The Americans 6x10

The Americans 6x10

Das Serienfinale von The Americans hält alles ein, was uns sechs wunderbare Staffeln versprochen haben. Mit der Episode START verabschiedet sich eines der besten Formate der goldenen Ära des Fernsehens. Es könnte das Letzte seiner Art gewesen sein.

Philip und Elizabeth bleiben Phantome bis zum Schluss. (c) FX
Philip und Elizabeth bleiben Phantome bis zum Schluss. (c) FX
© hilip und Elizabeth bleiben Phantome bis zum Schluss. (c) FX

Keine Explosionen, keine Schießerei, nicht mal ein Handgemenge: So viel Chuzpe muss man erstmal aufbringen, um seine eigene Spionageserie so zu Ende zu bringen. Joel Fields und Joe Weisberg, Serienschöpfer von The Americans, finden in der Finalepisode START einen Abschluss, der kaum besser zu ihrer eigenen Handschrift passen könnte, angesichts seiner Ruhe aber doch ein wenig überrascht. Dies bedeutet nicht, dass die Episode nicht spannend wäre, denn das ist sie in jeder einzelnen Sekunde - und wahnsinnig unterhaltsam obendrauf.

Treu bis zum Schluss

Philip (Matthew Rhys) und Elizabeth Jennings (Keri Russell) kommen davon, verlieren dabei aber alles, was ihnen wichtig ist. Man könnte nun darüber debattieren, ob die mehrfachen Mörder ihre gerechte Strafe bekommen haben (nein, haben sie nicht), aber das würde am eigentlichen Sujet der Serie vorbeizielen. „The Americans“ war nie ein reiner Spionagethriller, sondern vielmehr eine Familiengeschichte, die dank der ungewöhnlichen Tätigkeit der Eltern viel komplizierter war als andere Familiengeschichten. Siehe auch: The Sopranos.

Der Vergleich mit der für viele Serienjunkies besten Dramaserie aller Zeiten ist nur minimal zu hoch gegriffen. Auch dank dieses brillanten Finales, in dem es gar einen kleinen Wink an das Ende der „Sopranos“ gibt, sichert sich die Serie ihren Platz im Dramenolymp. Obwohl darin keine einzige Waffe abgefeuert, sondern nur eine gezogen wird, steckt es voller atemberaubender Szenen sowie zwei Montagen, die im gesamten Verlauf der Serie ihresgleichen suchen. Ich will - und kann - mich für keine der beiden entscheiden. Musik- und Szenenwahl ist in beiden schlichtweg genial.

Die erste, zu den Klängen des Dire-Straits-Songs „Brothers in Arms“, setzt ein, kurz nachdem es zu der Konfrontation gekommen ist, auf die wir alle seit Beginn der Serie vor über fünf Jahren gewartet haben. Stan (Noah Emmerich) beweist bei der Jagd nach Familie Jennings den richtigen Riecher und ertappt sie dabei, ihre Tochter Paige (Holly Taylor) aus der Uni abzuholen. Ihre darauf folgende Enttarnung durch ihn, der ihnen ohne Verstärkung in eine Tiefgarage gefolgt ist, birst geradezu vor Spannung. Ich wusste über ihren gesamten zehnminütigen Verlauf überhaupt nicht, was nun geschehen würde.

Auf diese Szene haben wir über fünf Jahre gewartet.
Auf diese Szene haben wir über fünf Jahre gewartet. - © FX

Weil er seine Kollegen nicht alarmiert hatte, ging ich zunächst davon aus, dass er von Elizabeth und Philip umgebracht werden würde. Dafür hält Stan jedoch genügend Sicherheitsabstand. Außerdem ist er erfahren genug - wir erinnern uns, dass er in der Pilotepisode erzählt hat, als verdeckter Ermittler bei einer Gruppe White Supremacists eingeschleust worden zu sein -, sich nicht überrumpeln zu lassen. Aber wie soll diese Situation nun gelöst werden? Verhaften kann er das Trio ja auch nicht, weil er sich dabei einem Überraschungsangriff aussetzen würde. Es bleibt also nur die Verhandlung.

Ausgang ungewiss

Und welch spektakuläre Verhandlung dies doch ist! Philip entscheidet frühzeitig, dass es keinen Zweck hat, Stan anzulügen (Elizabeths dazugehöriger Blick ist pures schauspielerisches Gold). Zwar hält das Ehepaar einige Lügen aufrecht („We don't kill people“ - LOL, Lizzie), aber im Kern berichtet Philip überwiegend Wahres: Dass er schon lange nicht mehr an das glaubt, was er gemacht hat (schon in der Pilotepisode wollte er zu den Amerikanern überlaufen), dass er ein shitty Leben geführt hat, und dass - vielleicht sein wichtigster Zug - Stan sein bester Freund ist - der einzige echte Freund, den er jemals hatte.

