Sense8 1x04

Sense8 1x04

In What's Going On? verfestigt sich der bisherige Eindruck von Sense8: Schwächen in der Dialogarbeit, Stärken in der visuellen Umsetzung und musikalischen Untermalung. Wer Montagen mit Pathos und eine exzellente Songauswahl mag, der wird diese Episode lieben.

Jonas (Naveen Andrews, r.) gibt uns und Will (Brian J. Smith) etwas mehr Aufklärung. / (c) Netflix
Jonas (Naveen Andrews, r.) gibt uns und Will (Brian J. Smith) etwas mehr Aufklärung. / (c) Netflix

Die vierte Episode des Netflix-Sci-Fi-Dramas Sense8 macht im Vergleich zu den bisherigen Episoden nichts Neues, war aber die erste, die mich wirklich emotional bewegte. Die Struktur der Folge hält sich an den seit I Am Also a We (1x02) vorgegebenen Rahmen. Das bedeutet: Stiller Beginn, explosives Finale. Im Falle von What's Going On? ist der Abschluss jedoch nicht explosiv im herkömmlichen Sinne, sondern eher im emotionalen.

You are no longer just you

Man mag die Montage am Ende, die mit dem Song der 4 Non Blondes unterlegt ist, der dieser Episode den Titel gibt, zu schwülstig und pathosbeladen finden. Für mich funktionierte sie aber uneingeschränkt. Überdies drückt sie nahezu perfekt die positive Botschaft aus, die die Wachowskis inmitten allen fiktionalen Elends senden wollen: Wenn wir schon alle irgendwie miteinander verbunden sind, dann könnten wir uns doch wenigstens gegenseitig helfen. In Sense8 deutet sich nun an, dass die schicksalhaft Verbundenen ebendies versuchen.

Es kommt hier zum ersten Mal zu mehrgleisigen Überkreuzungen. Wenn Wolfgang (Max Riemelt) nachts Sex hat, dann bekommt das nicht nur Kali (Tina Desai) mit, sondern auch Riley (Tuppence Middleton). Sie sind davon noch zu sehr überrumpelt, um irgendeinen Sinn darin zu erkennen. Am Ende, nachdem sie von diesem großartigen Song auf einer weiteren Sinnesebene miteinander verbunden wurden, kommen sie damit jedoch einen ganzen Schritt weiter - und können zum ersten Mal auch darüber lachen.

Zwischen Wolfgang und Kali hat sich eine Liebesgeschichte bisher nur angedeutet, nun wird daraus beinahe schon greifbare Realität. Er verbringt zuvor die Nacht damit, zusammen mit Einbrecherkollege Felix (Max Mauff) einen Teil ihrer Beute auf den Kopf zu hauen. Sie bestellen den teuersten Wein, tanzen freudetrunken zu wabernden Technobeats im Club, sammeln die letzten Kräfte für den Ausklang in der Karaokebar. Felix wünscht sich den titulären Song, Wolfgang gehorcht unter Protest und wird dafür mit einer weiteren Begegnung mit seiner vermeintlichen Seelenverwandten belohnt.

Die beiden sind indes die einzigen Sensates, bei denen es so romantisch zugeht. Nomi (Jamie Clayton) steht erneut kurz vor der Zwangsoperation durch den treffend benannten Dr. Metzger (Adam Shapiro). Dieses Mal ist die Situation noch brenzliger, dafür bekommt sie wieder Unterstützung von Will (Brian J. Smith) und Amanita (Freema Agyeman).

Without the past there would be nothing to think about

Will muss zuvor aber zum zweiten Mal von Jonas (Naveen Andrews) auf seine Rettungsmission aufmerksam gemacht werden. Dieser Handlungsbogen mutet zunehmend redundant an, versetzt man sich nicht in die Lage von Will. Er will naturgemäß erst einmal herausfinden, wer dieser ominöse Jonas überhaupt ist, bevor er blind seinen Befehlen folgt. Das mag dramaturgisch nicht herausragend spannend sein, ist aber angesichts von Continuityfragen und Charakterentwicklung unerlässlich.

Dank Jonas erhalten wir außerdem neue Informationshappen über die Mechaniken der Teleportation und sonstiger außergewöhnlicher Sinneswahrnehmungen. Demnach kann sich die Mutter der Sensates, Angel (Daryl Hannah), instinktiv zu ihren Nachkommen teleportieren. Sie selbst können das aber nur, wenn sie sich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Überdies gebe es einen Unterschied, ob man sich nur gegenseitig besuche oder tatsächlich Gefühle und Sinneswahrnehmungen miteinander teile.

