Star Trek: Picard 3x04

© Paramount+
No Win Scenario
Der Titel mag mit Blick auf das Ende der Episode übertrieben sein, denn selbstverständlich findet unsere Crew dank Beverly Crusher (Gates McFadden) doch noch einen (äußerst riskanten) Ausweg, bei dem alle Beteiligten an einem Strang ziehen müssen. Aber über weite Teile der Folge sieht es tatsächlich so aus, als wenn das letzte Stündlein für Picard (Patrick Stewart), Riker (Jonathan Frakes), Jack (Ed Speleers), Shaw (Todd Stashwick), Seven of Nine (Jeri Ryan) und den Rest der Besatzung geschlagen hat. Autor Terry Matalas nutzt die Gelegenheit für Charaktermomente, wobei insbesondere Jean-Luc und Jack im Fokus stehen, aber auch andere Figuren versuchen, mit den möglicherweise letzten Momenten ihres Lebens umzugehen und die wenige, verbleibende Zeit zu nutzen.
Auffällige Ausnahmen sind Beverly Crusher, deren Entdeckung noch wichtig werden soll, und Seven of Nine, die die Suche nach dem Wechselbalg fortsetzt, der letzte Woche in Form von Fähnrich Foster (Chad Lindberg) aufgetreten ist. Des Weiteren gibt es einen (mehrteiligen) Rückblick, der uns fünf Jahre in die Vergangenheit führt, wo Admiral Picard gerade sein Mittagessen zu sich nehmen möchte und von einer Gruppe Kadetten unterbrochen wird, die ihn neugierig zu vergangenen Abenteuern befragen. Von Worf (Michael Dorn) und Raffi (Michelle Hurd) gibt es diese Woche nichts zu sehen, während Vadic (Amanda Plummer) von ihrem Auftraggeber gezwungen wird, erneut in den Nebel einzutauchen, um Jack doch noch in die Finger zu kriegen.
Spannung und Figuren werden diese Woche großgeschrieben und ich kann direkt vorweg sagen, dass es hier eine der besten Episoden zu sehen gibt, die das Franchise je hervorgebracht hat. Vielleicht nicht komplett fehlerfrei oder zumindest mit ein paar Fragen versehen, die nicht durchweg logische Antworten haben. Aber jegliche Mängel verblassen mit Blick auf die gebotene Geschichte, die ihre Zutaten gekonnt einzusetzen weiß und auf Figuren wie Spannung gleichermaßen setzt. Obendrein werden nostalgische Momente und eine gute Portion Science-Fiction eingebaut, so dass kaum noch Wünsche offenbleiben.
Rückblick
Der Rückblick, der uns in mehreren Teilen präsentiert wird, verfolgt gleich mehrere Zwecke. Vordergründig erfahren wir von einem vergangenen Abenteuer, welches Jean-Luc Picard und Jack Crusher (Doug Wert) - Beverlys verstorbenen Ehemann - involvierte und in eine ausweglose Situation beförderte, die nicht unähnlich der heutigen war. Das „No Win Scenario“ konnten beide nur als Team meistern und entsprechend ist es nicht verwunderlich, wenn in der Gegenwart ebenfalls Teamwork gefragt ist, als sich ein potenzieller Ausweg erschließt und hier dann Jean-Luc zusammen mit seinem Sohn Jack die gefährliche Navigation durch das Asteroidenfeld übernimmt.
Ferner werden im Rückblick ein paar andere, vergangene Abenteuer des Admirals angeführt, die uns bekannt vorkommen sollten. Der tiefere Sinn hinter dem Rückblick erschließt sich aber erst, als wir Jack Crusher im Hintergrund erblicken, der offenbar seinen Vater erstmals vor sich hat. Die Frage danach, weshalb Jack seinen Vater nie aufgesucht hat, obwohl Beverly ihm schließlich verraten hat, um wen es sich dabei handelt, wird recht schmerzhaft beantwortet. Denn der Admiral, der hier alte Geschichten zum Besten gibt, hat offenbar kein Interesse an einer Familie außerhalb der Sternenflotte, wie er dem jungen Mann deutlich zu verstehen gibt.
Wer hat jetzt aber richtig oder falsch gehandelt? Sicher hätte Jean-Luc seine Antwort weniger harsch formulieren oder zumindest den Stellenwert einer eigenen Familie etwas hervorheben können. Andererseits hat er zu dem Zeitpunkt die zweite Staffel Star Trek: Picard noch nicht erlebt und alles, was er einst als Familie hatte, verloren. So wirklich verübeln können wir ihm diese Einstellung also nicht. Jack auf der anderen Seite gibt vielleicht etwas zu schnell auf und hätte, zumal er bereits den Weg auf sich genommen hat, zumindest noch ein wenig nachbohren können. Aber auch hier würde ich ihm keinen Strick drehen und kann nachvollziehen, weshalb die eine Antwort den Sohn abschreckt, seine Identität preiszugeben. Somit wird es für uns Zuschauer schwierig, sich für eine Seite zu entscheiden - genau der Punkt, der gut geschriebenes (Familien-)Drama ausmacht.
