Sons of Anarchy 7x10

Sons of Anarchy 7x10

Die Episode Faith and Despondency erinnert daran, was so großartig an der Serie Sons of Anarchy war - oder vielleicht wieder ist? Die starken Szenen häufen sich im Laufe einer generell mal wieder viel zu langen Episode.

Fährt dem Ende entgegen: Jax (Charlie Hunnam) in der Serie „Sons of Anarchy“. / (c) FX
Fährt dem Ende entgegen: Jax (Charlie Hunnam) in der Serie „Sons of Anarchy“. / (c) FX

Mehr als eine volle Stunde Charming mutet Kurt Sutter uns mit der Episode Faith and Despondency zu. Was in der Mitte der Staffel noch wie eine Drohung gewirkt hätte, entfaltet sich nun wieder mit dem wunderbaren Humor und den emotionalen Gänsehautmomenten, die wir aus früheren Sons of Anarchy-Staffeln gewohnt sind. Das obligatorische Blutbad findet jedoch ebenso seinen Platz.

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Endlich!

Wunderbar, die Episode Faith and Despondency schließt an die alte Sons of Anarchy-Tradition an, bei der emotional, story- und wendungstechnisch so viel passiert, dass man nicht weiß, wo man anfangen soll. Und vor allem nicht darum herumkommt, die Episode vom Ende her aufzurollen, weil die Autoren uns oder die Figuren wieder einmal mit einer großen Offenbarung alleine zurückgelassen haben.

Abel vertraut sich seinem Vater an! Drei Episoden vor dem Ende bekommt der kleine Junge endlich seine Zähne auseinander und erzählt Jax (Charlie Hunnam), was er von seiner Großmutter gehört hat. In erster Linie ist es ein wunderbarer Moment, weil wir einfach schon so lange darauf warten. Doch auch der Aufbau zu der großen Offenbarung funktioniert in der Episode Faith and Despondency sehr gut. Kann es wahr sein, dass die Serienmacher auf der Zielgeraden doch noch zu alter Stärke zurück finden? Einiges an der Storyline um Abel legt in dieser Episode qualitativ zu. Bisher war er eine wandelnde Zeitbombe, von der niemand wusste, ob er nun wirklich ein kleines Kind sein soll oder ein kriminelles Genie. Sein Verhalten schwankte stets zwischen dem, was ein Kleinkind mit verstörenden Erlebnissen anstellt, und dem, was der Storyline dienlich war. Das stand lange einer echten Charakterentwicklung Abels im Weg. Und diese schwere Bürde auf eine kindliche Figur zu legen, war auch ein enormes Risiko. Vor allem in die Hände eines Kindes, für das sie bisher keinerlei Charakterisierungsbemühungen unternommen hatten.

Doch in der Episode Faith and Despondency bekommen die Sons of Anarchy-Autoren das endlich in den Griff. Abel ist fünf Jahre alt, doch er hat verstanden, wie schwerwiegend die Anschuldigungen sind, die seine Großmutter gegen sich selbst erhebt. Er verschließt sich und versucht die Sache selbst zu regeln. Dazu fasst er einen ziemlich interessanten Plan: sich selbst zu verletzen und es dann Gemma (Katey Sagal) anzuhängen, damit sie Probleme mit der Polizei bekommt, wie seine Lehrerin es gesagt hat. Dieser kleine Plan zeigt, wessen Kind wir hier vor uns haben. Jax tut nichts anderes im Moment. Und noch interessanter ist, dass die Ausführung von Abels Plan an eine Frau erinnert, die zwar keine Blutsverwandte, aber die längste Zeit seines jungen Lebens seine engste Bezugsperson war. Taras letzter Plan, Jax aus dieser gefährlichen Umgebung loszueisen, war es, sich selbst zu verletzen und die Schuld für das dadurch vermeintlich verlorene Baby auf Gemma zu schieben. Die Parallelen zeigen vor allem, dass beide, Ehefrau und Sohn, verstanden haben, wie sie Jax rumkriegen und wie sie gegen ein manipulatives Genie wie Gemma ankommen, indem sie sich selbst in Gefahr bringen. Seit wir Gemma kennen, hat sie andere verletzt. Doch sie war immer zu clever oder hatte zu viel Glück, um erwischt zu werden. Ihren Opfern bleibt eigentlich nur ein Weg: Sie müssen die Verletzungen sichtbar machen, damit andere sie erkennen können.