Stan selbst bringt Henry (Keidrich Sellati) und seinen eigenen Sohn Matthew ins Spiel, mit dem Paige ja mal verbandelt war, was Philip eine weitere Karte in die Hände spielt: Weil sie Henry unmöglich mit nach Russland nehmen können, soll er sich um ihn kümmern. Für Stan, der Henry liebt wie einen Sohn, ist das vielleicht das schlagkräftigste Argument, jedenfalls eindrucksvoller als die Bitte, bei der Verhinderung des Coups gegen Gorbatschow behilflich zu sein - wenngleich dabei auch eine Rolle spielt, dass Oleg (Costa Ronin) bereits davon gesprochen hatte. Auch ihn betrachtet Stan ja als so etwas wie einen Freund.

Er lässt die Familie laufen, und obwohl die Serie eine solch monumentale Entscheidung erlaubt, wirkt sie doch sehr überraschend. Im Finale einer Serie, die von zwei der tödlichsten russischen Deep-Cover-Agenten handelt, die jemals amerikanischen Boden betreten haben, kommt niemand zu Tode. Dass die Geschichte dadurch nicht ins Absurde abdriftet, ist alleine dem kongenialen Autorenteam Fields und Weisberg sowie den herausragenden Darstellern zu verdanken. Sie erwecken diese komplizierte, komplexe, unendlich faszinierende Familiengeschichte zum Leben.

Paige (Holly Taylor) ertränkt ihre Sorgen in Wodka.
Paige (Holly Taylor) ertränkt ihre Sorgen in Wodka. - © FX

Mit atemberaubenden, herzzerreißenden Szenen ist es damit aber lange noch nicht zu Ende. Die brutale, aber richtige Entscheidung, Henry zurückzulassen, soll mit einem Telefonat abgeschlossen werden, das aber natürlich nicht ehrlich geführt werden kann, da es aller Voraussicht nach überwacht wird. Also kann sich Henry nur darüber wundern, warum sich seine Eltern an einem ganz normalen Abend melden und ihm wiederholt versichern, wie stolz sie auf ihn sind und wie sehr sie ihn lieben. Paige schafft es gar nicht erst ans Telefon, sie kann vielleicht noch gar nicht glauben, was geschieht.

Auf Nimmerwiedersehen

Als sie jedoch genug Zeit zum Nachdenken gehabt hat, fällt sie ihre eigene monumentale Entscheidung. Uns wird diese ganz ohne Worte, dafür aber brillant unterlegt vom U2-Song „With or Without You“, vermittelt. Im Zug nach Kanada, von wo aus es einfacher ist, über Europa nach Russland zu gelangen, sitzen die Flüchtigen getrennt, was Paige die Chance gibt, mit ihren Eltern das zu machen, was die mit ihrem Sohn gemacht haben - sie zurückzulassen. Die Szene war vor Spannung sowieso schon kaum auszuhalten, weil sie die Möglichkeit enthielt, dass das Ehepaar Jennings zum ersten Mal nicht mit seiner Verkleidung durchkommt.

Und dann dieser emotionale Magenschlag, der von der bisherigen Dramaturgie zugelassen wird. Weil Stan über seine Erkenntnisse bezüglich Paige schweigen muss, kann sie die gleiche Karte ausspielen, die Henry unwissentlich ausgeteilt wurde, die des unwissenden, unschuldigen Familienmitglieds. So kann sie in ihrer Heimat bleiben, und muss sich nicht wie Martha an ein völlig neues, fremdes Leben gewöhnen. Für Elizabeth und Philip ist das eine harte Strafe, aber natürlich längst nicht so hart wie eine lebenslange Inhaftierung oder gar der Tod.

Selbst ganz am Ende, als sie nochmal kurz zögern, bevor sie die Grenze nach Russland überfahren, vibrieren die Szenen vor Spannung. Die Autofahrt mit Arkady (Lev Gorn), den Philip ansonsten nur ein Mal in der gesamten Serie persönlich getroffen hatte, könnte schließlich auch noch von den Gorbatschow-Gegnern überfallen werden. So jedoch dürfen sich Elizabeth und Philip ausmalen, was gewesen sein könnte, hätten sie ihre Heimat nie verlassen. Dass innerhalb von nur drei Jahren das erste McDonald's-Restaurant, wo sie ihr letztes amerikanisches Mahl eingenommen hatten, als Symbol des amerikanischen Kapitalismus, in Moskau eröffnen wird, können sie da noch nicht erahnen.

