Sense8 1x09

Die Netflix-Science-Fiction-Serie Sense8 schert sich nicht um TV-Konventionen - das wurde bisher in keiner Episode so deutlich wie in Death Doesn't Let You Say Goodbye. In den meisten anderen Formaten wären die Enthüllungen und Erklärungen, die hier am Anfang stehen, am Ende erfolgt, um maximale Spannung für die kommende Episode aufzubauen. Hier wird also zunächst eine Folge voller Action und Spannung angekündigt, was sich dann aber bald auflöst und zu einem tiefen Eindringen in das gequälte Seelenleben mancher Sensates wird.
That's all I wanted, to be dead
Der Expositionsteil zu Beginn enthüllt neue Details zur Sensate-Jägerorganisation BPO und rückt Jonas (Naveen Andrews) in ein neues Licht. Riley (Tuppence Middleton) bekommt Besuch von der bisher unbekannten Sensate Yrsa (Lilja Thorisdottir), woraufhin bei ihr sofort wild durcheinandergewürfelte Erinnerungen geweckt werden. Sie kehrt wieder in die ominöse Höhle zurück, wo sie als Kind ein traumatisches Erlebnis, das irgendwie auch mit dem Tod ihrer Mutter zusammenhängt, hatte. Dann taucht sie plötzlich auf einem verschneiten Berg auf, wo sie einst hatte sterben wollen, weil der Schmerz über den Verlust ihres Ehemanns und ihrer Tochter nicht mehr auszuhalten war.
Sie wurde jedoch von Yrsa gerettet, was nahelegt, dass sie nicht lügt, wenn sie vor Jonas und BPO warnt. Laut ihrer Aussage seien er und Angelique (Daryl Hannah) nämlich selbst Sensate-Jäger gewesen. Gleichzeitig versucht Jonas, diesen Vorwürfen entgegenzutreten, indem er Will (Brian J. Smith) begegnet und diesen beauftragt, Riley aus Island wegzubringen. Dort gebe es nämlich ein BPO-Forschungszentrum, aus dem bisher kein Sensate lebend zurückgekehrt sei. Wir erfahren überdies mehr über die Kommunikationstechnik zwischen den Sensates und die biologische Grundlage, die diese überhaupt möglich macht - das sogenannte Siselium, eine Art psychisches Nervensystem.
Beim Thema Liebe widersprechen sich Jonas und Yrsa ebenso fundamental wie bei allen anderen. Während Yrsa behauptet, dass Liebe zwischen Sensates eine große Gefahr berge, glaubt Jonas zu wissen, dass es die reinste Form der Liebe überhaupt sei. Mehr als Ratschläge scheint Yrsa ihrem Schützling aber anschließend nicht mit auf den Weg geben zu wollen: „You're on your own.“ Zuvor hatte sie schon angedeutet, dass sie nicht aktiv in Rileys Lebensplanung eingreifen werde: „Follow where the feeling takes you.“ Und das macht Riley denn auch. Zum ersten Mal besucht sie das Grab ihres Ehemanns Magnus und ihrer totgeborenen Tochter Luna.
Dort konfrontiert sie sich erstmals mit ihrem großen Lebenstrauma. Selbst zur Beerdigung konnte sie nicht kommen, weil sie glaubte, den Anblick eines Grabsteins mit den Namen ihrer Liebsten darauf nicht ertragen zu können. Nun bekommt sie aber Unterstützung von Capheus (Aml Ameen), der seinerseits das schlimmste Erlebnis seines Lebens mit ihr teilt. Weil seine Mutter einst nicht genügend Nahrung für ihn und seine neugeborene Schwester auftreiben konnte, musste sie an ein Kinderheim abgegeben werden.
Never saw her again
Doch wie Sense8 selbst zieht der lebensfrohe Capheus aus einem traumatischen Erlebnis eine wunderbar positive Bilanz: Manchmal kann das Ende ein Neuanfang sein. Der gewaltige Schmerz, den unsere Figuren aushalten müssen, kann gelindert werden durch die Gemeinsamkeit, die sie erfahren. Deshalb tendiere ich auch dazu, Jonas statt Yrsa zu glauben, der ja für mehr Gemeinsamkeit zwischen den Sensates plädiert. Das kann aber natürlich alles auch nur eine Falle sein. Die nächsten Episoden werden darüber vielleicht weitere Aufklärung verschaffen, auch wenn das nicht garantiert ist.
