The Following 1x15

Der Serienmörder Joe Carroll (James Purefoy) aus The Following hat sehr viel Zeit und Mühe in seinen Roman „The Curse“ investiert. Sorgsam hat sich der fanatische Poe-Fan einen Leuchtturm ausgesucht, um seine Geschichte enden zu lassen. Schließlich ist so ein pittoreskes Bauwerk auch der Handlungsort für die letzte Geschichte, die Carrolls großes Vorbild vor seinem Tode noch zu Papier brachte. Weder Poes „The Light-House“ noch Joes literarisches Vermächtnis verfügen jedoch über ein Ende: Während Edgar dafür wohl die Kraft gefehlt hatte, überlässt es Joe seinem Helden, die letzten Seiten zu füllen - was zum Glück nicht sprichwörtlich zu verstehen ist. Doch auch ohne einen Ryan Hardy (Kevin Bacon), der am Schreibtisch in diffusem Licht vor sich hin kritzelt, ist The Final Chapter irre genug. Leider haben wir es dabei nicht immer mit Wahnsinn der unberechenbaren Sorte zu tun.
Das Ende der Debra Parker
Joe Carroll konnte fast exakt vorhersagen, wie seine blumige Geschichte „about death“ sich ihrem Ende nähern würde. Allerdings tragen sowohl der Zufall als auch die Serienfiguren einen beachtlichen Teil dazu bei, dass sich die gewagten Prognosen Carrolls erfüllen. Ein „bouncender dummy-server“ und der Follower Alex (Charlie Semine) sorgen dafür, dass Ryan Hardy und sein verlässlicher Sidekick Mike Weston (Shawn Ashmore) ihre Kollegin Debra Parker (Annie Parisse) erst kurz nach ihrem Tod aus der Erde holen.
Obwohl Debras entkräftetes Schluchzen nicht gerade fröhlich stimmt, ist die Entwicklung von Hardy und Weston ungleich verstörender. „Do what you need to do.“ Hardys Vorgesetzter Turner (John Lafayette) hat ihm höchstpersönlich die „Lizenz zum Foltern“ erteilt. Eine Eisenstange kommt dabei genauso zum Einsatz wie Hardys Daumen. Zum Glück ist es in The Following auch zu diesem Zeitpunkt wieder dunkel genug, um nicht alles erkennen zu müssen. Die hysterisch-schmerzerfüllten Schreie des gemarterten Alex sind aber ohnehin schon schlimm genug zu ertragen. Überhaupt zeichnet sich diese Episode durch markerschütterndes Sounddesign aus. Trotz der penetranten Finsternis sorgt beispielsweise das Geräusch von Joes Messer, als er den Bootskapitän Neal Myre zerhackstückelt, für ein Gefühl der Beklemmung in der Magengegend...
Hardcore-Hardy
Hardys endgültiger Wandel vom Guten zum Bösen vollzieht sich durch seine kaltblütige Hinrichtung von Alex. Es ist nicht sonderlich plausibel, dass der Exagent bis zum Schluss ungehindert auf freiem Fuß bleibt, nachdem er doch gerade einen wehrlosen Mann erschossen hat. Mit der neuerlichen Kostprobe der eigenwilligen serieninternen Logik gehen jedoch ein paar hübsche Momente einher. Alex schockierte Erkenntnis darüber, dass er gerade seinem Henker ins Gesicht blickt, wirkt ebenso intensiv wie Hardys neue Entschlossenheit. Weil jetzt er die Geschichte schreibt, lässt er auch Weston zurück - der todgeweihte Hardy möchte seinen curse nicht übermäßig herausfordern. Trotz der vielen logischen Holpersteine (ja, wo genau sind denn eigentlich schon wieder die Agenten??) kann Kevin Bacon in diesen Sequenzen eine ausgeprägte Spannung heraufbeschwören.

