Sense8 1x08

Ich kann mich kaum an eine Serie erinnern, bei der ich so häufig gleichzeitig mit den Augen rollen musste und mich vom Handlungsfortschritt eingenommen sah wie bei Sense8. Die Dialoge laden in jeder neuen Episode zum Schmunzeln ein, so auch in der sperrig betitelten We Will All Be Judged by the Courage of Our Hearts. Besonders schlimm ist es dieses Mal im Handlungsbogen von Wolfgang (Max Riemelt).
I was worried about you
Er bekommt am Krankenbett seines besten Freundes Besuch von Kala (Tina Desai) und erzählt ihr, wie er und Felix (Max Mauff) sich kennengelernt haben. In Rückblenden sehen wir die Vorgeschichte der beiden Unzertrennlichen. Seit sie sich beim Nachsitzen zum ersten Mal trafen, gingen ihre Wege nie wieder auseinander. Die Leistung der hier eingesetzten Jungschauspieler Chiron Elias Krase (als junger Felix) und Lenius Jung (als junger Wolfgang) sind ordentlich, ihre Drehbuchvorlage ist es nicht.
Zum einen folgt die Charakterzeichnung uralten Film- und Serientropen. Der Zusammenhalt von Wolfgang und Felix ist durch die Konfrontation mit Wolfgangs trunksüchtigem und gewalttätigem Vater nur größer geworden. Der gibt Sätze von sich wie den folgenden: „Life is just five things: Eating, drinking, shitting, fucking and fighting for more.“ Als wäre das nicht genug, streiten sich Wolfgang und Felix als Kinder auch noch mit anderen in ihrer Altersklasse, die ihren Vätern nachplappern, die Ostdeutschen würden die Wessis nur Steuergelder kosten. Als würden sich Kinder jemals für Steuern interessieren.
Dabei gibt es ein Rezept, wie die Serie dialogtechnisch besser werden könnte. Sie müsste manche Dinge einfach unausgesprochen lassen. Wenn Wolfgang über seine Beziehung zu Felix sagt „He's my brother. Not by something as accidental as blood, but by something much stronger“, dann sollte das für unser Verständnis ihres Verhältnisses ausreichen. Aber nein, er muss noch anfügen, dass dieses „something stronger“ die Wahlmöglichkeit sei, die die beiden gehabt hätten.
Hier und in anderen Handlungsbögen schießen die Wachowskis gegen konservative Idealvorstellungen von Familie und Religion. Mit der kompletten Ausformulierung berauben sie sich aber einer ordentlichen Portion erzählerischer Eleganz. Sie sollten uns Zuschauern mehr zutrauen. Lito (Miguel Angel Silvestre) wird indes ständig mit den eigenen - ausgesprochen simplen - Dialogzeilen konfrontiert. Das ist wohl als Running Gag gedacht, funktioniert aber nicht, weil die übrigen Dialoge nicht gut genug sind.
Love ain't nothing but a black hole
Lito ist es denn auch, der als Einziger nicht in die Geschichten der anderen Sensates eingreift. Er bekommt nachts einen Anruf von Daniela (Erendira Ibarra), die ihm versichert, dass sie die Bedrohung durch ihren Ex Joaquin (Raul Mendez) eliminiert habe. Schnell stellt sich jedoch heraus, dass sie dafür einen hohen Preis bezahlen muss. Joaquin fordert, dass sie zu ihm zurückkehrt - und untermauert die Forderung mit roher Gewalt. Lito und Hernando (Alfonso Herrera) entdecken das, lassen sie aber trotzdem die Märtyrerin spielen. Später trifft Hernando die Entscheidung, dass es das nicht wert sein könne, um mit Lito zusammenzusein.