Abel hat also viel von seinen Eltern mitbekommen, doch er ist eben nur ein kleines Kind. Er sucht nach einem Grund für das, was passiert ist und er findet ihn in der Offenbarung, dass Wendy (Drea De Matteo) seine leibliche Mutter ist. Der Gedankengang, den er dabei geht, zeigt, dass er ein cleveres Kind ist, aber eben nur ein Kind. Diese Glaubhaftigkeit macht die Szene so emotional. Gegen jede Wahrscheinlichkeit haben die Sons of Anarchy-Autoren es hinbekommen, den wohlwollenden Zuschauern die Sache mit Abel doch noch schmackhaft zu machen. Und das obwohl die Comedy, als Abel ein zweites Geständnis von Gemma hörte, mehr ungewollt lustig als alles andere war.

Doch der Ernst ist zurück in der Storyline. Wenn sein Plan auch nicht so aufgegangen ist, wie er gehofft hat, so hat Abel doch etwas anderes, Besseres mit seiner Selbstverletzung bewirkt. Er hat sich und Thomas aus dem Umfeld von Gemma befreit.

Und er hat die Grundlage für eine der besten Szenen dieser Episode bereitet. Jax offenbart Abel die Wahrheit über seine leibliche Mutter. Wer hätte sich vorstellen können, dass er ihr dieses große Geschenk überreichen wird, als er ihr vor einiger Zeit eine Drogenspritze setzte und ihr mit dem Tod drohte, sollte sie seiner Familie zu nahe kommen. Doch nun muss Jax einsehen, was für großartige Arbeit Wendy in den letzten Wochen geleistet hat. Sie hat sich um die Jungs gekümmert. Sie hat nicht den großen Kampf aufgenommen wie einst Tara (Maggie Siff).

Sie hat sich um die kleinen Dinge gekümmert, ein bisschen relative Stabilität, ein gutes Verhältnis zwischen den Erwachsenen im Leben der Jungs. Und vor allem: Gegen Gemmas Willen hat sie Abel in die Vorschule gebracht. Sie ist den Weg weitergegangen, den Tara für die Kinder vorgesehen hat, in eine Normalität, die sie in der Bikerumgebung nicht finden. Und genau diese Normalität ist es, die Gemma nun zu Fall bringt. Alles, was passiert, ist geschehen, weil eine neutrale Erwachsene, seine Lehrerin, ein Auge auf Abel hatte. Während sich die Ereignisse für alle anderen mit anderen Gefahren oder Erlebnissen vermischen, sieht Miss Harrison (Courtney Love) ein Kind mit fragwürdigem Umfeld. Sie gibt ihm die Informationen, die er braucht um zu sehen, dass seine Familie nicht normal ist. Sie schenkt ihm die Aufmerksamkeit, die er braucht, um seinen Plan in Bewegung zu setzen. Es ist ein bisschen, als hätte Tara von langer Hand ihre Rache geplant. Sie hat die Schule ausgesucht, sie hat Wendys Vertrauen gewonnen und sie auf ihre Seite gezogen. Das alles hat dazu geführt, dass Abel seinem Vater das große Geständnis machen kann.

Doch noch ist Vorsicht geboten. So gut, wie es sich auch anfühlt, Abel die Worte aussprechen zu hören, so unsicher ist im Moment noch, was Jax damit anstellen wird. Kann man einem Fünfjährigen als belastbaren Zeugen Glauben schenken? Noch haben wir drei Episode vor uns - und dank Abel kann man sich darauf wieder freuen.

Beziehungen

Statt Massakern (die es aber natürlich trotzdem gibt) stehen die Beziehungen im Zentrum der Episode Faith and Despondency. Wir steigen mit einer Aneinanderreihung verschiedener Sexszenen in die Geschichte ein, und dabei vermischt sich vieles. Der Blick auf die Figuren, wenn sie am schutzlosesten, am ehrlichsten sind, ist wie ein Instrument, auf dem Kurt Sutter einst wunderbar spielen konnte. Doch in dieser Staffel haben die Musikmontagen sich immer mehr zu seelenlosen, leeren Zeitfressern entwickelt. Die Emotionalität von früher wirkte oft nur noch unfreiwillig komisch. Der Start dieser Sons of Anarchy-Episode vereint beides. Gemmas und Juices Verzweiflung sind furchtbar und erinnern uns daran, dass alle, die mit den Morden in Verbindung stehen, nichts Gutes davongetragen haben. Es ist die Schuld, die sie zermürbt und sie verfolgt, sogar ins Bett mit dem Geliebten, wie in Gemmas Fall. Aber es sind auch die Konsequenzen, die sie tragen müssen, um in ihr altes Leben zurückzufinden, wie in Juices Fall.

