Taboo 1x02

Taboo 1x02

Die zweite Episode der neuen historischen Dramaserie Taboo erhöht den Pulp-Faktor noch einmal kräftig, was ihr jedoch nicht zum Nachteil gereicht. Delaney begibt sich darin auf die Suche nach seinen Häschern, wobei es zu einer überraschenden Wendung kommt.

Ein Mann weniger Worte: James Delaney (Tom Hardy) gräbt seine Rücklagen aus. / (c) BBC
Ein Mann weniger Worte: James Delaney (Tom Hardy) gräbt seine Rücklagen aus. / (c) BBC
© in Mann weniger Worte: James Delaney (Tom Hardy) gräbt seine Rücklagen aus. / (c) BBC

Nachdem James Delaney (Tom Hardy) in der zweiten Episode der Historienserie Taboo unerwartet erfährt, dass er eine Stiefmutter hat, die Schauspielerin ist, verkündet er mit verschmitztem Grinsen: „I have no love for the theatre.“ Es fällt schwer, das nicht als Metawitz zu verstehen, setzt Hardy in seinem eigenen Format doch alles daran, möglichst affektreich aufzutreten. Auch vielen seiner Kollegen scheint er das mit auf den Weg gegeben zu haben, was aus der Serie ein „pulpiges“ Erlebnis macht, das bisweilen nahe an der Grenze zum Kitsch wandelt.

Staying alive

Dass es bisher noch nicht in diese Schlucht abgestürzt ist, ist vielleicht alleine dem Umstand zu verdanken, dass es im London des beginnenden 19. Jahrhunderts spielt, das viel verruchter dargestellt werden kann, als es wohl wirklich war. Natürlich gibt es außer ein paar besonders tief in der Materie wühlenden Historikern niemanden, der das beurteilen kann. Also nehmen wir es als Zuschauer, die gerne auch mal mit beiden Beinen in die Pfütze springen, gerne hin. Schließlich gibt es kaum einen Schauspieler, der in solchen Rollen besser aufgeht als Tom Hardy.

Drehbuchautor Steven Knight schreibt ihm denn auch viele weitere bunte Figuren an die Seite, die von einem begabten britischen Charakterdarsteller nach dem nächsten verkörpert werden. In Amerika gibt es lange schon den Witz, wonach es in England nur fünf Schauspieler gebe, die sich bei sämtlichen Rollen abwechselten. In der zweiten „Taboo“-Episode scheint tatsächlich hinter jedem neuen Gesicht ein Darsteller zu stecken, den man bereits aus zig anderen Formaten kennt. Bisweilen hat es sogar den Anschein, als mache sich Regisseur Kristoffer Nyholm daraus einen Spaß, zum Beispiel, wenn er Mark Gatiss (Sherlock) als Prince Regent so verunstaltet, dass man ihn kaum erkennt.

Überhaupt sehen die meisten Figuren so aus, als würden sie bald einer schlimmen Hautkrankheit erliegen - noch so ein Detail, das sich nicht ganz einfach überprüfen lässt, angesichts der Epoche aber klaglos hingenommen wird. Nun aber endlich zur Handlung: Nachdem Delaney in der Auftaktepisode erfahren hatte, dass sein Vater mutmaßlich vergiftet wurde, begibt er sich auf die Suche nach dessen Mörder. Im Zuge dessen trifft er nicht nur auf besagte bunte Charaktere, sondern auch auf die Erkenntnis, dass nach seinem Leben ebenfalls getrachtet wird, was nun keine sonderliche Überraschung für ihn sein dürfte.

James Delaney (Tom Hardy) sollte definitiv mehr schlafen beziehungsweise essen.
James Delaney (Tom Hardy) sollte definitiv mehr schlafen beziehungsweise essen. - © BBC

Die Suche nach denjenigen, die den Delaney-Namen am liebsten für immer aus der Stadtgeschichte tilgen wollen, ist jedoch längst nicht sein einziges Anliegen. Gleichzeitig will er das Geschäft seines Vaters wieder auf Vordermann bringen. Hierzu nutzt er einen Teil des Geldes, das er auf bisher ungeklärte Weise in Afrika verdient und vor den Toren Londons vergraben hat. Sein erster großer Kauf ist ein Schiff, mit dem er Handel betreiben will. Dieser soll zwischen seiner Delaney Nootka Trading Company und der in diesem Titel beinhalteten Insel erblühen, die ihm sein Vater vererbt hat.

What lies beneath

Bald darauf tauchen jedoch die ersten Hürden auf. Nicht nur wendet Nachlassverwalter Thoyt (Nicholas Woodeson) ein, dass es auf der Insel außer den dort ansässigen „Wilden“ niemanden gebe, der an einem Handel interessiert sei. Bei der Testamentsverlesung stellt sich auch heraus, dass Delaney senior wohl noch einmal geheiratet hat - und zwar die deutlich jüngere, zu Beginn bereits erwähnte Schauspielerin Lorna (Jessie Buckley). Sie wird im Testament zwar nicht erwähnt, hat als Witwe aber trotzdem einen Anspruch auf das Erbe.

