Star Trek: Discovery 3x01

© zenenfoto aus der Star Trek: Discovery-Folge That Hope Is You, Part 1 (c) CBS All Access
Neustart?
Olatunde Osunsanmi ist zurück auf dem Regiestuhl, um die Auftaktfolge der dritten Staffel von Star Trek: Discovery aus den Federn von Michelle Paradise, Jenny Lumet und Alex Kurtzman zu inszenieren. Endlich bekommen wir zu sehen, wohin es Michael Burnham (Sonequa Martin-Green) verschlagen hat, die direkt bei ihrer Ankunft im Jahr 3188 mit dem Schiff von Cleveland „Book“ Booker (David Ajala) kollidiert, eine Bruchlandung hinlegt und gerade noch so das letzte Signal durchs Wurmloch zurückschicken kann (welches Spock (Ethan Peck) im letzten Staffelfinale noch zu sehen bekam). Aber von der Discovery und ihrer Besatzung fehlt jede Spur, was sich auch im Verlauf der Auftaktepisode nicht ändert.
Somit folgen wir Michael und lernen mit ihr zusammen diese „neue Welt“ kennen, in der es, abgesehen von einigen wenigen wie Aditya Sahil (Adil Hussain) aus den ersten Szenen, keine Föderation der Planeten mehr gibt. „The Federation is gone? That's impossible. What happened?“ Diese Frage wird uns sicher noch länger beschäftigen, denn eine konkrete Antwort gibt es vorerst nicht. Book erläutert uns zwar ein bisschen, dass es vor 100 bis 120 Jahren ein Ereignis namens „The Burn“ gegeben hat, bei dem das meiste Dilithium explodiert ist. Aber die Föderation bestand schließlich nicht nur aus Schiffen und Warpkernen, sondern aus Idealen und Werten, die nicht so einfach aus der Welt zu schaffen sind. Oder doch?
That Hope Is You lässt kaum Zweifel daran aufkommen, dass die Utopie früherer Star Trek Serien nun der Vergangenheit angehört. Auch wenn „The Burn“ das Großereignis sein mag, welches das Ende der Föderation einläutete, finden sich noch andere Ereignisse, die der Utopie schwere Stöße versetzten. Beispielsweise ist der temporale, kalte Krieg (schön, dass das Thema aufgegriffen wird) nicht so kalt geblieben, wie man vermutet hätte. Und die Gorn zerstörten durch Experimente mit künstlichen Wurmlöchern große Teile des Subraums? Es hat offenbar vieles stattgefunden, was der einst schönen Welt eine enorme Rückentwicklung beschert hat, denn neben nun verbotenen Technologien zu Zeitreisen und Wurmlöchern hat offenbar auch kaum jemand mehr Interesse daran, seltene und vom Aussterben bedrohte Spezies zu retten, falls ich Ithyk (Brandon McGibbon) und Ithor (Jake Michaels) richtig verstanden habe, stehen die aber trotzdem auf dem Speiseplan.
Gleichzeitig wird uns allerdings jede Menge neue Technologie aufgezeigt. Ob nun bereits in den ersten Szenen mit Sahil (zweimal täglich Zähneputzen nicht vergessen!), bei Books Schiffskonsole, in der Stadt (mit u.a. den merkwürdig anmutenden Waffen) oder mit den mobilen Transportern. Einen Stillstand hat es offenbar nicht bei allen Technologien gegeben. Mit Blick auf Books Fähigkeiten (so nenne ich es jetzt mal) scheint sich auch evolutionstechnisch etwas getan zu haben.

Was aber hinterlässt jetzt diese neue Welt, die wir betreten, für einen Eindruck? Ist es etwas, womit ihr euch anfreunden könnt, etwas, was (aufgrund der Ausführungen) halbwegs plausibel klingt? Oder ruiniert dieser Staffelauftakt gar das Gesamtkonzept, was hinter Star Trek stehen sollte? Ich für meinen Teil bin vorerst gespannt, in welche Richtung sich die Staffel mit der neuen Umgebung entwickeln wird. Dass es Ereignisse geben kann, die die gewohnte Welt durcheinanderbringen oder gar aus den Angeln heben, steht für mich (auch mit Blick auf unsere aktuelle Lage mit Corona) außer Frage. Klar, als die dritte Staffel gedreht wurde, hatte noch niemand eine Ahnung davon, wohin wir in der realen Welt uns bewegen würden. Und die Autoren sicher auch nicht - die waren wohl eher darauf aus, sich vom Kanon zu lösen. Aber gerade unsere aktuelle Lage zeigt mir auf, wie schnell sich ein Normalzustand ändern kann, und sei es nur das einfache Händeschütteln, auf das ich seit Monaten verzichte.