Im Leuchtturmhaus
Wie im Falle des Protagonisten aus „The Light-House“ geht es auch in The Following am Ende um das pure Überleben. Während sich der Erzähler in Poes letztem Werk um die Sicherheit des Gebäudes sorgt, muss sich Carroll auf die Sturmwelle gefasst machen, die ihm in Gestalt von Hardy bevorsteht. Man ist dem Killer sehr dankbar dafür, dass er Claire (Natalie Zea) - die sich einmal mehr durch suizidal anmutende Provokationen ihres Exmannes hervortut - endlich zum Schweigen bringt: „Shut up. You are always so bloody noble.“
Ob das folgende wahnsinnige Gestammel des Joe Carroll noch ernst genommen werden kann, muss wohl jeder selbst entscheiden: „Don't you dare take responsibilities for my actions! I earned them. I own them. They are MINE!“ Bist du sicher, dass du die Verantwortung nicht gefunden hast? An deinem Geburtstag vielleicht, my precious?
Carrolls... Tod?!
Mike Weston zeigt sich ernsthaft überrascht darüber, dass nicht jedes Wort aus Carrolls „The Curse“ unweigerlich in Erfüllung geht: „So we can still change the story, right?“ Es ist nicht anzunehmen, dass viele der Zuschauer dem Oberkiller noch so viel Ehrfurcht entgegenbringen wie der junge Agent. So konnte The Following zu keinem Zeitpunkt der gesamten ersten Staffel schlüssig darstellen, wie es Carroll gelingen konnte, eine ganze Armada von widerspenstigen Serienkillern unter sich zu vereinen. Dass er jetzt - gescheitert, verlassen und sogar im Schatten des symbolträchtigen Leuchtturms - in die Luft fliegt, würde gut zu dem Charakter passen. Doch leider ist das zufällige Vorhandensein von Myres Leiche in der unmittelbaren Nähe von Joes vermeintlichem Todesort nur eines der Anzeichen dafür, dass wir Mr. Purefoy noch mal wiedersehen werden. Bis zum Eintreffen des bewusstlosen Hardy hatte Joe schließlich genug Zeit, um sich nach etwaigen Fluchtmöglichkeiten umzusehen, die seiner Figur den Sprung in den Fortsetzungsroman ermöglichen könnten. Auch die Zähne, die die Spurensicherer am Leuchtturm geborgen haben, hätte der Killer vorausschauend präpariert haben können. Und zur Not hat einfach irgendein FBIler im Labor irgendetwas durcheinandergebracht.

Humor
In dem leichenlastigen „Following“-Finale geht es nicht nur rasant zur Sache. Es gibt auch etwas zu lachen. Die Komik aus dem herrlichen Dialog zwischen Hardy und Deidre Mitchell (Chinasa Ogbuagu) über das Befinden der lebendig begrabenen Parker ist wohl eher unfreiwilliger Natur. Hardy: „How is she doing?“ Mitchell: „She is scared, Ryan.“
Dahingegen wirkt Joes trockenes Statement „I have both been stabbed with a knife and a fork“ so als würde er sein Unglück tatsächlich selbst ein bisschen komisch finden. Hardys furiose Attacken auf Joes literarisches Werk schließlich muten schon fast wie ein metatextuelles Schuldzugeständnis der „Following“-Autoren an. So ist nicht nur das Ende von „The Curse“ ein bisschen zu predictable geraten. In der Vergangenheit wurde nämlich viel zu oft betont, dass Hardys Tod mit Molly verbunden sein werde, als dass bei ihrem Auftauchen in Ryans Wohnung auch nur ein Anflug von Überraschung aufkommen könnte.
Fazit
Man kann den Machern von The Following nicht vorwerfen, dass im Finale von Staffel eins nicht genug passiert. Parker stirbt, Hardy kann sich zum gnadenlosen Mörder weiterentwickeln und Carroll fliegt - zumindest scheinbar - in die Luft. Leider wird aber auch The Final Chapter von den üblichen Schwächen der Serie heimgesucht: Dunkle Räume müssen auch hier als entscheidendes spannungstragendes Element herhalten und die FBI-Agenten befinden sich nach wie vor in ihrem kollektiven Dauerstreik.
Das Überleben von Hardy und Claire steht - zumindest theoretisch - auf der Kippe und Molly und Emma stehen bereit, um das Erbe ihres Mentors weiterzuführen. Bei Emma handelt es sich zwar um eine der interessanteren Figuren der Serie und The Following gibt sich auch alle Mühe, die staffelübergreifenden Spekulationen der Zuschauer durch eine Vielzahl von ungewissen Schicksalen anzuheizen. Trotzdem wäre es in den Augen der Rezensentin kein allzu großer Verlust gewesen, wenn The Final Chapter seinem Namen gerecht geworden wäre...
Verfasser: Thordes Herbst am Dienstag, 30. April 2013(The Following 1x15)
Schauspieler in der Episode The Following 1x15
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