Sort of 1x08

Sort of 1x08

Eine nichtbinäre Nanny aus Kanada träumt in Sort of von einem besseren queeren Leben in Berlin, wird aber durch einen Schicksalsschlag im alten Leben festgehalten. Da die sympathische Serie von und mit Bilal Baig nun auch in Deutschland streambar ist, reichen wir noch ein Staffelreview nach.

Poster zur Serie Sort of (c) CBC
Poster zur Serie Sort of (c) CBC
© oster zur Serie Sort of (c) CBC

Serienschöpfer:in Bilal Baig machte sich 2018 mit dem TheaterstĂŒck „Acha Bacha“ einen Namen, in dem es um eine pakistanisch-kanadische Person geht, deren nichtkonforme GeschlechtsidentitĂ€t mit ihrem muslimischen Umfeld aneinandergerĂ€t. Die manchmal als Comedy, manchmal als Dramedy bezeichnete Serie Sort of von CBC ist keine direkte Adaption des Stoffes, es lassen sich aber einige thematische Überschneidungen feststellen, die wohl jeweils von der Biografie Baigs und ihrem* Umfeld inspiriert wurden.

Kleine Anmerkung: Da uns im Deutschen das neutrale Pronomen they/them fehlt, um ĂŒber nichtbinrĂ€e Personen zu sprechen, machen wir es, wie wir es aus dem akademischen Kontext und einigen queeren Magazinen kennen, indem wir sie*/ihr* mit dem Gendersternchen versehen. Andere Optionen wĂ€ren zum Beispiel, er:sie und sein:ihr zu verwenden.

Baig ĂŒbernimmt bei dieser Gelegenheit auch die Hauptrolle und trĂ€gt damit dazu bei, dass die Serie so gut funktioniert. Hauptfigur Sabi ist nĂ€mlich ein deadpan-Schwergewicht, das lĂ€ngst mit ihrer* nichtbinĂ€ren IdentitĂ€t im Reinen ist, aber nicht besonders viel von ihrem* Umfeld erwartet. Gewohnten Mikroaggressionen oder Beleidigungen begegnet sie* deshalb stets mit abgebrĂŒhtem Humor und knochentrockenen Comebacks. Man weiß, wie der Hase lĂ€uft...

Umso verlockender wirkt auf die Nanny, deren SchĂŒtzlinge die Kinder einer sympathischen, aber teilweise abgehobenen Yuppie-Familie sind, das Angebot von Bestie Seven (Amanda Cordner), zusammen nach Berlin zu ziehen. Eine weitere Story, die unsere Hauptstadt als queeres Mekka imaginiert, in dem quasi automatisch die LGBTQ-SelbsterfĂŒllung stattfindet. Im Gegensatz zu anderen Filmen und Serien, in denen dieses Versprechen ohne doppelten Boden erfĂŒllt wird, gibt es aus diesem schönen Traum jedoch ein jĂ€hes Erwachen, wie sich spĂ€ter zeigt...

Noch eine Anmerkung in eigener Sache: Als queerer Mann lebt der Autor dieser Zeilen auch sehr gerne in Berlin, aber die Masse an verklĂ€rten Berlin-Storys aus dem Ausland, die es in den letzten Jahren so gab, ist aus ortsansĂ€ssiger Sicht schon etwas aberwitzig. Wir haben hier unsere Momente, aber der Film-Trailer zu „Berlin, I Love You“, zum Beispiel, hĂ€tte mir vor drei Jahren fast ein Aneurysma beschert.

CBC
CBC - © CBC

Sabi schlĂ€gt die Einladung aber ohnehin aus, denn Bessy (Grace Lynn Kung), die Mutter der Familie, erleidet einen schweren Fahrradunfall und liegt jetzt im Koma. Ehemann Paul (Gary Powell) ist komplett aufgeschmissen und weiß nicht, wie er mit seinen Kindern umgehen soll in dieser Situation, so dass Sabi letztlich nicht glaubt, sie jetzt im Stich lassen zu können. Und das, obwohl ihr* kurz vor dem Unfall schon die KĂŒndigung ausgesprochen wurde...

Im Gegensatz zur Netflix-Serie Feel Good, in der Mae Martins Serienfigur erst entdeckt, nichtbinÀr zu sein, ist Sabi wie gesagt schon mit sich im Reinen, doch dann ist da noch ihre strenge pakistanische Mutter Raffo (Ellora Patnaik), die zwar von Sabis Queerness ahnt, sie* aber noch nie in Frauenkleidung gesehen hat. Das Àndert sich zu Anfang der Serie auch ganz schnell, so dass die besten Teile der ersten Staffel von der erneuten AnnÀherung zwischen Mutter und Kind handeln.

