Star Trek: Strange New Worlds 2x07

© Paramount+
Strange New Crossover?
Ein Crossover zwischen Star Trek: Strange New Worlds und Star Trek: Lower Decks wurde letztes Jahr angekündigt und klang für mich nach einer sehr schrägen, aber spannenden Idee. Schließlich kommen die „Lower Decks“ in animierter Form daher, spielen über hundert Jahre nach den Abenteuern von Christopher Pike (Anson Mount) und seiner Besatzung der Enterprise und sind thematisch viel stärker von Humor und (Selbst-)Referenzen geprägt, als es „Strange New Worlds“ jemals sein könnte.
Außerdem kennen wir die Darsteller der „Lower Decks“ von ihren Sprechrollen. Sie in live-action zu sehen, ist mit diversen Risiken verbunden. Entsprechend neugierig war ich, wie man diese beiden „Welten“ auf einen Nenner bringen könnte, ohne sie zu sehr zu verbiegen.
Those Old Scientists liefert nun die Antwort und kommt außerhalb der üblichen Sendetermine der zweiten Staffel von „Star Trek: Strange New Worlds“ daher. Wer es also noch nicht mitbekommen hat: letzten Samstag ging diese Episode bei Paramount+ auf Sendung. Für mich übrigens eine kleine, freudige Überraschung, über die ich eher zufällig gestolpert bin, als ich für mein letztes Review noch einmal in die Episode Lost in Translation hineinschauen wollte und bemerkt habe, dass die nächste Folge bereits zur Verfügung stand.
Jonathan Frakes sitzt auf dem Regiestuhl, während Autorin Kathryn Lyn für beide Serien die Feder schwingt. Um beide Serien unter einen Hut zu bringen, musste sich natürlich ein Weg finden, wie entweder Pike und Co zu den „Lower Decks“ reisen oder aber andersherum Boimler (Jack Quaid) und Mariner (Tawny Newsome) (die bereits auf Promo-Bildern in nichtanimierter Form zu sehen waren) in der Vergangenheit landen. Letzteres ist der Fall, womit Zeitreisen erneut zum Thema werden, was nach Tomorrow and Tomorrow and Tomorrow vielleicht ein bisschen viel Zeitreisekram für eine Staffel ist.
Außerdem war im Vorfeld klar, dass der Humor hier nicht zu kurz kommt, wie es bereits in Charades der Fall war. Aber vorweg: es lohnt sich und die Macher haben tatsächlich die perfekte Mischung aus beiden Welten gefunden, die dieses Crossover-Abenteuer zu einer der lustigsten und besten Episoden der Staffel werden lassen. Und das, ohne auf gute Portionen Drama zu verzichten.
Zuletzt sei noch angemerkt, dass ich „Star Trek: Lower Decks“ sehr empfehlen kann. Bislang wurden drei Staffeln ausgestrahlt, wobei die vierte jüngst einen Trailer erhalten hat und ab dem 7. September auf Sendung gehen wird. Die Gemeinsamkeit mit „Star Trek: Strange New Worlds“ liegt sicher darin, dass beide Formate episodisch funktionieren, was die Abenteuer betrifft, aber trotzdem eine fortlaufende charakterliche Entwicklung aufweisen, die uns die jeweiligen Figuren näherbringt und mit Spannung auf den weiteren Verlauf warten lässt.
Those Old Scientists
Wir starten an Bord der Cerritos und im animierten Universum, wo Boimler, Rutherford (Eugene Cordero) und Tendi (Noel Wells) ihrer nächsten Außenmission entgegenblicken, die unter der Leitung von Mariner stattfinden soll. Mariners Begeisterung hält sich im Vergleich zu den anderen in Grenzen, denn ein altes Portal zu scannen, welches seit mehr als hundert Jahren nicht mehr aktiv war, gehört nicht gerade zu ihren bevorzugten Missionen.
Boimler, Rutherford und Tendi schwelgen derweil in der Vergangenheit und diskutieren darüber, wer dieses Portal entdeckt hat - Christopher Pike oder Wissenschaftler vom Orion, zu denen auch Tendis Großmutter gehörte. Die Scans zeigen Spuren vom seltenen Element Horonium und als Boimler vorm Portal posiert, damit Rutherford ein Holofoto von ihm knipsen kann, geht das Abenteuer los. Denn Boimler wird ins Portal gezogen, fällt „auf der anderen Seite“ vor den Augen von Una (Rebecca Romijn), Spock (Ethan Peck) und La'an (Christina Chong) in Ohnmacht und ist offenbar in die Vergangenheit gereist. Und oh, alles sieht so dreidimensional aus.

