The Expanse 1x10

The Expanse 1x10

Die Umsetzung der Bücher wirft eine wichtige Frage zu den Hauptfiguren auf: Wer zum Teufel sind diese Leute? Wir ziehen nach dem Staffelfinale von The Expanse erneut den Vergleich zur Romanvorlage.

„The Expanse“ / (c) Syfy
„The Expanse“ / (c) Syfy

Nach der ersten Staffel von The Expanse wird es Zeit für den Buchfan, den ganz großen Vergleich zu ziehen: Wird die Verfilmung den hohen Ansprüchen der Vorlage gerecht? Wo sind die wichtigen Unterschiede? Und schließlich: Welche Version ist besser?

Der Abschnitt mit dem Lob, Teil 2

(Was bisher geschah: Vor dem Start der TV-Serie haben wir die Romanreihe vorgestellt und mit dem entsprechenden Bezug später die Pilotfolge besprochen. Das ist hier nicht das Staffelreview, sondern befasst sich nur mit dem Vergleich zum Buch.)

Die erste Staffel von The Expanse ist vorbei. Den größten Teil der Zeit habe ich mit heruntergeklappter Kinnlade vor dem Fernseher gesessen.

Das ist auf der einen Seite ein Lob. Wir müssen hier nicht wiederholen, was andere schon festgehalten haben: Die Macher haben richtig Geld und Mühe in die Serie investiert und das Ergebnis ist besser, als man hoffen durfte. Was auch immer man von der TV-Serie halten mag, sie ist keine Billigproduktion, der Stoff wurde mit Respekt behandelt, optisch ist sie fantastisch. Da wird dem Buchfan ganz warm ums Herz.

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Auf der anderen Seite war der offene Mund aber auch ein Zeichen tiefer, zum Teil sogar völliger Verwirrung, was die Figuren betraf. Es folgten in dichter Abfolge Entsetzen, Empörung, Wut und dann irgendwann Akzeptanz und schließlich eine gewisse, wenn auch zum Teil morbide Faszination.

Es sind wirklich alles Arschlöcher im TV

In der Psychiatrie kennt man das Capgras-Syndrom, eine schwere Störung, bei der die Betroffenen davon überzeugt sind, dass ein Mensch durch einen Doppelgänger ersetzt wurde. So in etwa ist das, wenn man als Buchkenner die Verfilmung von „The Expanse“ guckt: Die Handlung ist praktisch identisch mit der Vorlage, aber die Figuren wurden ausgetauscht, zum Teil komplett, und zwar so konsequent, dass selbst die Gruppendynamik unter den Überlebenden der Cant eine völlig andere ist.

Das hatte sich schon in der ersten Folge Dulcinea angedeutet. Wir hatten damals festgehalten, dass die drei Hauptfiguren Jim Holden (Steven Strait), Miller (Thomas Jane) und Chrisjen Avasarala (Shohreh Aghdashloo) im Fernsehen alle als Arschlöcher dargestellt werden - Holden weil er bereit war, das Rettungssignal zu ignorieren, Miller weil er korrupt ist und Avasarala weil sie einen Belter foltern lässt. Nichts davon findet sich in den Büchern. Etwas verzweifelt haben wir uns dann gefragt, wie die Drehbuchschreiber das mit der Vorlage in Einklang bringen wollten.

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Alice im Drogenrausch und Smaug muss sterben!

Nach der kompletten ersten Staffel wissen wir: Überhaupt nicht. Es sind schlicht andere Menschen, die nur den jeweils selben Namen tragen und die gleiche Handlung durchlaufen.

Die Tragweite dieser Änderung ist schwer in Worte zu fassen, wenn man die Bücher nicht kennt. Probieren wir es hiermit: Bei der Verfilmung von „The Hobbit“ wären die Helden radikale Drachen-Hasser, die losziehen, um Smaug zu töten. Nebenbei finden sie einen riesigen Schatz. Gleiche Handlung, andere Motivationslage. In Alice in Wunderland schicken wir das Mädchen auf die Reise, um neue und bessere Drogen zu finden, mit Erfolg. Etwa so tiefgreifend sind auch die Änderungen an den Figuren in The Expanse.

