Sense8 1x10

Sense8 1x10

Bevor die Sensates am Ende von What Is Human? an ihre Anfänge zurückkehren, müssen sie sich einmal mehr gegenseitig bei der Überwindung diverser Hindernisse behilflich sein. Die Geschichten von Wolfgang und Lito kommen dabei zu einem vorläufigen Höhepunkt.

Wolfgang (Max Riemelt) nimmt Maß. / (c) Netflix
Wolfgang (Max Riemelt) nimmt Maß. / (c) Netflix

Bisher hat sich die Netflix-Science-Fiction-Serie Sense8 durch eine naturalistische visuelle Umsetzung und einen ganz eigenen Erzählstil ausgezeichnet. Während viele andere Dramaserien dieser Kategorie auf einen möglichst düsteren Ton setzen, wählt dieses Format einen erfrischenden Weg. Die Grundstimmung ist trotz omnipräsenter Bedrohung positiv, und statt die verfeindeten Parteien in den Vordergrund zu stellen, wird die Unterstützung zwischen den Sensates ins Rampenlicht gerückt.

Not in the face

Sense8 mag noch nicht zu den besten Dramaserien gehören, die Serie hat jedoch schnell ein Alleinstellungsmerkmal gefunden. Es gibt einfach keine, die so ist wie sie. Dazu gehören natürlich auch ihre Schwächen. Die Dialoge verharren auf bisweilen ärgerlich niedrigem Niveau. Wo mich das bei anderen Formaten zu sehr stören würde, gehört es hier zum Hintergrundrauschen, das bisweilen zwar nervt, oft genug aber kompensiert werden kann. Wenn Hannibal donnerstags auf Menschenjagd geht und True Detective sonntags in die düstersten Winkel der menschlichen Seele blickt, ist dieses Porträt menschlichen Zusammenhalts überaus willkommen.

Die Episode What Is Human? kann indes mühelos als Futter sowohl für das Kritiker- als auch für das Anhängerlager herangezogen werden. Es gibt darin zwei lange Montagen, die man entweder als kitschig oder eben als wunderbar emotional bewegend einstufen kann. Am Ende erleben die Sensates während des Konzerts von Rileys (Tuppence Middleton) Vater Rückblenden zu ihren Geburten, die überaus detailreich dargestellt werden - inklusive allem damit einhergehenden Schmerz und Glück.

In dieser Montage wird der folgende Ausspruch von Jonas (Naveen Andrews) aus Death Doesn't Let You Say Goodbye illustriert: „The first breath they take they take as one.“ Nun erhellt er die Verbindungen zwischen den Sensates gegenüber Will (Brian J. Smith) weiter: „Our kind has been here since the beginning. In all likelihood we were the beginning.“ Am Ende seiner Ausführungen gibt er eine erneute Warnung vor Mr. Whispers und BPO ab: „They're gonna try to use me to get to your cluster.

Will teilt diese neuen Informationen später mit Riley, die ihrerseits die Warnungen von Yrsa weitergibt. Für einen Moment scheinen die beiden ratlos, wie sie mit den widersprüchlichen Angaben umgehen sollen. Aber dann beschließen beide anscheinend gleichzeitig, dass es wohl das Beste wäre, sich von ihren Gefühlen leiten zu lassen. Die lange angekündigte Zuneigung zwischen ihnen ergießt sich schließlich im ersten Kuss. Davor sprechen sie die ganz einfache Wahrheit aus, die ihnen das Überleben sichern wird: „We just have to watch out for each other.

Connections are fragile things

Dieser Satz ist denn auch die Essenz von Sense8, die Botschaft, die die Wachowskis mit ihrer Serie in die Welt tragen wollen. Sie mag sehr simpel sein, aber genau in dieser Einfachheit ist das Grandiose dieses Formats versteckt. Hier werden ganz normale Geschichten von ganz normalen Menschen erzählt. Diese aber sind universell und zeitlos. Außerdem sind sie gewürzt mit dem übernatürlichen Element des Verbundenseins zwischen den Sensates. Dieses Element dient jedoch nur der Eskalation ihrer Konflikte und deren Lösungen. Am Ende steht immer die Gewissheit, dass man aufeinander aufpassen muss, um zu überleben.

