Sharp Objects 1x05

Sharp Objects 1x05

Happy Calhoun Day! Als wären die letzten Wochen in Wind Gap nicht schon weird genug gewesen, schmeißt die Stadt nun auch noch eine Party. Die große Außenseiterin von Sharp Objects ist einmal mehr die Hauptfigur Camille...

Szenenbild der „Sharp Objects“-Episode „Closer“: Adora (Patricia Clarkson), Camille (Amy Adams) und Amma (Eliza Scanlen) gehen shoppen. (c) HBO
Szenenbild der „Sharp Objects“-Episode „Closer“: Adora (Patricia Clarkson), Camille (Amy Adams) und Amma (Eliza Scanlen) gehen shoppen. (c) HBO
© zenenbild der „Sharp Objects“-Episode „Closer“: Adora (Patricia Clarkson), Camille (Amy Adams) und Amma (Eliza Scanlen) gehen shoppen. (c) HBO

Nach einer Serienepisode wie Closer (1x05) von Sharp Objects können einem durchaus mal die Worte fehlen - blöd nur, wenn man eine Kritik darüber schreiben. Es ist, als hätten wir Wind Gap vor dem Calhoun Day gar nicht wirklich verstehen können, und nachdem wir ihn erlebt haben, scheint so vieles plötzlich so viel klarer. Diese Kleinstadt im Herzen von Missouri ist einfach anders. Und da verwundert es auch längst nicht mehr, wie Camille (Amy Adams) zu der werden konnte, die sie ist.

Als Meisterin des Wahnsinns ist es natürlich Camilles eigene Mutter Adora (Patricia Clarkson), die den seltsamen Feiertag, der die ohnehin schon traumatisierte Stadtbevölkerung nur noch mehr belastet, am Leben hält. Calhoun Day, das ist die Zelebrierung der Standhaftigkeit des Südens, mitsamt Schultheateraufführung einer brutalen Vergewaltigung durch die „bösen“ Streitmächte der Nordstaaten, sprich der USA. Wie stellt der Außenseiter Richard (Chris Messina) treffend fest? „Stiller Rassismus ist der beste.

Best Calhoun Day Ever

Ein Fest im Hause Crellin bedeutet natürlich auch Familienspannungen vom Feinsten: Da Camille nichts Ordentliches zum Anziehen hat, schleift ihre Mutter sie und ihre Halbschwester Amma (Eliza Scanlen) zur örtlichen Boutique. „Aber nur die Mädels, verstanden, Alan?“ Und was für die meisten Familien ein schöner Shopping-Tag sein könnte, wird bei den Crellins zum nächsten Desaster. Amma provoziert Camille, bis die aus Wut ihr düsterstes Geheimnis offenbart: ihren von Narben übersäten Körper. Adora weiß zwar von den psychischen Problemen ihrer ältesten Tochter, doch auch sie ist schockiert von diesem Anblick.

Eine normale Mutter würde ihr Kind trösten, doch Adora hasst Camille für das, was sie sich selbst angetan hat. Das komme alles von ihrem Vater, der genauso kalt und kompliziert gewesen sei wie Camille. Sie selbst könnte das nie beurteilen, ist dies doch die erste spärliche Information, die sie je über ihren Erzeuger in Erfahrung bringen konnte. Wenigstens Amma zeigt ein wenig Mitgefühl, sodass Camille trotz allem weiterhin in Wind Gap bleibt, zumal ihre Story in der Zeitung in St. Louis gerade richtig durch die Decke geht. Soll heißen: Ihr Chefredakteur Curry (Miguel Sandoval) will noch mehr Berichte über den zweifachen Kindermord in ihrer Heimatstadt.

