Star Trek 1x03

Star Trek 1x03

Neulich am Rande der Galaxie... Ein Freund des Captains mutiert! Während die Schiffspsychologin ihm huldigt, entbrennen beim Rest der Crew philosophische Debatten über die Auswirkungen absoluter Macht - und am Ende fliegen kernig die Fäuste.

Gary Lockwood alias Lt. Cmdr. Gary Mitchell in „Star Trek“ / (c) Paramount Pictures
Gary Lockwood alias Lt. Cmdr. Gary Mitchell in „Star Trek“ / (c) Paramount Pictures

Ein paar einleitende Worte...

Hier ist er also - der Start des Review-Countdowns zum 50. Geburtstag von „Star Trek“. Seit gestern laufen die Votings für eure Lieblingsepisoden aller Serien und schon bald werde ich die ersten davon in diesem Rahmen besprechen. Bis es soweit ist wollen wir jedoch zurück zum Anfang gehen - mit Reviews zu den Pilotfilmen aller fünf Serien - einerseits zur Einstimmung und auch, um einen kleinen Rahmen für die jeweilige Serie zu setzen. Aus diesem Grund gibt es zu den Pilot-Reviews auch einiges an Zusatzinfos über die Serie an sich und die Zeit der Produktion.

Hier geht es zu den Abstimmungen

Was passiert?

Das Raumschiff Enterprise befindet sich auf der Suche nach der verschollenen SS Valiant. Bei einem Kontakt mit dem Rand der Galaxie kommt es zu unerklärlichen Mutationen bei Captain Kirks bestem Freund Gary Mitchell, der sich zunehmend zu einer Art Überwesen entwickelt. Schnell droht die Situation an Bord zu eskalieren - im Gewissenskonflikt zwischen den Ratschlägen seines ersten Offiziers und seiner Schiffspsychologin muss Kirk entscheiden, wie mit Mitchell und seinen neuen Kräften zu verfahren ist...

Die Serie - Einblick & Ausblick

Captain's log, Stardate 1312.4. The impossible has happened. From directly ahead, we're picking up a recorded distress signal, the call letters of a vessel which has been missing for over two centuries. Did another Earth ship probe out of the galaxy as we intend to do? What happened to it out there? Is this some warning they've left behind?

Mit diesen Worten, gesprochen von William Shatner alias Captain James T. Kirk, begann am 22. September 1966 die Ausstrahlung der Serie Star Trek in den USA. Ort der Handlung: die U.S.S. Enterprise NCC 1701 - ein Raumschiff, unterwegs auf einer 5-Jahres-Mission im Weltall, mit dem Ziel, neue Zivilisationen und neues Leben zu entdecken und zu erforschen - und dorthin zu gehen, wo noch nie ein Mensch zuvor gewesen ist. Anders als bei anderen SF-Serien und -Filmen dieser Zeit wurde der Fokus bei „Star Trek“ weniger auf Weltraumkämpfe und "böse Aliens" gelegt, als vielmehr auf inspirierende Unterhaltung, die einen Ausblick auf eine positive Zukunft der Menschheit geben sollte.

Doch war der Serie zunächst kein großer Erfolg beschieden - sowohl die zweite als auch die dritte Season wurden gar erst nach heftigen (Fan-)Protesten produziert. Doch auch diese konnten nicht verhindern, dass die Serie schließlich nach der dritten Staffel und nur 79 Folgen doch abgesetzt wurde. Die letzte Episode lief am 3. Juni 1969, also nur etwas mehr als zweieinhalb Jahre nach Ausstrahlung der ersten Episode.

Doch anstatt in der Versenkung der TV-Geschichte zu verschwinden, mauserte sich die recht billig produzierte Serie zu einem echten Hit, als in den Folgejahren die Wiederholungen der Episoden ausgestrahlt wurden. 1972 besuchten über 3.000 Menschen die erste Convention. 1973 gewann die kurzlebige Zeichentrickserie zwar einen Emmy, floppte aber beim Publikum. 1974 waren die Besucherzahlen bei der - inzwischen jährlich stattfindenden Convention - bereits auf über 15.000 gestiegen. Dieser Hype führte schließlich dazu, dass man Mitte der 70er Jahren damit begann, an einer neuen Serie zu arbeiten. Star Trek: Phase II sollte die Nachfolge der Ur-Serie antreten, erste Drehbücher waren geschrieben und Kulissen in Bau. Sogar der offizielle Drehstart für den Pilotfilm „In thy Image“ war für November 1977 angesetzt.

