The Conners 4x20

© oster zur Serie The Conners (c) ABC
Ab September des letzten Jahres gab es wieder eine neue The Conners-Staffel beim US-Sender ABC zu sehen, deren Auftakt (Trucking Live in Front of a Fully Vaccinated Studio Audience) mit einer Live-Episode begangen wurde, die sogar zweimal (jeweils einmal für beide US-Küsten) aufgeführt wurde. Ganz witzig war dabei das überhaupt nicht kaschierte Sprinten zwischen den verschiedenen Sets, was einen seltenen Einblick in den Sitcom-Studioaufbau gewährte. Die eingestreuten Zuschauer:innen-Cameos als per Webcam zugeschaltete Conner-Verwandtschaft hingegen waren extrem cringe, um mal das Jugendwort des Jahres 2021 zu bemühen.
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Lanford-Lovestorys
Das Herzstückt der mittlerweile vierten Staffel des Roseanne-Ablegers sind zweifelsfrei die Liebesgeschichten der Conners. Angefangen mit Darlene und Ben (Jay R. Ferguson), deren Versöhnungsversuch gleich zu Anfang der Season schiefläuft, woraufhin sie sich die meisten Folgen lang ankeifen... Worin sie bekanntlich ziemlich gut sind. Erst, als Darlene einen potentiell tödlichen Sturz durch ein marodes Dach erlebt, erkennen die beiden, wie sehr sie sich um einander sorgen und der Heiratsantrag aus dem dritten Staffelfinale wird doch noch angenommen.
Immer noch auf Wolke sieben schweben Dan (John Goodman) und Louise (Katey Sagal), die sich gleich in der vierten Folge (The Wedding of Dan and Louise) das Jawort geben wollen, was ihnen trotz einiger göttlicher Interventionen, wie zum Beispiel einem verheerenden Sturm, letztendlich auch gelingt. Danach bleibt Louise uns aber nicht die ganze Season lang erhalten, sondern wird mit ihrer Band auf Tour geschickt. Frau Sagal hatte wohl noch andere Pläne. Als schrecklich nettes Paar funktionieren die beiden aber immer noch sehr gut. Zwar haben sie nicht die gleiche Chemie wie Goodman und Roseanne (Roseanne Barr) damals, dafür aber eine eigene. Vor allem aber kann Louise mit der Familie mithalten und lässt sich von ihrer angeheirateten Sippe nichts gefallen.

Neu hinzu kommt Tony Cavalero (The Righteous Gemstones) als fester Freund von Harris (Emma Kenney), der mit Ende 30 um einiges älter ist als die eigenwillige Teenagerin und sogar schon zwei Kinder hat. Das sorgt natürlich für Spannungen. Nicht zuletzt, weil der langhaarige Tätowierer wie eine verpeilte „Wayne's-World“-Nebenfigur rüberkommt und selbst sein Vater Jesse ihn für einen Loser hält, von dem Harris am besten die Finger lassen sollte. Dieser wird übrigens von niemand Geringerem als von Gitarristenlegende Joe Walsh (Eagles) gespielt.
Paar Nummer vier sind Jackie (Laurie Metcalf) und Louises Bruder Neville (Nat Faxon). Dass dieser absolut nichtssagend ist und bleibt, liegt aber eher am schwachen Stoff, wie wir seit der Piratenkomödie Our Flag Means Death bezeugen können, in der sein Darsteller Faxon viel witzigeres Material zugespielt bekommt. Zwischen ihnen kommt es während der Staffel unter anderem zu Kriseleien, weil seine Ex Helen (Andrea Anders) auf der Bildfläche erscheint, die viel attraktiver ist, als Jackie es sich ausgemalt hatte. Bis zum großen Hochzeitsfinale ist aber alles in trockenen Eheglücktüchern.
Im Staffelfinale A Judge and a Priest Walk Into a Living Room... kommt es dann zur Doppelhochzeit zwischen Darlene und Ben, die ihr Wiederzusammenkommen nicht lange geheim halten können, sowie Jackie und Neville, nachdem Harris und Aldo sich kurz davor trennen, weil sie nicht sofort eigene Kinder mit ihm haben will. Ansonsten ist die Heiratsepisode aber weitestgehend unspannend - da ist kein Dramatik verheißender Herzinfarkt, wie zu Darlenes erster Hochzeit in der Originalserie, in Sicht. Gleichzeitig bekommt im Finale auch die berühmte Couch-Strickdecke eine generische Hintergrund- und Origin-Story - ohne jegliche Pointe, originellen Twist oder Joke.
