Die US-Adaption des skandinavischen Polizeidramas The Bridge profitiert durch einen erbarmungslosen Handlungsort und zwei starke Ermittler. So darf die Neuauflage mit Diane Kruger und Demian Bichir auch Freunden des Originals empfohlen werden.

Die Amerikanerin Sonya Cross (Diane Kruger) / und ihr mexikanischer Kollege Marco Ruiz (Demian Bichir) in der US-Adaption von „The Bridge“. / (c) FX
Die Amerikanerin Sonya Cross (Diane Kruger) / und ihr mexikanischer Kollege Marco Ruiz (Demian Bichir) in der US-Adaption von „The Bridge“. / (c) FX

Bei dem neuen Polizeidrama The Bridge (US) handelt es sich um das Remake eines skandinavischen Formates (DĂ€nisch: „Broen“; Schwedisch: „Bron“) aus dem Jahr 2011, an deren Produktion sich auch das ZDF beteiligt hatte („Die BrĂŒcke - Transit in den Tod“). Das Setting der Serie wird von der schwedisch-dĂ€nischen Grenze zu der Bridge of the Americas verlagert, die die USA mit Mexiko verbinden. Wie auch im Original sehen sich zwei grundverschiedene GesetzeshĂŒter - die Amerikanerin Sonya Cross (Diane Kruger) und ihr mexikanischer Kollege Marco Ruiz (Demian Bichir) - mit einer Frauenleiche konfrontiert, die nĂ€chtens exakt auf der Grenzlinie der beiden LĂ€nder abgelegt wird.

Die Polizisten mĂŒssen in ihren Ermittlungen nicht nur ein anfĂ€ngliches Kompetenzgerangel ĂŒberwinden, sondern sich auch im Angesicht von Korruption und skrupellosen mexikanischen Kartellen beweisen, die selbst die obersten Instanzen ihres Landes fest im Griff haben. „They tell you plata o plomo - take our silver or take our lead“, erlĂ€utert Ruiz die VerhĂ€ltnisse in seiner Heimat.

Ein ungewöhnliches Team

Von Anfang an besteht kein Zweifel daran, dass Sonya Cross aus El Paso es gewohnt ist, sich durchzusetzen. Sie reißt den Mordfall, bei dessen Opfer es sich um die immigrationskritische Richterin Lorraine Gates handelt, förmlich an sich. Dann offenbart sich in einem schockierenden Moment jedoch, dass die Frauenleiche in zwei HĂ€lften zerteilt ist. Doch damit nicht genug: Der untere Teil des Körpers gehört nicht zu der Richterin, sondern zu einem der vielen „MĂ€dchen von Juarez“, die in Mexiko immer wieder auf mysteriöse Weise verschwinden. Fortan ermitteln Ruiz und Cross Seite an Seite. Die Pilotepisode von „The Bridge“ bringt die beiden Protagonisten den Zuschauern schnell und meist unaufdringlich nĂ€her.

Diane Kruger orientiert sich in ihrer Darstellungsweise der Sonya „I don't dream“ Cross stark an der Art, in der die Schauspielerin Sofia Helin die schwer zugĂ€ngliche Polizistin im Original gemimt hatte: Trotz ihrer augenscheinlichen TĂŒchtigkeit bringt man der Figur so zunĂ€chst einen gewissen Argwohn gegenĂŒber. Warum klammert sie sich so eisern an jede Facette des polizeilichen Regelkatalogs und zeigt selbst dann keine Einsicht, wenn dadurch das Leben des herzkranken Carl Millwright in Gefahr gerĂ€t, der in einem Krankenwagen die Grenze ĂŒberqueren möchte? Wieso behandelt sie den niedergeschlagenen Witwer mit einer derartig unbarmherzigen Art, dass man gar ihr Empathievermögen in Zweifel zieht? Obwohl es in der ersten Episode der Serie nicht explizit zur Sprache kommt, scheint es sich bei Sonyas „Macken“ um die Symptome einer Spielart von Autismus zu handeln. Wie auch im Falle der CIA-Agentin Carrie Mathison (Claire Danes) aus der Serie Homeland, die an einer bipolaren Störung leidet, resultieren auch Sonyas krankheitsbedingte Eigenheiten in einem ĂŒberdurchschnittlichen ermittlerischen Potential.