Im Zuge verschiedener Bedenken und Überlegungen seitens der Produktion sollte der Pilotfilm aber dann nur noch als eigenständige Einzelepisode entstehen. Doch als Star Wars 1977 einen wahren SF-Boom im Kino auslöste, beschloss man, diese Pläne zu begraben und das Projekt stattdessen in einen richtigen Kinofilm umzuwandeln, welcher 1979 unter dem Titel „Star Trek: The Motion Picture“ Premiere feierte und nur der Anfang einer ganzen Reihe von Filmen um die tapfere Crew sein sollte. Über Khan und die Suche nach Spock, einer Zeitreise in die 80er Jahre, einen Vulkanier auf der Suche nach Gott und dem Versuch, Frieden mit den Klingonen herzustellen entstanden sechs Kinofilme. Die unbenutzten Drehbücher und diverse Konzepte von Star Trek: Phase II wurden übrigens später größtenteils noch für Star Trek: The Next Generation verwendet.

In Deutschland begann das ZDF im Jahre 1972 erstmals mit der Ausstrahlung von „Raumschiff Enterprise“, wie die Serie hierzulande genannt wurde. Doch wurde sie leider zum einen oft etwas kindisch synchronisiert (eindeutig eine Folge des Zeitgeistes), zum anderen wurden diverse Folgen um mehrere Minuten gekürzt, völlig anders geschnitten oder sogar in Gänze gestrichen. Dennoch avancierte die Serie auch in Deutschland und der restlichen Welt zum Kult. Ein Kult, der bis heute anhält...

Die Welt, als es begann

In den Nachwehen des Zweiten Weltkrieges und der Zeit des Kalten Krieges hatten sich die USA längst wieder zu einer gesunden und florierenden Gesellschaft entwickelt. Wie auch in der Sowjetunion richtete man seinen Fokus zunehmend auf ein neues, großes Ziel: Als erste Nation einen Menschen auf den Mond zu bringen. Es war John F. Kennedy der im Mai 1961 den Druck erhöhte und erklärte, noch vor Ende des Jahrzehnts das Ziel erfüllen zu können. Es wurde ein Wettlauf, der bis heute seinesgleichen sucht.

War der Amerikaner John Glenn 1962 noch der erste Mensch gewesen, dem eine Mehrfachumrundung der Erde gelungen war, hatten die Russen 1966 bei der ersten weichen Landung einer Sonde (Luna 9) die Nase vorn. Das Jahr 1967 wurde dann geprägt durch Rückschläge: erst verloren die USA drei Astronauten bei einem Brand während eines Bodentests, dann stürzte der russische Kosmonaut Komarow wegen eines defekten Fallschirms beim Wiedereintritt ab. Doch am 21. Juli 1969 war es soweit - mehr als eine halbe Milliarde Menschen weltweit saßen wie gebannt an den Fernsehschirmen als Neil Armstrong seinen ikonischen Ausspruch tätigte und als erster Mensch den Erdtrabanten betrat.

Ironischerweise zu einem Zeitpunkt, als „Star Trek“ nach nicht einmal drei Jahren bereits wieder abgesetzt war. Die letzte Episode lief gut einen Monat vor dem erfolgreichen Abschluss der Apollo-11-Mission.

William Shatner und Leonard Nimoy in %26bdquo;Star Trek%26ldquo; © Paramount Pictures
William Shatner und Leonard Nimoy in %26bdquo;Star Trek%26ldquo; © Paramount Pictures

Doch wussten die Menschen nun, was alles möglich war - das Weltall war für den Menschen erreichbarer geworden. Eine Serie, die sich mit der Erforschung dieser unendlichen Weiten befasste, wäre doch nun genau das Richtige gewesen. Dumm gelaufen? War Star Trek also seiner Zeit einfach einige Jahre voraus gewesen? Der Erfolg der Wiederholungen in den Folgejahren scheint genau diese These zu belegen.

Ebenfalls was die Auflösung der Grenzen zwischen Geschlecht oder Herkunft anging, war die Serie in ihrer Darstellung mehr als ihrer Zeit voraus. So war die Einbeziehung der Charaktere Uhura, Sulu und Chekov zum Beispiel eine eindeutige Folge der politischen Entwicklungen in den USA rund um den Civil Rights Act von 1964. Zwar war mit diesem rein rechtlich die Basis für eine durch Vielfalt geprägte Raumschiffcrew in ferner Zukunft bereits gelegt worden, dennoch war der Vorstoß im Rahmen einer Fernsehserie noch immer eine kleine Revolution.

