Star Trek: Discovery 1x10

© ichael Burnham, Saru und Captain Lorca in „Star Trek: Discovery“ (c) CBS All Access
„From now on, we're Terrans. Decency is weakness and will get us killed and the lives of everyone on this ship and the Federation are at stake. So, you do what you must, whatever you must, to anyone.“ - Captain Gabriel Lorca (Jason Isaacs).
Mirror, Mirror
Also doch. Die Discovery ist mit der letzten Reise des Sporenantriebs im Spiegeluniversum gelandet, welches damals - lang, lang ist's her - in der Episode Mirror, Mirror der Originalserie vorgestellt wurde und seitdem immer mal wieder aufgegriffen wurde. Wer hier erwartet hatte, dass unsere Crew nun im „echten“ Universum gelandet ist und bislang in einer Parallelwelt herumreiste, mag vielleicht ein wenig enttäuscht sein (*hust* Klingonendesign *hust*), aber dennoch dürfte es bei dieser Episode kaum Grund zum Meckern geben. Das neue Szenario, in welches unsere Protagonisten da hineingeworfen (oder hineingeschubst) wurden, bietet jedenfalls großes Potenzial und die Macher zögern nicht, dieses Potenzial sogleich auszuschöpfen.
Dabei können wir uns schon einmal darauf einstellen, etwas mehr Zeit in diesem Paralleluniversum zu verbringen. Denn ungleich der bisherigen Reihen, ist dieses Abenteuer nicht mit einer Folge erledigt, sondern führt unsere Besatzung schnurstracks zum nächsten Cliffhanger. Punkten kann die Episode (mal wieder) durch hervorragende Figurenarbeit, wobei diverse Theorien bestätigt oder weiter angedeutet werden, ein unerwarteter Todesfall eintritt und auch sonst keine Gelegenheit ausgelassen wird, um die Besatzung von einer anderen Seite zu zeigen.
Captain Lorca
Einige aufmerksame Zuschauer hatten bereits in Into the Forest I Go bemerkt, dass Lorca vor dem letzten Sprung mit dem Sporenantrieb an seiner Konsole herumgefummelt hat. Das - zusammen mit seinen Worten „Let's go home.“ - schürte den (begründeten) Verdacht, dass die Discovery sich nun genau dort befindet, wo der Captain hinwollte. Zurück in „seine“ Welt und weg von dem, was ihn auf der Sternbasis 46 erwartet hätte.
Mit diesen Gedanken im Hinterkopf lassen sich auch viele Indizien finden, die den Verdacht erhärten lassen. So kennt er sich bereits verdammt gut aus und zieht in Windeseile seine Schlüsse aus den Informationen des ergatterten Datenkerns. Ist damit bereits jetzt klar, dass er die Reise mit Absicht angestrebt hat und nun tatsächlich „zu Hause“ ist?
Nicht so ganz. Denn der Lorca aus dem Spiegeluniversum ist zwar verschollen, hatte aber scheinbar den Kampf gegen das Imperium aufgenommen, welches hier dominiert - womit („Mirror“-)Lorca eine gute Figur wäre (was sich mit dem beißt, was wir bislang von ihm gesehen haben - also, sollte unser Lorca tatsächlich der aus dem Spiegeluniversum sein). Ferner führt ihn die momentane Mission - die Suche nach einem Rückweg (was nebenbei bemerkt nicht zu seinen Zielen gehören sollte, würde er hinter der Reise stecken) - in eine recht unangenehme Gefängniszelle. Es ist jedenfalls kaum anzunehmen, dass er sich freiwillig dieser Tortur unterziehen würde, denn zahlreiche Pinkelpausen oder Brotzeiten werden da sicher nicht auf dem Plan stehen.
Mit absoluter Sicherheit lässt sich folglich noch nicht abschätzen, welche (wahren) Ziele unser Captain verfolgt. Früher oder später wird er sicher an einen Punkt gelangen, wo er entweder seiner Crew reinen Wein einschenken oder aber bereitwillig den Rückweg ins „echte“ Universum antreten muss. Und das macht die Sache unheimlich spannend.