Auf dem Holodeck
Vorweg finde ich die Idee interessant, dass das Holodeck unabhängig von allen anderen Systemen eine eigene Energieversorgung besitzt, die auch im Notfall nicht angezapft werden kann. Mit Blick auf das aktuelle Szenario nachvollziehbar, denn hier kann die Crew ein letztes Mal zusammenkommen, ehe das Schicksal seinen Lauf nimmt. Andererseits, nun ja, wäre es vermutlich sinnvoller, wenn sich dieser Energievorrat doch anzapfen ließe, bevor man auf die lebenserhaltenden Systeme zurückgreifen muss, die keine unabhängige Energieversorgung besitzen.
Aber zurück zur Handlung. Die Meinungsverschiedenheit zwischen Picard und Riker von letzter Woche wird schnell wieder aus der Welt geschaffen und zeigt auf, dass unsere beiden alten Recken einander viel zu sehr schätzen, als dass sie auf Kriegsfuß bleiben. Zu Will kommen wir gleich noch, aber er gibt seinem Freund Jean-Luc den Tipp, die letzten Momente dafür zu nutzen, um Jack besser kennenzulernen, was uns erst zum Holodeck führt.
Hier kannst Du „Star Trek - Next Generation - Complete Boxset (48 DVDs)“ bei Amazon.de kaufen
Allzu viel möchte ich auch gar nicht über Vater und Sohn schreiben, deren private Unterhaltung schließlich von anderen Crewmitgliedern unterbrochen wird. Wichtig ist beziehungsweise war, dass beide miteinander reden und überhaupt ein Dialog geführt wird, denn nur so kann ein gegenseitiges Kennenlernen stattfinden. Schließlich sollen beide zusammenwachsen und später als Team agieren, wofür hier (zunächst auch mit ein bisschen Humor) die Basis gelegt wird. Dazu gehören anschließend ebenfalls die Ausführungen von Captain Shaw, der sein erstes Treffen mit „Captain Picard“ bei der Schlacht um Wolf 359 beschreibt und damit das wohl dunkelste Kapitel der Laufbahn von Picard anführt. Und es ist wichtig, dass Jack von dieser Schattenseite seines Vaters hört, denn es sind eben nicht nur glücklich ausgegangene Abenteuer, die das Leben von Jean-Luc geprägt haben. Als Locutus von Borg mag er unter der Kontrolle der Borg-Königin gestanden haben, aber dennoch schleppt er das Leid, welches Locutus verursacht hat, mit sich herum und kann zu Shaws Ausführungen nur schweigen und schließlich den Raum verlassen.
Den Monolog von Shaw würde ich übrigens als das Highlight der Episode betrachten. Zwar haben wir von einem gewissen Benjamin Sisco (Avery Brooks) bereits eine tragische Geschichte in Emissary vernommen, aber die Ausführungen von Shaw schnüren einem doch den Hals zu und lassen die damaligen Ereignisse, die er aus seiner Sicht erzählt, noch einmal tragischer erscheinen, als sie ohnehin schon waren. Gleichzeitig erfahren wir, woher seine Einstellung gegenüber Picard kommt, die bereits im Staffelauftakt nicht sonderlich gut war. Eine Erklärung, die Shaw als Figur verständlicher macht. Und, ach ja, hier wird außerdem noch ein kleiner Hinweis darauf gegeben, weshalb Shaw später derjenige ist, der im Maschinenraum herumschrauben muss.
William Riker
Unsereins war beim Staffelauftakt bereits ein wenig irritiert, als Will davon sprach, dass seine Beziehung mit Deanna Troi (Marina Sirtis) einen beschwerlichen Weg eingeschlagen hat. Schließlich machte das Paar in Nepenthe noch einen glücklichen Eindruck. Aber vielleicht hat die Erkenntnis, dass Soji (Isa Briones) existiert und somit eine Möglichkeit bestanden hätte, um Sohnemann Thaddeus zu retten, Riker doch schwer zugesetzt und dazu geführt, dass er sich im jetzigen Zustand wiedergefunden hat? Gut möglich.
Gegenüber Jean-Luc erklärt Will aber, weshalb er sich auf das aktuelle Abenteuer eingelassen hat, wovor er wegläuft und weshalb seine Beziehung zu Deanna angeschlagen ist. Und dieses Nichts, diese Leere, vor der er fliehen wollte, hat ihn nun doch wieder eingeholt. Er ist nicht einmal in der Lage, eine letzte Botschaft an Deanna zu verfassen und bleibt vorerst skeptisch, als sich eine Lösung für das aktuelle Problem offenbart.