Nicht wenige Zuschauer fühlten sich durch den Japaner oder den Russen oder gar die schwarze Frau auf der Brücke beleidigt oder reagierten zumindest mit Unverständnis.

Die Besetzung der Rolle der Uhura mit der Afroamerikanerin Nichelle Nichols war zudem eine in doppeltem Sinne gewagte Entscheidung. Nicht nur wegen des offensichtlichen Aspekts, eine Frau als Teil der Brückencrew zu etablieren, sondern natürlich auch aufgrund ihrer Herkunft. Einige Fernsehstationen im Süden der USA drohten gar, die Serie wegen ihrer Beteiligung nicht auszustrahlen.

Sogar Nichols dachte entmutigt darüber nach, aus der Serie aussteigen - sie wurde jedoch von Martin Luther King persönlich überredet weiterzumachen. Bis heute zitieren nicht wenige Prominente (wie zum Beispiel Whoopi Goldberg) Nicholls als Inspiration für Leben und Karriere.

Sicher kann man Gene Roddenberry unterstellen, mit diesen Entscheidungen auf bereits fahrende Züge aufgesprungen zu sein; dennoch halte ich sein Vorgehen für den visionären und mutigen Versuch, Blockaden in den Köpfen des Otto-Normal-Bürgers einzureißen oder zumindest anzuknacksen.

Science-Fiction, als es begann

Das Genre der Science-Fiction fand in den 50er und 60er Jahren in Kino und TV durchaus statt - ihm war jedoch kein allzu großer kommerzieller Erfolg beschieden. Filme wie „Forbidden Planet“ (1954) oder die äußerst charmanten Serien Space Patrol (1950-1955) und Rocky Jones, Space Ranger (1954) taugten zwar definitiv als Inspirationsquellen für Gene Roddenberrys Ansatz, sind jedoch mit einer Produktion wie Star Trek nicht vergleichbar gewesen. Einzig Lost in Space (1956-1958) ist nicht nur durch die Kinoumsetzung von 1998 auch heute noch ein Begriff. Star Trek war dennoch der Versuch, eine ernsthafte und wissenschaftlich zumindest pseudo-fundierte Serie über die Erforschung des Alls landesweit und mit einer fast einstündigen Lauflänge auf den TV-Schirm zu bringen. Abseits von anderen Vorreitern des Genres wie The Twilight Zone und den beliebten Kurzgeschichten und Comicheften dieser Zeit also durchaus ein Wagnis. Nebenbei bemerkt lief ebenfalls im Jahr 1966 in Deutschland die heute als Kult geltende Reihe Raumpatrouille Orion. In Sachen Langlebigkeit und Qualität aber bei aller Konkurrenz letztlich ein klarer Punktsieg für „Star Trek“.

Ich, als es begann

Ich weiß noch genau, wo ich am 22. September 1966, dem Tag der US-Erstausstrahlung war. Nämlich nirgendwo. Es sollte weitere gut elf Jahre dauern bis ich das Licht der Welt erblickte. Somit verpasste ich auch die deutsche Erstausstrahlung im Jahr 1972. Da war meine Geburt dann aber immerhin vielleicht schon grob ins Auge gefasst. So schön es wäre, Trekker der ersten Stunde zu sein - darauf muss ich leider verzichten.

Dies & das

  • Nachdem der erste Versuch eines Pilotfilms mit The Cage abgelehnt worden war, durften Roddenberry und sein Team diesen zweiten Piloten produzieren. NBC entschied sich daraufhin, die Serie in Auftrag zu geben - dennoch landete die Episode bei der Erstausstrahlung nur an Position 3 der Staffel - als erste Folge strahlte man die simplere Episode The Man Trap aus. In Deutschland wurde die Episode bei der ersten Ausstrahlung sogar erst als 27. ausgestrahlt.
  • Dem ursprünglichen Pilotfilm The Cage werde ich mich im Rahmen des Review-Countdowns zu einem späteren Zeitpunkt noch widmen.
  • Für den zweiten Piloten wurde aus drei Storys ausgewählt; die abgelehnten Storys wurden später als reguläre Episoden verfilmt (Mudds Women und The Omega Glory).
  • Laut Gene Roddenberry hat der Faustkampf zwischen Kirk und Mitchell die Senderverantwortlichen letztlich überzeugt, der Serie eine Chance zu geben.
  • Nie starben in einer Classic-Episode mehr Charaktere als hier: es waren 12.

