Star Trek: Discovery 2x06

© zenenbild der „Star Trek: Discovery“-Episode „The Sounds of Thunder“ (c) CBS All Access
Hugh Culber
Es sind nicht gerade viele Szenen, die Hugh (Wilson Cruz) diese Woche erhält, aber jede davon sitzt. Anfangs darf Saru (Doug Jones) anmerken, wie unvorstellbar Hughs Rückkehr ist und dass beide Figuren aktuell eine Transformation durchmachen. Während wir bei Saru noch einiges dazu erleben, bleibt der weitere Werdegang von Culber vorerst ungewiss.
Gesundheitlich befindet er sich in einem geradezu makellosen Zustand, während er geistig und gefühlsmäßig offenbar noch nicht zu seinem einstigen Selbst zurückgefunden hat. Paul Stamets (Anthony Rapp) gibt sich zwar alle Mühe und führt im Zuge dessen auch eine kleine Hintergrundgeschichte zu Hughs medizinischem Werdegang an (Informationen für uns und Hugh), aber er sieht vor lauter Freude über die Rückkehr seines Partners vermutlich nicht die Unsicherheit auf dessen Gesicht. Im besten Fall wird es noch ein wenig dauern, ehe er der alte ist. Im schlimmsten Fall könnte ihm seine Zuneigung und Liebe für Paul dauerhaft abhandengekommen sein, was die Rückkehr Culbers für Stamets sehr schmerzlich gestalten könnte.
Hier bietet sich die Gelegenheit, einen Schiffscounselor einzuführen. Wobei ich mir aber recht sicher bin, dass vielmehr unsere anderen Besatzungsmitglieder beratend tätig und versuchen werden, Hugh auf die Sprünge zu helfen (ähnlich, wie Saru es hier eingangs macht). Offen bleibt derweil auch eine Konfrontation mit Ash Tyler (Shazad Latif), die aber sicher noch kommen wird. Hoffen wir mal, dass Hugh das verkraften kann. Potenzial für Drama und sehr viel Herzschmerz ist auf jeden Fall vorhanden. Mal schauen, was in den nächsten Episoden daraus gemacht wird.
Ash Tyler
Der Verbindungsmann zur Sektion 31 kommt diese Woche in meinen Augen nicht gerade gut an. Aus strategischer oder militärischer Sicht mag die Einstufung des roten Engels als große Bedrohung gerechtfertigt sein und Ash vertritt hier ganz offensichtlich diese Einstellung. Charakterlich ergibt das aber nur wenig Sinn und ist - mit vereinfachten Worten ausgedrückt - zu Voq für Tyler. Selbst unter der Annahme, dass seine Identität weiterhin zerrissen und Voq womöglich die dominantere Persönlichkeit ist, sollte hier und dort aufgezeigt werden, dass der menschliche Aspekt nicht flöten gegangen ist. Beispielsweise durch kleinere Szenen mit Michael (Sonequa Martin-Green) unter vier Augen, wo die gemeinsame Vergangenheit und der weitere Werdegang von Ash mit L'Rell (Mary Chieffo) auf der Heimatwelt der Klingonen diskutiert wird. Irgendetwas halt, was die Figur weniger stur und „weicher" gestaltet.
Argumentativ gibt es jedenfalls nichts, was Tylers Befürchtungen, der rote Engel könne sich gegen die Sternenflotte richten, auch nur ansatzweise unterstützt. Die wenigen Anhaltspunkte, die sowohl wir als auch die Crew der Discovery haben, geben ein äußerst positives Bild von der Gestalt, die uns diese Woche in humanoider (und weiblicher) Form präsentiert wird. Jedes Signal dient da zur Rettung von Leben, dieses Mal greift das übermächtige Wesen sogar selbst ein, um einen Genozid zu verhindern. Wie man sich da noch skeptisch zeigen kann, ist rätselhaft.