Sonya Cross (Diane Kruger) kann sich vorerst noch auf die UnterstĂŒtzung von Hank Wade (Ted Levine) verlassen. © FX
Sonya Cross (Diane Kruger) kann sich vorerst noch auf die UnterstĂŒtzung von Hank Wade (Ted Levine) verlassen. © FX

Yin und Yang

Sonyas Kollege Marco wirkt nur auf den ersten Blick grummelig und verschlossen, was sicherlich auch in seinem bĂ€rigen Äußeren begrĂŒndet liegt. Schnell entpuppt er sich jedoch als Paradebeispiel fĂŒr einen „guten“ Cop, der das Herz am rechten Fleck hat und sich - trotz aller damit verbundenen Privilegien - gegen die grassierende Korruption in seinem Land strĂ€ubt. Dank Ruiz' ausgeprĂ€gtem Wertesystem und seiner charmanten Sozialkompetenz ist es sehr schnell möglich, sich fĂŒr den mexikanischen GesetzeshĂŒter zu erwĂ€rmen, wĂ€hrend man die roboterhafte Sonya erst in dem Moment ins Herz schließt, in dem sie zum ersten Mal ihre tiefe Verletzlichkeit offenbart. Dies geschieht in der Szene, in der ihr geduldiger Mentor und Vorgesetzter Lieutenant Hank Wade (Ted Levine) seinem SchĂŒtzling von seinen PensionierungsplĂ€nen berichtet. Cross wird von dieser Hiobsbotschaft hart getroffen. Schließlich stellt Wade fĂŒr sie eine Art korrigierende Instanz dar, die ihr regelmĂ€ĂŸig selbst die grundsĂ€tzlichsten Kriterien im Umgang mit ihren Mitmenschen vor Augen fĂŒhrt: „People don't like to be ratted out to their bosses.

The big picture

Im ĂŒberschaubaren Rahmen des binationalen Zweiergespanns aus Cross und Ruiz kommen auch die großen Vorurteile zur Sprache, die viele Amerikaner - nicht gĂ€nzlich unbegrĂŒndet - gegen die Polizisten aus ihrem sĂŒdlichen Nachbarland hegen: „They say you are all corrupt.“ Dank Demian Bichirs ĂŒberzeugender Darstellungsleistung fĂ€llt es jedoch nicht schwer, zu glauben, dass es sich bei Ruiz um eine ehrbare Ausnahme in einem ansonsten verkommenen System handelt. Aus der souverĂ€nen, aber dennoch nicht arrogant wirkenden Weise, in der er das „Buenos Dias“ eines US-Cops mit einem „Howdy Partner“ kontert, lĂ€sst sich ablesen, dass er von der anderen Seite der Grenze eine gewisse GeringschĂ€tzung gewohnt ist. Neben Ruiz' cleverer Art und Crosses meist ungelenk erscheinendem Übereifer ist es vor allem die frappierende Ungleichheit der beiden leitenden Ermittler, die die dĂŒstere Materie von „The Bridge“ immer wieder durch humoristische Elemente aufheitert.

Vergleich zum Original

Obwohl sich die Neuauflage der Serie - zumindest in der Auftaktepisode - auch optisch stark an dem deutsch-schwedisch-dĂ€nischen Original zu orientieren scheint, gibt es zwischen den beiden Adaptionen auch mehr oder weniger gewichtige Unterschiede. Der Handlungsort Mexiko bringt beispielsweise die vielversprechende Möglichkeit mit sich, den korrupten Polizeiapparat und die unheilvollen kriminellen Vereinigungen gleichermaßen zu thematisieren. Das Anwesen von Ruiz' Vorgesetztem wird in dieser Adaption als Hochburg der SĂŒnde gebrandmarkt, in dem selbst das Statussymbol von in KĂ€figen eingepferchten Raubkatzen nicht fehlen darf.

Bedeutungsvolle ZusammenhĂ€nge - wie die wichtige Stellung des Mordopfers - kommen in der US-Version schneller und explizit zur Sprache, was zwar einen leichteren Einstieg in die Materie ermöglicht. Gleichzeitig geht dadurch allerdings auch ein Teil des Reizes verloren, den das Original dank seiner subtileren Herangehensweise innehat. Sonya spricht so aus, dass sie den Fall fĂŒr sich beansprucht, anstatt sich gegenĂŒber ihrem auslĂ€ndischen Kollegen - wie in der skandinavischen Variante - lediglich unwirsch zu verhalten. Die Simplifizierung der amerikanischen Version wird zudem beispielsweise an der fachterminologischen Beschreibung der beiden Frauenleichen deutlich, die im Original sehr viel ausfĂŒhrlicher erfolgt.