Szenenbild der „Sharp Objects“-Episode „Closer“: Richard (Chris Messina) und Camille (Amy Adams) machen einen kleinen Spaziergang.
Szenenbild der „Sharp Objects“-Episode „Closer“: Richard (Chris Messina) und Camille (Amy Adams) machen einen kleinen Spaziergang. - © HBO

In Wind Gap selbst wird Camilles Artikel natürlich argwöhnisch betrachtet. Sie selbst ist überrascht, wie schnell sich ihre Reportage verbreitet. Richard nimmt ihr zudem übel, dass sie ihn als anonyme Quelle missbraucht hat, besonders, da Bob Nash (Will Chase) und John Keene (Taylor John Smith) nun nicht länger nur in der Gerüchteküche als Hauptverdächtige gelten, sondern auch in den Medien. Dass beide auch beim Calhoun Day dabei sind, sorgt für zusätzliche Spannungen, die sich im späteren Verlauf sogar in einer kleinen Schlägerei ausdrücken.

I never loved you

Adora scheint die Einzige zu sein, die am Calhoun Day wirklich Spaß hat. Die ganze Stadt kommt in ihren Garten, um ihr wunderschönes Heim und ihre wunderschöne Tochter - richtig, „Tochter“ im Singular - zu bestaunen. Amma hat die große Ehre, die Heldin des Tages in besagtem Theaterstück zu porträtieren, die minderjährige Ehefrau des „pädophilen“ Stadtgründers Zeke Calhoun, die von den Yankees vergewaltigt wird. Die widerliche Ironie des sowieso schon widerlichen Rituals: Inszeniert wird die Aufführung ausgerechnet von einem der Männer, die Camille damals als junges Mädchen in der Hütte im Wald zum Sex zwangen.

Zum Fiasko wird das Fest, als Amma während des großen Finales von der Bühne stürmt und mehrere Stunden unauffindbar bleibt. Erst Camille entdeckt sie, natürlich erneut in der ominösen Hütte. Diese Heldentat stimmt auch Adora ausnahmsweise gütig, sodass sie Camille nach dem überstandenen Tag zu einem Drink auf die Veranda bittet. Dort will sie ihr fairerweise mehr von ihrem Vater erzählen, den sie ja nie richtig kennen lernen konnte. Völlig unverblümt sagt sie ihrer Tochter schließlich, dass sie sie nie geliebt habe, eben weil sie so sehr nach ihrem Vater komme. Adora sieht in diesem Geständnis einen Akt der Güte, während er sich für Camille wie ein weiterer Stich ins Herz anfühlt.

Selbst durch die sichere Barriere des Bildschirms fühlt sich diese Szene für den Zuschauer an wie ein Schlag ins Gesicht. Wie sehr wünscht man diesem armen Kind eine Mutter, die sie liebt, eine Mutter, die sie in den Arm nimmt? Hatte Camille überhaupt je eine Chance, normal zu werden? Adora nennt ihre Tochter im Gespräch mit Richard eine „seltene Rose“ und wählt diesen Begriff bestimmt nicht unbedacht, hat sie sich doch gerade erst durch die Dornen einer Rose an der Hand verletzt. Auch der sensible Polizist erkennt allmählich, welche Last Camille seit Jahren mit sich schleppt. Schade nur, dass sie sich selbst vor ihm nicht öffnen kann. Beim betrunkenen Schäferstündchen später in der Nacht bleiben ihre Klamotten wieder an. „Wir tun es auf meine Art“, wiederholt sie immer wieder, und er willigt ein, denn „ihre Art“ ist immer noch besser als würden sie es gar nicht tun.

Sonstige Gedanken:

  • Zum einzigartigen Soundtrack, dem großartigen Spiel von Adams und der stimmungsvollen Inszenierung durch Jean-Marc Vallée ist nichts mehr zu sagen. Perfektion ist hier das Mindestmaß, also keine Überraschung mehr.
  • Meine beiden Lieblingsfiguren der zweiten Riege sind und bleiben Jackie (Elizabeth Perkins) und Alan (Henry Czerny).
  • Der Calhoun Day kommt in der Form nicht im Buch vor, was erklären könnte, warum er so packend und erfrischend wirkt.

Verfasser: Bjarne Bock am Montag, 6. August 2018

Sharp Objects 1x05 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 5
(Sharp Objects 1x05)
Titel der Episode im Original
Closer
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 5. August 2018 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 27. September 2018
Regisseur
Jean-Marc Vallée

Schauspieler in der Episode Sharp Objects 1x05

Darsteller
Rolle
Eliza Scanlen
Matt Craven
Taylor John Smith
Jackson Hurst

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