Revenge 1x22

Es gibt viele gute Gründe, warum Revenge eine der populärsten neuen Serien im US-Fernsehen ist „38260“: Die Rächerin, welche die Reichen und Schönen für ihre Missetaten zur Verantwortung zieht, ist ein Thema, welches gut in unsere Zeit passt. Emily (Emily VanCamp) ist darüber hinaus eine der faszinierendsten Serienfiguren, die uns seit langem untergekommen sind: Wenn es um ihren Rachefeldzug geht, so gibt sie sich knallhart und eiskalt. Ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, täuscht und manipuliert sie, gibt sogar ihre eigene Identität auf und verleugnet ihre Gefühle (zum Beispiel gegenüber Nick Wechsler alias Jack).
Auf Grund dessen, was ihr und ihrer Familie angetan wurde, weckt sie jedoch gleichzeitig Mitgefühl im Zuschauer - und schafft es, nicht zuletzt dank des nuancierten Spiels von Mrs. VanCamp, uns einen Eindruck von ihrer Fragilität und Verletztheit zu vermitteln. Dadurch gelingt es der Serie, die Zuschauer eigentlich fortwährend in die gleiche Position zu versetzen, in der Nolan (Gabriel Mann) - aka „best gay friend ever“ - sich befindet: Wir sympathisieren mit Emily. Wir wollen, dass sie mit ihrer Mission Erfolg hat. Zugleich möchten wir sie jedoch auch irgendwie vor sich selbst beschützen.
Großes Drama
Jetzt kombinieren wir das Ganze mit einem Mix aus Verschwörung, Mord, Intrigen - und garnieren es mit Madeleine Stowe als wunderbar komplexe und widersprüchliche Gegenspielerin Victoria Grayson. Und heraus kommt eine Serie, die nicht nur hochspannend ist, sondern den Zuschauer auch emotional fesselt und bewegt.
Egal, wie abgehoben die High-Society-Szenerie auch sein mag und wie übertrieben vielleicht mancher plot twist erscheint, die Figuren sind es, durch die die Serie echt und lebendig wirkt. Dadurch, dass sie - und zwar nicht nur Emily und Victoria - von widerstreitenden Motiven getrieben, ja zerrissen werden, entsteht ein Gefüge aus inneren wie äußeren Konflikten, welches Revenge zu genau dem intensiven Drama macht, das die Serie ist.
Bekannte Motive
Die größte Herausforderung für die Serie besteht natürlich darin, einen Stoff, der auf ein konkretes Ziel - Emilys Rache - hin orientiert ist und damit eigentlich per se eher eine (abgeschlossene) Miniserie als Format nahelegt, auf mehr als eine Staffel zu strecken, ohne dass man über Haie oder andere Meeresungetiere springt.
Kritisieren ließe sich, dass Revenge dazu auf erzählerische Motive zurückgreift, die man schon als Klassiker der beiden Genres bezeichnen könnte, in denen Revenge zu Hause ist. Dass hinter der ursprünglichen Verschwörung eine noch viel größere und gefährlichere Verschwörung steht, kennen wir schon aus anderen Thrillern. Nicht zuletzt aus der Serie, aus der uns auch der White-Haired Man (James Morrison) schon bekannt ist: 24.
Die Enthüllung, dass Amanda (Margarita Levieva) von Jack schwanger ist (natürlich genau in dem Augenblick, als es so scheint, als ob er und Emily endlich zusammenfinden könnten), ist ein wohlbekannter Soap-Twist. Ebenso natürlich der Allzweck-Plotbaustein „Oh, übrigens, Deine Mutter ist noch am Leben!“
Gute Umsetzung
Das alles ließe sich natürlich gegen das Staffelfinale von Revenge ins Feld führen. Zugleich muss man jedoch sagen: So bekannt einem diese Wendungen auch vorkommen mögen, sie sind keineswegs schlecht eingebaut - und sind auch nicht einfach nur aus dem Hut gezaubert. Von Anfang an war schließlich bekannt, dass Conrad (Henry Czerny) mit Terroristen im Bunde stand. Dass diese irgendwann einmal selbst auf den Plan treten und für die Handlung eine größere Rolle übernehmen würden, ist also etwas, das man seit der Pilotfolge hätte erwarten können.
