Sense8 1x05

Mir fällt es derzeit schwer, einer Episode von Sense8 die Höchstwertung zu geben, obwohl mein Gefühlshaushalt das nach den beiden exzellenten Episoden Smart Money's on the Skinny Bitch und What's Going on? eigentlich gebot. Es liegt vor allem an der bisweilen schwachen Dialogarbeit - ein Argument, das Leser meiner Reviews wahrlich nicht überraschen dürfte. In Art Is Like Religion sind die Dialoge nun kaum besser, jedoch fällt auf, dass sie dank der Schauspieler weniger abgedroschen wirken.
What the fuck are you doing here?
Eine Erklärung dafür könnte sein, dass sich die Mitglieder des Ensembles nun an den Erzählstil der Wachowskis gewöhnt haben und deswegen besser in ihre Rollen finden. Zunichtegemacht würde dieses Argument durch einen Einblick in den Produktionsablauf der Serie. Oftmals ist es schließlich so, dass Szenen in einem anderen Ablauf aufgenommen werden, als sie später zur Ausstrahlung finden. Nehmen wir aber der Einfachheit halber an, dass hier chronologisch vorgegangen wurde, dann funktioniert das Eingangsargument auch besser - Zwinkersmiley.
Es ist ja nicht so, als seien damit sämtliche Ungewöhnlichkeiten des Produktionsprozesses erklärt. Wenn Tom Tykwer sämtliche Berlin-Szenen gedreht hat (wie Max Riemelt in unserem Interview mit ihm verriet), wer hat dann die Szenen gedreht, in denen Wolfgang (Riemelt) plötzlich in Mumbai der Liebe seines Lebens begegnet? Und noch viel wichtiger: Wann wurden diese Szenen gedreht? Weil sich diese Fragen nicht so einfach beantworten lassen, bleibt uns hier zunächst nur die Möglichkeit, die Serie anhand ihrer einzelnen Episoden zu beurteilen.
Dementsprechend lässt sich festhalten, dass diese Folge diejenige ist, die die Geschichte aus dem Land der Exposition in das des narrativen Vorwärtsdrangs katapultiert. Schon in der letzten Episode kam es zu mehrschichtigen Überschneidungen und hier wird dieser Weg nun konsequent fortgesetzt. Es gibt am Ende keine Sensates mehr, die sich nicht darüber bewusst wären, was mit ihnen passiert. Selbst die größte Skeptikerin, Sun (Doona Bae), wird schließlich vom größten Optimisten, Capheus (Aml Ameen), auf die Seite der believer geholt.
Das positive Weltbild von Capheus, das er trotz aller Widrigkeiten aufrechterhält, korrespondiert mit dem positiven Weltbild, das die Wachowskis mit Sense8 malen wollen. Sicher, in jedem Handlungsbogen gibt es eine Andeutung auf dunkle Mächte, die den Sensates an den Kragen wollen. Im Erzählstrang von Nomi (Jamie Clayton) tritt das besonders deutlich zutage. Gleichzeitig finden die Figuren aber Trost und Hilfe in den Armen ihrer neuen und alten Freunde.
Impossibility is a kiss away from reality
Die Entdeckung ihrer neuen Fähigkeiten geht nicht mit einer düsteren Prophezeiung einher, sondern mit dem Versprechen neuer Möglichkeiten gegenseitiger Unterstützung - ein Versprechen, das in unseren konkurrenzdominierten spätkapitalistischen Gesellschaften wie ein frischer ideologischer Wind durch unsere verkrusteten Lebenseinstellungen fegt. Die Kulmination dessen erfolgt stets am Ende einer Episode mit der fantastischen Schlussmontage, in der sowohl furchteinflößende wie hoffnungsfrohe Entwicklungen heraufbeschworen werden.