Der rote Engel
Die Absichten des roten Engels liegen somit zwar nicht offen vor uns, aber alles, was bislang vermittelt wurde, steht unter einer humanitären Flagge. Zugegeben, durch die Signale wird die Discovery zu den jeweiligen Einsatzorten gelotst und insofern benutzt, um Probleme zu beseitigen. Aber die Entscheidung, den Signalen nachzugehen, trifft unsere Besatzung selbst - von daher kann von Manipulation keine Rede sein.

Gibt es Vermutungen, was es mit der Gestalt auf sich hat? Dann immer her damit in den Kommentaren. Auf mich wirkt es derzeit so, als wenn der Engel die Föderation beziehungsweise unsere Besatzung testet (es wird sicher kein Zufall sein, dass Saru diese Woche sehr persönlich betroffen ist). Tests, ob überhaupt den Signalen nachgegangen wird und wenn ja, ob das Problem vor Ort gelöst werden kann oder nicht. Selbst eingreifen muss die Gestalt nur dann, wenn niemand auf die Signale antwortet oder aber - wie diese Woche - ein katastrophaler Ausgang nicht vermieden werden kann. Vielleicht winkt bei positiver Absolvierung der Aufgaben eine Belohnung? Wie Spock (Ethan Peck) allerdings in die ganze Geschichte hineinpasst, bleibt rätselhaft. Vielleicht gehört er zu den Aufgaben, die es zu lösen gilt? Abwarten. Diese Woche bin ich jedenfalls sehr milde gestimmt, was seine weitere Abwesenheit betrifft, denn immerhin ging es ein kleines Stück beim roten Engel weiter.
Sphäre
Tilly (Mary Wiseman) nimmt diese Woche eine kleinere Nebenrolle als Airiam (Hannah Cheesman) ein, wobei ihr die Pause nach Saints of Imperfection gegönnt sei - immerhin fällt sie nicht komplett unter den Tisch. Airiam darf sich derweil sehr nützlich zeigen, was das Abrufen des archivierten Wissens der Sphäre aus An Obol for Charon angeht.
Mir gefällt jedenfalls, dass das Wissen nicht in einer Schublade gelandet ist, sondern tatsächlich genutzt wird, um die Entwicklung der Spezies auf Kaminar zu beleuchten. Offene Fragen bleiben zwar dennoch genug, beispielsweise wird nicht beantwortet, wie die Ba'ul ihrer Auslöschung durch die „post-Vahar'ai"-Kelpianer entgehen konnten, aber derartige Lücken sind zu erwarten, da die Sphäre vermutlich nicht immer vor Ort war. Vielleicht bewirkte ein kleiner, aber wesentlicher technologischer Fortschritt die Kehrtwende bei den Ba'ul und bewahrte sie einst vor dem Aussterben - erscheint am plausibelsten.
Eine naheliegende Frage bleibt allerdings, ob das archivierte Wissen der Sphäre nicht auch die Fragen zum roten Engel und den Signalen beantworten kann. Schließlich wissen wir und die Crew, dass die Gestalt bereits in der Vergangenheit aktiv war und scheinbar die Fähigkeit zur Zeitreise besitzt. Eine Suche könnte sich da unter Umständen lohnen, auch wenn es natürlich zu einfach wäre, auf diese Art und Weise die Antworten zu erhalten. Insofern wäre es gut, wenn der Einsatz des Archivs einerseits nicht überstrapaziert, aber andererseits wiederum nicht vergessen wird.
Kaminar
Sarus Heimatwelt und die Unterdrückung der Kelpianer steht im Mittelpunkt der Episode. Abermals möchte ich da den Short Trek „The Brightest Star" empfehlen, wo es auch seine Schwester Siranna (Hannah Spear) erstmals zu sehen gab und man einen ersten Eindruck vom Leben der Kelpianer und Sarus Familie im Speziellen erhielt. Eine Origin-Geschichte zur Figur Saru, dessen Einzigartigkeit schon dort betont wird.
