The 100 2x07

Die Episode Long Into an Abyss leidet unter der altbekannten Finn-Schwäche, hat aber auch einige starke Seiten zu bieten. Besonders die Frauenfiguren bekommen einmal mehr die Gelegenheit, als vielschichtige und gut gezeichnete Charaktere zu glänzen.
Weibliche Übermacht
Die Episode Long Into an Abyss ist die Stunde der Frauen in einer Serie, die ohnehin viel Wert auf starke, weibliche Figuren legt. Diejenigen aus der zweiten und dritten Reihe treten hervor, und die, die ohnehin immer im Rampenlicht stehen, nutzen die Aufmerksamkeit gekonnt für große Momente.
Harper (Chelsey Reist) war bisher kaum mehr als nettes Beiwerk für die Story. Gerade deswegen ist es schön zu sehen, dass die The 100-Macher sich die Zeit nehmen für ihren kleinen Aufstand gegen den Jungsclub, mit dem sie zwangsweise unterwegs ist. Nur Jaspers verschmitzter Charme rettet ihn davor, sich peinlich zu blamieren, als er zugeben muss, dass es keinen Grund gibt, aus dem ausgerechnet Harper zur Wache gemacht wird, während die anderen sich als Möchtegernspione im Büro amüsieren. Am Ende der Episode wissen wir, dass Harper diesen kleinen Moment der Genugtuung mehr als verdient hat, denn unter den Händen von Dr. Tsing (Rekha Sharma) hat sie furchtbar zu leiden. Man weiß gar nicht, was beim Zuschauen mehr wehtut in dieser Episode, Lincolns Entzug oder Harpers Knochenmarkspende wider Willen.
Da wären wir auch schon bei der zweiten Frauenfigur, die sich in der Episode Long Into an Abyss aufmacht, neue Facetten von sich zu zeigen: Wir müssen feststellen, dass der so skrupellos erscheinende Cage (Johnny Whitworth) im Grunde doch ein gut erzogener Junge ist, dem die Moral seines Vaters nicht völlig fremd ist. Die echte Sadistin in Mount Weather ist Dr. Tsing, hauptberuflich Ärztin und nebenher verrückte Wissenschaftlerin aus Leidenschaft. Sie experimentiert mit allem, was ihr unter die Finger kommt, ob es eigene Leute oder Fremde sind. Cage selbst hat immerhin die fragwürdige moralische Grenze im Kopf, nach der es erlaubt ist, Grounder zu foltern, weil sie offenbar für ihn nicht als vollwertige Menschen zählen. Mit Dr. Tsing als Kopf hinter den Experimenten haben wir nun auf allen Seiten Frauen an den entscheidenden Stellen. Abby (Paige Turco) lässt sich die Macht nicht so einfach von Jaha (Isaiah Washington) abluchsen und befördert ihre Tochter Clarke (Eliza Taylor) auf den unausgesprochenen Posten der Chefunterhändlerin. Auf der anderen Seite finden wir Lexa (Alycia Debnam Carey) und ihre rechte Hand Indra (Adina Porter).
Stärke oder Taktik?
In der Charakterisierung von Lexa bleiben die The 100-Autoren sich treu, sie ist anders als Indra und entgegen ihrer großen Zuneigung auch anders als Anya (Dichen Lachman). Für Indra und Anya ist Stärke die ultimative Eigenschaft. Schwäche lassen sie nicht gelten. Vieles, was für Clarke unter Vernunft oder Diplomatie fällt, fassen die beiden eiskalt unter Schwäche zusammen. Damit sind sie zu nennenswerten Grounder-Anführerinnen aufgestiegen.
Lexa, als Kommandeurin, ist anders, oder gibt sich zumindest im Moment so. Das wurde schon in der letzten Episode deutlich, als sie Kanes Entscheidung bewertet hat. In der Episode Long Into an Abyss zeigt sich, dass das kein Ausrutscher war. Sie verhandelt mit Clarke auf Augenhöhe und lässt sich auf Dinge ein, bei denen Indra am liebsten Köpfe rollen sähe.
