Schitt's Creek 6x14

Schitt's Creek 6x14

Sechs Staffeln lang haben wir die Rose-Familie begleiten dürfen, aus ihr Millionärsvilla in ein angestaubtes Motel im ländlichen Kanada. Unterwegs hat die Comedy immer mehr Fans eingesammelt und sich zum größten Geheimtipp der Serienwelt gemausert. Was steckt dahinter?

Schitt's Creek (c) CBC
Schitt's Creek (c) CBC
© chitt's Creek (c) CBC

Die Komödie Schitt's Creek ist zu Ende gegangen, mitten in einer Zeit, die uns allen Neues und oft Anstrengendes abverlangt. Die Roses lassen uns alleine, uns, die wir versuchen uns an eine neue Realität anzupassen, von der wir nicht wissen, wie lange sie dauern wird und ob wir jemals wieder in unseren alten Alltag zurückkommen. Das ist gar nicht so schlechtes Timing, zumindest für alle in Kontaktsperre, die jetzt die Gelegenheit haben, den größten Geheimtipp am Stück zu bingen, eine Serie, die so gut wie kaum eine andere in die aktuelle Situation passt.

Das Thema der Stunde

Denn Johnny, Moira, David und Alexis haben uns über sechs Staffeln gezeigt, wie es geht, wenn man über Nacht das verliert, was man für normal hielt. Die „fish-out-of-water“-Prämisse ist nicht gerade originell, zugegeben. Eine stinkreiche Familie verliert über Nacht ihr gesamtes Vermögen, alles? Fast, alles bis auf den kleinen, titelgebenden Ort mitten im Nirgendwo, den Vater Johnny seinem Sohn einst als Gag-Geschenk zum Geburtstag erstand. Vertrieben aus der luxuriösen Villa weil ein Finanzberater sie übers Ohr gehauen hat, ist dieses Städtchen der einzige Ort, an den sie sich retten können. Bürgermeister Roland Schitt quartiert sie im in die Jahre gekommenen Rosebud-Motel ein. Dort beginnt die neue Geschichte des Roses, dort leben sie sich in die Zeit nach der großen Katastrophe ein und erkennen über die Staffeln, dass die Zwangsreduzierung ihnen auch Gutes beschert hat.

Für den Beginn gilt wie bei vielen Comedys, dranbleiben auch wenn es zunächst hart ist. Doch glücklicherweise wird die Prämisse schnell und schmerzlos abgearbeitet. Dahinter kommt eine Serienperle zum Vorschein, die sich durch so gut wie alles auszeichnet, einen starken Cast plus charmante Nebendarsteller, ein cleveres Drehbuch und eine interessante Geschichte.

Der größte Grund um dranzubleiben ist über die Staffeln die Stärke und die Chemie der Darsteller. Zwei Schauspieler kennt man und zumindest in Deutschland verbinden viele sie mit zwei großen Filmen aus vergangenen Jahrzehnten. Eugene Levy, der den Vater Johnny darstellt, dürfte vielen Zuschauern Erinnerungen an Jims Dad mit den ausdrucksstarken Augenbrauen aus dem 1999er Hitfilm „American Pie“ hervorrufen. Neun Jahre zuvor hatte seine Serienehefrau einen international beachteten Auftritt. Doch Catherine O'Hara aus Schitt's Creek mit ihrer alten Rolle in Verbindung zu bringen ist weniger offensichtlich, um in Moira Rose Kevins Mutter aus „Kevin - Allein zu Haus“ zu erkennen, muss man schon zweimal hinschauen.

Die beiden erwachsenen Kinder der Roses sind für die meisten Zuschauer wohl frische Gesichter. Sohn David wird dargestellt von David Levy, der mit seinem Vater Eugene die Serie nicht nur vor der Kamera anführt, sondern auch erschaffen hat. Dan Levy begann seine Karriere bei MTV und war auf dem besten Weg zu einer TV-Persönlichkeit zu werden. Für seine Serienschwester Annie Murphy war Schitt's Creek die erste große Serienrolle.

Neben der Stammfamilie darf auch Stevie Bud nicht erwähnt bleiben, die Empfangskraft im Motel, die sich ebenso schnell wie die anderen in die Herzen der Zuschauer spielt. Dargestellt wird sie von Emily Hampshire, die Serienjunkies aus 12 Monkeys kennen könnten.