    McCoy und Uhura sind noch nicht Teil dieser Episode.

  • Auf dem Grabstein gegen Ende wird Kirks Name fälschlicherweise mit „James R. Kirk“ angegeben.

    Bevor William Shatner die Rolle des Captain Kirk erhielt, wurde sie Jack Lord und Lloyd Bridges angeboten.

  • Leonard Nimoy als Spock ist der einzige, der an beiden Pilotfilmen mitwirkte.

    Scotty und Spock tragen hier noch goldene Shirts, anstatt der später üblichen roten und blauen.

Die Enterprise in %26bdquo;Star Trek%26ldquo; © Paramount Pictures
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Die Synchronisation

Die Classic-Serie: ein Thema für sich - auch bei der Synchronisation. Natürlich war der deutsche Humor in den Siebzigern ein anderer als heute, vor allem aber auch ein anderer als damals in den Vereinigten Staaten. Grundsätzlich wurden in dieser Zeit hierzulande ausländische Filme per se mit fast schon sinnentstellenden Synchronisationen versehen. Man denke an die grandiose Reihe The Persuaders mit Roger Moore, die Bud Spencer/Terence Hill-Filme oder die Komödien eines Louis de Funes, deren eigentlicher Humor häufig deutlich subtiler war. Kein Wunder also, dass auch „Raumschiff Enterprise“ hier seine Prise Spaß erhielt - was aber meistens erstaunlich wenig ins Gewicht fällt. Man kann ohne Probleme beide Varianten schauen, ohne einer den Vorzug geben zu wollen. Auch ein Erfolg. Oder retrospektiv emotional verklärt. Das möge jeder für sich entscheiden.

Synchro-Anomalien

  • Doktor Piper sagt, dass er Doktor McCoy vertritt. Dies war wegen der geänderten deutschen Episodenreihenfolge aber auch eine gute Ergänzung und absolut nötig.
  • Den fiktiven Autor Phineas Tarbolde beglückte man im Deutschen mit dem Vornamen Fred. Herrlich.
  • Die wiederholte ur-deutsche Aussprache von Dr. Dehners offensichtlich englischen Vornamen Elizabeth als Elisabeth ist mehr als ulkig.
  • Kirk kennt Mitchell erst seit 10 Jahren - im Original sind es 15.
  • Mathematik für Anfänger: den geometrischen Zuwachs von Mitchells Kräften ersetzen sie einfach mal durch einen arithmetischen. Nicht, dass das einem Mathematik-Laien wie mir irgendwas sagen würde...
  • Lieutenant Lee Kelso wird am Ende der Episode von Kirk nicht als Verlust genannt.

Mutieren oder nicht mutieren?

  • Don't you understand? A mutated superior man could also be a wonderful thing!“ (Dehner über Mitchell)
  • If you were in my position, what would you do?“ -„Probably what Mr. Spock is thinking now: kill me, while you can.“ (Kirk und Mitchell)
  • In the sickbay, you said if you were in my place you'd kill a mutant like yourself.“ - „Why don't you kill me then? Mr. Spock is right and you're a fool if you can't see it.“ (Kirk und Mitchell)
  • Morals are for men, not gods.“ (Mitchell)
  • Do you like what you see? Absolute power corrupting absolutely?“ (Kirk zu Dehner)
  • I'm sorry. You can't know what it's like to be almost a god.“ (Dehner)

Juhu, es geht endlich los! Huch, wir sind schon da...

Der Auftakt zu einer der langlebigsten Serienphänomene der Geschichte gibt sich in ihrem Pilotfilm Where no man has gone before keiner unnötigen Exposition hin. Weltraum, Raumschiff, Mission, Rand der Galaxie. In den ersten Minuten stellt sich somit ein wenig das oben beschriebene Gefühl ein, etwas verpasst zu haben. Wie dem auch sei - die Mission ist in vollem Gange und wir steigen ohne Umschweife mitten in einer Krise ein. So weit so rasant.