Schauwerte

Bevor ich gleich zu den Figuren komme, möchte ich noch ein paar Worte über das Visuelle verlieren. Damit meine ich jetzt nicht unbedingt den Vorspann, wenngleich dieser sich wieder verändert hat und auf die neue Staffel angepasst wurde, was durchaus interessant aussieht. Vielmehr ist mir aufgefallen, dass ich unbedingt mal nach Island muss. Denn dort wurden viele der Szenen gedreht, die Michael und Book auf Hima zeigen. Man könnte da wirklich meinen, sich auf einem fremden Planeten zu befinden.
Des Weiteren wird in Sachen Action und visuelle Effekte nicht gegeizt. Da hat für mich Star Trek: Discovery die Nase auch ziemlich weit vorne. Egal, ob es jetzt um neue Technologien geht, um Szenen im Weltraum (okay, Manko hier ist noch immer, dass es im Weltall keinen Sound geben sollte, aber das war bei Star Trek ja schon immer falsch), das Aussehen von „Molly“ oder gar das Make-up von Leuten wie Cosmo (David Benjamin Tomlinson; letzte Staffel übrigens als Linus zu sehen). In Sachen Action bin ich derweil froh, dass Disco die nicht aus den Augen verliert. Uns musste im Auftakt jetzt vieles erklärt werden, was auch sehr trocken hätte vonstattengehen können. Hätte ich vielleicht auch gut gefunden, aber der Auftakt kriegt es schon sehr gut hin, anhand von ruhigeren und Actionszenen das Verhältnis zwischen Michael und Book aufzubauen und zu entwickeln.
Wobei ich aber einen deutlichen Kritikpunkt darin sehe, dass die beiden ziemlich viele Leute über den Haufen schießen. Gerade bei Michael, die ja offenbar die Föderation wieder aufbauen will, wäre hier ein weniger tödliches Vorgehen angebracht gewesen (wobei ich natürlich nicht weiß, ob die neuen Waffen sich überhaupt auf Betäubung einstellen lassen... vermutlich nicht).
Michael & Book
Aber kommen wir mal zu den beiden Hauptfiguren, die stets im Fokus stehen. Michael noch etwas mehr als Book, weshalb ich ihr den Vortritt lasse. Sonequa Martin-Green erhält hier die Gelegenheit, ihr schauspielerisches Können fortlaufend unter Beweis zu stellen und brilliert in nahezu jeder Szene. Da wird die komplette emotionale Palette abgerufen, von größter Freude über die Tatsache, dass es noch Leben gibt (und der Plan aus Staffel zwei somit aufging), bis hin zum Entsetzen darüber, jetzt allein zu sein (als die Discovery sich nicht meldet). Und diese beiden Beispiele liegen zeitlich sehr dicht zusammen, womit dieser Wechsel schon sehr überzeugend laufen muss, um mich als Zuschauer nicht aus dem Geschehen zu reißen. Leichte Abzüge gibt es von mir lediglich bei den Szenen unter der Wahrheitsdroge - da hatte die Darstellerin in ein paar Momenten etwas zu viel Spaß an der Darstellung, was ich ihr aber kaum verübeln kann (und selbst diese Momente haben meinen Spaß an der Folge nicht gemindert). Michael Burnham bleibt jedenfalls trotz ihrer Emotionalität und deren Wechselhaftigkeit stets professionell und bei der Sache, was sich gerade in Extremsituationen widerspiegelt. Hopfen und Malz verloren? Nein, nicht bei Michael, selbst wenn sie sich da ein „walk“ zur Motivation zusprechen muss.