Daniel Frye (Matthew Lillard) erlebt in %26bdquo;The Bridge%26ldquo; den Schock seines Lebens. © FX
Daniel Frye (Matthew Lillard) erlebt in %26bdquo;The Bridge%26ldquo; den Schock seines Lebens. © FX

Der Charakter des Ermittlers Ruiz, der in der ursprĂŒnglichen Version durch Kim Bodnia verkörpert wird, muss fĂŒr die neue Adaption zwei Kinder und eine Ehe einbĂŒĂŸen, was sich wohl nur mit einer ausgeprĂ€gteren PrĂŒderie der Amerikaner erklĂ€ren lĂ€sst. Cross verliert zwar keine Familienmitglieder, wohl aber ihren chicen Porsche, der in Amerika durch einen GelĂ€ndewagen ersetzt wird. Gleichzeitig gelingt es der neueren Auflage dabei aber besser, uns das Wesen der Polizistin nĂ€herzubringen, die partout nicht einsehen möchte, warum sie sich in der ZurĂŒckgezogenheit eines Badezimmers umkleiden sollte. So erfĂ€hrt der Zuschauer in „The Bridge“, auch Details ĂŒber die familiĂ€ren HintergrĂŒnde von Cross, was ihre Figur greifbarer werden lĂ€sst.

NebenschauplÀtze

Carl erliegt seinem Herzinfarkt und lĂ€sst seine Frau Charlotte (Annabeth Gish, die im Vergleich zu ihrer dĂ€nischen Kollegin Ellen Hillingso deutlich jĂŒnger ist) als Witwe zurĂŒck. In ihrer Trauer, die stimmig mit sanften KlĂ€ngen unterlegt ist, bringt sie zunĂ€chst emotionalen Tiefgang in die Handlung, bevor ein mysteriöser Anruf die Spannungskurve ansteigen lĂ€sst. Carl, ein Pferdefreund, der wohl einen liebevollen Ehemann abgegeben hatte, scheint noch eine sehr viel dunklere Seite zu haben...

In weiteren ErzĂ€hlstrĂ€ngen werden ein undurchsichtiger Mann (Steven Linder, gespielt von Thomas M. Wright, bekannt aus Top of the Lake), der eine Mexikanerin (Catalina Sandino Moreno) in seinem Kofferraum nach Amerika schmuggelt, und der trinkende Reporter Daniel Frye (Matthew Lillard) in die Handlung eingefĂŒhrt. Letzterem ist im Zuge seiner beruflichen Laufbahn jegliche Sympathie abhandengekommen. Der unnahbare Zyniker wird in den letzten Minuten der Auftaktepisode auf eine harte Probe gestellt...

Fazit

Das neue Setting der Serie zwischen den USA und Mexiko, das die gravierendste Abweichung vom Original darstellt, wirkt sich durchaus positiv auf die Handlungskomposition von The Bridge (US) aus. Nach einer kurzen Eingewöhnung freundet man sich auch als Kenner des Originals schnell mit den neuen Schauspielern an und lÀsst sich besonders durch die holprige Interaktion der beiden ungleichen Helden in seinen Bann ziehen.

Abgesehen von einem „CSIesken“ Ausflug in die traumhaften Möglichkeiten der Aufwertung von Filmmaterial macht auch dieses Format einen realistischen Eindruck. Dadurch wird die generelle AtmosphĂ€re des Polizeidramas ebenso aufgewertet wie durch die Arbeit von Gerardo Naranjo („Miss Bala“), der fĂŒr die Auftaktepisode Regie fĂŒhrte. Naranjo hat sich fĂŒr eine filmische Umsetzung der grundsoliden Art entschieden, deren Schnörkellosigkeit nur durch einige Kameraschwenks und Vogelperspektiven aufgebrochen wird. Der schlichten Inszenierung wohnt trotzdem ein Maß an IntimitĂ€t inne, das durch den skandinavischen VorgĂ€nger nicht erreicht werden konnte - oder wollte.

Der Cocktail aus vielversprechenden Charakteren, einer dĂŒsteren und grenzĂŒberschreitenden RealitĂ€t und einem dunklen Geheimnis um 3612 broken hearts wecken schnell das BedĂŒrfnis, die Geschichte von Ruiz und Cross weiterzuverfolgen. Da ist es kaum verwunderlich, dass die mitreißende Handlung, die sich in „The Bridge“ vollzieht, momentan auch noch als britisch-französische Version adaptiert wird, die den Titel „The Tunnel“ trĂ€gt.

We have some interesting times ahead of us“, raunt eine unheilvoll anonymisierte Stimme am Ende den Ermittlern entgegen. Nach dieser durch und durch ĂŒberzeugenden Pilotepisode bestehen daran wenig Zweifel.

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