We Need to Talk About Mark
Die vierte The Conners-Season schien aber auch unter der Überschrift „Sichere Bank“ zu laufen, so dass sie insgesamt etwas nichtssagend wirkt, während man sich hauptsächlich auf die Beziehungsprobleme und -freuden der Charaktere konzentriert und vier potentielle Hochzeiten auffährt - was eigentlich erst dann an der Zeit ist, wenn Sitcoms wirklich verzweifelt sind. Gleichzeitig versucht man, sich offenbar mit der konservativen Ecke des Publikums zu versöhnen, die ursprünglich für die zwischen Originalserie und Revival rechts abgebogene Roseanne Barr eingeschaltet hatte. Das hat allerdings sehr seltsame Auswüchse...
Zum einen bekamen Darlene (Sarah Gilbert) und posthum sogar ihre verstorbene Mutter Roseanne sehr forcierte Come-to-Jesus-Momente verpasst. Für Darlene wird das nach zwei Folgen mit Seinfeld-Star Jason Alexander als Pastor in generelle Spiritualität abgeflacht, wenn sie einen Esoterik-Buchladen frequentiert, dessen Chef Nick (Andrew Leeds) sie sogar kurz datet. Zum anderen ist da die Sache mit ihrem Sohn Mark (Ames McNamara), dessen Gender-Nonkonformität mittlerweile komplett aus der Serie geschrieben wurde.
Natürlich wachsen Menschen mal in diese Dinge hinein und hinaus, aber hier geht es nicht um plausible deniability, sondern um Repräsentation, die einfach links liegengelassen wurde. Eine Doppelmoral fällt auch auf, sobald Mark sein erstes love interest Logan (Travis Burnett) an die Seite geschrieben bekommt, der viel erfahrener ist als er. Doch, während die Conner-Töchter damals auch im jungen Alter mit ihren Freunden rumgemacht haben, schreibt man Mark ein Bekenntnis der Enthaltsamkeit in den Dialog und sieht ihn seinen Freund nicht mal küssen.

Bleibt Mark immerhin noch die Young Sheldon-artige Rolle des neurotischen Nerds, der stets versucht, das Richtige zu tun, was er vor allem in der einen Episode, die tatsächlich ein heißes Eisen anpackt, zeigt. In Triggered kommt es zu einem School-Shooting durch eine den Conners bekannte Person. Das verstört die Kinder und setzt die Eltern in Alarmbereitschaft, woraufhin Dan (John Goodman) seine Waffe herauskramt, die Mark kurze Zeit später verpfändet. Mehrere Episoden später lernt er für seine Collegebewerbung, das Fagott zu spielen, was zum Glück nur auf Deutsch so heißt. Als strenger Musiklehrer tritt in der Folge The Best Laid Plans, A Contrabassoon and a Sinking Feeling dann sogar der aus Filmen wie „Back to the Future“ bekannte Christopher Lloyd in Erscheinung.
Ein Kessel Graues
Bisher haben wir also einen Haufen Hetero-Hochzeiten und etwas queer erasure zu verzeichnen, doch wie sah der Rest der vierten Season aus? Weniger großes Liebesglück hatte die trockene Alkoholikerin Becky (Lecy Goranson) dieses Mal. Allerdings nicht durch Langweiler Emilio (Rene Rosado), der nur als Vater von Wachstumssprung-Champion Beverly Rose (hier: Charlotte Sanchez) in der Peripherie bleibt, sondern mit ihrem Collegeprofessor Glen (Veep-Star Matt Walsh). Der ist sogar dazu bereit, seine Lehrstelle für Becky aufzugeben, bis beide merken, dass die Beziehung doch keine gute Idee ist.
Im letzten The Conners-Staffelreview haben wir uns noch mehr von Wellman-Vorarbeiterin Robin (Alexandra Billings) gewünscht - und das bekommen wir in dieser Season auch. Zwar nur in der Folge Big Negotiations and Broken Expectations, aber die hat es ganz schön in sich, wenn Darlene auf den Ratschlag ihrer Vorgesetzten hin ihren Job für eine Gehaltserhöhung aufs Spiel setzt, was zunächst scheinbar verheerende Folgen hat. Die beiden liefern sich daraufhin einen aufgeladenen Schlagabtausch, der nach Wiederholung schreit. Regelmäßigere Robin-Auftritte in der fünften Staffel, please?
