Sense8 1x12

Sense8 1x12

Zum Finale der ersten Staffel bleibt Sense8 auf dem eingeschlagenen Actionpfad. I Can't Leave Her bestätigt sämtliche Eindrücke, die wir in den vergangenen zwölf Episoden sammeln konnten. Die Serie bleibt wunderbar verquer, grandios tollpatschig und absolut übergeschnappt.

Grandiose Bilder, grandiose Emotionen: „Sense8“ / (c) Netflix
Grandiose Bilder, grandiose Emotionen: „Sense8“ / (c) Netflix

Wenn es die bisherigen Episoden der ersten Staffel von Sense8 nicht geschafft haben sollten, die Zuschauerschaft in mitgerissene Anhänger und müde lächelnde Opponenten zu spalten (was ich nicht glaube), so wird es das Finale I Can't Leave Her ganz sicher schaffen. Hier bieten die Wachowskis und J. Michael Straczynski noch einmal alles in aufgeblähter Form dar, was an ihrer Serie gleichzeitig feier- und streitbar ist.

Safety's always been highly overrated

Wir bekommen zum vorerst letzten Mal (die Serie wartet weiterhin auf eine Verlängerung) die doppelte Dosis an Pathos, Größenwahnsinn und Lächerlichkeit. Das alles kulminiert in der unerhört hanebüchenen Schlussmontage, in der unsere acht Sensates ihre gemeinsam errungene Rettung feiern. Wir wissen nicht, wie es genau dazu gekommen ist, nur, dass Riley (Tuppence Middleton) dank des Liebesgeständnisses von Will (Brian J. Smith) im entscheidenden Moment ihren Lebensmut wiedergefunden und ihn vor Mr. Whispers (Terrence Mann) gerettet haben muss.

Was mit dem großen Bösewicht der Geschichte geschehen ist, erfahren wir indes nicht. Es ist aber auch gar nicht so wichtig, denn in diesem Moment der Erlösung heißt es für manche Zuschauer einfach nur noch fühlen, fühlen, fühlen. Für die restlichen heißt es hingegen Augen rollen, Augen rollen, Augen rollen. Ich zähle mich zur erstgenannten Kategorie, was vielleicht auch daran liegt, dass ich einer musikalischen Untermalung der grandiosen isländischen Postrockband Sigur Rós (der Song: „Sǽglópur“) einfach nicht widerstehen kann. Gleichzeitig würde es mir überhaupt nicht schwerfallen, zahlreiche Gründe dafür zu finden, warum Sense8 ein endlos schmalziger dramaturgischer Albtraum ist.

Anfangen könnte man dafür gleich mit der ersten Rückblende dieser Episode, die Rileys Lebenstrauma in schmerzhaft genauem Detail ausleuchtet. Im ewigen Eis der isländischen Berge kämpft sie unter Einsatz des eigenen Lebens um das Überleben ihrer neugeborenen Tochter Luna. Später wird sie an ebenjene Stelle zurückkehren und ein ähnlich großes Schicksal in ihren Händen halten. Die Anfangssequenz ist wunderbar gefilmt und herausragend geschauspielert, sogar das Drehbuch glänzt durch Zurückhaltung.

Das Bild der völlig entkräfteten Riley mit ihrem toten Baby im Arm wandelt indes gefährlich nah am Abgrund der emotionalen Manipulation, schafft es durch die Verbindung mit den Sensates aber, dem Absturz zu entgehen. Wäre dieser Kreis am Ende der Episode nicht geschlossen worden, müsste diese Szene sicherlich anders bewertet werden. Ich bin mir sicher, dass sie auch mit der Verbindung ausreichend Kritiker finden wird. Seit dem HBO-Drama The Leftovers war ich nicht mehr solchen emotionalen Wirbelstürmen ausgesetzt, weswegen ich für diese Zuspitzung überaus dankbar bin.

I'm coming for you

Weil die Handlungsbögen mancher Sensates bereits in den letzten Episoden abgeschlossen waren, kann sich I Can't Leave Her auf die Befreiung Rileys aus den Händen von BPO und Mr. Whispers konzentrieren. Um es gleich vorwegzunehmen: Die Infiltration des Forschungszentrums im isländischen Nirgendwo ist aus logischer Sicht löchriger als der Kleinbus von Capheus (Aml Ameen) am Ende von Just Turn the Wheel and the Future Changes. Weil der Rest der Episode dafür aber entschädigt, will ich es mir hier sparen, die unlogischen Erbsen zu zählen.

