Star Trek: Discovery 1x11

© ichael Burnham und Captain Lorca in „Star Trek: Discovery“ (c) CBS All Access
„Can you hide your heart? Can you bury your decency? Can you continue to pretend to be one of them? Even as little by little, it kills the person you really are.“ - Michael Burnham (Sonequa Martin-Green).
Michael Burnham
Wie lange kann Michael ihre Tarnung aufrecht erhalten, ohne dass ihre Crew oder Imperatorin Georgiou (Michelle Yeoh) Verdacht schöpfen? Diese Frage wird uns sicher noch ein bisschen beschäftigen, denn Michelle Yeoh hat ihren Auftritt erst am Ende der Episode. Kurze Anmerkung zu diesem „Überraschungsauftritt“: Ganz so überraschend war der jetzt nicht, denn Georgiou wurde letzte Woche genau so wenig erwähnt, wie der Name des Imperators - da musste man als Zuschauer nur eins und eins zusammenzählen.
Spannend bleibt es aber trotzdem. Denn wir kennen die lange Vergangenheit, die Georgiou und Burnham verbindet, gut genug, um zu wissen, dass es Michael nächste Woche sehr schwer haben wird, die Imperatorin zu überzeugen. Gut möglich, dass sie jetzt „ihren Voq“ gefunden hat.
Aber der Auftritt der Imperatorin ist nur das i-Tüpfelchen der Episode. Zuvor muss Michael schon schwer mit sich ringen. Mirror-Saru (Doug Jones) ist ihr persönlicher Sklave, drei Crewmitglieder werden per Transporter in den Weltraum entsorgt und obendrein gibt es unverhofft eine Mission gegen die Feinde des Imperiums, welche sich sehr heikel gestaltet (da Michael hier keineswegs den Anweisungen direkt Folge leistet). Das alles kostet viel Überzeugungskraft. Mehr als einmal muss Michael sich verstellen und das brutale Vorgehen im Spiegeluniversum dulden. Das zehrt sichtlich am Nervenkostüm.
Der große emotionale Knall kommt aber erst, als Ash Tyler (Shazad Latif) - getriggert von Voqs Anblick und Worten - sich nicht mehr beherrschen kann und die ohnehin schon risikoreiche Mission erneut ins Wanken bringt. Die Offenbarung, die Dr. Culber (Wilson Cruz) letzte Woche bereits mit seinem Leben zahlen musste, nimmt Michael nun die einzige Bezugsperson, die ihr emotionalen Halt gab. Ash gegenüber brauchte sie sich nicht verstellen, konnte offen ihre Sorgen und Ängste zum Ausdruck bringen. Dieser Halt wird ihr kommende Woche fehlen.
Und Lorca (Jason Isaacs)? Mit dem kann Michael zwar auch bei einigen Gelegenheiten sprechen und das weitere Vorgehen diskutieren, aber der strebt eine andere Richtung an und erhöht den Druck vielmehr, als dass er ihn ihr nimmt. Und sah man da kurz ein Grinsen in seinem Gesicht, als Georgiou ihren Auftritt hatte? Gewisse Mutmaßungen über seine wahre Herkunft sind jedenfalls sicher nicht vom Tisch. Kurz eingeworfen, leistet Isaacs übrigens in seinen wenigen Auftritten abermals hervorragende Arbeit und lässt uns spüren, welche Folgen ein längerer Aufenthalt in den Folterzellen hat.

Zuletzt sei noch angemerkt, dass Michael gegen Ende die wichtigen (noch verschlüsselten) Daten mit einem potenziellen Rückweg an die Discovery übermitteln kann - per Ash, der eigentlich in den Weltraum entsorgt werden sollte. Der Plan mag ja recht brauchbar erscheinen, setzt allerdings voraus, dass Captain Tilly (Mary Wiseman) und ihre Crew (?) davon wissen und in der Nähe sind. Auch scheint die Discovery bereits über Ash ins Bild gesetzt worden zu sein, obwohl dort zuvor davon ausgegangen wurde, dass Stamets (Anthony Rapp) Culber auf dem Gewissen hat. Hier muss folglich noch eine Unterredung zwischen Michael und der Discovery stattgefunden haben (wie anfänglich mit Saru), die uns vorenthalten wurde. Mit Blick auf den zeitlichen Rahmen scheint das aber sehr fragwürdig zu sein, ganz abgesehen davon, dass auch Captain „Killy“ ihrer Crew einen Vorwand geben müsste, um in Transporterreichweite der Shenzou zu gelangen. Insofern wirkt die Überraschung eher billig als durchdacht.
Der Wolf im Schafspelz
Der Titel der Episode ist offensichtlich (aber nicht nur) auf Ash Tyler bezogen. Was für uns bereits ein offenes Geheimnis war, wird nun auch für Michael gelüftet. Zuvor bekräftigt Ash noch einmal, dass Michael sein emotionaler Anker ist, aber spätestens mit dem Auftritt von Voq als Anführer wird uns klar, dass sämtliche Stricke bei ihm reißen werden. Was L'Rell (Mary Chieffo) letzte Woche nicht zu vollbringen vermochte, erledigt Mirror-Voq nun (unbewusst) selbst - eine fast schon poetische Lösung.
Viel länger hätte man auch nicht mit dieser Auflösung warten dürfen. Ash Tyler ist uns zwar erst in Choose Your Pain vorgestellt worden, aber bereits dort ließen sich Mutmaßungen anstellen, was seine wahre Natur betrifft (jedenfalls, sofern man L'Rell erkannt hat und sich fragte, was ein gewisser Voq so treibt). Über den Werdegang und die Inszenierung von Ashs psychischen Problemen innerhalb der letzten sechs Episoden lässt sich gewiss streiten - da lief nicht alles so rund, wie es hätte sein können. Aber der Zeitpunkt und der Auslöser, die hier den inneren Klingonen zum Vorschein bringen, sind sowohl spannend als auch überzeugend gewählt.