Zudem versprüht Burnham ein Charisma, das leicht auf den Zuschauer und schließlich auch auf Book abfärbt, der anfangs nichts mit ihr zu tun haben will, sie sogar angreift, als sie sich seinem Schiff (und der ominösen Ware) nähert. Book ist offenbar ein Einzelgänger und hat erst mal keinerlei Interesse an den Geschichten von anderen („everybody has a story“ - „(I'm not interested)“), er will anfangs noch nicht einmal wissen, wie Michaels Name lautet und weckt schon durch seine Konflikte mit Cosmo den Eindruck, dass es sich bei ihm um eine zwielichtige Gestalt handeln könnte. Dass dem nicht so ist, ahnen wir zwar schnell. Wir können sogar schnell vermuten, dass seine geklaute Fracht lebendig ist. David Ajala wirkt als Book aber vom ersten Auftritt an sympathisch, wenngleich er ein paar Dinge macht, die es verdienen, das eine oder andere Mal von Burnham mit der Faust gestreichelt zu werden.
An sich ist es auch eine altbekannte Geschichte, die uns hier anhand zweier Figuren gezeigt wird, die sich erst mal fremder kaum sein könnten, schließlich aber doch Gemeinsamkeiten entdecken. Aber schmälert Altbekanntes jetzt den Kennenlernprozess? Ich glaube nicht. Hier stoßen zwei sehr willensstarke, zunächst unterschiedliche Figuren aufeinander und werden (mehr oder weniger) dazu gezwungen, sich zusammenzuraufen, um schließlich zu erkennen, wie ähnlich sie sich doch sind. Und hoppla, da kommen wir jetzt wieder bei einem der Konzepte an, die Star Trek ausmachen: Konflikte beiseitelegen, indem man Gemeinsamkeiten findet. Was hier nach den ersten Szenen noch „utopisch“ wirkt, nimmt zum Ende der Episode immer mehr Gestalt an und schließlich stehen Book und Michael zusammen mit Sahil vor der titelgebenden Hoffnung, die ein eigenes Kapitel verdient.
Hoffnung
Die Hoffnung dominiert das Geschehen. Aus Michaels Sicht natürlich zunächst die Hoffnung, dass die Discovery noch ausfindig gemacht werden kann. Sahil hat derweil für vierzig Jahre auf jemanden wie Michael gehofft. Und Book erst mal nur darauf, dass er Molly vor Cosmo und dessen Auftraggebern retten kann.
Ich hoffe derweil, dass die Föderation auch im Jahre 3188 noch vorhanden ist und bloß vor sich hinschlummert, wie Sahil es getan hat. Oder eben, dass sie wiedererweckt wird. Wenn (nicht falls) die Discovery die Bühne betritt, ergeben sich bestimmt ein paar gute Möglichkeiten dafür. Insofern hoffe ich auf ein baldiges Wiedersehen mit Saru (Doug Jones), Tilly (Mary Wiseman), Paul (Anthony Rapp) und den anderen. Mehr Jett Reno (Tig Notaro) steht außerdem noch auf meiner Wunschliste und eine gewisse Georgiou (Michelle Yeoh) will ich auch nicht missen (obwohl die sicher noch in der Zeit zurückreisen muss, um in der Sektion 31 Serie mitzuspielen; jedenfalls, sofern die Serie nicht in der Zukunft spielen soll).
Und oh, eine große Hoffnung (oder naja, vielmehr die Bestätigung dazu) wurde gestern bereits erfüllt. Denn Star Trek: Discovery wird uns auch in einer vierten Staffel erhalten bleiben.
Fazit

Der Auftakt zur dritten Staffel kann sich nicht nur sehen lassen, gibt uns eine neue Welt und der Hauptdarstellerin die Chance, ihr Können zu zeigen, sondern führt noch eine neue, sympathische Figur mit Book ein und zeigt die Staffelprämisse auf. Spannend, actionreich, erklärend und in jedem Fall sehenswert - mit anderen Worten: ein gelungener Einstieg in die ferne Zukunft. Von mir gibt es viereinhalb von fünf Sternen dafür. Und von Euch?
Hier abschließend noch eine Vorschau auf den Rest der dritten Staffel:
Verfasser: Christian Schäfer am Samstag, 17. Oktober 2020Star Trek: Discovery 3x01 Trailer
(Star Trek: Discovery 3x01)
Schauspieler in der Episode Star Trek: Discovery 3x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?