Nett anzusehen war auch die Rückkehr von Dans bestem Freund Chuck (James Pickens Jr.), der in Messy Situation, Miscommunication and Academic Probation verschweigt, dass es seiner Frau Anne Marie (Adilah Barnes) nach einem Schlaganfall gesundheitlich sehr schlecht geht, woraufhin die Conners ihre Unterstützung anbieten. Gedreht wurde diese Episode übrigens von DJ-Darsteller Michael Fishman, über den wir auch noch reden sollten.

Schockierender und amüsanter als das Desinteresse an den Kindern ist nämlich nur die lähmende Ratlosigkeit, was den DJ-Charakter angeht, was fairerweise schon für die Originalserie galt. Während er in der letzten Staffel immerhin eine Folge mit mehr Dialog bekam, ist er in dieser nur zu den Hochzeiten im Hintergrund zu erhaschen. Aber auch Tochter Mary (Jayden Rey) und Ehefrau Gina (Maya Lynne Robinson), die zuletzt im dritten Staffelfinale vorkam, werden kaum integriert.
Erinnert man sich, wie das „Roseanne“-Revival und das Spin-off ausgewachsene Conner-Kinder in der Zwischenzeit storytechnisch abgetrieben haben (Stichwort: Jackies Sohn Andy und Roseannes Sohn Jerry Garcia aus den späteren Staffeln), muss einem regelrecht bang um Mary und Beverly Rose werden...
Vorschläge and Stuff
Nach dieser schläfrigen Season mit ermüdendem Hochzeits-Gangbang braucht die fünfte Staffel von The Conners eine regelrechte Story-Handgranate, wie es sie seit dem plötzlichen Tod der Matriarchin nicht gegeben hat. Hier ein paar Ideen...
Dafür, dass ständig erwähnt wird, wie arm die Conners sind, wirkt ihre finanzielle Situation auch nach dem Höhepunkt der Pandemie ziemlich stabil. Die Lunchbox läuft, Darlene bekommt ihre Gehaltserhöhung und kauft sich ein Haus beim Bestatter Don Blansky, der vom immer gern gesehenen Patton Oswalt gespielt wird, die Paare sind durch doppeltes Einkommen relativ sicher und Mark ist clever genug, um ein Stipendium zu bekommen. Für eine Serie, die dafür bekannt war, ausnahmsweise mal eine Familie am unteren Rand der Gesellschaft abbilden, ist das viel zu easy. Irgendjemand muss früher oder später den Job verlieren, Schulden bekommen oder ernsthaft in Schwierigkeiten geraten, um der Prämisse der Serie treu zu bleiben, sonst können wir auch gleich wieder einen Fantasy-Lottogewinn einbauen.
Ein Traumvorschlag, um etwas mehr Drama in die größtenteils glatt laufenden Beziehungskisten zu bringen, wäre natürlich die Rückkehr von Johnny Galecki (The Big Bang Theory) als David, auch wenn das im großen Stil wohl eher unwahrscheinlich sein dürfte. Fans wären dabei zwischen dem nostalgischen Doppel-D-Traumpaar und Ben, an den wir uns mittlerweile auch gewöhnt haben, hin- und hergerissen. Vielleicht wäre dann sogar eines von Darlenes Kindern mehr für den Dad und eines mehr für den neuen Partner der Mutter?
Falls die Serie noch einen Todesfall, wie ein spätes Corona-Opfer, einbauen möchte, finde ich allerdings nicht, dass es die offensichtliche Option der Großmutter Beverly (Estelle Parsons) sein sollte, denn es ist viel zu amüsant, wie Jackie sich bei jeder Gelegenheit über ihre auf dem Bildschirm abwesende, nicht totzukriegende Mutter aufregt...
Fazit
„The Conners“ hatte sich trotz turbulenter Entstehungsgeschichte zu einer stabilen Familien-Sitcom entwickelt, die man dank des gut eingespielten Hauptcasts und der liebgewonnenen Charaktere immer noch gemütlich nebenbei weggucken konnte und kann. Doch mittlerweile macht sich Stagnation bemerkbar. Zwar fährt man beeindruckende Gaststars auf, die Probleme einer weitestgehend mittellosen Familie aus der Arbeiterklasse (vor allem angesichts der Pandemie) gerieten in dieser Staffel aber etwas in den Hintergrund, um sich auf verdaubarere Lovestorys zu konzentrieren. Etwas mehr Biss und Drama darf es in der nächsten Season dann schon sein...
Hier abschließend noch eine Promo zur vierten Season der Serie „The Conners“:
Verfasser: Mario Giglio am Donnerstag, 26. Mai 2022(The Conners 4x20)
Schauspieler in der Episode The Conners 4x20
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?