Michael Burnham
In der ersten Hälfte der Episode liegt das Hauptaugenmerk auf der Beziehung zwischen Michael (Sonequa Martin-Green) und Ash (Shazad Latif), der mehr denn je unter den Nachwirkungen seiner „Folterstunden“ (die vielleicht keine waren) mit L'Rell (Mary Chieffo) leidet - was ihr nicht entgeht. Auffällig ist hier sicher, dass Michael ihr logisches Denkvermögen abgelegt hat. Sie nimmt seine psychischen Probleme deutlich wahr (mehr als alle anderen Figuren), lässt sich aber trotzdem von ihm beschwatzen, nicht die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen.
Mag sein, dass ihre Gefühle für ihn da die Oberhand behalten und sie da ihren sonst so klaren Blick verliert. Dennoch wäre es wünschenswert gewesen, die Beziehung zunächst stärker zu festigen. Denn Schmetterlinge im Bauch hin oder her - ihn mit auf die Mission zu nehmen, ist verantwortungslos, unüberlegt und obendrein gefährlich.
Weit überzeugender agiert Burnham dann auf der eigentlichen Mission, die sie in die Fußstapfen ihrer Spiegelbild-Figur treten lässt - als Captain der Shenzou (was ist eigentlich mit „Mirror“-Georgiou (Michelle Yeoh)? - wurde da was erwähnt?). Da trifft sie zwangsweise auf zahlreiche bekannte Gesichter aus den ersten beiden Episoden der Serie, wobei Connor (Sam Vartholomeos) eine besondere Erwähnung verdient. In Battle at the Binary Stars vor ihren Augen verstorben, begegnet er ihr hier in der bösen Variante und versucht schließlich, sie zu töten (typische Art der Beförderung im Spiegeluniversum).
Michael muss sich durchsetzen, wenngleich man ihr spätestens kurz nach dem Kampf ansieht, wie geschockt sie ist. Es mag ja leicht fallen, den anderen etwas vor zu machen und sich als harte Anführerin zu präsentieren, die sich tot stellte, um einen Verräter zu jagen. Aber wenn es hart auf hart kommt und man sich gegen Angriffe aus den eigenen (aus vertrauten Gesichtern bestehenden) Reihen verteidigen muss, sieht die Sache wieder anders aus. Schließlich dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis das nächste Crewmitglied sich an einer Beförderung probiert.

Dem Rezensenten hätte es übrigens besser gefallen, wenn die Episode mit „Long live the Empire!“ geendet hätte. Die abschließenden Szenen mit Michael und Ash mögen zwar eine gewisse Berechtigung haben, hätten aber auch gut und gerne an anderer Stelle gezeigt werden können. Apropos Ash, wieso war der nicht zugegen, als Michael von Connor angegriffen wurde? Sollte er nicht auf sie aufpassen?
Ash Tyler
Nicht, dass es jetzt noch eine große Überraschung war. Die Theorie, dass es sich bei Ash um Voq (und somit bei Javid Iqbal um Shazad Latif) handelt, kursierte schon längere Zeit und wird nun definitiv bestätigt. Die Szenen mit L'Rell sind sehr eindeutig, versucht sie doch sogar, den schlummernden Voq zu wecken. Später erfahren wir dann von Dr. Culber (Wilson Cruz) genaueres über die Prozedur, die da stattgefunden haben muss.
Ich hatte da eingangs mal erwähnt, dass mir diese Theorie, sollte sie sich bestätigen, nicht schmecken würde. Zu kurz schien da die Zeit, in der Voq sich in einen Menschen verwandelt haben und obendrein noch sämtliche Verhaltensweisen und die Sprache eines Ash Tyler erlernt haben sollte. Culbers Erklärung zum Vorgang lässt nun aber einen Großteil dieser Kritikpunkte wegfallen, denn das Bewusstsein von Tyler ist und war die ganze Zeit noch vorhanden. Somit bleibt nur noch die Frage, wie sich verschleiern ließ, dass Ash in Wirklichkeit ein „umgebauter“ Klingone ist - denn trotz aller Knochenbrüche und sonstigen chirurgischen Anpassungen sollte sich doch klingonische DNA im Körper finden lassen. Also entweder gibt es da eine Möglichkeit, auch das spezifische Erbgut zu verändern oder aber Culber ist vorher nie auf die Idee gekommen, einen solchen Test durchzuführen (was unwahrscheinlich erscheint).