Ebenfalls stark ist Jax' Zusammenbruch einer Frau gegenüber, die er kaum kennt. Er sucht Nähe, doch dieses Glück hat er verloren. Doch in dieser Szene liegt auch Hoffnung. Er ist nicht mehr der Junge mit einem Hang zur Selbstzerstörung. Der Sex mit Winsome (Inbar Lavi, Gang Related) fühlt sich nicht an wie mit seiner Frau, doch er nimmt die Wärme, die sie sich gegenseitig geben können, danach trotzdem an. Er versucht, weiterzumachen statt alles zu zerstören, weil er etwas Wichtiges verloren hat. Noch nie waren wir so nah an einem möglichen Happy End für Jax. Sein Racheplan gleicht einem Selbstmordkommando Doch seine Sehnsucht nach Nähe und seine Fähigkeit, diese auch anzunehmen, zeigt uns, dass vielleicht noch Hoffnung da ist.

Dass er sich ausgerechnet mit Winsome einlässt, der jungen Prostituierten, die er und Nero aus den Fängen des sadistischen Zuhälters Greensleeves befreit haben, ist interessant. Sie wirkt, besonders als sie am Ende der Eingangsmontage in seinen Armen liegt, ein kleines bisschen wie eine junge Tara, vor allem äußerlich. Doch sie hat in ihrer Geschichte auch etwas von der Obdachlosen, die Jax' Leben so lange begleitet hat. Er hat Winsome im wahrsten Sinne vor einem Leben auf der Straße gerettet, er bietet ihr eine zweite Chance. Vielleicht ist auch sie seine zweite Chance.

Die letzten Episoden haben die Hoffnung genährt, dass es ein Revival für Jax und Wendy geben könnte. Wendy hat ihre Liebe bereits gestanden. Doch die Episode Faith and Despondency bringt etwas Schöneres. Es ist keine Liebesgeschichte, es ist die Geschichte zweier Menschen, deren Leben durch ein Kind verbunden ist und die nun versuchen, als Freunde daran zu arbeiten, dass es diesem Kind gut geht. Die Ansprache, die Jax seinem Sohn hält, ist auf mehreren Ebenen berührend. Doch eines stört, auch wenn es einfach perfekt zu Jax' Charakter passt: Es ist so typisch, dass er diese große Entscheidung, seinem Sohn die Wahrheit zu sagen, ganz alleine fällt. Immerhin spricht Wendy das anschließend auch ein bisschen rügend an.

Am Ende glücklich?

Nicht nur Jax bekommt in der Episode Faith and Despondency seinen Teil am Beziehungsdrama. Auch die anderen Figuren müssen einen langen Blick auf ihr Intimleben zulassen. Wenig überzeugend ist dabei Juices Storyline. Wir sehen ihn, wie er von Tally (Marilyn Manson) vergewaltigt wird, anschließend bekommt er Drogen und Liebesgedichte vorgelesen. Falls Kurt Sutter das als Teil seines schwarzen Humors, seiner Fähigkeit, mit surrealen Szenen und Charakterisierungen zu überraschen, verkaufen will, hat es dieses Mal nicht funktioniert. Das meiste, was im Gefängnis geschieht, fühlt sich an wie wenig originelle Klischees, und kaum etwas ergibt mehr Sinn. Doch das ist in Juices Plot keine Seltenheit, daher erregt es kaum noch Aufsehen. Und irgendwas muss ja mit dem angefangenen Plot passieren, denn sobald Jax die Wahrheit über den Mord an Gemma erkennt, ist der Plan, Lin (Kenneth Choi) umzubringen, veraltet und überflüssig.

Ein bisschen stärker, aber immer noch nicht wesentlich spannender, ist der Plot um Chibs (Tommy Flanagan) und Althea (Annabeth Gish). Auch in dieser Beziehung ergibt schon seit einiger Zeit nichts richtig Sinn. Nun kommt es immerhin zu einer Konfrontation, die den vorangegangen zwar ähnlich ist, aber ein bisschen ausführlicher wird.

Althea ist von einem Selbstzerstörungsdrang getrieben, laut eigener Aussage bringt sie sich immer wieder in emotional ausweglose Situationen. Man könnte auch sagen, sie ist eine Dramaqueen und Chibs nutzt das, indem er ihr genau das Drama versagt. Durch seine unbeteiligte Art kommt sie einfach nicht von ihm los, und so endet auch diese Szene zwischen den beiden wieder mit Sex.