Aber zurück zur Folge. Rein charakterlich hat mir die gesamte Handlung um die (Haupt-)Figuren Saru, Siranna, Michael und Pike (Anson Mount) sehr gefallen. Wir sehen, dass Saru sich durch das Vahar'ai verändert hat. Ohne seine Angst wirkt er aggressiver, unbeherrschter, stellenweise am Rande zur Wut. Aber nicht, weil sich sein Charakter jetzt grundlegend verändert hat (das hat er nicht), sondern weil die jeweilige Situation - die ihn stets persönlich betrifft - als Ursache dient. Bereits zu Beginn legt er sich mit Pike an und besteht darauf, an der Außenmission teilzunehmen. Später handelt er eigenmächtig, um sein Dorf zu retten und nimmt dabei sein eigenes Ableben in Kauf. Saru ist (verständlicherweise) emotional sehr stark ins Geschehen involviert und die fehlende Angst führt dazu, dass seine Aktivität sich erhöht. Jones versteht es dabei, den Bogen nicht zu überspannen. Er testet die Grenzen dessen aus, was Saru - befreit von seiner Angst - machen würde, aber ohne diese Grenzen zu überschreiten.
Der Umgang mit Siranna gehört ebenfalls dazu. Die Freude, seine Schwester nach Jahren wiederzusehen, wird von ihr in gleichem Maße erwidert. Aber als der Grund für seinen Besuch offenbar wird, konfrontiert Siranna ihn mit den Sorgen, die sein Verschwinden bei der Familie verursacht hat und mit dem Tod seines Vaters, was ihn tief trifft. Neben der Haupthandlung gibt es hier im Folgenverlauf eine geschwisterliche Wiedervereinigung zu sehen, die keineswegs einfach gestaltet ist. Schuldgefühle müssen verarbeitet werden, Siranna muss über die eigene Welt, das Vahar'ai und die Welt da draußen in Kenntnis gesetzt werden und erst zu guter Letzt kommen die Geschwister zu gegenseitigem Verständnis für die Wahl des jeweils anderen. Und das alles neben der Haupthandlung und den gefährlichen Situationen, in denen sich beide wiederfinden. Großartig.
Was Michal Burnham angeht, ist sie selbstverständlich in zahlreiche Problemlösungen involviert, überlässt aber sehr häufig Christopher Pike die Bühne, der seiner Funktion als Captain mehr als nur gerecht wird. Unmissverständlich wird den Ba'ul mitgeteilt, dass Saru Teil der Sternenflotte ist („...our people“) oder dass ein Genozid an den Kelpianern nicht akzeptiert wird. Und diese Ansprachen finden nach einigen heftigen Diskussionen mit Saru statt, dessen Anwesenheit auf dem Planeten erst die Alarmglocken bei den Ba'ul ertönen ließ. Toller Einsatz von Pike.

Burnham wiederum muss einige Male einschreiten, damit Saru keinen Fehler begeht. Mit Blick auf den Serienpiloten sind die Rollen hier getauscht, denn damals war es Michael, die sich mit Captain Georgiou (Michelle Yeoh) anlegte und wo Saru zu vermitteln versuchte. Allerdings mit weniger gutem Ausgang für Michael, als hier für Saru. Martin-Green darf ähnlich wie Jones eine ganze Gefühlpalette während der Episode abrufen, wobei besonders die Szene im Transporterraum einprägsam ist. Es kommt nicht oft vor, dass Michael die Worte fehlen. Hier sehen wir deutlich, was in ihr vorgeht.
General Order One
Laut Pike darf man die Vorschriften zwar biegen, aber sollte sie nicht brechen. Eine Redensart besagt derweil, dass Ausnahmen die Regel bestätigen. Diese Woche ist folglich wieder verkaufsoffener Sonntag, was die „General Order One" angeht. Denn die wird nicht so wirklich ernst genommen. Gerechtfertigt in diesem Fall?