Am härtesten trifft die Stepford-Wives-Behandlung bislang Chrisjen Avasarala (Shohreh Aghdashloo), vermutlich weil sie eigentlich erst im zweiten Buch Caliban's War auftaucht und die Macher der TV-Serie praktisch alles, was wir bislang von ihr gesehen haben, selbst erfunden haben. Schon ihr Rang bei der UN ist anders: Im Buch ist sie formell die assistant to the undersecretary of executive administration, also auf dem Papier ein kleines Licht, im Film dagegen schon eine deputy undersecretary.

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Shohreh Aghdashloo in %26bdquo;The Expanse%26ldquo; © Syfy

Die kleine süße Oma und das F-Wort

Allerdings hat sie im Buch dramatisch mehr Macht. Avasarala ist die klassische graue Eminenz, die hinter den Kulissen ihren Einfluss spielen lässt und die Fäden zieht. Alle haben Angst vor ihr. Wir sehen sie meist im Dialog mit ihrem jungen Assistenten, Soren Cottwald, später dann mit Roberta „Bobbie“ Draper vom Martian Marine Corps. Wir lernen Avasarala kennen, als sie bei einem Treffen mit Generälen trotz ihres Ranges mit einem Satz bestimmt, wie die Militärstrategie der Erde aussehen wird.

Danach erfahren wir, dass die süße kleine Oma ein ganz böses Mundwerk hat.

They're all fucking men,“ she said.

Excuse me?“ Soren said.

The generals. They're all fucking men.

I thought Souther was the only -

I didn't mean that they all fuck men. I mean they're all men, the fuckers.

Fuck, shit, cunt - die krude Wortwahl der hochintelligenten und gebildeten Ehefrau eines Dichters hat klar die Funktion des klassischen comic relief - dringend notwendig, denn das zweite Buch ist noch düsterer als das erste. Insbesondere aber gibt uns Avasarala Zugang zu den höchsten Sphären der Macht, wenn auch meist indirekt. Eine ganze neue Ebene der Geschichte wird so erschlossen.

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The words you can't say on Syfy

Diese Funktion hat die TV-Version beibehalten. Sie schickt aber Avasarala ständig auf irgendwelche Reisen, was im Buch undenkbar wäre: Eine Spinne verlässt nicht ihr Netz, außer, sie wird dazu gezwungen, denn damit verliert sie einen großen Teil ihrer Macht. Humor-Einlagen braucht die TV-Version nicht. Dass die Sprache gesäubert wurde, war zu erwarten: Wir reden hier schließlich über Syfy, dem Sender, bei dem bekanntlich selbst Lost Girl der Spaß am Sex ausgetrieben wurde.

Die Frage ist nun, ob TV-Avasarala (Shohreh Aghdashloo) nicht nur eine fast komplett andere, sondern auch eine schlechtere Figur ist. Die Antwort lautet: Nein, oder auf jeden Fall nicht zwingend.

Überall neue Leute

Denn diese Avasarala erfüllt ganz andere Funktionen in der Geschichte: Sie zeigt uns Entwicklungen und gibt uns Hintergrundinfos, die im Buch einfach erzählt werden, etwa wenn sie Holdens Familie besucht. Die Macher der Serie haben ihre Rolle umfunktioniert, um die klassische Regel des show, don't tell zu befolgen, was grundsätzlich löblich ist. Hier offenbaren sich eher Schwächen des Buches.

Entsprechend ist es auch nachvollziehbar, dass die TV-Serie eine ganze Reihe von neuen Figuren einführt. The Expanse wird mit deren Hilfe im Fernsehen sehr viel epischer aufgezogen als die Handlung im ersten Buch, das sich fast ausschließlich mit Holden (Steven Strait) und Miller (Thomas Jane) befasst. Hier wird sofort das ganz große Bild gemalt.

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Thomas Jane und Steven Strait in %26bdquo;The Expanse%26ldquo; © Syfy

Eine Fast-Entschuldigung an Strait und Jane

Tatsächlich sind die Hauptfiguren in der TV-Version nicht so scharf gezeichnet wie ihre ursprünglichen Versionen in den Büchern. Fairerweise muss man allerdings zugestehen, dass wir erst eine TV-Staffel gesehen haben, wir in den Büchern dagegen Holden, Amos (Wes Chatham) und die anderen inzwischen über mehrere Romane hinweg kennen. So etwas braucht Zeit.

