the Fan vollzieht. Mit Florrick Argos entsteht eine neue Kanzlei - und auf einmal herrscht zwischen dem einen Teil unserer Hauptfiguren und dem anderen Teil Krieg.
Das Kapital
Was diesen Krieg so spannend macht, ist nicht zuletzt die Tatsache, dass ihm einer der großen, ungelösten Konflikte unserer Zeit zu Grunde liegt. Ein Konflikt, von dem man eigentlich glaubte, dass er längst ad acta gelegt worden sei und in eine andere Epoche, das 19. Jahrhundert, gehört. Doch nicht zuletzt die ökonomischen Verwerfungen im Zuge der Bankenkrise haben offenbart, dass der Kapitalismus ja vielleicht doch nicht so ganz unproblematisch ist, wie man zwischendurch vielleicht dachte. Und The Good Wife thematisiert hier den zentralen Konflikt des Kapitalismus: zwischen denen, welche die Arbeit leisten, und denen, die, weil ihnen die Produktionsmittel (spricht: die Kanzlei) gehören, den Profit einstreichen. Dass sich die Auseinandersetzung im Milieu von Anzugträgern und nicht in einer Kohlengrube abspielt, macht dabei keinen Unterschied, sondern hilft allenfalls dabei aufzuzeigen, dass es hier um einen Konflikt geht, der nicht nur irgendeine von uns vermeintlich ferne Arbeiterklasse betrifft.
Auf welcher Seite man in diesem Klassenkampf steht, hat auch großen Einfluss darauf, wie man die Handlungen von Alicia und Cary bewertet: Üben sie Verrat? Oder reagieren sie nur ganz natürlich auf einen Verrat, der an ihnen begangen worden ist? Stehlen sie Klienten? Aber wem „gehören“ die Klienten denn überhaupt? Der Kanzlei? Oder denen, die sich in der Kanzlei die ganze Zeit um sie gekümmert haben?
Die Kriegsparteien
The Good Wife macht sich die Antwort auf diese Fragen nicht leicht. Was natürlich zuletzt daran liegt, dass die Kapitalisten in diesem Fall, insbesondere Diane und Will, aber letztlich auch David Lee, ja Figuren sind, die wir in den letzten vier Jahren kennen und schätzen und lieben gelernt haben. Es sind keine per se bösen Figuren. Aber es sind natürlich Figuren, die ihre eigenen Interessen haben und vertreten und dabei, was wir schon in der Vergangenheit immer wieder beobachten konnten und dort häufig bejubelt haben, mit einer gehörigen Portion Skrupellosigkeit vorgehen. Nur dass diesmal Alicia und Cary auf der anderen Seite stehen.
Nicht weniger skrupellos verhält sich im Gegenzug Peter, der sein öffentliches Amt - ohne Rücksicht auf etwaige ethische Bedenken - dazu verwendet, um Alicia bei der Gründung ihrer Kanzlei zu helfen. Und dass er seinem ewigen Rivalen Will im Zuge dessen auch noch einen reinwürgen kann, ist dabei natürlich ein willkommener Bonus! Es ist unverkennbar, wie sehr er es genießt, Will in ihrem Telefonat seine neue Position und Stärke spüren zu lassen.
Persönliche Konflikte
Das ist das Großartige an Hitting the Fan: auf dem Fundament, welches der zentrale Konflikt rund um das Thema Verteilungsgerechtigkeit legt, satteln so viele weitere - gesellschaftliche wie persönliche - Konflikte auf. Machtmissbrauch und Günstlingswirtschaft in öffentlichen Ämtern (siehe Peters Umgang mit Dianes Kandidatur für das Richteramt). Das Gefühlschaos, welches den Bruch mit Lockhart Gardner begleitet: Alicia hat Gefühle für Will. Das ist für sie ein starkes zusätzliches Motiv, die Kanzlei zu verlassen. Gleichzeitig will sie ihm aber auch nicht wehtun, was aber natürlich genau in dem Moment passiert, als Will von Diane die Wahrheit erfährt. Alicia versucht noch, das Persönliche von der Arbeit zu trennen („It was never meant to be personal...“), was aber in diesem Moment natürlich nicht mehr funktioniert. Und wieder schließen sich Aufzugstüren (Closing Arguments). Mein Gott, ist diese Serie intelligent erzählt!
Nicht nur Will ist von Alicia schwer enttäuscht, sondern auch Kalinda, wenn auch aus anderen Gründen. Sie ist verletzt, weil Alicia ihr nichts von ihren Absichten erzählt hat. Das dürfte wohl auch den Ausschlag dafür geben, dass sie sich am Ende auf die Seite Wills schlägt.
Authentizität
Die Inszenierung, das Schauspiel der Darsteller - alles stimmt in Hitting the Fan auf den Punkt genau. Das fassungslose, ungläubige Staunen von Will, als er von Diane die Nachricht hört; die Ruhe, mit der er Alicia konfrontiert, nur um dann im nächsten Augenblick zu explodieren. Alicias Verunsicherung im ersten Moment. Ihr Versuch, sich mit Floskeln zu retten, doch schließlich ihre entschlossene Opposition. Sie ist eine Partnerin und sie lässt sich nicht so einfach rauswerfen. Die Aktionen und Reaktionen der Figuren. Das Chaos, welches daraus resultiert. Die Versuche, der Partner zu ermitteln, wer alles zu den Verrätern gehört. Deren Versuche, so lange wie möglich unentdeckt zu bleiben, um so viele Akten wie möglich mitnehmen zu können. Wie Cary sich gegenüber Diane verplappert.
Das alles macht einen ungemein realen Eindruck. In jedem Augenblick vermittelt sich das Gefühl: Ja, genau so würde sich ein solches Ereignis abspielen. Das ist es, was Hitting the Fan so spannend und aufregend macht. Der Bruch von Alicia, Cary und den anderen wird in jeder schmerzhafte Facette bis zur letzten Konsequenz durchgespielt. Gleichzeitig legt die Episode ein atemberaubendes Erzähltempo vor.
Quo vadis, The Good Wife?
Sie ist so dicht erzählt - ich habe sie bereits zum dritten Mal geschaut und entdecke immer wieder etwas Neues. Das ist Fernsehen, welches einen mit Herz und Verstand und allen Sinnen packt - und über die Dreiviertel Stunde Laufzeit hinaus nicht mehr loslässt.
Das verdankt sich natürlich auch und insbesondere dem Umstand, dass man sich als Zuschauer fragt: wie um alles in der Welt geht es jetzt mit der Serie weiter? Die Umwälzung ist so grundlegend, dass es für Alicia und Cary auf absehbare Zeit keinen Weg mehr zurück geben wird. Mit Hitting the Fan schlägt The Good Wife eine neue Richtung ein. Wir haben in der Vergangenheit schon Kanzleien in Anwaltsserien implodieren sehen - etwa in den letzten acht Folgen von The Practice. Dort war es jedoch das Serienfinale und David E. Kelley wollte das Spin-Off Boston Legal vorbereiten. In The Good Wife vollzieht sich der Bruch jedoch zu Beginn der Staffel.Wie wird es jetzt weitergehen? The Next Day wird darauf sicherlich eine erste Antwort geben.
Fazit
Eine Sternstunde für The Good Wife. Eine Sternstunde des dramatischen Erzählens im Fernsehen.
Verfasser: Christian Junklewitz am Sonntag, 3. November 2013(The Good Wife 5x05)
Schauspieler in der Episode The Good Wife 5x05
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?