Taboo 1x03

© ames Delaney (Tom Hardy) greift zur Waffe. / (c) BBC
Die Geschichte des BBC-Historiendramas Taboo lässt sich in groben Zügen einfach zusammenfassen und ist nicht besonders kompliziert. Im Kern handelt sie vom Disput um ein geopolitisch wertvolles Stück Land, das eine vermeintlich übermächtige Partei an sich reißen will, während sie von einem offensichtlich unterlegenen, aber überaus gewitzten Gegenspieler ausmanövriert wird. Gegenüber stehen sich die altehrwürdige East India Company (EIC) und James Keziah Delaney (Tom Hardy). Das Interessanteste an diesem Duell spielt sich jedoch auf den vielen kleinen Zwischenebenen ab, die sich allmählich auftun.
Take pain like a stone
Nachdem Delaney am Ende der letzten Episode von einem Attentäter niedergestochen wurde, diesen aber mit einem beherzten Biss in die Halsschlagader überwältigen konnte, sucht er ärztlichen Beistand bei dem als amerikanischen Spion identifizierten Dr. Dumbarton (Michael Kelly). Neben der eigenen Genesung hat Delaney das Ziel, neue Informationen zu erhalten, die ihm helfen sollen, die gewünschte Nachricht an den amerikanischen Präsidenten zu übermitteln. Hierzu ist er selbst bereit, Teile seiner eigenen Pläne zu verraten: Er strebt das Monopol für die Fellhandelsroute zwischen Kanada und China an.
Über einen weiteren Spion namens Carlsbad erfährt er dank eines unvorsichtigen Versprechers seines Gegenübers, dass es sich dabei um eine Spionin handelt. Um darüber weitere Aufklärung zu erhalten, müssen wir uns allerdings bis zur nächsten Episode gedulden. Die Aussicht auf eine neue starke weibliche Figur ist aber nicht unbedingt die schlechteste. Delaneys Schwester Zilpha (Oona Chaplin) ist in diese Rolle nämlich noch nicht hineingewachsen. Am ehesten käme da noch seine plötzlich aufgetauchte Schwiegermutter Lorna (Jessie Buckley) infrage.
Der rastlose Delaney arbeitet derweil wie im Wahn an der Erfüllung seines Vorhabens. Von Atticus (Stephen Graham), der sich selbst fälschlicherweise als Partner begreift, erhält er eine Waffenlieferung; der EIC schlägt er ein Schnippchen, indem er von seinem Anwalt, dem korrupten Thoyt (Nicholas Woodeson), ein Testament aufsetzen lässt, in dem er seinen gesamten Besitz im Falle seines Todes an den amerikanischen Staat vermacht. Der aufgebrachte Sir Stuart Strange (Jonathan Pryce) weiß natürlich sofort, was das bedeutet: Ein Mord ist nun keine gangbare Option mehr.

Man könnte nun meinen, diese Sicherheitsvorkehrungen würden Delaney zu einem weniger aufgebrachten Zeitgenossen machen. Von seinen Visionen wird er jedoch weiterhin heimgesucht, diese intensivieren sich sogar. Erneut taucht die unheimlich angemalte Frau im Wasser vor seinen Augen auf, was ihn dazu veranlasst, im Zimmer seiner verstorbenen Mutter in der kalten Asche des Ofens zu wühlen. An dessen Hinterwand meint er die Zeichnung eines Vogels zu erkennen, die sich in gleicher Form auf seinem Rücken befindet. Der herbeigeeilte Brace (David Hayman) gibt uns Zuschauern leider keine Erklärung, ob dies lediglich eine Einbildung ist.
Brothers in arms
Unklarheit besteht außerdem darüber, ob Winter (Ruby-May Martinwood) nur in Delaneys Vorstellung existiert. In der Eröffnungsszene sehen wir sie bei der Leiche des Auftragsmörders, wobei sie aber mit keiner anderen bekannten Serienfigur kommuniziert. Später bringt sie Delaney den Silberzahn des Malaien, behauptet, manchmal im Keller seines Bürogebäudes zu übernachten und bittet ihn darum, sie in seine vermeintlichen Zauberkräfte einzuweihen: „Teach me your magic. I wanna be a wolf, too.“ Mit Ausnahme der vagen Unterhaltung mit Winters angeblicher Mutter Helga (Franka Potente) gibt es bisher also keine Bestätigung für ihre Echtheit.
Weiteren Rat sucht der Rastlose am Grab seiner Mutter, die unter unwürdigen Umständen in einem Gartenstück der berüchtigten Heilanstalt Bedlam begraben liegt, gekennzeichnet nur mit einem einfachen Holzkreuz. Vielleicht ist sie ja die Wahnsinnige, die ihm in seinen Visionen erscheint. Vielleicht ist sie es auch, die ihm seine nächsten Schritte einflüstert. Längst ist zwischen ihm und der EIC ein kalter Krieg ausgebrochen, in dem bekanntlich Zuflüsterer und Spione die wichtigsten Waffen sind. Also wendet er sich an einen alten Weggefährten, den er wegen dessen extravaganten Freizeitaktivitäten leicht erpressen kann.
Fortan kann er also mit Fug und Recht behaupten, Augen und Ohren an den wichtigsten Orten der Stadt zu haben. Jedoch ruhen sich seine Gegenspieler auch nicht aus - mit Ausnahme des fürchterlich verunstalteten Prince Regent (Mark Gatiss) vielleicht. So wenig der sich für diesen Sachverhalt interessiert, so köstlich geht Sir Strange jedes Mal an die Decke, wenn er schlechte Nachrichten erhält. Jedoch hat auch er eine Schwachstelle, die mit der indischen Großstadt Bombay (heute: Mumbai) zusammenhängt. Darüber Bescheid weiß der königliche Berater Solomon Coop (Jason Watkins), der sich nicht scheut, das Druckmittel auch einzusetzen.