Am Ende haben sich Philip (Matthew Rhys) und Elizabeth (Keri Russell) immerhin noch selbst.
Am Ende haben sich Philip (Matthew Rhys) und Elizabeth (Keri Russell) immerhin noch selbst. - © FX

The Americans war stets eine Familienserie an erster Stelle, und eine Spionageserie an zweiter. Es ist also folgerichtig, dass die größte Bestrafung für Nadeshda und Mikhail keine im Sinne der Strafverfolgung ist, sondern eine persönliche. Und die bekommen sie völlig zurecht, haben sie ihre Kinder doch stets hintangestellt, wenn eine Mission wichtiger war. Entsprechend brutal ist die Szene, in der Henry von Stan über die unglaubliche wahre Identität seiner Eltern unterrichtet wird. Kurz zuvor war er noch der unbeschwerte Junge, der mit seinen Freunden Eishockey spielte. Dieses Leben ist nun für immer vorbei.

Keine Gnade

Noch härter erwischt es Oleg, dem einzigen wirklichen Opfer unter den Hauptfiguren der Serie. Er bleibt für Jahrzehnte im Gefängnis, was seinem Vater Igor (Boris Krutonog), vor allem aber seiner Mutter und seiner Ehefrau einen brutalen Schlag versetzt. Auch er hat Vaterland über Familie gestellt, auch er bezahlt dafür einen hohen Preis. Dieses Game ist so wahnsinnig schmutzig und produziert so viele unschuldige Opfer, dass man sich fragt, wofür das alles gut sein soll. Die Entwicklung, die Russland jedenfalls nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nimmt, dürfte vor allem Elizabeth stark widerfallen.

Einen besonderen Clou haben sich Fields und Weisberg für die Auflösung des Handlungsbogens um Stans neue Ehefrau Renee (Laurie Holden) einfallen lassen - es gibt einfach keine. Das ist ebenso simpel wie genial. Stan muss nicht nur damit zurechtkommen, dass er von seinem besten Freund hintergangen wurde, er schläft nun auch jede Nacht neben einer weiteren potentiellen Verräterin. Philip mag diesen Hinweis als Freundschaftsdienst verstanden haben, aber das hilft Stan nicht aus der Misere: So oder so wird diese Beziehung nicht überleben, egal, auf welche Weise.

Stan selbst wird wohl zumindest FBI-Agent bleiben dürfen, zumindest hat es den Anschein, als würde sich Aderholt (Brandon J. Dirden) mehr um sein Wohlergehen sorgen, als sich über seine Blindheit gegenüber Familie Jennings zu echauffieren. Die Szene im FBI-Hauptquartier, in der Aderholt seinem Kollegen und Freund die Phantombilder zeigt, von denen Stan längst weiß, zu wem sie gehören, liefert uns denn auch einen letzten kurzen Blick auf den besten Nebencharakter der gesamten Serie: Mr. Mail Robot. Für zusätzliche Erheiterung wollen Fields und Weisberg - völlig zurecht - keine weitere Screentime aufbringen.

Dafür bekommen wir ein Wiedersehen mit Elizabeths ehemaliger Affäre Gregory (Derek Luke), die uns noch einmal vor Augen führt, dass sie es anfänglich nicht für eine gute Idee gehalten hat, Kinder zu bekommen. Hätte sie sich ihr jetziges Leid dadurch ersparen können? Ihr Traum suggeriert das, in Wahrheit wird sie jedoch dankbar sein für die Zeit, die sie mit Paige und Henry verbringen durfte. Es war eine schöne, eine intensive Zeit - für die Figuren genauso wie für uns. Ich werde sie vermissen, die „Americans“, die vielleicht letzten Vertreter des Golden Age of Television.

Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 31. Mai 2018

The Americans 6x10 Trailer

Episode
Staffel 6, Episode 10
(The Americans 6x10)
Deutscher Titel der Episode
Start
Titel der Episode im Original
START
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Mittwoch, 30. Mai 2018 (FX)
Autoren
Joel Fields, Joseph Weisberg
Regisseur
Chris Long

Schauspieler in der Episode The Americans 6x10

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