Während Indra und Anya kleinere bis mittelgroße Gruppen angeführt haben und auf direkte Bedrohungen reagieren mussten, ist Lexa auch die moralische Anführerin ihrer Leute. Sie gibt die Richtung vor und dafür braucht sie nicht nur Stärke sondern auch Verhandlungstalent. Vielleicht ist diese Eigenschaft gar der Grund dafür, dass eine so junge Person auf einem so hohen Posten gelandet ist.
Clarke und Lexa sind sich ziemlich ähnlich, zumindest scheint das im Moment so. Sie lassen sich von Vernunft leiten und nicht von Rache, sie haben das Wohl ihrer Leute im Auge, auch wenn das bedeutet, schmerzhafte Allianzen zu schließen.
Das Finn-Desaster
Doch sie hat auch ein Bewusstsein für Gerechtigkeit. Sie verlangt, dass der Verantwortliche für das Massaker zur Rechenschaft gezogen wird. Das ist mehr als gerechtfertigt. Finn (Thomas McDonell) hat zahlreiche, wehrlose Grounder getötet und kann sich dabei nicht einmal wirklich auf Notwehr berufen. Dass Lexa ohne Prozess und Verteidigung seinen Tod fordert, ist weniger schön, aber passend zu der Welt, in der sie lebt. Viel weniger Verständnis kann man im Moment für die Himmelsmenschen um Clarke und Abby aufbringen, die Finns Aktion wie einen aus dem Ruder gelaufenen Dumme-Jungen-Streich unter den Teppich kehren. In der letzten Episode hatte immerhin Clarke noch ein moralisches Problem mit den Ereignissen, doch auch dieses hat sich offenbar in Luft aufgelöst, seit Finn sich seiner Tat bewusst geworden ist.
Doch auch sein Verhalten wirkt seltsam. Es sind nur wenige Tage seit dem Massaker vergangen, und schon nimmt er für sich in Anspruch, seine Taten aufgearbeitet zu haben und nun damit leben zu müssen. Er muss dafür büßen. Und im Moment fühlt es sich so an, als wenn sein Tod nicht die schlechteste Lösung wäre. Irgendwie wissen die The 100-Autoren offenbar nicht so richtig, wohin mit ihm, story-technisch wie auch charakterlich. Sollte er sich für die anderen opfern, könnte man ihm immerhin noch einen großen, emotionalen Abschied bereiten.
Das Duell
Eine der starken Seiten der Episode Long Into an Abyss ist die Konfrontation zwischen Abby und Jaha. Beide haben kaum Zeit, sich an die neue, äußerst seltsame Situation zu gewöhnen, immerhin hat sie ihn für tot gehalten, während Kane ihr seinen Posten übertragen hat.
Es ist schön zu sehen, dass Abby endlich auch offen Partei für ihre Tochter ergreift und die Fähigkeiten und Erfahrungen der Teenager wertzuschätzen weiß. Doch Jaha hat andere Erfahrungen gemacht, er war in der Hand der Grounder. Sein Verhalten erinnert an die Angst, fast Paranoia, die auch Jasper und Murphy aus ihrer Gefangenschaft mitgebracht haben. Er will vor allem weg von der Gefahr. Er sieht das Zurücklassen der Gefangenen in Mount Weather als notwendiges Übel, um alle anderen zu retten.
In der Episode Long Into an Abyss stoßen zwei geborene Führungscharaktere mit unterschiedlichen Erfahrungen aufeinander, und das treibt einen Keil zwischen eine Beziehung, die auf der Raumstation als enge Freundschaft gezeigt worden ist.
Fazit
Die Episode Long Into an Abyss lässt uns an interessanten Verhandlungen teilhaben. Es ist die Frage der Moral, an der auch Figuren, die in einem Team spielen, auf der Suche nach einer Einigung scheitern. Für den vernünftigen Dante gibt es einen opportunistischen Cage und eine egoistische Dr. Tsing. An der Seite der verhandlungsbereiten Lexa bringt sich die rachsüchtige Indra in Stellung, und gegen die mutige Abby tritt ein aufgeschreckter Jaha in den Ring. Es werden so viele Möglichkeiten der Entwicklung eröffnet, dass man Finn trotz des effektheischenden Cliffhangers einfach verdrängen kann.
The 100: Promo zur Episode 2x08: Verfasser: Serienjunkies.de am Donnerstag, 11. Dezember 2014The 100 2x07 Trailer
(The 100 2x07)
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