Wir bekommen dabei endlich, was sich über den Verlauf der Staffel angekündigt hat - den Zusammenschluss unserer Heldinnen und Helden. Sie greifen dabei alle auf ihre speziellen Fähigkeiten zurück. Nomi (Jamie Clayton) und Amanita (Freema Agyeman) setzen ihre Hackerfähigkeiten ein, während Lito (Miguel Angel Silvestre) seinen Charme spielen lässt, um Will die Befreiung Rileys zu erleichtern. Einmal im Gebäude, bekommt er schlagkräftige Unterstützung von Sun (Doona Bae), die mit schelmischem Grinsen ein paar Wachmänner erledigt, und Kala (Tina Desai), die Riley mit einem Medikamentencocktail zum Aufwachen animiert.

Auf der Flucht springen schließlich Capheus und Wolfgang (Max Riemelt) ein. Erstgenannter gibt seine Autoknackerkenntnisse zum Besten, später wird die unbeugsame Willenskraft des Berliner Kleinganoven (mittlerweile eher: Gangsters) zu Rate gezogen. Wolfgang ist neben Sun die gewalttätigste und ruchloseste Figur der Serie, eine Tatsache, der in seiner Rückblende Tribut gezollt wird. Wir erfahren darin, dass er als Kind seinen eigenen Vater ermordet hat. Kurz danach erschießt er vor den Augen der furchterregten Kala seinen Gegenspieler Sergei (Sylvester Groth). Wolfgang weiß: „My father was a monster (...) and so am I.

Es ist eine positive Entwicklung, dass Sense8 anerkennt, was rohe Gewalt aus einem Menschen macht. Die Serie hat in den letzten Episoden eine düstere Wendung genommen. Die überbordend positive Botschaft aus drei Vierteln der ersten Staffel wurde zunehmend von einem Schleier der Gewalt und Missgunst verdunkelt. Wäre dieses Zugeständnis ausgeblieben, hätte das Finale anders bewertet werden müssen.

Don't give up

So kann ich mich aber beinahe uneingeschränkt meiner Liebe zu pathetischen Erzählungen hingeben. So schmalzig die Schlussmontage für manche auch gewesen sein mag, hat sie für mich doch perfekt ausgedrückt, was diese Serie sein will und sein kann. Sense8 ist ein actionreicher Schmelztiegel menschlicher Emotionen, ein prachtvolles Potpourri des Größenwahns, ein eigentlich zum Scheitern verurteiltes Manifest dramaturgischer Lächerlichkeit.

Nun ist die erste Staffel vorüber und so sehr ich sie auch mochte, bin ich mir nicht sicher, ob ich unbedingt eine zweite sehen muss. Die Geschichte ist abgeschlossen, die guten Sensates haben über das böse System gesiegt. Die Botschaft der Wachowskis ist unüberhörbar angekommen. Ich wüsste nicht, welchen Anknüpfungspunkt man in einer weiteren Staffel nehmen könnte. Unsere Figuren haben ihre Katharsis erhalten. Sie haben ihre Lektion gelernt. Diese ist großartig einfach, Will spricht sie am Ende aus, um Riley und die anderen zu retten: „I love you.

Vielleicht wäre der Sprung ins Anthologiefach (siehe Anthologieserie) eine Möglichkeit, eine neue, spannende Geschichte zu finden. Die Abenteuer neuer Sensates an neuen Schauplätzen aus der Feder der Wachowskis würde ich uneingeschränkt begrüßen. Vielleicht geben sie dann ja nur noch die dramaturgische Richtung vor und lassen andere Drehbuchautoren die Kleinarbeit erledigen. Es würde völlig ausreichen, kümmerten sie sich ausschließlich um das erzählerische und visuelle Spektakel. Dass sie auf ihre kompromisslose, unerschrockene Art ein grandioses Panorama der Emotionen erschaffen können, haben sie längst bewiesen.

Verfasser: Axel Schmitt am Samstag, 11. Juli 2015
Episode
Staffel 1, Episode 12
(Sense8 1x12)
Deutscher Titel der Episode
Ich kann sie nicht zurücklassen
Titel der Episode im Original
I Can't Leave Her
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 5. Juni 2015 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 5. Juni 2015
Autoren
Lilly Wachowski, Lana Wachowski, J. Michael Straczynski
Regisseure
Lana Wachowski, Andy Wachowski

Schauspieler in der Episode Sense8 1x12

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