Sense8 1x03

Man kann den Wachowskis viel vorwerfen - für manchen Fehltritt in ihrer Karriere als Filmregisseure, aber auch schon für die ersten Episoden ihrer neuen Serie Sense8. Als Kritik könnte man anbringen, dass sie uns Zuschauern nicht genug Informationen an die Hand geben. Man könnte kritisieren, dass ihre Geschichten immer gleich globale Ausmaße haben müssen. Oder man könnte bemängeln, dass sie bekannte Tropen ihrer Filme hier einfach in noch größerem Volumen ausbreiten.
I don't have Asbergers, I'm fuckin' Australian
Eines kann man ihnen jedoch nicht vorwerfen: Inkonsistenz. Sie bleiben auf dem Pfad, den sie in der Pilotepisode eingeschlagen haben und verlassen ihn allenfalls - und das ist das bisher erfreulichste -, um Verbesserungen anzubringen. In Smart Money's on the Skinny Bitch gehen sie nun ähnlich vor wie in der zweiten Episode. Manche Handlungsbögen stehen im Vordergrund, während andere nur am Rande angerissen werden oder gar nicht vorkommen (Wolfgang (Max Riemelt) aus Berlin sucht man hier vergebens).
Die Episode konzentriert sich weiterhin auf die Figuren, die wir bereits besser kennengelernt haben, und stellt uns zwei Charaktere näher vor, nach denen wir in der letzten Episode vergeblich Ausschau gehalten haben. Dies ist vielleicht der klügste Weg, um dieser wuchernden Erzählung Herr zu werden. Nach den turbulenten Ereignissen in I Am Also a We wacht Will (Brian J. Smith) im Krankenhaus auf. Trotz seiner Verletzungen will er aber sofort wieder zurück zur Polizei, um den angeblich verhafteten Jonas (Naveen Andrews) konfrontieren zu können.
Er wird jedoch nicht zu ihm vorgelassen, bekommt lediglich die Auskunft, dass Jonas bald abtransportiert werden würde. Entgegen dem Rat seines Vaters macht er sich stattdessen daran, wieder über das Mädchen Sara Patrell nachzuforschen, das ihn einfach nicht loslassen will - auch nicht in seinen Träumen. Darin sieht er sich und Sara, wie sie als Kinder eine Operation beobachten. Verschwörerisch raunt ihm Sara dabei zu: „Don't look at it. That's how we got we.“ Solche Einschübe bringen uns Zuschauer beim Verständnis des Geschehens nicht wirklich weiter, befeuern aber die merkwürdige Atmosphäre, die diese Serie generiert.
Bei seinen Recherchen kreuzt Will den Pfad von Sun (Doona Bae) aus Südkorea, die hier zum ersten Mal prominent in Erscheinung tritt. Sie arbeitet bekanntlich im Konzern ihres Vaters, mit dem sie einen Termin machen muss, will sie ihn sehen. Weil aber auch das nicht klappt, bekommen wir und die Sekretärin des Vaters einen ersten Hinweis darauf, was wirklich in Sun steckt. Selbst entzieht sie sich aber auch den ständigen Anrufen eines gewissen „Mr. Jeong“, über den wir sonst nichts weiter erfahren.
As long as we're together, something good is going to happen
Lieber zieht sie sich dorthin zurück, wo sie sich ganz offensichtlich am wohlsten fühlt: in den Boxring. Sie hat sogar ihren ganz eigenen Mister Miyagi und tritt gegen einen männlichen Gegner an, der zu Beginn noch siegessicher vor ihr herumtänzelt, bevor sie ihm in beeindruckender Manier zeigt, wie die wahren Kräfteverhältnisse zwischen ihnen sind. Ihre besondere Fähigkeit wird jedoch bald anderswo gebraucht - an einem Ort, an dem sie sicher noch nie war, und an den sie sich wohl auch niemals gewünscht hätte.