Verliebt in eine Familie

Die Chemie zwischen den fünf springt sozusagen von der Mattscheibe und wickelt den Zuschauer in eine wohlige Decke aus Zuversicht und Verliebtheit. Dass die Freundschaft nicht nur vor der Kamera gespielt wird, haben die Darsteller in zahlreichen gemeinsamen Interviews und Late-Show-Auftritten bewiesen. Diese Verbundenheit schließt auch zahlreiche Nebendarsteller mit ein. Nach der finalen Klappe flogen Dan Levy, Annie Murphy, Emily Hampshire, Noah Reid (Serienehemann von Dan Levy), Sarah Levy (Dan Levys Schwester, die in der Serie die Kellnerin Twyla spielt) und Jennifer Robertson) (spielt Jocelyn Schitt, Ehefrau des Bürgermeisters) in die Toskana um sich zwei Wochen Abschiedszeit zu gönnen.

Auch auf der Mattscheibe sind die Nebenfiguren bestechend. Vieles in Schitt's Creek erinnert im besten Sinne an das quirlig bevölkerte Stars Hollow, in dem die Gilmore Girls ihre Abenteuer erlebten. Über die sechs Staffeln entwickeln fast alle Figuren in kurzen Szenen einen solchen Nachbarn-Charme, dass man sich schon fast nach einem Haus im ländlichen Kanada umsehen möchte. Damit ist die Comedy weniger Vorreiter sondern steht vielmehr in bester kanadischer Serientradition. Bereits in der Vergangenheit hat die Serienlandschaft aus dem großen weißen Norden uns zwei Städtchen geschenkt, die man nur schwer wieder verlassen kann, Dog River (Corner Gas) und Mercy (Little Mosque on the Prairie).

Das Drehbuch gereicht den Serienschaffenden zu eigenen Ehren, doch was die Darsteller daraus machen ist einfach pures Gold. Wer die Serie im englischen Original schaut, der wird schnell feststellen, dass Mutter Moira nicht nur einen sehr speziellen Kleidungsstil hat sondern auch fast schon eine eigene Sprache. Die Wörter, die das Drehbuch ihr in den Mund legt, sind besonders, was sie aus ihnen herausholt, ist spektakulär. Ihre Art zu sprechen zieht einen so sehr in den Bann, dass man am Ende nicht mehr weiß, ob man lieber die Fähigkeit hätte, selbst so zu sprechen oder sich sie als Erzählerin des eigenen Lebens wünscht.

Die Komik von Annie Murphys Alexis generiert sich aus einer bezaubernden Mischung aus One-Linern („Eww, David!“), Gesichtsausdrücken (achtet mal darauf, wie Alexis zwinkert) und Gesten. Als Vorlage hat die Darstellerin sich laut eigener Aussage einschlägige Medienpersönlichkeiten genommen, die Kardashians, Paris Hilton und andere. Doch statt eine einfache Persiflage vorzuführen, läuft sie mit ihrer Figur auf einem schmalen Grat. Einerseits ist ihre Version der reichen Erbin urkomisch, andererseits lässt sie keinen Zweifel daran, dass Alexis gleichzeitig eine ganz eigene Cleverness inne hat.

Eine Welt voller Lacher ohne Häme

Was das Vater-Sohn-Gespanns Dan und Eugene Levy da zu Papier gebracht hat, ist einfach wunderbar. Mit Schitt's Creek haben sie eine Familien-Sitcom erschaffen, die genau komplementär zu den meisten anderen Erzeugnissen unter diesem Label läuft. Die Komik der Serie zieht sich aus vielem, aber niemals aus flachen Klischees, die die Figuren sich um die Ohren hauen. Ein Familienvater der versucht, sich aus einer gemeinsamen Unternehmung zu flüchten oder sich vor dem Abwasch zu drücken? Fehlanzeige. Eine Mutter, die alles für ihre Lieben gibt und sich kurz vor dem nervliche Zusammenbruch abends einen Wein gönnt? Weit gefehlt. Doch natürlich ziehen die Figuren sich gegenseitig auf, besonders die beiden Geschwister. Aber sie machen sich die Mühe, hinzuschauen, was am anderen als komödiantische Grundlage dienen könnte statt platte Phrasen zu dreschen.

Das hört nicht in der Kernfamilie auf. Das gesamte Städtchen Schitt's Creek ist weitgehend klischeefrei. Die Serienmacher haben eine Welt erschaffen, in der die Niederträchtigkeiten, die das Zusammenleben im wahren Leben oft miserabel machen können, nicht existieren. Die Ortschaft im Nirgendwo ist weitgehend Homophobie-, Rassismus- und Sexismus-befreit.

Über die Staffeln sind wir dabei, wie David zunächst Stevie datet und sich später in Patrick verliebt, dem er in der Finalstaffel das Jawort gibt. An keiner Stelle ist seine Sexualität für die Familie oder die Stadtbewohner überhaupt diskussionswürdig. Die Beziehung zwischen Johnny und Moira ist bezaubernd gleichberechtigt auf eine Art, die beiden ihre Freiheit lässt. Immer wieder zeigt sich in kleinen, manchmal größere Gesten, dass die beiden sich als Menschen sehr gut kennen und sich gegenseitig nur das Beste wollen. Doch die meiste Zeit verbringen sie als vollwertige Personen damit, ihre jeweiligen Träume und Ziele zu verfolgen.