Ebenfalls schwierig in Sachen Emotionen gestaltet sich die Beziehung zwischen Gemma und Nero (Jimmy Smits). Gemma glaubt, nichts Gutes zu verdienen, weil sie ihre Schwiegertochter umgebracht hat. Sie sieht sich Neros Liebe nicht mehr würdig. Doch das kann er nicht wissen, er sieht die Trauer und die Schuld, die sie mit sich herumträgt. Das führt nur dazu, dass er immer näher kommt, ihr noch besser beistehen will. Er hat den Exitplan perfektioniert, den Jax und Tara nicht mehr durchführen konnten: ein ruhiges Leben auf dem Land für die Kinder, keine Gewalt, keine Bandenkriege mehr. In der Episode Faith and Despondency gibt selbst Jax mehr oder weniger grünes Licht für Neros Ausstieg. Doch so schön durchgeplant sich das Ganze auch anhört, so einfach wird es wohl nicht werden.

Der Preis für die schönste Beziehungsszene der Episode geht an Venus (Walton Goggins) und Tig (Kim Coates) alias Alexander. Die ganze Sache hat vor einiger Zeit als Witz begonnen. Dann haben wir in dieser Staffel erfahren, dass Tig weiterhin Kontakt zu ihr gehalten hat. Nun gehen die Sons of Anarchy-Macher noch tiefer, und an die Stelle der Gags tritt eine schöne Emotionalität, die uns das wohl einzige romantische Happy End der Serie bietet. Von diesen beiden könnten die anderen noch etwas lernen. Venus und Tig machen alles richtig. Sie sprechen ihre Probleme an und offenbaren ihre wahren Gefühle.

Als Venus in dieser Staffel zurückgekehrt ist, hat das wie ein reiner Fanservice gewirkt. Das ist prinzipiell nichts Schlimmes, freuen sich doch alle, wenn ein geliebter Charakter zurückkehrt. Doch vergleicht man beide Auftritte, sieht man große Unterschiede. Venus' erster Auftritt war auf krude Art in die Bandenstory gequetscht und lebte vor allem von den Witzen über Tig. Ihr Erscheinen leistete weder einen Beitrag zum Plot, noch konnte die Episode einen emotionalen Mehrwert daraus ziehen. Das ist dieses Mal anders, Venus trägt zum Motto der Episode bei und holt sich sogar die emotionale Krone ab.

Und sonst so?

Früher fiel es den Sons of Anarchy-Autoren einfach, schillernde, oder zumindest interessante Figuren aus dem Hut zu zaubern. In den letzten Staffeln hat diese Fähigkeit leider abgenommen. Es gab eine Zeit, da konnte man spannende Charaktere nach kurzer Zeit opfern, ohne dass das jemanden störte, weil die Auswahl so groß war. Nun sieht das anders aus. So viele halbgare Charaktere wie Althea bevölkern Charming, so wenig ernstzunehmende Bösewichte haben wir in der jüngeren Vergangenheit gesehen, dass Moses' (Mathew St. Patrick) Abschied schon ein bisschen schade ist. Immerhin war er einer, vor dem man Angst haben konnte.

Doch andererseits ist alles, was den fehlgeleiteten Racheplan um Lin und Marks (Billy Brown) verkürzt, von Vorteil. Denn das lässt mehr Zeit für die wirklich wichtigen Konfrontationen.

Ein kleines Comeback in Gangkreisen feiert in der Episode Faith and Despondency Unser (Dayton Callie), der in letzter Zeit nicht mehr so häufig wie früher im Umfeld des Clubs gesehen worden ist. Jax informiert ihn, als er von der Bedrohung für Unsers ehemalige Kollegin hört. Interessant ist, dass Unser Teil der aktiven Gewalt ist, anstatt nur am Rande zuzusehen wie gewöhnlich. Er nimmt die Sache und die Waffe in die eigenen Hände und tut, was getan werden muss, um seine Exkollegin zu schützen, die mittlerweile wohl als Freundin durchgehen darf. Was wird Unser wohl erst tun, wenn er die Wahrheit über Tara erkennt?

Fazit

Die Episode Faith and Despondency schenkt uns viele starke Szenen, darunter emotionale Schätze wie Jax' Ansprache an seinen Sohn und die Aussprache zwischen Venus und Tig, aber auch lange erwartete Wendungen wie Abels Offenbarung seinem Vater gegenüber. Schade, dass die Autoren so viel Zeit vergeudet haben, aber immerhin scheinen sie sich auf der Zielgeraden wieder ein bisschen zu fangen. Wir dürfen an der Hoffnung auf ein zufriedenstellendes Finale festhalten.

Verfasser: Serienjunkies.de am Mittwoch, 12. November 2014
Episode
Staffel 7, Episode 10
(Sons of Anarchy 7x10)
Deutscher Titel der Episode
Kindermund
Titel der Episode im Original
Faith and Despondency
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Dienstag, 11. November 2014 (FX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 25. Dezember 2015
Autoren
Kem Nunn, Gladys Rodriguez, Kurt Sutter
Regisseur
Paris Barclay

Schauspieler in der Episode Sons of Anarchy 7x10

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