Der Handlungsbogen um Kala und Wolfgang, der bisher nicht so richtig in Fahrt kommen wollte, erhält am Ende neue Brisanz. Da eröffnet Kalas Schwiegervater ihr gerade, dass er es für keine gute Idee hält, die Hochzeit stattfinden zu lassen. Angesichts seiner mächtigen Position als Konzernpatriarch bedeutet das die endgültige Absage der Trauung. Kala müsste darüber eigentlich froh sein, schließlich liebt sie ihren Verlobten nicht. Wir Zuschauer können darüber auch froh sein, genau wie über die nachfolgenden Ereignisse, so brutal diese auch sein mögen. Ihr Schwiegervater wird dabei von einer Gruppe Vermummter auf offener Straße niedergestochen. Kala wird verschont - und hat keinen blassen Schimmer, wie ihr geschieht.
Wir wissen genauso wenig wie sie, was dem Ansinnen der Wachowskis geschuldet ist, uns ähnlich unvorbereitet in neue Situationen tappen zu lassen wie die Sensates. Manche von ihnen sind aber schon weiter als Kala, Wolfgang und Lito, wie im größten Erzählbrocken dieser Episode deutlich wird. Darin passiert am meisten und es passiert am schnellsten. Der Abschnitt entschädigt für sämtliche narrative Schwächen, die in dieser Episode prominent zu Tage treten - und das teilweise sogar mit einer ordentlichen Portion Humor.
Will (Brian J. Smith) eröffnet seinem Kollegen Diego (Ness Bautista), woran er im Stillen gearbeitet hat. Er bringt ihn auf seinen aktuellen Recherchestand zu den Sensates und ihren Jägern. Die Aufnahmen des wiedererstarkten Niles Bolger (Tim Lajcik) zeigen eindeutig, dass hier Übernatürliches vor sich geht. Vielleicht ahnt Diego so etwas auch schon, zu sehr häufen sich die Hinweise darauf, dass Will mit Geistern interagiert. Zum einen spricht er ständig mit unsichtbaren Personen, zum anderen erwischt er ihn beim Knutschen mit der Luft (aka Riley (Tuppence Middleton)).
Second-move advantage
Die Quittung für seinen Einsatz erhält Will prompt. Sein Vorgesetzter weiß, dass er sich unerlaubt Zugriff zu diversen Datenbanken verschafft hat, also wird er suspendiert. Einerseits gut, weil er nun mehr Zeit hat, den in Not geratenen Sensates zu helfen. Andererseits schlecht, weil ihm die dazu nötigen Ressourcen fehlen. Trotzdem schafft er es, Nomi (Jamie Clayton) aus der Bredouille zu retten. Sie wird zu Hause von Mr. Whispers (Terrence Mann) und einem Tross Polizisten (oder als solche Verkleidete) aufgesucht. Dank Amanita (Freema Agyeman) und manch anderem Sensate gelingt ihr jedoch die Flucht.
Sun (Doona Bae) hilft aus, als die Lage schon aussichtslos erscheint. Sie setzt ihre Kampfkünste genauso ein wie sie sie zuvor im Gefängnis eingesetzt hat, um ihre neue Freundin vor Mehrarbeit zu bewahren. Als Nomi vom Fluchtrad ins Fluchtauto umsteigt und realisiert, dass sie gar nicht fahren kann, sitzt plötzlich Capheus (Aml Ameen) an ihrer Seite. Zusammen entkommen sie ihren Häschern. Capheus selbst braucht vielleicht bald die Unterstützung von Nomi, wird er doch von seinem neuen Erzfeind vor eine unmögliche Wahl gestellt.
Es war im Piloten schon so, es ist auch in der achten Episode noch so: Die großen Stärken von Sense8 liegen in den Szenen, in denen zwei oder mehrere Sensates interagieren. Ob dies eine zarte Annäherung ist oder eine wilde Verfolgungsjagd, spielt keine Rolle. Wir kennen die Figuren gut genug, um mit allen von ihnen mitfiebern zu können. Dieses Gefühl wird durch das Zusammenfließen einzelner Erzählstränge und die tolle audiovisuelle Umsetzung potenziert. Wenn doch nur diese vermaledeiten Dialoge nicht wären.
Die nächste Review zu 'Sense8' erscheint wegen Urlaub nicht wie gewohnt am kommenden Samstag, sondern am nächsten Mittwoch.
Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 24. Juni 2015(Sense8 1x08)
Schauspieler in der Episode Sense8 1x08
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