Die größten Entwicklungen machen wunderbarerweise Alexis und Stevie durch. Das könnte bemerkenswert sein, weil die Serie von zwei Männern geschrieben wurde. Aber das ist eine Falle aus der alten Zeit, als es Schitt's Creek noch nicht gab. Denn beide Figuren entwickeln sich in erster Linie als Menschen. Das dürfen und können sie weil ihnen in der Schitts-Creek-Welt niemand sagt oder unterstellt, was Frauen zu fühlen, tun und erleben haben.

Alexis wird von einer oberflächlichen Partymaus mit überraschenden Überlebensfähigkeiten zu einer Frau, die ihren Weg geht und sich auf sich selbst verlassen kann wenn es darum geht, ihre Ziele zu verfolgen. Stevie auf der anderen Seite war vor der Ankunft des Roses lange Zeit auf sich alleine gestellt und hat nie gelernt, überhaupt Ziele zu haben. Aus ihrer sarkastischen Schale bricht sie mit Assistenz der die Rose-Familie nach und nach aus. Besonders Johnny dient ihr dabei als väterliches Vorbild, an dessen Seite sie ihren Ehrgeiz entdeckt.

Die Roses sind überlebensgroß, sie sind exzentrisch erster Güte und treffen in Schitt's Creek auf normale Menschen, von denen manche zu Gunsten der Komik Hillbilly-Züge haben. Über die Staffeln erleben wir, wie man mit Güte und starkem Charakter zu einer Gemeinschaft wachsen kann wenn man sich nicht von Phobien ablenken lässt. Die Mitglieder des Chores finden Moira immer wieder nervig, aber nicht aufgrund von Vorurteilen, sondern weil sie Moira nach ihren Aktionen richten. Sie sehen aber auch immer mehr gute Eigenschaften an der exzentrischen Frau aus der Stadt. David wird mit seiner sarkastischen Art und seinem Laden zu einer Art Stadtliebling. Seine Beziehung zu Patrick feiern Familie und Stadtbewohner weil es einfach eine grandiose Liebesgeschichte ist und die beiden charakterlich einfach wunderbar harmonieren. Platz für Vorurteile ist keine.

Vom Ende her gesehen

Wer sich also dazu entscheidet, der Serie nun eine Chance zu geben und die Zwangspause von anderen Aktivitäten in die Roses zu investieren, der wird wissen wollen: Ist das Ende tränenreich aus den richtigen oder falschen Gründen? Da darf man beruhigt sein, ein weiteres Lost-Debakel droht hier nicht. Die Serienmacher sind sich der Grundlage ihrer Serie bis zum Ende bewusst. Auch wenn die Finalepisode mit der Hochzeit von David und Patrick durchaus emotional angelegt ist, wird es kein Wedding-Debakel, das plötzlich nichts mehr mit dem üblichen Ton der Serie zu tun hat. Der vielleicht emotionalste Moment kommt in der vorletzten Episoden, als Stevie David fragt, wieso er überhaupt wieder zurück nach New York ziehen will, wo die Stadt ihm nichts als Verletzungen zugefügt hat. David antwortet mit Tränen in den Augen: „Weil ich will, dass diese Leute wissen, dass ich kein Witz bin. Und dass ich gewonnen habe.

Stevie antwortet mit einer Geste auf das überaus idyllische Haus, das Patrick für sich und David in Schitt's Creek kaufen wollte: „David, guck dir das Haus an, du hast gewonnen!

Versteckt sich hier ziemlich offensichtlich die Abrechnung einer Person mit der wahren Welt, einer Person, die aus dem Durchschnitt hervorsticht und vermutlich seine eigenen Erfahrungen mit Vorurteilen zu erleiden hat. Die nun eine der besten und am meisten unterschätzten Serien der Stunde auf die Mattscheibe gebracht hat.

Verfasser: Loryn Pörschke-Karimi am Sonntag, 12. April 2020
Episode
Staffel 6, Episode 14
(Schitt's Creek 6x14)
Deutscher Titel der Episode
Happy End
Titel der Episode im Original
Happy Ending
Erstausstrahlung der Episode in Kanada
Dienstag, 7. April 2020 (CBC)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Freitag, 15. Mai 2020
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Freitag, 15. Mai 2020
Autor
Dan Levy

Schauspieler in der Episode Schitt's Creek 6x14

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