Die große Frage ist jetzt natürlich, wie es mit Ash weitergehen wird. Besteht da noch eine Chance, die menschliche Persönlichkeit zu retten? Und selbst wenn das gelingen sollte - wie will dann unsere Crew mit ihm umgehen? Wie wird Michael mit ihm umgehen? Kann ihm überhaupt verziehen werden (Culber!), auch wenn sich seine Missetaten vielleicht Voq zuschreiben lassen? Da steckt ein großes moralisches Dilemma in dieser Figur, welches sich nicht einfach lösen lässt.
An Bord der Discovery
Abseits der Geschehnisse, die hauptsächlich Ash und Michael betreffen, bekommen wir in den ersten Minuten an Bord der Discovery Paul zu sehen, der vor sich hin brabbelt und dabei seinen toten Lebensgefährten in den Armen hält. Dr. Culber ist ohne Frage tot und mehr unbewusst als bewusst weiß Paul das auch. Eine heftige wie berührende Szene, die jeglichen Verdacht einer schnellen oder gar problemlosen Rückkehr des Arztes zerschlägt. (In den Kommentaren darf natürlich trotzdem gerne spekuliert werden, ob oder wie Culber möglicherweise zurückkehrt - aber bitte vorsichtig und gegebenenfalls mit Spoiler-Tags, falls Informationen vorliegen, die außerhalb der Serie - wie zum Beispiel von Darstellern - stammen.)
Für Tilly und Saru liegt der Fokus diese Woche darauf, Paul zu helfen, dessen Zustand sich verschlechtert. Hier wird darauf zurückgegriffen, dass Tilly bei der Entwicklung des Sporenantriebs eng mit Stamets zusammengearbeitet hat, womit ihre Idee auch recht plausibel erscheint. Ferner erkennen die beiden, dass Pauls Verbindung zum Mirrorverse schon länger bestand (was einem Kommentator zum letzten Review auch nicht entgangen war - es lohnt sich folglich, derartige Kleinigkeiten im Gedächtnis zu behalten).
Etwas länger als üblich dürfen wir hier um Paul bangen, denn Tillys Methode zeigt zwar Wirkung, führt aber auch zum (Schein-)Tod des Patienten. Abermals liegt es da im Auge des Betrachters, ob man darüber erleichtert ist, dass es nicht direkt einen „Och, es geht ihm schon wieder besser“-Effekt gab oder ob man das präsentierte (scheinbare) Resultat seines Ablebens als billigen Schock-Effekt wahrnimmt. Unsereins war da am Ende ein wenig erleichtert, als Paul wieder zu sich kam.

Es bleibt allerdings die Frage offen, ob wir nun den echten Paul oder seine Spiegelbildversion vor uns haben. Diese kleine, gemeine Szene im „Sporen-Wald“ bekräftigt noch einmal, dass Stamets besondere Verbindung zum Mirrorverse nicht gekappt wurde und die Worte „Hello Paul, ready to get to work?“ von seinem Spiegelbild geben Anlass zur Besorgnis.
Sonstige Gedanken
- Diese Woche wird sehr viel mit potenziellen Charaktertoden gespielt. Ein wenig zu viel für meinen Geschmack.
- Eine tolle Idee, Voq als den Anführer zu präsentieren - das Spiegelbild geht auf. Nebenbei gibt es Andorianer und Tellariten zu sehen, deren Design sicher wohlwollender aufgenommen wird als das der Klingonen.
- Sarek (James Frain) im Mirrorverse - natürlich bärtiger als gewohnt. Andererseits vielleicht mit etwas zu guter Gesinnung für eine Spiegelbildversion.
- Spezialeffekte wieder sehr hübsch.
Fazit
Ein bisschen schwächer als letzte Woche, aber fraglos weiterhin auf gutem und vor allem spannenden Kurs. Gerade bei Michael dürfte es in der nächsten Folge interessant werden, aber auch Ashs weiterer Werdegang oder Pauls Persönlichkeit werden uns sicher beschäftigen. Von mir gibt es diese Woche vier von fünf Sternen.
Verfasser: Christian Schäfer am Montag, 15. Januar 2018Star Trek: Discovery 1x11 Trailer
(Star Trek: Discovery 1x11)
Schauspieler in der Episode Star Trek: Discovery 1x11
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