Station Eleven 1x01

© tation Eleven (c) HBO Max
Ganz ehrlich: Wir leben seit bald zwei Jahren in einer Pandemie, in der es niemandem richtig gut und vielen sogar richtig schlecht geht. Das Letzte, was wir jetzt brauchen, ist eine apokalyptische Dramaserie, die uns zusätzlich noch mit einer fiktiven Pandemie konfrontiert. Was hat den amerikanischen Streamingservice HBO Max also geritten, den Zehnteiler Station Eleven, basierend auf dem gleichnamigen Bestseller von Emily St. John Mandel, ausgerechnet jetzt zu veröffentlichen - und dann auch noch mitten in der Vorweihnachtszeit, wo der Wunsch nach netter Zerstreuung vielleicht noch größer wird?
Tatsächlich könnte die Weltuntergangsserie sogar genau das Richtige sein für die jetzige Zeit. Denn ihr gelingt schon in den drei ersten Episoden das unmögliche Kunststück, der vermeintlich niederschmetternden Geschichte vom Untergang der Menschheit eine bewegende Wärme zu verleihen, die sogar mit Blick auf reale Krisen ein bisschen Hoffnung stiftet. Denn der Fokus liegt auf dem, was die Überlebenden für so wertvoll halten, dass sie es unbedingt bewahren wollen: Kunst, Kultur, Liebe und Freundschaft. So fühlt sich das Ganze weniger wie ein Zusammenbruch an als ein Zusammenrücken.
Dass Station Eleven Erinnerungen an The Leftovers weckt, eine der sehenswertesten HBO-Produktionen der jüngeren Vergangenheit, ist übrigens kein Zufall. Denn geschrieben wird die Adaption von Patrick Somerville, der schon an dieser seelenverwandten Serie beteiligt war (zuletzt schuf er außerdem das Sci-Fi-Drama Made for Love). Für die stimmungsvolle und aufwändige Inszenierung zeichnet derweil der Atlanta-Regisseur Hiro Murai verantwortlich, dem momentan sowieso alles gelingt. Die Hauptrollen spielen Mackenzie Davis (Halt and Catch Fire, Black Mirror) und Himesh Patel („Yesterday“).
Worum geht's?
Die Geschichte beginnt, wo sie beginnen muss: auf der Bühne. Gaststar Gael Garcia Bernal (Mozart in the Jungle) gibt gerade Shakespeares König Lear, als ihn plötzlich ein Herzinfarkt ereilt. Der zivilcouragierte Jeevan (Patel), der mal zum Rettungssanitäter ausgebildet wurde, erkennt als Erster, dass das Drama nicht zum Stück gehört. Seine unkoordinierten Reanimierungsversuche scheitern, doch ein anderes Leben kann er trotzdem retten, nämlich das der Jungschauspielerin Kirsten (Matilda Lawler), deren Eltern einfach nicht erreichbar sind. Während sich der Erwachsene und das Kind ein bisschen kennenlernen, kommt schon die nächste Katastrophe in Form eines kaum zu glaubenden Warnrufes...
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Eine Freundin von Jeevan weiß als eine der Ersten, dass die mysteriöse Grippewelle, von der man seit ein paar Wochen in den Nachrichten hört, viel schlimmer ist als alle ahnen. Sie ist sicher, dass die Zivilisation in wenigen Tagen zusammenbricht und Milliarden Menschen tot sein werden. Jeevan soll sich und seine Angehörigen in Sicherheit bringen. Überstürzt legt er Vorräte an, wobei er natürlich aufpassen muss, dass er dem kleinen Mädchen, für das er sich nun verantwortlich fühlt, keine Angst macht. Tatsächlich gelingt es ihnen, ein paar Monate in Quarantäne bei Jeevans Bruder Frank (Nabhaan Rizwan) auszuharren. Als sie von ihrem Winterschlaf erwachen, ist die Welt, die sie kannten, nicht mehr existent.
Ab der zweiten Folgen tauchen wir dann auch in die Hauptzeitebene der Serie, die knapp 20 Jahre nach der Apokalypse spielt. Kirsten hat sich der Travelling Symphony angeschlossen, einer Theatergruppe, die das ganze Jahr über um die Großen Seen tourt. In primitiven Camps kleinerer bis mittelgroßer Gemeinschaften von Überlebenden sorgen sie für Unterhaltung und Freude. Eigentlich steht nur Shakespeare auf dem Programm, doch hin und wieder darf auch mal die große Präsidentenrede von Bill Pullman aus „Independence Day“ dabei sein. Hauptsache die Flamme der menschlichen Kultur bleibt irgendwie am Leuchten, denn wir Menschen gehen bekanntlich nicht schweigend in die dunkle Nacht...
Wie ist es?
Man merkt Station Eleven von der ersten Szene an, dass man es nicht mit einer typischen Weltuntergangsserie zu tun hat - wie etwa The Walking Dead. Die Geschichte ist mehr an ihren Figuren, den eigenartigen Mythen und neu entstandenen Ritualen in dieser Parallelwelt interessiert als daran, mit Horrorschockern oder Actionszenen auf den Putz zu hauen. Es geht um die menschliche Facette des Untergangs der Menschheit. Das heißt aber nicht, dass die Heldin Kirsten, erfreulicherweise besetzt mit Mackenzie Davis, in einer Ponyhof-Apokalypse lebt (obwohl sie gerne reitet). Die Gefahren dieser neuen Lebenszustände sind jede Sekunde spürbar, nur erdrückend ist das Ganze nicht, weil das Positive im Zentrum steht.
Richtig liebenswert wird es dann, wenn wir sehen, welche Überbleibsel unserer heutigen Kultur bewahrt wurden. Wenn also durchblitzt, was von uns eines fernen Tages übrig bleiben könnte, ist es zwar immer noch sehr traurig, aber irgendwie auch tröstlich. Allgemein wird die fiktive Pandemie in der Serie, die aufgrund unserer realen Lebensumstände so viel lauter widerhallt, weniger beängstigend als hoffnungsvoll verarbeitet. Statt Wunden aufzureißen, könnten vielleicht sogar welche geheilt werden. Die visuelle Ausstattung der Eigenproduktion von HBO Max ist erstklassig, genauso wie das Worldbuilding. Die Figuren sind ebenfalls faszinierend und auch die Geschichte scheint auf einem guten Kurs. Ein perfekter Auftakt!
Höchstens beim Soundtrack hätte ich mir noch ein bisschen mehr versprochen, aber es kann ja nicht jede Serie ein Meisterwerk wie das von Max Richter bei The Leftovers als Theme tragen. Hierzulande muss man sich leider noch bis zum 30. Januar 2022 gedulden. Erst dann kommt es zur Deutschlandpremiere von Station Eleven bei Starzplay.
Verfasser: Bjarne Bock am Donnerstag, 16. Dezember 2021Station Eleven 1x01 Trailer
(Station Eleven 1x01)
Schauspieler in der Episode Station Eleven 1x01
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