So kompliziert die Erklärungen von Jonas und Yrsa also auch sein mögen, so unwichtig sind sie für den Fortlauf der Geschichte. Was bringt es uns Zuschauern, den Namen der Jägerorganisation oder deren Motivationen zu kennen? Wir können diese lediglich Informationen zur Kenntnis nehmen, notieren und abheften - und uns danach wieder den interessanten Elementen der Geschichte zuwenden.

Im Vordergrund dieser Episode stehen die Handlungsbögen von Wolfgang (Max Riemelt) und Lito (Miguel Angel Silvestre), die sich gegenseitig erscheinen und mit ihren jeweiligen Fähigkeiten aus misslichen Situationen befreien. Wolfgang kann bei der Diamantenübergabe an Steiner (Christian Oliver) auf Litos Schauspielkünste zählen, um sich Zeit zu verschaffen, bevor er die Bazooka aus dem Kofferraum holt und seine Gegenspieler mit größtmöglichem Knall aus dem Weg räumt.

Die Szene macht großen Spaß, ist aber schnitttechnisch unglücklich platziert: Sie kommt direkt, nachdem Jonas davon gesprochen hat, wie einfach das Töten für normale Menschen ist: „Killing is easy when you can feel nothing.“ Unter anderem sind es solche eigentlich einfach auszuräumenden Widersprüche, die verhindern, dass Sense8 im Vergleich mit anderen großen Formaten des Dramagenres besser abschneidet.

Fighting's easy, fighting is what I do

Die Emotionen, die bei erfolgreicher Missionserfüllung freigesetzt werden, können solche Schnitzer aber kompensieren. Bestes Beispiel dafür ist Lito, der bis zur letzten Episode am wenigsten mit den anderen Sensates zu tun hatte, dann aber mitten hinein in den emotionalen Wirbelsturm ihrer Existenz geworfen wurde. Um die Liebe seines Lebens, Hernando (Alfonso Herrera), zurückzuerobern, bedarf es der Hilfe von Wolfgang, der keine Sekunde zu spät auftaucht. Dank seiner Kampferfahrung ist Joaquin (Raul Mendez) schnell erledigt und Daniela (Erendira Ibarra) befreit.

Zusammen mit Litos Bekenntnis, seine wahre Identität nicht weiter verbergen zu wollen (wozu ihm Nomi in der letzten Episode eindringlich geraten hatte), ist das genug, um Hernandos Liebe wiederaufflammen zu lassen. Zwei Pärchen haben nun also wieder oder zum ersten Mal zueinander gefunden. Wolfgangs Flirt mit Kala (Tina Desai) scheint indes erst einmal auf Eis gelegt worden zu sein. Nach getaner Arbeit für Lito kann sich der Berliner Kleinganove aber sicher bald wieder um Angelegenheiten des Herzens kümmern.

Zuvor darf die gläubige Inderin einem Vortrag von Capheus (Aml Ameen) über die schöpferische Kraft visueller Medien lauschen. Für ihn ist es selbstverständlich, warum sich manche Familien in Entwicklungsländern eher einen Fernseher denn ordentliche Betten zulegen: „The bed keeps you in a slum, the flatscreen takes you out.“ Ein weiteres leidenschaftliches, wenn auch dialogtechnisch nicht besonders ausgefeiltes Postulat der Wachowskis für die Unabdingbarkeit von Kunst.

So wenig subtil die Geschwister ihre Botschaften in die Welt hinausposaunen, so viel Respekt muss man doch vor ihrer Kühnheit haben. Sie scheuen nicht davor zurück, ihre Vorstellung von einer besseren Welt - mit mehr Toleranz, Rücksichtnahme und Respekt - mit breitestem Pinselstrich aufzumalen. Manch Kritiker mag über soviel Pathos und Geradlinigkeit die Nase rümpfen, ich hingegen finde, dass wir von diesen positiven Botschaften mehr gebrauchen könnten.

Verfasser: Axel Schmitt am Samstag, 4. Juli 2015
Episode
Staffel 1, Episode 10
(Sense8 1x10)
Deutscher Titel der Episode
Was macht den Menschen aus?
Titel der Episode im Original
What Is Human?
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 5. Juni 2015 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 5. Juni 2015
Autoren
Lilly Wachowski, Lana Wachowski, J. Michael Straczynski
Regisseure
Lana Wachowski, Andy Wachowski

Schauspieler in der Episode Sense8 1x10

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?