Viel unmittelbarer als auf das Wiedererstarken der Familienfirma drängt Delaney verständlicherweise darauf, den- oder diejenigen ausfindig zu machen, die ihn im Auftrag der East India Company ermorden wollen. Von seinem Hausdiener Brace (David Hayman) ist dahingehend nichts zu erfahren, was James aber nicht daran hindert, auch ihn mit einer Waffe auszustatten. Sicher ist schließlich sicher. Ein ungewöhnliches Tauschgeschäft später findet er sich bei Schlachter Atticus (Stephen Graham aus Boardwalk Empire) wieder, mit dem er eine angeregte Unterhaltung führt, von der ich leider trotz angestrengten Zuhörens kaum etwas verstanden habe.

Aufschlussreicher - wenn auch noch ein bisschen mysteriöser - ist da schon Delaneys nächtliche Begegnung mit einem jungen Mädchen namens Winter (Ruby-May Martinwood). Sie identifiziert er später anhand eines simplen Augentests als Tochter von Bordellbetreiberin Helga (Franka Potente). Winter gibt ihm zunächst den kryptischen Hinweis auf einen Mann mit einem silbernen Zahn (der sich später als sein Auftragsmörder herausstellen wird) und lotst ihn dann zu dessen Schiff, das Delaney ohne langes Zögern einfach abfackelt.

Lorna Delaney (Jessie Buckley) taucht wie aus dem Nichts auf.
Lorna Delaney (Jessie Buckley) taucht wie aus dem Nichts auf. - © BBC

Zwischen all diesen Aktionen vergisst der Besessene bisweilen, seine Grundbedürfnisse zu stillen. Brace muss ihn nicht nur ans Essen erinnern - was er dann mit einem kräftigen Biss in eine Zwiebel beantwortet -, sondern auch daran, den Schlaf nicht auszulassen. Helfen würde beides sicherlich bei der Bekämpfung der ständig wiederkehrenden Visionen, die Delaney plagen. Darunter befindet sich das grausame Bild eines Sklavenschiffs, auf dem er offensichtlich unterwegs war. Wie sich herausstellt, wurde auch das von ihm gekaufte Feliz Adventurero einst zu diesem Zwecke eingesetzt - betrieben von der East India Company.

Love is a kind of madness

Dort zerbrechen sich Sir Stuart Strange (Jonathan Pryce) und Konsorten längst die Köpfe darüber, wie Delaney beizukommen ist, sollte der Auftragsmord scheitern. Man stellt sich die berechtigte Frage, woher der plötzlich aus der Verwahrlosung Aufgetauchte so viele Informationen über die in Gent ausgetragenen, geheimen Friedensgespräche zwischen dem aufständischen Amerika und dem britischen Imperium hat - übrigens auch eine Frage, die ich als Zuschauer sehr gerne beantwortet hätte. Aufklärung darüber könnte im weiteren Verlauf der amerikanische Mediziner Dumbarton (Michael Kelly) liefern, den Delaney wohl ganz richtig als Spion identifiziert.

Am Ende liegt der Antiheld mit Dolch im Bauch auf der Straße und droht, zu verbluten. Seinen Angreifer hat er da längst getötet, wobei er keine Anstalten unternommen hat, seiner bestialischen Seite Einhalt zu gebieten. Den Biss in die Halsschlagader kennen wir doch irgendwoher - ach ja, das war Rick in The Walking Dead. Als wandelnden Toten kann man durchaus auch Delaney bezeichnen, der wenige Freunde sein Eigen nennen kann, dafür aber zahlreiche Feinde. Allerdings wissen die nicht, was er während seines Auslandsaufenthalts in Afrika erlebt hat. Wir Zuschauer hingegen können bereits erahnen, wie martialisch es dort zugegangen sein dürfte.

Nach der zweiten Episode bin ich so weit, mir mehr Klarheit von all diesen kleinen Geschichten zu wünschen. Es gibt offensichtlich tiefgehende politische Verstrickungen, sonst würde sich Delaney nicht anmaßen, eine Konferenz mit dem amerikanischen Präsidenten einzufordern. Es gibt höchstens nebulös gezeichnete Figuren wie Atticus oder Winter, die nur dann interessant werden, wenn sie aus ihrem „pulpigen“ Käfig ausbrechen können. Und es gibt das große afrikanische Rätsel, das hier nur in gleicher Ausprägung wie in der Pilotepisode noch einmal vorgetragen wird.

Statt wenigstens einen dieser Aspekte zu erhellen, führt Taboo mit Lorna eine weitere neue Figur ein, die den Plot verkompliziert. Angesichts der limitierten Laufzeit von nur acht Episoden wäre es bald angemessen, diese Fragen anzugehen. Andernfalls könnte aus dem Format eine wunderbar anzuschauende, emotional aber kaltlassende Serie werden, der die Substanz fehlt. Noch wollen wir aber optimistisch auf die kommende Episode blicken.

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 16. Januar 2017
Episode
Staffel 1, Episode 2
(Taboo 1x02)
Titel der Episode im Original
Episode 2
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Samstag, 14. Januar 2017 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 31. März 2017
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Freitag, 31. März 2017
Autor
Steven Knight
Regisseur
Kristoffer Nyholm

Schauspieler in der Episode Taboo 1x02

Darsteller
Rolle
David Hayman
Franka Potente
Oona Chaplin

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