Death Doesn't Let You Say Goodbye kümmert sich nach seinem expositionsreichen Beginn nicht weiter um den Plotfortschritt, sondern widmet sich eingehender Charakterzeichnung. Neben Riley und Capheus ist vor allem Lito (Miguel Angel Silvestre) Nutznießer dieser dramaturgischen Entscheidung. Er bekommt drei lange Szenen zugestanden, die sich alle mit den Auswirkungen der Trennung seines geheimen Freundes Hernando (Alfonso Herrera) beschäftigen. In einer dieser Szenen bekommt Lito Besuch von Nomi (Jamie Clayton), die wie Capheus eine traumatische Episode aus ihrer Vergangenheit preisgibt.
Lito durchläuft hier die klassische Entwicklung eines Helden. Er muss auf dem harten Boden landen, um die Fehler seiner Vergangenheit erkennen und richtigstellen zu können. Zunächst versteht er nicht den wahren Grund, warum Hernando ihn verlassen hat. Den Barkeeper weist er deswegen ungehalten ab: „I'm not a faggot.“ Es bedarf schon der einfühlsamen Art Nomis - und ihrem großen Erfahrungsschatz mit einem ähnlich gelagerten Problem -, um Lito auf die richtige Spur zu bringen.
Es ist die vielleicht bewegendste Szene in einer daran nicht armen Episode. Im Diego-Rivera-Museum in Mexiko-Stadt, dem Ort des ersten Dates zwischen Lito und Hernando, teilt Nomi eine Erfahrung, die sie ebenso schockiert wie gestählt hat. Als Junge wurde sie von ihrem Vater gezwungen, im Sportverein mit den anderen Jungs zu duschen, weil er ihr endlich die feminine Seite austreiben wollte. Sie fühlte sich in ihrem eigenen Körper aber so unwohl, dass sie zum Duschen stets T-Shirt und Badehose trug. Die anderen Jungs nahmen das natürlich zum Anlass, sie gnadenlos zu malträtieren - inklusive körperlicher Gewalt, deren Spuren noch heute auf ihrem Körper zu finden sind.
I made the mistake of standing up for myself
So grausam dieses Erlebnis auch war, so zentral war es für Nomis Suche nach sich selbst. Heute weiß sie: „The real violence is the violence that we do to ourselves, when we're too afraid to be who we are.“ In diesem Moment größtmöglicher Erniedrigung fand sie Platz in ihrem Herzen, ihren Peinigern zu vergeben und anzuerkennen, dass sie nur so handeln, wie es ihnen von sozialen Konventionen eingebläut wurde, wie es auch ihr vom eigenen Vater eingebläut werden sollte. Fortan wusste Nomi, dass sie ein Leben in Freiheit nur dann leben könne, wenn sie sich selbst akzeptiert.
In diesem Moment erkennt Lito den großen Fehler seines Lebens. Seine bisherige Lebensführung konnte ihn und Hernando niemals glücklich machen, er hatte sich und seinem Liebsten ein Gefängnis gebaut, aus dem ihn nur die Wahrheit ausbrechen kann. Also versucht er, Hernando zu erreichen. Als ihm das aber nicht gelingt, macht er einen erfolglosen Selbstmordversuch. Er ist jetzt am Tiefpunkt angekommen. Er kann jetzt nach vorne schauen. Auch Nomi weiß, dass sie sich ihren Jägern stellen muss, dass sie sich nicht weiter verstecken kann. Nur so ist ein menschenwürdiges Leben für sie möglich.
Es ist natürlich ein Zufall, dass der amerikanische Oberste Gerichtshof wenige Wochen nach dem Start von Sense8 ein wegweisendes Urteil gefällt hat, indem er die Ehe gleichgeschlechtlicher Paare in 36 Bundesstaaten für rechtens erklärte. Angesichts der Geschichten unserer fiktionalen Figuren können wir uns vorstellen, welch ein langwieriger, zäher und nervenzerreibender Kampf dies für echte Kämpfer für Gleichberechtigung gewesen sein muss. Es ist wahrlich traurig, welch große Opfer gebracht werden müssen, um positive Veränderung herbeizuführen, um Menschen nicht mehr auszugrenzen, nur weil sie ein bisschen anders sind. Alleine deswegen ist jeder kleine Beitrag wichtig, ja unerlässlich - auch diese wunderbare, tollpatschige Serie.
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 1. Juli 2015(Sense8 1x09)
Schauspieler in der Episode Sense8 1x09
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