Sense8 1x11

Sense8 1x11

Weil der Dialog in Just Turn the Wheel and the Future Changes auf das nötige Minimum reduziert wird, können sich die Stärken von Sense8 voll entfalten. Die Episode ist spannend inszeniert, emotional mitreißend - und einmal sogar witzig.

Capheus (Aml Ameen) in misslicher Lage / (c) Netflix
Capheus (Aml Ameen) in misslicher Lage / (c) Netflix

Das Netflix-Science Fiction-Drama Sense8 ist die vielleicht positivste Serie der letzten Jahre. Inmitten omnipräsenter Düsternis und bedeutungsschwangerem high concept television preschen die Geschwister Wachowski und J. Michael Straczynski mit einem Format voran, das seine Botschaft von Nächstenliebe, Zusammenhalt und gegenseitigem Respekt kompromisslos hinausposaunt.

Whadde fack ahr ju duing hier?

Umso erstaunlicher ist es, wie sehr sich die Serienmacher zur Konfliktlösung auf gewalttätige Handlungen beziehen. Bisher wurde das nie so deutlich wie in der Episode Just Turn the Wheel and the Future Changes. Schon in früheren Episoden wurden Konflikte gewaltreich und spektakulär gelöst, gerade erst in What Is Human? packte Wolfgang (Max Riemelt) eine Bazooka aus, um sich seiner Gegenspieler zu entledigen. In dieser Episode ist Gewalt jedoch das dominierende Mittel.

Weil die Wachowskis solch begnadete Action-Filmemacher sind, schlägt dieser Gewalteinsatz aber niemals über die Grenze des Erträglichen. Im Gegenteil: Wir sehen hier einige der besten Actionszenen, die diese visuell herausragende Serie zu bieten hat. Außerdem trägt diese besondere Form der Streitschlichtung dazu bei, dem manchmal in zu bunten Farben gemalten Format mehr Schärfe, mehr Dringlichkeit, mehr Unmittelbarkeit zu geben. Sense8 bleibt immer noch weit von dauerdüsteren Serien wie The Leftovers oder Hannibal entfernt, verleiht sich in dieser Episode aber zumindest kurzzeitig ein grimmigeres Antlitz.

Der Stein der Gewalt wird von Capheus (Aml Ameen) ins Rollen gebracht, dem in der letzten Episode aufgetragen wurde, die Tochter seines Auftraggebers Silas Kabaka (Peter King Nzioki) zu entführen. Der mit Kabaka rivalisierende Gangsterboss (Lwanda Jawar) wollte so Rache an seinem Gegenspieler nehmen. Der gutherzige Capheus, eine der am besten ausformulierten Figuren der Serie, gibt Amondi (Rosa Katanu) jedoch in die Obhut seines besten Freundes Jela (Paul Ogola) und fährt alleine zum vereinbarten Treffpunkt.

Ob er sich da schon sicher ist, dass ihm eine_r oder mehrere der übrigen Sensates beispringen wird? Anhand seines selbstbewussten Auftretens können wir davon ausgehen, vielleicht ist er sich aber auch nur seiner Überzeugungen sehr sicher. Er fordert den Gangsterboss zu einem Duell zwischen Männern heraus, wird von diesem im Gegenzug aber dazu gezwungen, dem gekidnappten Kabaka den Kopf abzuschneiden. Spätestens da weiß Capheus, dass er sich nun ganz schnell ganz stark konzentrieren muss, um seine schlagkräftigen Sinnesgenossen heraufzubeschwören.

Call me a bitch one more time and I will kill you

Zur Hilfe eilt ihm einmal mehr Sun (Doona Bae), die ihn bereits in Smart Money's on the Skinny Bitch (1x03) aus einer ähnlich misslichen Situation gerettet hatte. Die gesamte Sequenz - der stumme Hilferuf, der Kampf, die anschließende Flucht - sind atemberaubend inszeniert. Hier sehen wir, dass die Wachowskis trotz allem aufklärerischem Impetus im Herzen Action-Regisseure sind. Deswegen ist die Episode auch die bisher beste der Serie: Die Macher konzentrieren sich auf ihre Stärken, wodurch ihre Schwächen übertüncht werden.

Die größte Schwäche ist bekannterweise die Dialogarbeit, was in dieser Episode nicht so stark ins Gewicht fällt, weil es ganz einfach weniger Dialoge gibt. Die übriggebliebenen sind bis auf wenige Ausnahmen (meist in Kalas (Tina Desai) Handlungsbogen) ordentlich geraten, besonders ausgefeilte werden wir in dieser Staffel aber nicht mehr hören. Im Gegensatz zu den filigran konstruierten Actionszenen und der übrigen visuellen Umsetzung malen die Wachowskis hier mit breitem Pinselstrich. Die meisten Geschichten kratzen nur an der Oberfläche, die Dialoge fügen sich nahtlos in dieses narrative Wiederkäuen ein.