Nach dem (jetzt animierten) Vorspann findet sich Boimler an Bord der Enterprise wieder. Durch La'an erhält er eine Lektion über den „temporalen Knigge“, vermischt mit persönlichen Erfahrungen ihrerseits und wird darauf hingewiesen, dass er seine Begeisterung über die Begegnungen mit den alten Legenden zügeln muss und auf keinen Fall die Zeitlinie verändern darf. Aber für Boimler ist das nicht einfach (er kann seine Begeisterung nicht wirklich zügeln) und er kann es nicht lassen, beim Auftauchen eines Schiffs von Orionern Pike darauf aufmerksam zu machen, dass es sich dabei um Wissenschaftler handeln könnte.
Boimlers Hinweise und Hilfestellung führen schließlich dazu, dass er die Vergangenheit verändert und als er wenig später Abschied nehmen soll, wird seine Rückkehr verhindert, weil Mariner ihn retten möchte und die letzte „Aufladung“ des Portals dafür verbraucht, um ebenfalls in der Vergangenheit und auf der Enterprise zu landen. Vier werden auf den Planeten gebeamt, fünf kommen zurück. Herrlich.
Pikes Probleme haben sich damit verdoppelt und es gilt noch immer, eine Lösung zu finden, die die beiden Zeitreisenden zurückbringt. Außerdem muss noch das Getreideproblem gelöst werden und, und, und... Die Lösung lässt sich aber nur gemeinsam finden und wenn Gemeinsamkeiten bislang kaum zu sehen waren, gelingt es den unterschiedlichen Figuren dennoch, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Spätestens dann, wenn doch noch ein Horonium-Vorrat an Bord der Enterprise gefunden wird und die Orioner mit sich reden lassen.
Boimler und Mariner
Fraglos soll diese Episode witzig sein und liefert auch entsprechend ab. Jack Quaid bleibt seiner Sprechrolle treu (Kreischen inklusive) und überzeugt als live-action Boimler gewohnt wie eh und je, was sicherlich ein Lob verdient. Boims ist auch von Beginn an dabei, muss seine Begeisterung für diese Ära zügeln, aber verplappert sich natürlich trotzdem am laufenden Band, was Humor wie Drama gleichermaßen fördert. Denn die (ursprüngliche) Mission der Enterprise ist durchaus kritisch und wird durch seinen Auftritt ungewollt zunichte gemacht (Stichwort: Getreide).
Boimler möchte auch gar nicht die Zeitlinie verändern, sondern bringt seine Ideen - die oft auf seinem enormen Fundus an Nerdwissen basieren - hervor, um zu helfen. Aber ähnlich wie in Star Trek: Lower Decks verschlimmert er die Lage damit zusehends, ehe er tatsächlich helfen und zur Lösung des Abenteuers beitragen kann. Diese kleine „Reise“ kommt uns jedenfalls bekannt vor, womit seiner Figur auf jeden Fall genug Tribut gezollt wird, was wiederum unsere Lachmuskeln anstrengt. Sein Einfluss auf Pike und den Rest der Besatzung ist oft amüsant zu betrachten, aber die Handlung driftet dabei nie ins Lächerliche ab.
Eher das Gegenteil ist der Fall, wenn Una sich über ihre Zukunft sorgt, Chapel (Jess Bush) erfährt, dass der „menschliche“ Spock und seine Lachversuche nur eine vorübergehende Phase sind oder die Kolonie nun umgesiedelt werden muss, weil Pike auf Boimlers Rat hin das Getreide gegen das Portal getauscht hat.