Dazu muss angemerkt werden, dass Pilotfolgen in den Sechzigern nicht die gleiche Bedeutung hatten wie heute - nicht umsonst änderte NBC sogar noch kurzfristig die Ausstrahlungsreihenfolge und schob diesen eigentlichen Auftakt an dritte Stelle. Und das nur weil ihnen The Man Trap damals aus einer Laune heraus exotischer und actionreicher erschien.

Bild aus der Pilotepisode von %26bdquo;Star Trek%26ldquo; © Paramount Pictures
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Dabei definiert Where no man has gone before genau das, was die Reihe in den folgenden fünfzig Jahren prägen sollte. Ein Problem, größer als der Mensch, ein moralisches Dilemma zwischen Leben und Tod, der Kampf um Freundschaft und die Notwendigkeit, ein eventuell übergeordnetes Interesse zu beachten. Das Wohl vieler gegen das Wohl eines Einzigen - nicht zum letzten Mal eine relevante Fragestellung in Star Trek.

Faktor Mensch

Im Fokus dieses Dilemmas stehen die zentralen Charaktere der Episode. Von der zukünftigen Hauptbesetzung sind das natürlich Captain Kirk, von der ersten Sekunde an mit Energie, Hingabe, Präsenz und auch einer Prise Pathos gespielt vom wunderbaren William Shatner und sein erster Offizier Spock, dessen Darsteller Leonard Nimoy hier jedoch noch eine sehr wechselhafte und unentschlossene Darstellung zwischen zu viel Emotion und eisiger Beherrschtheit bietet und ein ums andere Mal nicht vollständig überzeugen kann.

Dazu gesellen sich Gary Lockwood als Gary Mitchell, der sowohl dem flapsigen und lockeren Kumpel von Kirk wie auch später dem zunehmend entrückten Supermenschen einen passenden Anstrich gibt und Sally Kellerman als Schiffspsychologin Dr. Elizabeth Dehner, die es schafft, auf der feinen Linie zwischen wissenschaftlichem Interesse, Parteiergreifung für einen vermeintlichen Patienten und am Ende auch ihrer Pflicht für das Schiff zu wandeln. Eine gute, weil starke Frauenfigur zu einer Zeit, als dies im TV nicht unbedingt an der Tagesordnung war. Zwei gelungene Charaktere, die man gerne häufiger gesehen hätte.

Die übrigen Besatzungsmitglieder der Enterprise zeichnen sich hier vor allem noch durch eines aus: Austauschbarkeit. Zwar entsprechen die Darstellungen von sowohl James Doohan als Scotty und auch von George Takei als Sulu bereits dem, was man über die folgenden Jahre erleben darf - sie bleiben dennoch blass. Hintergrundinfos zu ihren Positionen oder Einblicke in ihre Charaktere bleiben aus. Paul Fix, der hier als Dr. Piper noch den Stuhl für DeForrest Kelley alias Dr. McCoy warmhält, kann ebenso wie Paul Carr als Lee Kelso (der ohnehin am Ende stirbt) keinen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Was Mut und Weitsicht angeht, macht sich Star Trek aber bereits hier einen Namen. Neben dem Amerikaner Kirk und dem Schotten Mr. Scott wurde hier mit dem (zumindest was seine fiktive Herkunft angeht teilweise) japanisch stämmigen Sulu bereits ein wichtiges Mosaiksteinchen für diese Art der Handhabung gesetzt, welches sich in den Rollen des Russen Chekov und der Afro-Amerikanerin Uhura noch fortsetzen sollte.

Gegen die Konventionen und immer mit der Gefahr, das konservative amerikanische Publikum gegen sich aufzubringen - ein Spiel mit dem Feuer, welches der Serie eine Menge Ärger aber auch letztlich viel Wohlwollen einbrachte. Man kann Gene Roddenberry definitiv nicht unterstellen, den leichten Weg gegangen zu sein.

Diesen ging er dann aber leider zu Ungunsten der armen Andrea Dromm alias Yeoman Smith. Als Assistentin des Captains steht sie eigentlich nur im Weg - sinnvollen Dialog mochte man ihr erst gar nicht geben. Die Szene auf der Brücke, in der sie ohne eine Funktion zu erfüllen nur den Platz wechselt um am Ende mit Mitchell Händchen zu halten, ist definitiv zum Schmunzeln. Da Dromm sich nach der Episode entschied, andere Angebote anzunehmen, wird sie nur als erstes Blondchen des Captains in die Geschichte eingehen. Nachfolgerin wurde bekanntermaßen Grace Lee Whitney in der Rolle der Yeoman Rand.