Das macht aber nichts, denn der Rest ist im wahrsten Sinne bombastisch umgesetzt. Capheus bekommt nämlich nicht nur Unterstützung von Sun, sondern auch von Will (Brian J. Smith). Was Sun an Schlagkraft aufbietet, kann er glänzend mit seiner Schussfertigkeit komplementieren. Den endgültigen Sieg über seinen Gegenspieler muss er aber schließlich selbst erringen. Nach einer tumultuösen, hervorragend inszenierten Hetzjagd durch die Gassen Nairobis stehen sich die beiden wie in einem Westernduell gegenüber. Durch ein geschicktes Manöver mit seinem Van Damn-Bus geht Capheus als Sieger aus der High-Noon-Konfrontation heraus.

Der Handlungsbogen des Kenianers findet damit zu einem vorläufigen Ende, wie es auch schon bei Lito (Miguel Angel Silvestre) in der letzten Episode geschehen war, der hier gar nicht auftaucht. Anderswo stehen die Erzählstränge indes kurz vor ihren Höhepünkten. Kala muss sich wohl bald endgültig entscheiden, ob sie Rajan (Purab Kohli) heiraten möchte. Zuvor wird sie aber von religiösen Extremisten als Heldin gefeiert, weil die glauben, Kala hätte den Religionskritiker Manendra Rasal (Darshan Jariwala) an den Ort seiner Ermordung gelockt.

Crying won't help

Hier ist es wieder Will, der Kala mit einer gewalttätigen Aktion vor ihren Verfolgern schützt. Auch wenn hier religiöser Fanatismus so plakativ wie möglich kritisiert wird, kann ich an einer solchen Kritik nichts Falsches erkennen. Kala versucht schließlich, Wolfgang davon abzuhalten, in der Höhle des Löwen Rache für seinen in Sicherheit befindlichen, aber immer noch komatösen Freund Felix (Max Mauff aka „Conan“ - der einzige Witz der Episode) zu nehmen: „There are worse things than dying.“ Auch ein Kuss kann Wolfgang nicht von seinem Plan abbringen.

Sun versucht hernach, Kalas zarte Seele zu bekräftigen: „I take everything I'm feeling, everything that matters to me. I push all of it into my fist. And I fight for it.“ Sie hat eine ähnliche Lebensweisheit parat wie Wolfgangs Vater und sein Boss: „This is what life is. Fear, rage, desire, love.“ Bei ihr hört sich das aber ungleich positiver und eleganter an als bei den Deutschen. Sun weiß, wovon sie spricht - soeben hat sie ihrem Bruder eine Tracht Prügel erteilt, weil sie ihn des Mordes am Vater bezichtigt.

Größte Sorge besteht derzeit um Riley (Tuppence Middleton), die nach ihrem Zusammenbruch in der Oper immer noch im Koma liegt und von ihrem Vater ununterbrochen mit Ukulelemusik zum Aufwachen animiert wird. Als nur manchmal sichtbare Schutzengel fungieren überdies Will und Nomi (Jamie Clayton). Letztgenannte hackt sich ins Computersystem des Krankenhauses, um die gleiche Operation abzuwenden, die BPO an ihr vornehmen lassen wollte. Sie und Will bekommen dabei abermals Besuch von Jonas (Naveen Andrews), der sie zur Eile ermahnt und gleichzeitig preisgibt, dass er von Mr. Whispers (Terrence Mann) gesteuert wird.

Ganz ehrlich: Echten Durchblick hatte ich bei diesen Szenen nicht. Wirklich wichtig ist es aber auch nicht. Wie bereits in vorhergehenden Reviews erwähnt, funktioniert Sense8 viel mehr über Emotionen und Bilder als Plotkohärenz oder Dialogarbeit. Wenn man das akzeptiert hat, kann man Just Turn the Wheel and the Future Changes uneingeschränkt genießen. Der üppige Gewalteinsatz wirft außerdem die spannende Frage auf, ob manche Sensates in kommenden Geschichten zur Gefahr werden könnten. Hoffen wir, dass es diese kommenden Geschichten in einer zweiten Staffel geben wird.

Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 8. Juli 2015
Episode
Staffel 1, Episode 11
(Sense8 1x11)
Deutscher Titel der Episode
Gas geben und die Zukunft ändert sich
Titel der Episode im Original
Just Turn the Wheel and the Future Changes
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 5. Juni 2015 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 5. Juni 2015
Autoren
Lilly Wachowski, Lana Wachowski, J. Michael Straczynski
Regisseur
Tom Tykwer

Schauspieler in der Episode Sense8 1x11

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