Aber wie dem auch sei, die Katze ist jetzt (für uns) endgültig aus dem Sack und muss sich an dem festklammern, was ihr noch bleibt, wenn sie nicht auffliegen will. Und das ist die Beziehung zu Michael, mit dessen Hilfe Ash vorerst verhindern kann, dass sein innerer Schläfer geweckt wird. Lange wird er aber dennoch nicht verhindern können, dass er auffliegt. Denn der größte Schockmoment dieser Woche war mit Sicherheit der Tod von Dr. Culber und dessen Leiche oder Abwesenheit wird bestimmt bald entdeckt.
Be careful, the enemy is here
Dieser Satz stammt von Paul Stamets (Anthony Rapp), dessen Zustand sich seit der letzten Folge nicht gebessert hat. Gut möglich übrigens, dass er damit nicht nur Ash, sondern auch den Captain meint. Paul trifft es diese Woche auch am härtesten, kann er doch aufgrund seines momentanen Zustands kaum etwas ausrichten und bekommt obendrein noch mit, wie seinem Lebensgefährten das Genick gebrochen wird.
Da drängt sich die Frage auf, wie es an dieser Front weitergehen wird. Die Beziehung zwischen Culber und Stamets stand zwar nur selten im Vordergrund, aber wurde bereits im Vorfeld angekündigt und trotz der sehr unterschiedlichen Charaktere äußerst glaubwürdig in die Reihe integriert. Umso schockierender, dass der Arzt hier sein Leben lassen muss. Es erscheint jedenfalls sehr zweifelhaft, dass er irgendwie doch überlebt haben könnte. Wahrscheinlicher wäre vielleicht, dass sein Doppelgänger im Spiegeluniversum später seinen Platz einnehmen könnte - aber das wäre dann nicht das gleiche. Mein Tipp wäre, dass Paul nun mit diesem Verlust klarkommen muss - das heißt, sollte er irgendwann wieder halbwegs normal werden. Bummer.

Captain Killy
Jetzt aber endlich zur vergnüglichen Seite der Episode. Die geht diese Woche eindeutig an Sylvia Tilly (Mary Wiseman), die unverhofft auf dem Stuhl des Captains Platz nehmen darf. Und es macht verdammt viel Spaß, ihr dabei zuzuschauen.
Angefangen mit der Unsicherheit und Nervosität, die bei ihr zu erwarten waren, dürfen wir dabei zuschauen, wie sie schließlich selbstbewusst ihre neue Rolle verkörpert und sichtlich gefallen daran findet. „I'd cut out your tongue and use it to lick my boots.“ - da ist das „fuck“ von vor ein paar Wochen noch harmlos gegen. Hoffentlich gibt es da in den nächsten Episoden noch weitere derartige Szenen, denn in Anbetracht der sonst stets präsenten Ernsthaftigkeit entfalten solche Momente einen dringend benötigten humoristischen Gegenpol. Long live Captain Killy!
Fazit
Auch wenn sich aus Sicht der Crew nicht von einem Guten Rutsch ins neue Jahr sprechen lassen kann, macht Despite Yourself seine Sache sehr gut. Die neue Prämisse weiß zu gefallen und verlangt unseren Protagonisten einiges ab. Zwar finden sich dabei auch wieder einige Schatten, die sich nicht wegdichten lassen, aber unterm Strich steht Star Trek: Discovery nach wie vor voll auf Kurs. Von mir gibt es diese Woche 4,5 von 5 Sternen.
Verfasser: Christian Schäfer am Montag, 8. Januar 2018(Star Trek: Discovery 1x10)
Schauspieler in der Episode Star Trek: Discovery 1x10
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