Art Is Like Religion endet mit Wolfgangs verblüffter Frage gegenüber Kala (Tina Desai), wieso zur Hölle sie ihren Verlobten heirate, obwohl sie ihn doch gar nicht liebt. Weil er dabei nackt vor ihrem Traualtar steht, fällt sie sofort in Ohnmacht. Das Geschrei danach ist groß, die zukünftige Empörung und Verwunderung über Kalas (wahrscheinlichen) Rückzieher wird aber noch größer sein. Darin ist die hoffnungsfrohe Botschaft dieser Serie versteckt: Wenn Du es nicht selbst schaffst, die Fesseln Deiner Umwelt zu sprengen, kommt jemand, der Dich fühlen kann, und hilft Dir dabei.
Das mag cheesy klingen und auch so aussehen. In Zeiten von omnipräsenter Tristesse und Untergangsfantasien (man nehme: True Detective, The Walking Dead, Game of Thrones und so weiter) ist diese Botschaft aber unbedingt nötig. Sie schlägt sich denn auch nicht nur in der Geschichte, sondern auch in der visuellen Umsetzung nieder. Die Wachowskis und ihre Kollegen (hier ist es James McTeigue) treiben ihre Erzählung mit einer sehr klaren Bildsprache voran. Die Bilder sind wunderschön - aber nicht mattblau wunderschön wie in House of Cards oder tiefrot wunderschön wie in Hannibal.
Sie sind so klar wie die Augen von Cepheus, wie die Bestimmtheit von Nomi, wie die Überzeugung von Wolfgang, wie die Unsicherheit von Kala, wie die Entschlossenheit von Sun, wie die Durchsetzungskraft von Will, wie die Suche nach Liebe von Riley und wie die Verzweiflung von Lito (Miguel Angel Silvestre). Der Filmstar wird plötzlich von Traurigkeit überwältigt, kann nicht mehr richtig arbeiten, sich nicht mal mehr im Verkehr fortbewegen. Er fühlt das Gleiche wie Sun, beide tauchen im Leben des jeweils anderen und als der und die andere auf.
You should always remember who you are
Zu solchen Überkreuzungen kommt es nun ständig. Es wäre müßig, sie alle aufzuzählen. Ich will mich deshalb auf die bedeutsamen beschränken. Nomi und Amanita (Freema Agyeman) finden ihre Wohnung völlig verwüstet vor, nachdem sie sich zuvor ihrer gegenseitigen Liebe versichert haben. Nomi versucht dabei, ihrer Freundin zu erklären, was mit ihr passiert. Amanita versteht es nicht, verspricht aber, ihr trotzdem immer beizustehen. Wieder so eine positive Botschaft.
Endlich geht auch Will dem Auftrag von Jonas (Naveen Andrews) nach, Nomi zu beschützen. Während der Verfolgung des Jungen, dem er zu Beginn der Serie noch das Leben gerettet hatte, wird er plötzlich auf Litos Set teleportiert und macht einfach das, was in dieser Szene dringend vonnöten ist: Angreifer ausschalten. Lito erntet dafür großes Lob von seinem Regisseur. Was sich bisher auf die Erfahrungen der Figuren beschränkt hat, greift nun auf die Erzählweise der Serie über: Echte Action vermischt sich mit fiktionaler.
Sense8 liefert uns weiterhin nur kleine Bröckchen, die die Geschichte um eine mögliche Verschwörung gegen die Sensate vorantreiben. Selbst auf diese könnte ich derzeit aber verzichten. Die größte Faszination geht für mich davon aus, den Figuren dabei zuzusehen, wie sie mit aufgerissenen Augen durch diese neue Welt spazieren und nur ganz langsam herausfinden, was mit ihnen passiert. Man könnte hier nun irgendwelche Theorien aufspannen, wonach wir alle irgendwie miteinander verbunden sind. Aber das ist nur esoterische Dampfplauderei. Art Is Like Religion zeigt, wie einfach eine Geschichte sein darf, wenn ihre Figuren einen emotionalen Fußabdruck hinterlassen. Hoffnungsvolles Drama und düstere Komödie kommen hier wunderbar zusammen.
Verfasser: Axel Schmitt am Samstag, 13. Juni 2015(Sense8 1x05)
Schauspieler in der Episode Sense8 1x05
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