EIC und Regierungsapparat bilden also längst keine einheitliche Front, was Coop aber nicht davon abhält, weiter gegen Delaney vorzugehen. Weil ein simpler Mord nun nicht infrage kommt, verlegt er sich auf kleinteiligere Manöver. Ins Zentrum rückt dabei Lorna, die sich bald eingezwängt sieht zwischen Delaney und der Verschwörung gegen ihn. Er ahnt das schon, weshalb er ihre Auftritte als Schauspielerin - die sowieso enttäuschend verlaufen - verbieten will. Jedoch lässt sie sich erst davon überzeugen, nach Paris auszuweichen, als sie Gefahr läuft, zur Prostitution gezwungen zu werden.
Beautiful exhaustion
Es wäre doch sehr schade, würde sie der Empfehlung ihres Schwiegersohns Folge leisten. Dann bliebe nur noch die Aussicht auf den ersten Auftritt von Spionin Carlsbad - oder eben ein Erstarken von Zilpha. Nachdem sie erkannt hat, dass sie sich ihres Bruders auf dem Wege der schriftlichen Korrespondenz nicht entledigen kann, ergreift sie eine drastischere Maßnahme. Den Kuss, in dem mehr Leidenschaft steckt, als sie vermutlich geplant hat, begreift sie als Abschiedskuss, wenngleich Delaney natürlich gegensätzlicher Meinung ist. Die beiden waren wohl einst verbotene Geliebte; viel mehr als ein ständiges Hin und Her hat das bisher aber noch nicht hervorgebracht.
Ebenso wenig Begeisterung entfacht der Handlungsbogen um den unbedingten Kinderwunsch von Zilphas Ehemann Thorne (Jefferson Hall). Er ahnt wohl, dass es zwischen seiner Ehefrau und dem Schwager immer noch gewaltig funkt, worauf er mit seiner ganz eigenen, abscheulichen Kompensationstechnik reagiert. Zilpha behandelt er wie ein Stück Vieh, während er vor Delaney mit seinen sexuellen Errungenschaften prahlt, die er laut seiner Lesart dem Widersacher zu verdanken hat. Von den vielen kantigen Figuren in Taboo ist Thorne zurzeit eine der schwächsten.
Allgemein hat die Serie das Problem, dass es ungemein viele dieser markigen Charaktere gibt, sie alle aber kaum einen Einblick in ihr Seelenleben zulassen. Einzige Ausnahme ist die Hauptfigur, was aber eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Momentan ist das noch kein allzu großer Nachteil, kann das Format doch von den köstlichen schauspielerischen Darbietungen und der hervorragenden visuellen Umsetzung zehren. Man schaut hier einfach gerne zu, ohne dramaturgische Tiefe auszumachen. Ob sich das über acht Episoden aufrechterhalten lässt, sei dahingestellt. Ein wenig mehr Substanz wäre durchaus wünschenswert.
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 24. Januar 2017(Taboo 1x03)
Schauspieler in der Episode Taboo 1x03
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