Somit führt der Pilotfilm letztlich ausschließlich Kirk und Spock näher ein. Deren Dynamik ist hier auch definitiv schon spürbar - man diskutiert angeregt, man kabbelt sich. Abgesehen von der finalen Szene, in der Kirk völlig unpassenderweise kurz nach seinem Logbucheintrag zu den tragischen Verlusten Mitchells und Dehners mit Spock ein kleines ironisches Scharmützel austauscht, machen die Szenen der beiden Spaß.

Das Problem

Spaß ist aber natürlich nicht die treibende Kraft der Handlung - vielmehr geht es um nicht weniger als die potentielle Zerstörung der Enterprise, die Transformation eines Menschen zu einem gottähnlichen Superwesen, das Aussetzen oder Töten eines Freundes und den Verlust einiger Crewmitglieder. Die Serie geht also direkt in die Vollen - und das ist auf der einen Seite gut so und auf der anderen Seite ein Problem im Problem.

Gut, weil direkt klar wird, dass wir es hier mit einer Serie über uns Menschen zu tun haben - nicht mit einem sinnfreien Actionfeuerwerk ohne Herz und Hirn. Die Crew ist gefordert, ein Mysterium aus der Vergangenheit zu lüften (was jedoch nur Spock wirklich versucht und für seine Entscheidungsfindung nutzt), muss mit einem der ihren umgehen, der sich mit jeder Minute mehr von dem zu entfernen scheint, was man schätzen und lieben gelernt hat, muss schwerwiegende Entscheidungen abwägen und umsetzen und lernt am Ende eine wichtige Lektion: absolute Macht korrumpiert absolut.

Doch ist das wirklich die Message? Hierzu ist es interessant, den Charakter der Dr. Dehner näher zu beleuchten. Genau genommen ist sie nämlich die Einzige an Bord, die die nötige Faszination und Ehrfurcht für diese neue Entwicklungsstufe Mitchells aufbringt. Sie zeigt wissenschaftliches Interesse, beschützt das, was aus dem Kollegen zu werden scheint und versucht, Gutes - ja gar Wunderbares - darin zu erkennen. Neben Spock, der absolut rational und auch etwas vorschnell die Puzzleteile zusammenfügt und Mitchell als reine Gefahr darstellt, die es entweder auszusetzen oder zu töten gilt, bietet Dehner die Stimme der Vernunft. Natürlich ist sie am Ende im Unrecht - natürlich ist die Gefahr durch Mitchell auch objektiv vorhanden und zu groß. Und natürlich war es vermutlich richtig, ihn auf den Planeten zu bringen. Doch führt mich das eher zu einer etwas abgewandelten Message - nicht die (All)macht eines Individuums ist das Problem, sondern der, der sie erhält.

Bild aus der Pilotepisode von %26bdquo;Star Trek%26ldquo; © Paramount Pictures
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Der rasante moralische Verfall Mitchells ist kein Symptom seiner neuen Fähigkeiten, sondern seines schwachen Geistes. Hier wäre eine tiefere - vorbereitende - Ausarbeitung des Charakters natürlich interessant und vonnöten gewesen, um diese These zu stützen. Dennoch sehe ich in dieser Lektion mehr Sinn als in der simplen Feststellung, dass zu viel Macht immer auf die dunkle Seite der selbigen führen muss.

Natürlich muss man inhaltlich bei einem solch komplexen Thema in der Kürze der Zeit Abstriche machen. Natürlich ist es eigentlich auch schwer vorstellbar, dass ein Crewmitglied innerhalb weniger Stunden getötet oder ausgesetzt wird, nur weil eine Veränderung mit ihm vonstattengeht. Natürlich lässt diese Vorgehensweise Fragen offen. Und natürlich ist die Sensibilität eines Zuschauers heutzutage eine andere als damals. Hier vollkommen fair zu bleiben, ist nicht ganz einfach.

Dennoch manövrieren die Produzenten die Handlung - auch ohne, dass man Milde walten lässt - halbwegs schadlos durch diese erzählerischen Klippen - eben weil Mitchell sofort zu Gewaltausbrüchen neigt und weil sein Verhalten zusehends irrationaler wird. Die Uhr tickt, die Gefahr wächst. Hier heiligt der Drehbuchzweck ein wenig die Mittel.