Vor einigen dieser doch recht dramatischen und/oder emotionalen Gesichtspunkte wäre es auch falsch gewesen, wenn Boimler seinen Rückweg zur Hälfte der Laufzeit der Episode angetreten und unsere Crew mit den neuerlichen Problemen zurückgelassen hätte. Mariners Auftritt hatte ich ohnehin schon erwartet und er kam genau richtig. An dieser Stelle kann ich auch direkt anmerken, dass Tawny Newsome in der live-action Rolle Jack Quaid in nichts nachsteht. Ihr ganzes Verhalten, ihre Persönlichkeit und die Art, wie Mariner mit allen umgeht - es passt einfach wunderbar und macht entsprechend Laune.
Mit Mariner mögen sich Pikes Probleme verdoppelt haben, aber damit auch die Chance auf eine Lösung für ebenjene Probleme. Denn die Kombo aus Boimler und Mariner konnte bislang immer einen Ausweg finden, bei dem am Ende alles wieder gut wird. So auch hier, wobei beide vermutlich doch ein wenig Einfluss hinterlassen, wenn wir auf Uhura (Celia Rose Gooding) oder Pike blicken. Denn ich kann mir gut vorstellen, dass Uhura bald öfter mit Ortegas (Melissa Navia), Chapel und den anderen kleinere Pausen einlegt, um den Kopf freizubekommen.
Mit Blick auf Lost in Translation passt das auch zur weiteren Entwicklung von Uhura, deren Workaholic-Ambitionen dort bereits als „ungesund“ eingestuft wurden. Da ist es mir nur recht, wenn Mariner (die Uhura bewundert) den Katalysator spielt, der Uhura in die „richtige Richtung“ stößt. Bei Pike ist es derweil sein Geburtstag und die durch Boimler eingeleitete Überraschungsparty der Crew. Hier wird es auch etwas ernster, weil Pike seine Zukunft kennt und einen Grund dafür hat, weshalb er seinen nächsten Geburtstag lieber allein verbringen möchte.
Aber genau die Szene, in der Boimler Pike darauf hinweist, dass er seiner Crew die Gelegenheit geben sollte, ihn zu feiern, solange das noch möglich ist, war so herzerwärmend, dass mir dafür die Worte fehlen. Da hätte ich am Ende übrigens lieber die live-action Version der Party gesehen, aber für ein Crossover geht das natürlich in Ordnung und schließt den (animierten) Rahmen perfekt ab.
Insgesamt sind die Auftritte von Boimler und Mariner sehr gut umgesetzt. Das fühlt sich nach den „Lower Decks“ an und ist stimmig mit der Serie. Ich hätte da auch gerne noch eine weitere Stunde zugeschaut - oder mehr. Ein wenig schade ist vielleicht, dass wir Tendi und Rutherford nicht in live-action sehen, was bestimmt interessant gewesen wäre. Aber okay, falls diese Episode ankommt, gibt es vielleicht noch weitere Crossovers. Dann vielleicht mit Pike und Co in der Zukunft? Abwarten.
Besatzung der Enterprise
Zeitreisende sind Probleme, auch wenn sie sehr liebevoll daherkommen und nur das Beste wollen. Das weiß La'an nur zu gut, die Boimler auch einen Tipp außerhalb der Regeln gibt, der mit Tomorrow and Tomorrow and Tomorrow zu tun hat - bloß keine Beziehungen knüpfen... Ein Beispiel dafür, dass unsere Crew hier nicht vernachlässigt wird und jede Figur ein wenig Spielraum bekommt, um auf vergangene Folgen zurückzublicken, die einen Einfluss hatten.

Es ist tatsächlich der größte Pluspunkt, dass so ziemlich jede Figur, die hier aus Star Trek: Strange New Worlds mitspielt, auf ihre Vergangenheit mindestens einmal angesprochen wird und diese Vergangenheit eine Rolle spielt. Dabei geht es nicht immer witzig zu (Beispiele weiter oben), obwohl Figuren wie Pike und Spock zuweilen sehr witzig aufgelegt sind.
Ethan Peck ist für mich übrigens ein Phänomen. Dieses Lachen, welches irgendwo zwischen manisch oder auch psychopathisch bis natürlich angesiedelt ist - der Hammer! Und für Boimler (oder auch uns) befremdlich, weil wir den TOS-Spock (Leonard Nimoy) eben anders kennen. Natürlich spielt hier seine Beziehung zu Chapel hinein, welche seit Charades nun ja, aktiv ist. Und die unangenehmste Szene ist sicher die mit Boimler und Chapel im Turbolift, wo Christine realisiert, dass ihre Beziehung zu Spock quasi zum Scheitern verurteilt ist. Heftig.
Aber auch die anderen Figuren zweifeln an sich selbst, nachdem Boimler seinen Mund aufgemacht hat. Una als Pin-up Girl? Diese kleine Story hat mich abgeholt, angefangen mit Unas Sorgen über ihre Zukunft, weiter mit Mariners Hinweis auf das Poster in Boimlers Schlafkabine bis hin zur Auflösung, die Ad Astra Per Aspera zitiert.
Großartig, denn hier wird der gemeinsame Nenner beider Serien perfekt getroffen und nicht auf Fremdschämen gesetzt (auch wenn ein gewisser Jack Ransom (Jerry O'Connell) später das Poster und Una ein wenig anders einordnet - Ransom halt). Über Uhura brauchen wir auch nicht lange reden. Ihr Weg mutete bereits relativ ungesund an und wird hier weitergebracht, weil die Auszeit (durch Mariner eingeleitet) Früchte trägt. Früchte übrigens, zu denen Ortegas beisteuern kann, was nochmals genial gelöst ist. Ein solches Zusammenspiel trägt dazu bei, dass die Folge nicht nur lustig, sondern auch charakterfördernd ist.