Diese gemeinsamen Erlebnisse sind denn auch nicht zu steuern, die Sensates müssten diese einfach geschehen lassen. Zusammen ergeben sie ein so genanntes Cluster. Ob es noch andere Cluster mit weiteren Verbundenen gibt, darüber gibt Jonas keine Auskunft. Wem das alles zu verwirrend ist: Keine Sorge, ich bin mir selbst nicht ganz sicher, ob ich alles richtig verstanden habe. Ich glaube aber auch, dass die genaue Funktionsweise des gemeinsamen Zusammenkommens nicht wirklich wichtig ist. Wichtig ist vielmehr, was währenddessen und danach passiert - auf emotionaler Ebene.

Will eilt indes nicht nur Nomi erfolgreich zu Hilfe, sondern auch Sun (Doona Bae). In dieser Episode wird noch einmal ihr schwieriges Verhältnis zum Vater aufgegriffen, der seit Kindheitstagen ihren jüngeren Bruder favorisierte und diesen auch zu seinem Nachfolger auserkor. Aus ihm wurde folglich nichts, schließlich musste er nie wirklich für seine gehobene Stellung arbeiten - eine Entwicklung, die wohl vielen Firmenpatriarchen allzu schmerzlich bekannt ist.

Our existence depends on sheer impossibility

Nun ist Joon-Ki (Ki-Chan Lee) nicht nur ein Nichtsnutz, er ist auch ein krimineller Taugenichts. Um seinen luxuriösen Lebensstill zu finanzieren, hat er Geld der Firma veruntreut, weshalb nun das gesamte Unternehmen vor dem Ruin steht. Einziger Ausweg: Sun nimmt die Schuld auf sich und verhindert damit wegen ihrer weniger exponierten Position erhöhte öffentliche Aufmerksamkeit. Als Tochter, die stets um jede noch so kleine Liebesbekundung ihres Vaters kämpfen musste, geht sie diesen teuflischen Deal ein.

So hat sie etwas mit Capheus (Aml Ameen) gemeinsam, der in Nairobi einen ebensolchen Deal eingeht. Er wird von mehreren Polizisten aus dem Verkehr gezogen, just in dem Augenblick, in dem er eigentlich seinen ersten geschäftlichen Erfolg zu feiern hat. Die Polizeieskorte führt ihn zum örtlichen Gangsterboss, dessen Schergen er in der letzten Episode noch mit Suns Hilfe in die Flucht geschlagen hatte. Der bietet ihm nun eine Versorgung mit Medikamenten für seine Mutter an, sollte er sich dazu bereit erklären, als Drogenschmuggler zu dienen. Capheus überlegt nur ganz kurz, bevor er einschlägt. Was bleibt ihm auch anderes übrig?

Die Episode macht außerdem einen kleinen Ausflug zu Lito (Miguel Angel Silvestre) nach Mexiko, von wo aber nichts Neues zu berichten ist. Bei diesem großen Ensemble und den vielen Schauplätzen ist es nachvollziehbar, ja notwendig, dass manche Handlungsbögen bisweilen vernachlässigt werden. Gleiches gilt auch für Riley (Tuppence Middleton), die lediglich einen Anruf von ihrem Vater bekommt, den sie so sehr vermisst. In der Schlussmontage tauchen beide dann aber wieder auf - für mich war sie der bisherige Höhepunkt der Serie. Sense8 befindet sich auf einem guten Weg. Die mitunter dürftige, weil zu wenig subtile Dialogarbeit verhindert aber bislang eine höhere Bewertung.

Neue Reviews zu 'Sense8' werden ab jetzt jeweils mittwochs und samstags veröffentlicht.

Verfasser: Axel Schmitt am Mittwoch, 10. Juni 2015
Episode
Staffel 1, Episode 4
(Sense8 1x04)
Deutscher Titel der Episode
What's Going On?
Titel der Episode im Original
What's Going On?
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 5. Juni 2015 (Netflix)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 5. Juni 2015
Autoren
Lilly Wachowski, Lana Wachowski, J. Michael Straczynski
Regisseur
Tom Tykwer

Schauspieler in der Episode Sense8 1x04

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