Willst du nicht hören, gibt's auf die 12

Ist Kirk zunächst noch zögerlich, führt das bunte Treiben dann aber zügig doch zu einer - wenig überzeugenden - Szene, in der Mitchell überwältigt und auf den Planeten gebeamt wird. Hier tappt man in die selbst gebaute Falle, ein Wesen zu erschaffen, das zwar übermächtig ist, aber dennoch in einem kleinen Gerangel überwältigt werden kann. Auch schön, wie Mitchell zwar kaum laufen - geschweige denn sich wehren - kann, aber dennoch von ganz alleine und wie ein nasser Sack auf der Transporterplattform stehen bleibt. Hier knistert das Drehbuchpapier wie eine Böe durch die Kulissen.

Auch der finale Faustkampf auf dem Planeten muss sich eher mit dem Etikett „notwendig“ abfinden. Ein wenig Action wollten die Senderverantwortlichen dann eben doch noch gerne sehen. Kirk darf noch ein paar Erkenntnisse zum Besten geben, diverse Kunstblut-Verletzungen zur Schau tragen und sich aufs Schönste (und nicht das letzte Mal) das Uniformshirt zerreißen - sein letzter Akt, bei dem Mitchell unter einem riesigen Fels begraben wird, ist hingegen eher wieder Marke „Leute, kommt zum Ende! Die Zeit ist um!“.

Ambitioniert ist trotzdem ein sehr passendes Wort für Where no man has gone before. Nicht so ambitioniert wie vergleichsweise der erste Pilotfilm-Versuch The Cage, aber dennoch mit dem Wunsch beseelt, Charaktere und Zuschauer zu fordern. Und in dieser Hinsicht kann man nur sagen: Experiment gelungen.

Die Technik

Vom technischen Aspekt kann man der Episode keine Vorwürfe machen. Die Kulissen sind liebevoll, die Tricksequenzen für damalige Verhältnisse überzeugend. Dazu gesellen sich gelungene Überblendungen, ein hübsches Matte-Painting auf dem Planeten und einige nette Spielereien (die fliegenden Becher, das Kabel, welches Mitchell nutzt um Kelso zu erwürgen, seine Verbesserungen des öden Planeten). Natürlich kann man vom heutigen Standpunkt aus über die wenig formstabilen Uniformen, die wackligen Sets und die Styroporfelsen lächeln. Damals jedoch war das alles kein Grund für größere Kritik.

Mit William Shatner, Gary Lockwood, Sally Kellerman und auch einigen anderen wurden kompetente Darsteller gefunden, die sofort in ihren Rollen zuhause sind. Bei Leonard Nimoy würde ich hier auf unklare Vorgaben seitens der Produktion setzen, wenn es darum geht, seine sprunghafte Darstellung zu erklären. In seinen besten Momenten ist er bereits der Spock, den wir kennen und lieben - abgesehen von der irritierend gelben Hautfarbe.

Für die Ewigkeit aufpoliert

Die HD-Restauration des Piloten der Classic-Serie macht ohne Einschränkung Freude. Kulissen und Darsteller werden durchgehend gestochen scharf abgebildet, die Farben strahlen um die Wette. Die neu geschaffenen Weltraum- und Effektszenen passen sich angenehm ein, können aber einen leicht künstlichen Charme nicht verbergen. Die Wärme und Tiefe der Modellaufnahmen aus den Sechzigern fehlt - dafür sind sämtliche Sequenzen natürlich gestochen scharf und frei von Artefakten oder Rauschen. Der englische Ton verteilt sich ausgewogen auf alle Kanäle, auch die Aussteuerung ist heutigen Hörgewohnheiten angepasst. Die neu eingespielte Intromusik ist ein Fest für die Ohren. Im Deutschen klingt alles etwas dumpfer und flacher, stört aber zu keiner Zeit. Star Trek ist durch die intensive Bearbeitung fit für die Ewigkeit gemacht worden und macht auch nach 50 Jahren einfach immer noch Spaß.

William Shatner als Captain Kirk in %26bdquo;Star Trek%26ldquo; © Paramount Pictures
William Shatner als Captain Kirk in %26bdquo;Star Trek%26ldquo; © Paramount Pictures

The Reviewer's wife

Was ist besser als ein eingefahrener Blickwinkel? Genau, ein frischer. Die Frau des Rezensenten wurde erst sehr spät - vor rund 12 Jahren - überhaupt Star Trek ausgesetzt. Ihre einzige Begegnung davor waren Freikarten fürs Kino, als „Star Trek: Insurrection“ anlief. Sie verbrachte den Film letztlich lieber mit Ohrstöpseln in den Ohren und erfreute sich an Musik. Soviel zur Vorprägung.