So kennen wir Riker nicht, auch wenn er einen guten Ratschlag für Jean-Luc hat und es sicher nicht verkehrt ist, die Anwesenheit eines Wechselbalgs vor der Crew geheim zu halten. Umso schöner, wenn der waghalsige Plan schließlich doch gelingt und er neuen Mut fassen kann. Vielleicht sogar etwas Übermut mit Blick darauf, wie er den Traktorstrahl der Titan benutzt, um Vadics Schiff einen Asteroiden entgegenzuwerfen. Unsereins saß derweil mit einem breiten Grinsen vor der Mattscheibe, denn dieses Manöver dürfte er von Vadic gelernt haben. Hinzu kommt noch die Geburt der Space Babies, welche die gesamte Crew in Staunen versetzt und Beverlys Zitat „to seek out new life“. Da fällt es unserem Will nicht mehr schwer, das direkte Gespräch mit Deanna zu suchen und einen gemeinsamen Neuanfang anzupeilen.
Hier kannst Du „Star Trek Picard - Staffel 1 - Limited Steelbook (Blu-ray)“ bei Amazon.de kaufen
Wechselbalg
Während die restliche Besatzung sich auf das sicher Ende vorbereitet, ist Seven of Nine mit der Suche nach dem Saboteur beschäftigt. Sie informiert Riker, der ihr rät, über die Sache Stillschweigen zu bewahren und zunächst allein die Ermittlungen durchzuführen. Von Shaw erhält sie später den Tipp, nach dem Gefäß des Wechselbalgs zu suchen, um anhand von „resi-goo“ den Übeltäter zu finden. Aber so einfach geht das wegen der aktuellen Situation nicht und eine neuerliche Auseinandersetzung mit dem Wechselbalg führt zum Tod eines weiteren Crewmitglieds.
Die Gefahr durch den Saboteur bleibt bestehen und wenn die Episode einen (kleinen) Schwachpunkt hat, dann findet der sich hier. Denn mir will noch immer nicht einleuchten, weshalb die Zerstörung der Titan vom Übeltäter angepeilt wird, wenn es doch offensichtlich das Ziel von Vadic und ihrem Auftraggeber ist, Jack lebend zu bergen. Gut, vielleicht haben wir eine Partei vor uns, die unter allen Umständen verhindern möchte, dass Jack in die Fänge von Vadic gerät und dafür auch das eigene Leben und das der gesamten Crew als entbehrlich ansieht. Aber wäre es in dem Fall nicht sinnvoller, die Shrike zu sabotieren oder der Titan bei der Flucht zu helfen? Eine Erklärung wäre jedenfalls von Nöten, aber da werden wir wohl noch warten müssen, was auch für Jacks Visionen gilt, die ihn gegen Ende der Episode heimsuchen.
Des Weiteren empfand ich die Falle für den Wechselbalg in Ordnung, hätte mir aber eine andere Person als Sidney La Forge (Ashlei Sharpe Chestnut) gewünscht, um die Situation spannender zu machen. Schließlich haben wir La Forge kurz davor noch auf der Brücke gesehen, weshalb sie kaum ein paar Sekunden später im Maschinenraum auftauchen kann, um Shaw zu unterstützen. Die Entlarvung durch Seven war somit leider vorhersehbar.
Ausblick
Das dürfte das Ende des ersten Akts der Staffel gewesen sein. Äußerst gelungen, wobei alle unsere bekannten Figuren etwas zu tun bekommen, um schließlich gemeinsam das Abenteuer zu meistern. Bleibt die Frage, wie es weitergeht. Fliegt die Titan jetzt zurück und müssen Picard und Riker sich vor der Sternenflotte verantworten? Werden wir Vadic wiedersehen, die mit ihrem Schiff stark angeschlagen zurückgelassen wurde? Was ist mit Jacks Visionen und werden er und Beverly an der Seite von Jean-Luc bleiben? In Bezug darauf die Frage, wie es um die Beziehung von Laris (Orla Brady) und Jean-Luc stehen wird. Außerdem bleibt mit Spannung zu erwarten, wie es bei Worf und Raffi weitergeht.
Da die Bedrohung noch nicht vom Tisch ist, würde ich davon ausgehen, dass die Heimreise der Titan unterbrochen wird. Der Schlüssel zum Erfolg ist garantiert in Jacks Kopf verborgen, wenngleich ich mir bislang nur schwer einen Reim auf seine Visionen machen kann. Mit Blick darauf, dass Worf und Raffi diese Woche pausierten (was nicht schlimm war), ist außerdem davon auszugehen, dass sie in der nächsten Folge wieder größere Auftritte haben werden. Vielleicht kommen wir dort dem großen Geheimnis einen Schritt näher. Es bleibt auf jeden Fall spannend und ich kann die nächste Folge kaum erwarten.
Fazit
Die dritte Staffel Star Trek: Picard liefert mit No Win Scenario ihre (vorerst?) beste Episode ab, die kaum noch Wünsche offenlässt. Über fast 60 Minuten wird der Zuschauer in den Bann gezogen und darf mit den Figuren mitfiebern, die uns durch Abenteuer, Drama und Spannung führen, um schließlich einer schier ausweglosen Situation Herr zu werden und dabei zu wachsen. Von mir gibt es diese Woche fünf von fünf Sternen. Und von Euch?
Verfasser: Christian Schäfer am Samstag, 11. März 2023(Star Trek: Picard 3x04)
Schauspieler in der Episode Star Trek: Picard 3x04
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?