Der grĂ¶ĂŸere Teil der Serie konzentriert sich aber gar nicht so sehr auf Sabis GenderidentitĂ€t, sondern vielmehr auf das Nanny-Drama. Henry (Aden Bedard) ist ein ruhiger Junge, der den Kopf meist in einem Videospiel hat. Bei der langsam in die PubertĂ€t kommenden Violet (Kaya Kanashiro), die zu Sabi und Seven aufsieht und mit dem Koma ihrer Mutter in eine rebellische Phase kommt, sieht es schon schwieriger aus. Das grĂ¶ĂŸte Problem ist aber deren Vater Paul, der in dieser Situation ein einziges Wrack ist und oft Sachen sagt und tut, die besser gemeint als gemacht oder gedacht sind. Er ist aber alles andere als das heteronormative Hindernis, das die queeren Charaktere ĂŒberkommen mĂŒssen, sondern eine Hauptfigur mit Tiefe, die ihren eigenen Ballast hat... Besonders, wenn er schließlich von einer AffĂ€re seiner komatösen Frau erfĂ€hrt.

Viel mehr ihr Fett weg bekommen hingegen Nebenfiguren, die Serienschöpfer:in Baig vermutlich auf Leuten und wahren Begegnungen aus der queeren Szene basieren ließ. Das wird besonders deutlich, wenn sie* nach einer weiteren Barkraft in ihrem* Zweitjob im queeren Barbuchladen sucht, in dem eine Bewerberin sehr viel aus ihrem Gender-Studies-Studium erzĂ€hlen kann, aber noch nie ein Bier gezapft hat und they/them-Pronomen nur mal so aus einer Laune heraus fĂŒr sich selbst ausprobieren möchte, wenn sie schon hier ist.

Besonders herausstechend ist die Episode Sort of a Party, in der Sabi auf eine Sexparty von Seven eingeladen wird und diese im besten Moment verlassen muss, weil Paul sich gerade mit dem suizidalen Liebhaber seiner Frau auseinandersetzen muss und nicht aufzufinden ist. Aber auch die letzten beiden Episoden haben es in sich, in denen Sabi nach einem aufreibenden Erlebnis und dem Outing vor dem Rest der Familie spurlos verschwindet. Hier wird trotz aller Komik noch mal daran erinnert, dass Trans*-Personen (zu denen nichtbinĂ€re Leute in den meisten FĂ€llen gezĂ€hlt werden) und besonders jene of color (siehe BIPoC) sehr hĂ€ufig Opfer von Gewalt oder selbst zugefĂŒhrter Gewalt werden und das Umfeld, besonders ihre* Überfliegerschwester Aqsa (Supiner Wraich) in diesem Fall, sich dementsprechend sorgen muss.

Fazit

Sort of ist eine kleine, queere, kurzweilige, kanadische Serie, die von ihrer sympathischen Hauptfigur mit einzigartiger Perspektive lebt und sich durch die Erfahrungen des federfĂŒhrenden Serienstars authentisch anfĂŒhlt. Das Format möchte oft mehr Drama- als Comedyserie sein und hadert etwas damit, genug landenden Humor unterzubringen, um zumindest guten Gewissens als „Dramedy“ bezeichnet werden zu können. Diese Balance ist Serien wie Fleabag, This Way Up oder Feel Good etwas besser gelungen. Das unfreiwillige Outing vor dem strengen Vater, der nun auf dem Weg nach Kanada ist, „um den Sohnemann zu reparieren“, bietet allerdings eine so gewaltige Steilvorlage fĂŒr Staffel zwei, dass wir froh sind, dass die Serie bereits um eine weitere Season verlĂ€ngert wurde.

Hierzulande findet Ihr die erste Staffel mit ihren acht Episoden seit Februar dieses Jares beim hiesigen Sky, nachdem sie im kanadischen Fernsehen schon im November letzten Jahres lief.

Hier ist abschließend noch mal der Serientrailer zur hier vorgestellten Serie „Sort of“:

Verfasser: Mario Giglio am Sonntag, 13. MĂ€rz 2022
Episode
Staffel 1, Episode 8
(Sort of 1x08)
Deutscher Titel der Episode
Irgendwie wieder da
Titel der Episode im Original
Sort of Back Again
Erstausstrahlung der Episode in Kanada
Dienstag, 5. Oktober 2021 (CBC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Mittwoch, 9. MĂ€rz 2022

Schauspieler in der Episode Sort of 1x08

Darsteller
Rolle
Bilal Baig
Gray Powell
Ellora Patnaik
Supinder Wraich
Grace Lynn Kung

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?