Tales of the City 4x01

© ??Tales of the City“ aka „Stadtgeschichten“ (c) Netflix
Wir wollen ganz ehrlich mit Euch sein: Niemand von uns in der Redaktion hat die früheren Miniserien der „Stadtgeschichten“-Adaption Tales of the City gesehen. Natürlich wissen wir von ihrem Stand in der Seriengeschichte, wie sie damals mit als Erstes mit einer Selbstverständlichkeit an queere Charaktere herangegangen sind, Sex und Drogen nicht unter den Tisch fallen ließen und sich mit ernsten Themen wie der AIDS-Krise befassten. Wir sprechen hier von den frühen 90er Jahren, das Format war seiner Zeit ohne Frage voraus. Zum Start der neuen Netflix-Fortsetzung von Showrunner Lauren Morelli (Orange Is the New Black) werden wir uns heute anschauen, wie gut der Auftakt der neuen Serie für jene funktioniert, die nicht viel mehr über das Format wissen. Wenn wir uns die Reaktionen auf unsere Berichterstattung zur Serie bisher ansehen, sind das sowieso die meisten von Euch. Cool? Cool.
„Tales of the City“ begann 1993 als Miniserie über eine junge Frau namens Mary Ann Singleton (Laura Linney), die im Jahr 1977 ihren Urlaub in San Francisco verbringt und sich vom Charme und der Weltoffenheit der Großstadt verzaubern lässt. So beschließt sie kurzerhand, zu bleiben und kommt in der bereits berüchtigten Adresse 28 Barbary Lane unter, in der sich unter dem Dach der Cannabis anbauenden Hausmutter Anna Madrigal (Olympia Dukakis) allerlei exzentrische Charaktere tummeln, die Mary Ann schnell in ihr Herz schließt. Nach ihren Abenteuern in Frisco findet sie vielversprechende Arbeit bei einem Fernsehsender in ihrer alten Heimat und kehrt dem bunten Treiben in der Großstadt den Rücken. Zwei Dekaden lang machte sie sich rar, bis sie nun zum 90. Geburtstag von Anna zur Überraschung aller zurückkehrt.

Eigentlich benötigt man keinerlei Recap, um dem Drama um Mary Anns Rückkehr folgen zu können, denn die Auftaktfolge macht es uns leicht, die Hintergründe der Charaktere aus dem Kontext heraus nachvollziehen zu können. Während sie mit ihrem spießigen Ehemann und ihrem neusten Dauerwerbesendungsprodukt (der bloodie - eine Mischung aus Decke und Hoodie) aufkreuzt, erntet sie keine schrägen Blicke, weil das bürgerliche Paar nicht in diese freigeistige Großstadtkommune mit Personen von allen Spektren des Regenbogens passt, sondern, weil die Leute davon ausgehen, dass sie ihre mittlerweile 25-jährige Tochter Shawna (Einschaltgrund Ellen Page) für ihre TV-Karriere zurückgelassen hat. Was die meisten nicht wissen, ist, dass Mary Ann nicht die biologische Mutter von Shawna ist. Doch macht es das besser? Und hätte sie überhaupt zurückkommen sollen nach all den Jahren, wenn es nur für Kummer sorgt?
Neben dem überaus unangenehmen Treffen zwischen Mutter und Tochter, bei dem nicht einmal ein geteilter Joint helfen kann, gibt es für „Stadtgeschichten“-Fans nicht nur ein Wiedersehen mit der noch immer von allen vergötterten Anna, sondern auch mit Mary Anns schwulem Freund Michael (Murray Bartlett), dessen Anhang um einiges jünger ist als er selbst, und ihrem Exmann Brian (Paul Gross), der überhaupt nicht gut auf sie und ihre dramatische Midlifekrisenrückkehr zu sprechen ist. Mary Ann hingegen hält ihm vor, Shawna nichts von ihrer Adoption erzählt zu haben.
Gleichzeitig spielt sich allerlei Zwischenmenschliches um die jungen Bewohner und Freunde der Barbary Lane ab. Die Zwillinge Ani (Ashley Park) und Jonathan (Christopher Larkin) nerven alle um sie herum mit ihrem neuen Onlinekunstprojekt, während Transmann Jake (Garcia) es befremdlich findet, endlich auch physisch als Mann durchzugehen und von Unbekannten anders behandelt zu werden, seit er nicht mehr als trans wahrgenommen wird. Außerdem ist er sich seiner Gefühle für seine Freundin Margot (May Hong) nicht mehr sicher, weil er sich allmählich für Männer zu interessieren beginnt. Das bunte Gewusel der Party wird dabei von Dokumentarfilmerin Claire (Zosia Mamet) aufgenommen, die Shawna nach ein paar Startschwierigkeiten näherkommt.
Die Folge endet mit einem regelrechten Cliffhanger, als Ann Madrigal einen anonymen Brief mit den Worten „I know you're a fraud!“ erhält. Will ihr jemand unterstellen, eine biologische Frau zu sein, die sich als Transfrau ausgibt? Dies hätte einen Bezug zum Hintergrund der Serie, denn Schauspielerin Olympia Dukakis wurde damals nicht als Transfrau für die Rolle gecastet. Etwas, das man in einer woken Serie wie dieser heute anders regeln würde.
Fazit
Es gibt zwei Arten, Geschichten über die LGBTQ-Gemeinde zu schreiben. Entweder zeigt man auf kritische Weise den Kampf, den queere Menschen kämpfen müssen und die Gefahren, die mit ihrer schieren Existenz einhergehen oder man lebt eine positive Selbstverständlichkeit vor, in der sie ohne Probleme Teil des fiktiven Kosmos sind. Natürlich gibt es Überschneidungen und Mischformen, aber Tales of the City scheint sich in dieser Inkarnation auf den ersten Blick zutiefst dem zweiten Lager verschrieben zu haben. Es ist das aufregende, bunte, befreite Großstadtleben, wie man es sich wünscht: sauber, freundlich, verträumt ausgeleuchtet und sicher aufgehoben in der Regenbogen-Blase, in der sich das meiste Drama aus Interaktionen untereinander ergibt. Nicht, dass es keinen Platz dafür gibt.
Was aus heutiger Sicht etwas befremdlich wirken könnte auf das angesprochene LGBTQ-Publikum, ist die Tatsache, dass sich eine Serie wie diese (deren Abspann nicht mit einem fade to black, sondern einer Regenbogenfahne beginnt), sich um die Midlifekrise einer netten weißen Heterolady drehen muss. Da kommt eben der Umstand ins Spiel, dass es sich um keine neue Serie handelt, sondern um eine wiederaufgenommene Story mit alteingesessenen Charakteren und Strukturen. Aus einer Zeit, als man noch dankbar sein musste, dass überhaupt schwule, lesbische und transidente Menschen irgendwo vorkommen. Aus heutiger Sicht und in der heutigen Zeit wirken die Stadtgeschichten vielleicht nicht mehr so innovativ oder gar subversiv wie früher, aber als kunterbuntes Wohlfühl-TV funktioniert es, selbst ohne Vorkenntnisse, erstaunlich gut.
Hier abschließend noch der Trailer zur neuen Netflix-Serie „Tales of the City":
Verfasser: Mario Giglio am Freitag, 7. Juni 2019Tales of the City 4x01 Trailer
(Tales of the City 4x01)
Schauspieler in der Episode Tales of the City 4x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?