Das lässt sich nicht leicht beantworten. Grundsätzlich würde ich meinen ja, denn es geht um ein unterdrücktes Volk, welches seinen Unterdrückern gegenüber machtlos ist. Ein Zustand, der aus moralisch-ethischer Sicht schlicht nicht tragbar ist. Wobei ich während der Episode gehofft hatte, die Ba'ul würden sich als nächste Entwicklungsstufe der Kelpianer erweisen - also, eine weitere Stufe nach der, in der Saru sich gerade befindet. Daraus hätte sich leicht ein Szenario spinnen lassen, welches seitens der Ba'ul darauf abzielt, eine Überbevölkerung zu vermeiden und nicht für jeden Kelpianer, der das Vahar'ai erreicht, den Tod bedeutet - ein paar Auserwählte hätten da überleben müssen. Hier wäre ein Eingriff durch die Discovery ebenfalls diskutabel gewesen und hätte ebenfalls moralische und ethische Fragen aufgeworfen, die aber wesentlich komplizierter als das schwarz-weiß-Szenario mit Raubtieren und Beute zu lösen wären. Auch das Wörtchen „Gleichgewicht" hätte noch eine tiefere Bedeutung erhalten.
Aber gut, die Ba'ul sind tatsächlich die Bösen und wollen es (halbwegs nachvollziehbar mit Blick auf die Vergangenheit) nicht darauf ankommen lassen, wieder ans Ende der Nahrungskette zu gelangen. Insofern verständlich, dass letztlich doch eingegriffen wird, obwohl es nicht den Vorschriften entspricht. Ich würde die Ausnahme somit als gerechtfertigt ansehen und wäre gespannt darauf, wie der Planet nach ein paar Jahren aussieht.
Was mich allerdings doch stört, ist der Einsatz des Signals der Sphäre. Ganz zu schweigen davon, dass dieses Signal ungefragt auf die gesamten Kelpianer losgelassen wird, ist keineswegs klar, ob diese überhaupt das beschleunigte Vahar'ai überleben. Was, wenn der beschleunigte Prozess stattdessen einen Genozid bewirkt oder zumindest eine bestimmte Todesrate mit sich bringt? Diese Fragestellung wird außer Acht gelassen beziehungsweise lapidar beiseitegeschoben. Nicht schön gelöst.
Sonstiges
Achtung, Wiederholung: Optisch wieder eine Augenweide und sehr schön anzusehen. Lediglich mit dem Erscheinungsbild der Ba'ul habe ich ein paar Probleme. Nicht, weil mich die Form an Armus aus Skin of Evil erinnert, sondern vielmehr, weil ich mich frage, wie die beiden Spezies sich überhaupt bekriegen können, wenn eine davon an Land und die andere zu Wasser (oder in dunklen Tümpeln) unterwegs ist. Dahingehend auch verwunderlich, wie die technische Entwicklung bei den Ba'ul vorangegangen sein soll, falls unter Wasser stattgefunden. Trotzdem natürlich ein cooles Design.
Zitat der Woche: „Rhys, hail these bastards.“ - Captain Pike. Wobei hier auch fast alles aus seinen Worten an die Ba'ul stehen könnte. Pike liefert diese Woche jede Menge zitierfähiges Material ab. Die Abwesenheit von Jett Reno (Tig Notaro) stört mich weniger. Die wird halt irgendwo mit dem (unbekannten) Chefingenieur unterwegs sein und darf gerne den Weg eines Barclay (Dwight Schultz) gehen und sporadisch mal auftauchen. Weniger ist da mehr, weil es sich dann um etwas Besonderes handelt. Bei der neuen Sicherheitschefin Nhan (Rachael Ancheril) wundert es mich allerdings, dass sie diese Woche aussetzt. Keine Kritik, nur eine Beobachtung.
Fazit
Rein charakterlich mit der kleinen Ausnahme von Ash, der mir zu sehr in die Militärschiene gequetscht wird, eine hervorragende Episode. Storytechnisch allerdings mit ein paar Makeln versehen, die das Bild ein wenig trüben, obwohl es optisch eigentlich großartig aussieht. Saru rockt und die meisten Figuren sind dicht dran am Beat. Von mir gibt es vier von fünf Sternen. Und von euch?
Verfasser: Christian Schäfer am Samstag, 23. Februar 2019(Star Trek: Discovery 2x06)
Schauspieler in der Episode Star Trek: Discovery 2x06
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