The Good Wife 2x23

The Good Wife 2x23

Im Staffelfinale von The Good Wife kämpfen Will und Alicia gegen die Uhr, um den Beweis für die Unschuld ihres Mandaten zu erbringen. Noch spannender als der Fall der Woche ist nur eine Fahrt im Hotelfahrstuhl.

Das Liebesdreieck in „The Good Wife“ nimmt eine nicht gänzlich unerwartete Wende. / (c) CBS
Das Liebesdreieck in „The Good Wife“ nimmt eine nicht gänzlich unerwartete Wende. / (c) CBS

Ein wenig kann man die Sorgen, die Grace (Makenzie Vega) sich macht, schon verstehen. Vor einigen Folgen hatte sie ihre Mutter einmal darauf angesprochen, dass sie nach der Arbeit stets zum Weinglas greift. In Closing Arguments sehen wir, wie Alicia (Julianna Margulies) dem Tequila fröhnt - und dabei zu einer völlig anderen Person wird.

Alkohol ist für Alicia nicht einfach nur ein Genussmittel. Es ist für sie ein Weg, eine Zeitlang nicht mehr „Alicia“ zu sein, diese zugeknöpfte, ernste, stets beherrschte Person. Tequila-Alicia kann aus sich herausgehen, sogar aus vollem Hals lachen. Die enthemmende Wirkung des Alkohols sorgt auch dafür, dass sie auf Wills (Josh Charles) Idee einer Liebesnacht im Hotel eingeht.

Der Hindernislauf, den die beiden bis zum Erreichen ihres Ziels zu überwinden haben, hat dabei gleich mehrere Funktionen. Neben der Komik, die aus dem Zusammenstoß von leidenschaftlichem Verlangen und banaler Alltagsrealität resultiert (die Frustration in Wills Gesicht, als die key card nicht funktioniert, einfach göttlich!), ist es natürlich auch wichtig zu zeigen, dass hier nicht einfach zwei Betrunkene übereinander herfallen. Das wäre - zumal in einer Serie wie The Good Wife - viel zu platt.

Der Alkohol ist der Katalysator, der die Reaktion zwischen Will und Alicia startet. Durch die Hindernisse, die sich ihnen in den Weg stellen, merken wir jedoch, wie sich bei beiden (insbesondere während der Fahrt im Aufzug) Ernüchterung breit macht. Und wir fragen uns: Wird Alicia (oder Will) wieder einen Rückzieher machen? Doch das tut sie nicht.

So quälend die Hindernisse auch sind, so geben sie den beiden doch Gelegenheit zur Reflektion und zur bewussten Entscheidung, den Schritt hin zu einer sexuellen Beziehung tatsächlich zu vollziehen. Das ist bei Will der Fall, als er wegen des sonst ausgebuchten Hotels die Präsidenten-Suite nimmt. Und das ist bei Alicia der Fall, als sie Will die key card aus der Hand nimmt und sanft in den Schlitz einführt. Die sexuelle Metaphorik dieser Szene bedarf kaum einer weiteren Erläuterung.

Was als - im wahrsten Sinne des Wortes - Schnapsidee begann, wird in einen Akt der bewussten Hingabe transformiert. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass die Autoren von The Good Wife, allen voran die Erfinder und Head Writer Michelle und Robert King (letzterer hat im Staffelfinale auch Regie geführt), die besten sind, die augenblicklich im Network-Fernsehen arbeiten, dann wäre es wohl diese eine Sequenz. Aus einem schon häufig in Film und Fernsehen gesehenen Moment, der in den meisten Fällen wohl zu Bar-Schnitt-Bett verkürzt worden wäre, machen die Kings ein eigenes kleines Kunstwerk.

Die Szene im Aufzug scheint außerdem fast das Modell für die Erzählweise der gesamten Episode zu sein: Während die Zuschauer wohl hauptsächlich daran interessiert sind, wie sich die Beziehungen der Figuren nach der Enthüllung von Peters (Chris Noth) Seitensprung mit Kalinda (Archie Panjabi) weiterentwickeln, stellt Closing Arguments dagegen den Fall der Woche in den Mittelpunkt - wie die Aufzugtüren, die sich immer wieder vor unsere Augen schieben und nur kurze, ausschnitthafte Blicke ins Innere erlauben.