Der Austausch der Figuren zwingt uns dazu, einen Vorwurf aus unserer vorherigen Besprechung zu revidieren, nämlich dass Holden und Miller fehlbesetzt wurden. Steven Strait und Thomas Jane wären jeweils ein Desaster, wenn es darum gegangen wäre, die Originalfiguren aus den Büchern darzustellen. Da es aber neue Figuren sind, haben sie das Recht darauf, eigene Wege zu gehen. Syfy muss man lassen, dass sie ihnen dafür Zeit gibt: Bislang ist nur etwa die Hälfte von Leviathan Wakes verfilmt worden.

Bild aus der Serie %26bdquo;The Expanse%26ldquo; © Syfy
Bild aus der Serie %26bdquo;The Expanse%26ldquo; © Syfy

Sometimes I'm not sure if the Normandy is a warship or a travelling freak show

Es gibt eine Sache, die die Macher der TV-Serie bei ihrem Figuren-Austausch allerdings zerstört haben: Den Zusammenhalt der Crew, was einen großen Reiz der Bücher ausmacht.

Klassischerweise gibt es bei solchen Geschichten zwei Varianten: Das Gene-Roddenberry-Modell eines Teams, das durch Dick und Dünn zusammenhält und trotz gelegentlicher Ausrutscher faktisch eine Familie ist (Star Trek, Buffy the Vampire Slayer, Firefly, aber auch Harry Potter und Mass Effect). Die Stärke dieser Konstellation: Wenn der Autor es richtig macht, ist der Leser so begeistert, dass er am liebsten selbst zur Crew gehören würde. Die Fans dieser Geschichten sind fanatisch.

Die andere Alternative ist ein Haufen Leute, die eigentlich nicht miteinander können, aber müssen - „Alien“ ist hier das bekannteste Beispiel, jetzt neu auch DCs Legends of Tomorrow und natürlich Game of Thrones. Das Ergebnis begeistert insbesondere die Drehbuchschreiber, den es gibt Konflikte, Konflikte, Konflikte. Wie jetzt bei The Expanse.

Parker, will you just listen to the man?

Denn im Buch ist die Crew der Rocinante eine Familie. Sie haben sich schon zusammen auf der Canterbury verstanden, der Tod ihrer Freunde verbindet sie weiter. Wie schon besprochen folgen sie Holden aus eigenem Antrieb wegen seines absoluten Gerechtigkeitssinnes. Und ja, auch der Leser möchte irgendwann mit auf die Roci. So gut sind die Bücher.

Die TV-Serie dagegen lässt Holden (Steven Strait) zwischenzeitlich Amos (Wes Chatham) eine Waffe an den Kopf halten und kurz darauf Naomi (Dominique Tipper) anschnauzen, sie soll ihn wieder an die Leine nehmen. Auf der Rocinante geht es nicht ganz so schlimm zu wie auf der Nostromo - noch nicht zumindest - aber so richtig will man auch dort keinen Dienst tun.

Damit haben die Macher die Möglichkeit zur Identifikation mit den Figuren gegen ein größeres Konfliktpotenzial getauscht. Vielleicht findet die Crew noch zusammen. Der Ansatz bringt aber erstmal ein gewisses Risiko mit sich.

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Fazit

Am Ende ist es nicht wirklich korrekt, The Expanse als Buchverfilmung zu bezeichnen. Sie ist eine eigenständige TV-Serie, die die Handlung der Romane als Vorlage nimmt und innerhalb dieses Rahmens die Geschichte von Figuren erzählt, die so weit verändert wurden, dass es praktisch komplett andere Menschen sind. Das war, gelinde gesagt, völlig unerwartet.

Damit lautet das Urteil: Nicht besser oder schlechter als das Buch, sondern anders. Sehr viel anders sogar.

Ein Buch-Purist wird daran keinen Spaß haben. Wer als Leser etwas weniger verbissen an die Sache herangeht, findet aber ein zusätzliches Vergnügen dabei zu überlegen, warum genau was verändert wurde und was langfristig die Folgen sein werden. Eine richtig klasse TV-Serie gibt es noch als Bonus dazu.

Verfasser: Mariano Glas am Sonntag, 14. Februar 2016
Episode
Staffel 1, Episode 10
(The Expanse 1x10)
Deutscher Titel der Episode
Leviathan erwacht
Titel der Episode im Original
Leviathan Wakes
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Dienstag, 2. Februar 2016 (Amazon Prime Video)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 3. November 2016
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Donnerstag, 3. November 2016
Erstausstrahlung der Episode in der Schweiz
Donnerstag, 3. November 2016
Regisseur
Terry McDonough

Schauspieler in der Episode The Expanse 1x10

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?