Was ich aber auf jeden Fall noch loswerden möchte, ist die Tatsache, dass diese Folge nicht nur eine Gaudi ist, sondern sich immer und überall mit den jeweiligen Figuren beschäftigt und diese weiterbringt, egal, aus welchem Serienuniversum sie nun stammen. Manchmal vielleicht mit dem großen Hammer, der vor allem bei Captain Harr Karas (Greg Bryk) benutzt wird, um der Rahmenhandlung bezüglich Vorurteilen gerecht zu werden.
Aber das ist auch wieder ein Punkt, der diese Episode hervorhebt, denn nicht alle Orioner sind Piraten, auch wenn diese Wahrnehmung sowohl in der Vergangenheit als auch in der Zukunft vorherrscht. Insofern liefert diese Episode auch eine übergeordnete Frage, die sich mit Vorurteilen beschäftigt und diese am Ende ausgrenzt, was sicher nicht nur Tendi freut.
Sonstiges
Ich könnte sicher noch stundenlang über die Folge schreiben, aber Fakt ist, dass man sie selbst erlebt haben muss - und vorzugsweise mehrfach. Für ein Crossover sicher genial gemacht, weil beide Welten sich mehr oder weniger treu bleiben mit Blick auf Figuren und Handlung. Wie gesagt, keine einfache Aufgabe, aber das Ergebnis überzeugt so dermaßen, dass ich es als nahezu perfekt betrachten würde.
Der Wechsel zwischen animiert und live-action kommt so überzeugend rüber, dass selbst die letzten Szenen auf Pikes Party gut getroffen sind, wo die Meta-Ebene angesprochen wird und M'Benga einen kleinen Aufschrei geben darf, während Spock sich über seine „flexiblen“ Arme wundert. Apropos Meta-Ebene, die bringen Boimler und Mariner mehr oder weniger aus ihrer Serie mit, wo sie oft dazu gehört. Aber es schadet nicht, wenn die Besatzung der Enterprise hier ebenfalls ein bisschen in diese Richtung geht.

Zu gefallen wissen auch die zahlreichen Referenzen, die in diesem Fall verstärkt auf Star Trek: Enterprise abgestimmt sind. Witzigerweise hatte Boimler die Lösung zur Auffindung von Horonium bereits vor dem Vorspann erwähnt und diesen Fakt zunächst wieder vergessen. Aber wenn wir später sehen, wie im Maschinenraum der Fußboden auseinander genommen wird, um ein Stück der NX-01 zu finden und Uhura, Ortegas und andere über Archer (Scott Bakula) und seine Besatzung ähnlich wie Boimler und Mariner mit entsprechender Begeisterung sprechen, ist die Situation perfekt.
Okay, vielleicht nicht für Pelia (Carol Kane), die liebend gerne mal eine eigene Folge erhalten könnte, aber selbst Pelia hat eine wichtige Szene mit Boimler, die ihn dazu ermuntert, seinem „Heldendasein“ gerecht zu werden...

Fazit
Ein perfektes Crossover, welches die Stärken von beiden Serien hervorbringt und hauptsächlich auf Humor setzt, ohne das Drama zu kurz kommen zu lassen. Besser geht ein derart „verrücktes“ Crossover nicht, weshalb ich auch die Bestwertung von fünf von fünf Sternen vergebe. So viel Spaß hatte ich lange nicht mehr, obwohl ich auch ein paar Tränen vergossen habe. Und Ihr?
Star Trek: Strange New Worlds 2x09 Serientrailer
Hier abschließend noch der Trailer zur übernächsten Episode der Serie Star Trek: Strange New Worlds:
Ich weiß, vorher kommt noch eine Episode. Aber eine Musicalfolge macht ebenfalls neugierig und wird hoffentlich ähnlich gut wie das Crossover...
Verfasser: Christian Schäfer am Dienstag, 25. Juli 2023(Star Trek: Strange New Worlds 2x07)
Schauspieler in der Episode Star Trek: Strange New Worlds 2x07
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?