Durch gezielte Intervention des Rezensenten jedoch änderte sich ihre Meinung - langsam aber stetig. Bis auf die Classic-Serie kennt sie inzwischen alle Filme und fast alle Folgen - und hat es größtenteils ohne Schmerzen überstanden. Sie Fan zu nennen wäre vielleicht zu viel des Guten - aber opfert man so viele Stunden Zeit für etwas, das man nicht doch eigentlich recht gerne mag? Ihre Meinung bietet auf jeden Fall eine interessante Sichtweise und ist somit eine spannende Ergänzung für den Review-Countdown.

Im Jahr 2015 zum ersten Mal eine Episode der Classic-Serie zu schauen, ist natürlich dennoch nicht ganz ohne. Trotz der aufpolierten HD-Fassung samt Effekten war für sie der Unterschied in der Erzählstruktur direkt auffällig. Auch die Versuche der Produktion, einen futuristischen Look durch billige Alublenden, skurrile Gläser, das mehrstöckige Schachspiel oder Ähnliches zu erzeugen, gingen bei ihr eher als „drollig“ durch. Dennoch: außer der wenig kohärenten Vorstellung Leonard Nimoys und dem etwas biederen Faustkampf zum Schluss kam kaum Kritik auf - die Story bezeichnete sie als „typisch Star Trek“ und den Unterhaltungswert durchaus als „vorhanden“. Für jemanden, der nicht so emotional verklärt wie der Rezensent an die Sache herangeht und knapp zwei Jahrzehnte jünger ist als die Serie selbst, definitiv kein schlechtes Urteil.

Gib dem Kind einen Namen

Der ikonische Titel „Where no man has gone before“ gibt die Richtung für die Serie vor. Forscherdrang, Entdeckertum - das berühmte „awe and wonder“. Doppeldeutig, weil auch für Gary Mitchell und Elizabeth Dehner eine Reise zu einer neuen Identität, die kein Mensch bisher erleben durfte. „Die Spitze des Eisberges“ im Deutschen ist ebenfalls eine schöne Idee - hier wird jedoch eher auf den Mitchell-Faktor eingegangen und weniger die Serie und ihre Ausrichtung an sich beleuchtet. Bezieht man es auf die deutschen Dialoge, geht der Titel sogar eher auf Dr. Dehner zurück, die wiederholt als kalt wie ein Eisberg bezeichnet wird.

Fazit

Where no man has gone before ist vor allem eines: erstaunlich frisch und aktuell. Die Dramaturgie ist flüssig, die Dialoge mehrheitlich gut, die Charakterzeichnungen überzeugend und die technischen Aspekte sind - gemessen an der Zeit der Entstehung - absolut überzeugend. Natürlich sind Einbußen bei der Tiefe der Ausarbeitung der aufgeworfenen Fragen vorhanden, einige Sequenzen sind redundant, einige wenige Dialoge und Schauspielerleistungen steif oder unbeholfen. Dennoch startet Star Trek mit einer auch heute noch sehenswerten, weil selbstbewussten und durchaus anregenden Episode ins Abenteuer.

Nächsten Samstag geht es im Review-Countdown weiter mit den Pilotfilmen: Captain Picard und seine Crew betreten in Encounter at Farpoint die Bühne und müssen erkennen, dass übermächtige Gegenspieler in den späten 80er Jahren noch nicht aus der Mode gekommen sind. Außerdem übernimmt ein gewisser Commander Sisko das Kommando über die abgelegene Raumstation Deep Space Nine - und wird in Emissary gleich mit elementaren Fragen der Existenz konfrontiert.

Hier geht es zu den Abstimmungen

Verfasser: Björn Sülter am Sonntag, 5. Juli 2015

Star Trek 1x03 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 3
(Star Trek 1x03)
Deutscher Titel der Episode
Spitze des Eisbergs
Titel der Episode im Original
Where No Man Has Gone Before
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Donnerstag, 22. September 1966 (NBC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Samstag, 10. Juni 1972
Autoren
Cacey Riggan, Eric Banna, Cacey Riggan
Regisseure
Kiele Sanchez, Helen Stirling, Kiele Sanchez

Schauspieler in der Episode Star Trek 1x03

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