Auch die Rückkehr von Amanda war letztlich geradezu narrativ notwendig: Emily und Jack hätten unmöglich ein Paar werden können, ohne dass sie durch diese Schwierigkeit hindurchgehen müssen, die Emily ja selbst geschaffen hat: Indem sie mit Amanda die Identität getauscht hat, hat sie de facto ihre eigene romantische Rivalin kreiert. Was für eine köstliche und gemeine Wendung des Schicksals! Dass Amanda jetzt außerdem noch schwanger ist, dient letztlich nur dazu, die Verbindung zwischen ihr und Jack zu intensivieren - und das Problem für Emily dadurch umso größer werden zu lassen.

Überraschende Wendung
Gespannt sein darf man, ob Revenge Victoria wirklich mit dem Flugzeug hat abstürzen lassen. Eigentlich ist es undenkbar, dass man eine derart grandiose Antagonistin einfach so sterben lässt. Es wäre auf jeden Fall ein herber Verlust für das gesamte Figurengefüge. Andererseits wäre ihr Tod natürlich ein mächtiges Zeichen dafür, dass niemand in der Serie sicher ist, was wiederum die Spannung erhöhen würde (nicht dass die Serie in dieser Hinsicht bislang Nachholbedarf gehabt hätte...).
Was überraschende Wendungen angeht, hat uns die Serie ja gegen Staffelende schon damit verblüfft, dass Daniel (Josh Bowman) - nicht erst seit seiner fälschlichen Inhaftierung moralisch höchst verunsichert - sich auf die dunkele Seite schlägt und in vollem Wissen um dessen Verbrechen mit seinem Vater gemeinsame Sache macht. Statt der nette Bubi, der - ohne es zu wissen - Emily beinahe von ihren Racheplänen abbringt, ist er also ein bad guy in the making. Wer hätte das gedacht? Ob Ashley (Ashley Madekwe) wohl nun versuchen wird, sich ihn unter den Nagel zu reißen? Verwundern würde es einen nicht.
Ein seltener Augenblick der Wärme
Ein sehr schöner Zug von Emily ist es derweil, dass sie trotz der Konflikte, die sie ja gerne und regelmäßig mit Nolan darüber austrägt, wie weit sie bei ihrer Rache gehen darf, ihm in den letzten Folgen der Staffel auch hin und wieder mal Dank für seine Hilfe zollt. Die Szenen, in denen die Freundschaft zwischen den beiden zum Tragen kommt (beispielsweise auch, als sie ihn damit beauftragt, Jack zu sagen, dass sie ihn liebt, was Nolan ja schon die ganze Zeit vermutet hat), sind die Momente, in denen die Serie (was außerhalb der Rückblenden in Emilys Kindheit ja eher selten der Fall ist) auch mal so etwas wie emotionale Wärme transportiert.
Genau das ist es, was uns gerade zu Beginn von Reckoning so sehr mit Nolan und Emily mitfiebern lässt.
Fazit
Einer der größten Vorzüge von Desperate Housewives - vor allem zu Anfang der Serie - war die geschickte Verknüpfung von Soap, Dramedy und Krimi/Thriller. Zu lachen gibt es bei Revenge derzeit noch eher weniger. Was den Mix aus Soap und Thriller angeht, ist die Serie jedoch definitiv ein würdiger Nachfolger der außer Dienst gestellten ABC-Serie - und wird ab Herbst dem Sendeplatz am Sonntagabend mit Sicherheit Ehre tun.
Verfasser: Christian Junklewitz am Sonntag, 27. Mai 2012(Revenge 1x22)
Schauspieler in der Episode Revenge 1x22
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