Capheus (Aml Ameen) steckt in Nairobi in Schwierigkeiten. Nicht nur fällt es ihm schwer, sein Transportgeschäft aufzuziehen, er muss auch noch für seine AIDS-kranke Mutter sorgen. Die dazu nötigen Medikamente erhält er auf dubiosen Umwegen. Die Entscheidung, seine Busrouten auch auf die unsicheren Viertel der Stadt auszudehnen, bringt ihn bald in große Gefahr. In diesem Moment bekommt er jedoch Beistand von Will und Sun, mit denen er kurzzeitig die Körper tauscht. Will hilft ihm, einige seiner Verfolger mit der Schusswaffe abzuschütteln, Sun bringt die übrigen im Nahkampf zu Fall.
Diese verschachtelten Parallelmontagen bilden den packenden Abschluss einer erneut überzeugenden Episode, die aber immer noch an den Krankheiten ihrer Vorgänger leidet. Die Dialoge bleiben auf simplem Niveau, was indes nicht für alle Handlungsstränge gilt. Die Geschichte von Lito (Alfonso Herrera) dient weiterhin ihrem Zweck, dem comic relief, wenngleich nun auch hier düsterere Töne angeschlagen werden. Lito gewährt seiner Kollegin Daniela (Erendira Ibarra) zwar Unterschlupf bei sich und seinem Freund, weiß da aber noch nicht, dass ihr aktueller Liebhaber ihm bereits auf der Spur ist.
Joaquin (Raul Mendez) gibt sich zunächst als harmloser, wenn auch etwas merkwürdiger Fan aus, offenbart aber bald, dass er weiß, welches Spiel Daniela treibt. Natürlich weiß er nicht alles - zum Beispiel, dass Lito schwul ist und gar kein Interesse an Daniela hat. Bevor er entscheiden kann, welches Geheimnis das schützenswertere ist, entlässt ihn Joaquin auch schon - allerdings nicht, ohne vorher nochmal eine verschleierte Warnung auszusprechen.
Sooner or later, we all have to pay
In die temporär freigewordene Nische der komischen Erleichterung schlüpft derweil Riley (Tuppence Middleton), mit der Lito ebenso kurzzeitig das bekannte Spielchen widerfährt. Das Spiel eines Straßenmusikers erinnert sie an eine Melodie aus ihrer Kindheit, weshalb sie beschließt, ihm ihr gesamtes Erspartes (ob aus Drogengeschäften oder ihrer DJ-Tätigkeit sei dahingestellt) zu überlassen. Sie sucht Hilfe bei einem Freund, der sie aber nicht wirklich aufmuntern kann - im Gegenteil, er hält Selbstmord für eine überaus realistische Option: „Checking out temporarily or permanently - it's the only choice that makes any sense.“
Während Riley also mit sich und ihren jüngsten Erlebnissen hadert, geht es für Nomi (Jamie Clayton) bereits um alles oder nichts. Sie befindet sich im Operationssaal, wo sie der angekündigten Gehirnoperation unterzogen werden soll. Im letzten Moment macht jedoch Amanita (Freema Agyeman) ihr Versprechen wahr und rettet sie vor dem Eingriff. Laut Jonas war diese Aufgabe eigentlich Will zugedacht worden, aber der hat mit der Rettung von Capheus schon genug zu tun.
Kali (Tina Desai) liefert unwissentlich den passenden Kommentar zu Nomis abgewendeter Operation: „I'm getting married, not lobotomized.“ Ihr Handlungsbogen ist momentan derjenige mit den wenigsten Verbindungen zu den übrigen, was sich wohl aber bald ändern wird. Es bleibt dabei: Sense8 ist verwirrend, manchmal ein bisschen lächerlich, manchmal wunderschön, manchmal packend, manchmal diffus. Eines ist es aber sicherlich nicht: langweilig.
Verfasser: Axel Schmitt am Sonntag, 7. Juni 2015(Sense8 1x03)
Schauspieler in der Episode Sense8 1x03
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