Das ist einerseits - so spannend der Fall auch ist - etwas frustrierend, einfach weil die Erwartungshaltung des Zuschauers (oder zumindest des Rezensenten) eine andere ist. Andererseits ist es jedoch dramaturgisch nicht ungeschickt: Der Fall, bei dem wir kaum im Zweifel gelassen werden, dass es darum geht, einen Unschuldigen vor einer sicher und nicht revidierbar scheinenden Gefängnisstrafe zu bewahren, setzt die Figuren unter einen solch enormen Druck, dass dies auch für ihre persönlichen Beziehungen nicht ohne Folgen bleibt.

Ohne diesen drängenden Fall könnte Alicia Kalinda einfach ignorieren (wie sie es am Anfang versucht). Doch es bleibt ihr nichts anderes übrig, als ihre einstige Freundin nach Ankunft des Beweis-Handschuhs zu sich ins Büro zu rufen. Auch kann sie sich nicht dagegen wehren, als Diane (die in den letzten Folgen etwas zu kurz gekommene Christine Baranski) sie und Kalinda gemeinsam zu einer Vernehmung losschickt. Der Fall ist zu wichtig, als dass ihre persönlichen Differenzen im Weg stehen dürfen. Sie müssen sich zusammenraufen. Am Ende scheint dies auch zu klappen. Alicia winkt Kalinda zu sich herein, ohne zu zögern.

Gibt es also vielleicht doch noch eine Hoffnung, dass die beiden über die gemeinsame Arbeit zu ihrer Freundschaft zurückfinden? Bemerkenswert ist jedenfalls, dass das jüngste Erlebnis mit Alicia Kalindas Einstellung zu Affären geändert zu haben scheint. Sie weiß jetzt, was es bedeutet, wenn Menschen durch so etwas verletzt werden. Entsprechend abweisend reagiert sie, als sie erfährt, dass ihre Ex-Kollegin und Bettgefährtin (Chase-Hauptdarstellerin Kelli Giddish) verheiratet ist.

Auch in eine andere Beziehung spielt der Fall hinein, wenn auch nur indirekt: Als Eli (Alan Cumming) mit Alicia über seinen Einstieg in die Kanzlei und ihre Zusammenarbeit sprechen will, reagiert sie sehr abweisend, schließlich steckt sie gerade in den entscheidenden Recherchen zum Fall. Totaler Informations-Overload (was von der Inszenierung sehr gekonnt dadurch unterstützt wird, dass auch der Zuschauer in diesem Moment mit Informationen überflutet wird: Wir müssen gleichzeitig Elis Dialog und der Recherche auf dem Bildschirm folgen).

Ausgerechnet in diesem Moment nimmt ihre Beziehung eine entscheidende Wende: Eli, der sonst so häufig zurückstecken musste, erklärt, dass er diesmal nicht ihren Wünschen folgt. Er wird zu Lockhart/Gardner kommen, ob es ihr passt oder nicht. Ohne den Zeitdruck des Falles wäre dieses Gespräch wohl anders verlaufen.

Die Ausgangssituation für die dritte Staffel könnte damit kaum interessanter sein: Peter braucht Alicia, um in den nächsten Wahlkampf zu ziehen („Without her, Peter is a John who overpaid for a prostitute. With her, he is Kennedy.“), sein Wahlkampf-Manager bezieht ein Büro in der Anwaltskanzlei, in der Alicia arbeit, und wo sie gerade ein Verhältnis mit dem Miteigentümer anfängt. Delikat, delikat.

Fazit

Nach der ersten Staffel lautete die große Frage: Kann The Good Wife das Niveau halten? Nach der zweiten kann man nur staunen: Wie weit will diese Serie das Niveau noch steigern? Thematisch, erzählerisch, schauspielerisch - The Good Wife ist eine der besten, vielschichtigsten Dramaserien im US-Fernsehen, die dabei jedoch nie vergisst, sich mit einer gesunden Portion Humor und nachvollziehbaren zwischenmenschlichen Konflikten an ein breites Publikum zu wenden.

Verfasser: Christian Junklewitz am Donnerstag, 19. Mai 2011
Episode
Staffel 2, Episode 23
(The Good Wife 2x23)
Deutscher Titel der Episode
Schlussplädoyer
Titel der Episode im Original
Closing Arguments (2)
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Dienstag, 17. Mai 2011 (CBS)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 19. August 2011
Autoren
Brian Buckner, Stan Kirsch
Regisseur
Robert King

Schauspieler in der Episode The Good Wife 2x23

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